Maximilian Sterz's blog

reCAPTCHA - Bücher lesen gegen Spam

So genannte "Captchas" sind ein beliebtes Mittel der Spam-Bekämpfung. Um zu beweisen, dass sie keine Spam-Bots, sondern Menschen aus Fleisch und Blut sind, müssen Internetnutzer täglich millionenfach unleserliche Buchstabenfolgen abtippen.

Eigentlich eine ziemliche Zeitverschwendung, die zusammengerechnet 150.000 Arbeitsstunden pro Tag in Anspruch nimmt. Diese Zeit sinnvoller zu nutzen hat sich das Projekt reCAPTCHA auf die Fahnen geschrieben. Dort digitalisiert man alte Bücher per "Optical Character Recognition" (OCR), wobei das Programm manchmal einzelne Wörter nicht richtig erkennt - eine Überprüfung durch den Menschen ist notwendig.

Hier kommen die Millionen Captcha-abtippender User ins Spiel, die nun keine sinnlosen Buchstabenfolgen mehr vorgesetzt bekommen, sondern eben jene eingescannten Wörter, die vom OCR-Programm nicht erkannt werden konnten. Aber woher weiß der Computer dann, ob das eingetippte Wort korrekt ist? Ein ausgeklügelter Mechanismus macht dies möglich:

Each new word that cannot be read correctly by OCR is given to a user in conjunction with another word for which the answer is already known. The user is then asked to read both words. If they solve the one for which the answer is known, the system assumes their answer is correct for the new one. The system then gives the new image to a number of other people to determine, with higher confidence, whether the original answer was correct.

reCaptcha gibt es auch als Plugin für WordPress, Drupal, MediaWiki, phpBB und viele weitere Content Management Systeme.

Live-Chat: Die Blogsprechstunde auf politik-digital

Immer dienstags gibt es ab 6. Februar 2007 auf politik-digital.de einen Live-Chat mit bekannten Größen der deutschen Blogosphäre. In der Pressemeldung zur Blogsprechstunde heißt es:

„Wir wollen experimentieren, wie die Blogger mit einem Kommunikationsmittel umgehen, das noch schneller und noch authentischer ist als ein Weblog“, sagt Christoph Dowe, Geschäftsführer von pol-di.net e.V., dem Trägerverein von politik-digital.de. Die meisten Weblogs haben zwar eine Kommentarfunktion, diese lässt aber keinen unmittelbaren Kontakt zu.

Los geht es am 6. Februar mit Bildblogger Christoph Schultheis, bis Ostern werden voraussichtlich vom Law- bis zum Shopblogger neun weitere "Leitfiguren der deutschen Blogosphäre" eine Stunde lang im Live-Chat Rede und Antwort stehen:

  • Dienstag, 6.2.07, 16.00 bis 17.00 Uhr: Christoph Schultheis; bildblog.de.
  • Dienstag, 13.2.07, 16.00 bis 17.00 Uhr: Mario Sixtus; sixtus.net.
  • Dienstag, 20. Februar 07, 16.00 bis 17 Uhr: Katharina Borchert; lyssas-lounge.de/peepshow und WestEins.
  • Dienstag, 27.2.07, 16.00 bis 17.00 Uhr: Udo Vetter; lawblog.de.
  • Dienstag, 6.3.07, 16.00 bis 17.00 Uhr: Felix Schwenzel; wirres.net.
  • Dienstag, 13.3.07, 16.00 bis 17.00 Uhr: Markus Beckedahl; netzpolitik.org.
  • Dienstag, 20.3.07, 16.00 bis 17.00 Uhr: Björn Harste; shopblogger.de.
  • Dienstag, 27.3.07, 16.00 bis 17.00 Uhr: Kathrin Passig; riesenmaschine.de.
  • Dienstag, 3.4.07, 18.00 bis 19.00 Uhr (vorauss.): Mathias „MC Winkel“ Winks; whudat.de.
  • Dienstag, 10.4.07, 16.00 bis 17.00 Uhr: Robert Basic; basicthinking.de/blog.

Wer der Blogprominenz eine Frage stellen möchte, aber an den jeweiligen Terminen keine Zeit hat, kann dies bereits vorher im Wartezimmer von politik-digital tun.

Kollektive Ehren für den User: Time Magazine wählt "Person of the Year"

Jedes Jahr wählt das amerikanische Magazin Time die Person des Jahres, die das Weltgeschehen in positiver oder aber auch in negativer Weise entscheidend beeinflusst hat.

Nach George W. Bush, Bono und dem Ehepaar Gates in den vergangenen Jahren kommt diese Ehre diesmal keiner einzelnen Persönlichkeit, sondern dem weltweiten Kollektiv der Internetnutzer zu:

But look at 2006 through a different lens and you'll see another story, one that isn't about conflict or great men. It's a story about community and collaboration on a scale never seen before. It's about the cosmic compendium of knowledge Wikipedia and the million-channel people's network YouTube and the online metropolis MySpace. It's about the many wresting power from the few and helping one another for nothing and how that will not only change the world, but also change the way the world changes.

Trotz der großen Erfolge von Wikipedia und sozialen Netzwerken will man sich dennoch keiner verklärten Sichtweise hingeben und so bleiben bei aller Euphorie auch die negativen Aspekte des so genannten Web 2.0 nicht unerwähnt:

Web 2.0 harnesses the stupidity of crowds as well as its wisdom. Some of the comments on YouTube make you weep for the future of humanity just for the spelling alone, never mind the obscenity and the naked hatred.

Ausgezeichnet wird der einzelne Internetnutzer als Teil eines großen sozialen Experiments, das 2006 erst ganz am Anfang steht.

Werbung oder Journalismus? Vom olympischen Ringkampf und saftigen Abmahnungen

Das "Saftblog", eines der bekannteren Corporate Blogs hierzulande, wurde vom Deutschen Olympischen Sportbund e.V. (DOSB) abgemahnt. Streitwert: 150.000 Euro. Ganz schön viel für zwei harmlose Blogbeiträge, die sich mit den Olympischen Spielen befassen und als Illustration die Olympischen Ringe beinhalten.

Vom juristischen Standpunkt aus hat sich Rechtsanwalt Arne Trautmann auf law-blog.de ausführlich mit dem Thema beschäftigt und geht der Frage nach dem Verhältnis von Werbung und Journalismus bei Business-Weblogs nach.

Innerhalb der Blogosphäre entwickelt sich die Saftblog-Angelegenheit mittlerweile in eine etwas eigenartige Richtung, näheres hierzu gibt es auf basicthinking.de zu lesen.

Monokultur und "Mob 2.0": Jaron Lanier über die Gefahren des Internets

Der amerikanische Netzpionier Jaron Lanier gilt als einer der großen Mahner innerhalb der Netzkultur und hat in letzter Zeit vor allem mit seiner Kritik der kollaborativ erstellten Online-Enzyklopädie Wikipedia für Aufsehen gesorgt. Er kritisiert Tendenzen eines "digitalen Maoismus", der statt zu kollektivem Fortschritt eher zu Formen digitaler Unterdrückung führen würde.

Seine Wikipedia-Kritik weist dabei erstaunliche Parallelen zu den Ansichten des - mittlerweile ausgestiegenen und mit einem Alternativprojekt beschäftigten - Wikipedia-Mitgründers Larry Sanger auf. Dieser hatte bereits vor Jahren auf das grundlegende Dilemma hingewiesen, dass bei Wikipedia wenige kontraproduktiv eingestellte Individuen (so genannte "Trolle") die Atmosphäre in einem Ausmaß vergiften können, dass Fachleute von der Mitarbeit letztlich abgehalten oder regelrecht vertrieben werden.

Nun hat Jaron Lanier die Blogosphäre in die Kritik genommen. Auch hier würden die Möglichkeiten des anonymen Publizierens zu unerfreulichen und gefährlichen Tendenzen führen, wie er in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung näher erläutert:

Ich möchte verdeutlichen, dass der technische Teil von Web 2.0 hervorragend war. Aber ich kritisiere die Idee, im gleichen Atemzug die Menschen zu einer anonymen breiten Masse zu machen. Nehmen Sie die Blogs: Nicht-anonyme Einträge, in denen die Personen sich zu erkennen geben, sind halbwegs zivil. Sie sind Teil der Zivilisation. Sobald Leute aber anonym schreiben, werden sie gemein. Sie werden widerlich. Lass Menschen zur breiten Masse werden und sie werden böse. Und sie verlieren sich selbst.

Fazit: Im anonymen Blogrudel verliert der Mensch den Anstand? Sicherlich ist diese Kritik berechtigt und es gibt viele Fälle, in denen dies zutrifft. Nur wirken Laniers (netz-)kulturpessimistische Thesen bisweilen ebenso einseitig und polarisierend wie es oftmals auch die Argumente der Web2.0-Apologeten sind.

Wikipedia-Bashing: Die "Wiki-Fehlia"-Kampagne der BILD-Zeitung

Die kritische Rezeption der kollaborativ (und oftmals anonym) erstellten Wikipedia-Artikel gehört zu den wichtigsten Aspekten bei der Nutzung der Online-Enzyklopädie. Während Projekte wie "Wikipedia in der Schule" dies konstruktiv zu vermitteln versuchen, lässt sich in den Medien in letzter Zeit gehäuft eine etwas einseitige Berichterstattung über die Gefahren und Probleme der Wikipedia beobachten.

Nach der Süddeutschen Zeitung springt nun auch die BILD-Zeitung, selbst bekanntlich ein Vorzeigeobjekt in Sachen Glaubwürdigkeit und Fehlerfreiheit (wie sehr das zutrifft, kann man täglich bei BILDblog nachlesen), auf den Zug des derzeit beliebten Wikipedia-Bashings auf.

Die BILD-Zeitung setzt dabei - wie schon in Sachen Leserreporter - wieder ganz auf ihre etwas eigentümliche Vorstellung von Bürgerjournalismus: Während man in der Redaktion der Süddeutschen Zeitung vor kurzem noch eigenhändig Fehler in der Wikipedia verstreute, ruft BILD nun die Leser dazu auf, bereits vorhandene Fehler aufzuspüren und zu melden. (Ob dabei auch die Gefahr besteht, dass manch übermotivierter BILD-Leser selbst auf dumme Gedanken kommen könnte, sei mal dahingestellt).

Was bislang von BILD an Fehlern präsentiert wurde, dürfte allerdings selbst eingefleischte Wikipedia-Kritiker nicht wirklich vom Hocker hauen. Viele der angeführten Beispiele sind eher der Kategorie "Pubertäts-Vandalismus" zuzuordnen und überlebten meistens nur für wenige Minuten, wie man bei BILDblog im einzelnen nachgeprüft hat.

Auch der Nihil-Artikel "Ferdinand Julius Hidemann" - seit fast zwei Jahren nicht mehr im Artikelraum der Wikipedia zu finden und explizit als "Lexikon-Ente" gekennzeichnet - wurde von BILD als vorsätzliche Falschinformation angeprangert.

Trotz allem kann man der gesteigerten Aufmerksamkeit, die Deutschlands auflagenstärkste Zeitung der Online-Enzyklopädie schenkt, durchaus auch Positives abgewinnen: Schließlich muss man meist einen gewissen Grad an Prominenz erworben haben, um von BILD überhaupt einer Schlagzeile würdig befunden zu werden.

Wikipedias Erfolgsgeschichte wird die Wikifehlia-Kampagne der BILD-Zeitung wohl kaum gefährden - zumal es von engagierten und ernsthaften Wikipedia-Nutzern schon seit längerem Pläne für eine parallele Version mit überprüften und unveränderlichen Artikeln gibt, die über kurz oder lang wohl auch im Sinne eines Projekts "Wikipedia 1.0" umgesetzt werden dürften.

Ätsch, Wikipedia! Investigativer Journalismus oder feuilletonistischer Vandalismus bei der SZ?

Die Offenheit der Online-Enzyklopädie Wikipedia ist der entscheidende Motor für das rasante Wachstum der letzten Jahre. Dass diese Offenheit auch die Hauptursache für die zahlreichen Qualitäts- und Glaubwürdigkeitsprobleme des kollaborativ erstellten Nachschlagewerks ist, spricht sich langsam aber sicher herum.

Im Feuilleton der Süddeutsche Zeitung wurde diese Problematik kürzlich zum Topthema, unter dem Titel "Im Daunenfederngestöber" wird erläutert, wie anfällig die Enzyklopädie für Falschinformationen und Vandalismus sei.

Um dies für die Leser zu veranschaulichen, hat man sich in der SZ-Redaktion selbst in die Rolle des hinterlistigen Wiki-Vandalen versetzt und 17 Fehler in verschiedenen Wikipedia-Artikeln untergebracht, von denen fünf bis zum Erscheinen des SZ-Artikels unerkannt blieben.

Dass Wikipedia anfällig für vorsätzliche Fälschungen ist, dürfte von kaum jemandem angezweifelt werden: So genannte "Nihilartikel" - etwa die fiktive Biographie des unehelichen Goethe-Sohns Ferdinand Julius Hidemann - haben bis zu ihrer Entdeckung monatelang im Artikelraum der Wikipedia überlebt.

In diesem Zusammenhang sei aber auch die Frage erlaubt, inwiefern das absichtliche Einbauen von Fehlern in ein gemeinnütziges Projekt dem Anspruch einer renommierten deutschen Tageszeitung entspricht. Ist dies noch investigativ oder schon ein bisschen kindisch?

Schließlich wäre es auch möglich, die Qualitätsproblematik anhand bestehender Fehler zu thematisieren, wie dies z.B. vom ehemaligen Chefredakteur der Encyclopaedia Britannica Robert McHenry in seinem viel diskutierten Artikel "The Faith-Based Encyclopedia" gemacht wurde.

Vorsätzliche Falschinformationen werden immer ein Problem für die Qualität von Wikipedia bleiben, solange sie anonymen Benutzern Bearbeitungsrechte gewährt. Wenn solche Fehler allerdings absichtlich von Redakteuren eingestreut werden, sind sie möglicherweise auch ein Problem für die Qualität des Journalismus.

IE7: Microsoft Internet Explorer 7 ist da - und die erste Sicherheitslücke auch?

Nach der Veröffentlichung des Internet Explorers 6 im Jahr 2001 lehnte man sich bei Microsoft erst einmal zurück: Bei zeitweise über 90 Prozent Marktanteil wiegte man sich in Sicherheit und löste schließlich das Entwicklerteam auf.

Doch dann kam Firefox und für immer mehr Internetnutzer eine komfortable Open-Source-Alternative. Vor allem neue Funktionen wie das "Tabbed Browsing" ließen den betagten IE6 so alt aussehen, wie er nun einmal auch schon ist. Mit dem heute veröffentlichten Internet Explorer 7 reicht Microsoft nun dieses Feature nach - und zusätzlich auch noch einige andere, z.B. ein Eingabefeld für Suchmaschinen und eine Zoom-Funktion.

Ursprünglich sollte der neue Browser zusammen mit Windows Vista ausgeliefert werden, nach drei Betaversionen und einem Release-Kandidaten steht die englischsprachige Version des IE7 seit heute für Windows XP mit Service Pack 2, Windows XP Professional x64 sowie Windows Server 2003 mit Service Pack 1, Windows Server 2003 x64 und Windows Server 2003 IA64 zum Download bereit.

Ab November sind von Microsoft automatische Updates geplant. Angesichts erster Meldungen über Sicherheitslücken sollten sich Internet Explorer-Nutzer allerdings überlegen, das automatische Update zunächst einmal zu verhindern. Wie das geht, kann man z.B. bei heise.de nachlesen. Oder man hält Ausschau nach Alternativen, denn der Zeitpunkt für den Umstieg ist günstig: Schließlich lugt Firefox 2 schon um die Ecke.

Medienkompetenz und kritische Rezeption: Wikipedia in der Schule

Gedruckte Nachschlagewerke kommen bei Schülerinnen und Schülern immer mehr aus der Mode. Auf die Schnelle "zusammengegoogelte" Referate und Thesenpapiere, die dem entsprechenden Wikipedia-Artikel zum Verwechseln ähnlich sehen, dürften mittlerweile weit verbreitet sein und zum schulischen Alltag gehören:

In einer unter Schülern einer 12. Jahrgangsstufe durchgeführten Umfrage hatten 63 Prozent der Befragten angegeben, Wikipedia oder Google seien ihre erste Wahl unter den Informationsquellen zur Unterrichtsnachbereitung. Gedruckte Nachschlagewerke landeten hingegen bei nur 21 Prozent.
(Quelle: wikimedia.de)

Um eine kritische Nutzung von Online-Quellen zu fördern, fand am Freitag, den 22. September 2006 am Hildesheimer Gymnasium Adreaneum ein Aktionstag mit vielen Workshops für Schüler der 12. Jahrgangsstufe, Lehrer und interessierte Eltern statt, wobei speziell die Wikipedia-Nutzung im Zentrum des Interesses stand.

Aufklärungsarbeit über die Funktionsweise des auf inhaltlicher wie auf sozialer Ebene komplexen Wikipedia-Projekts scheint auch dringend geboten, will die Online-Enzyklopädie nicht letztlich von ihrem überwältigenden Erfolg überrannt werden.

Denn die teilweise stark divergierende Qualität der gemeinschaftlich erstellten Artikel ist seit jeher das Hauptargument der Wikipedia-Kritiker, die das kostenlose Nachschlagewerk gerne auch mal mit einer öffentlichen Toilette vergleichen. Schließlich wisse man in beiden Fällen nie, wer vorher schon alles da war, wie der ehemalige Chefredakteur der Encyclopaedia Britannica Robert McHenry bereits 2004 polemisierte:

The user who visits Wikipedia to learn about some subject, to confirm some matter of fact, is rather in the position of a visitor to a public restroom. It may be obviously dirty, so that he knows to exercise great care, or it may seem fairly clean, so that he may be lulled into a false sense of security. What he certainly does not know is who has used the facilities before him.
(Robert McHenry: The Faith-Based Encyclopedia, 2004)

Zwar geht McHenrys Kritik ein wenig am Ziel vorbei, da sich prinzipiell jede Änderung eines Wikipedia-Artikels (und damit die vollständige Textgenese) über die Versionsgeschichte nachvollziehen lässt - dennoch dürfte diese grundsätzlich vorhandene Transparenz bei der schnellen Suche nach Informationen im Netz nur selten genutzt werden. (Mehr zur technischen Funkionalität von Wikis.)

So steht den kritischen Stimmen von Fachleuten und den Verfechtern klassischer Enzyklopädien eine rasant wachsende alltägliche - und v.a. pragmatisch orientierte - Nutzung der Wikipedia gegenüber, die sich natürlich auch an den Schulen und Universitäten massiv niederschlägt.

Die Förderung von Medienkompetenz im Umgang mit kollaborativ erstellten Textformen, an deren Produktionsprozess Experten ebenso wie Laien, anonyme, pseudonyme und möglicherweise auch kontraproduktiv agierende Autoren beteiligt sind, wird in Zukunft einen wesentlich höheren Stellenwert in den Lehrplänen einnehmen müssen.

Zu einer kritischen Rezeption von Wikipedia-Artikeln gehört vor allem ein Bewusstsein dafür, dass sich durch die Produktionsbedingungen in Online-Medien auch Falschinformationen leicht weitervererben können (man denke an die beliebte Texterstellung per copy/paste oder an die mögliche "Mitübersetzung" von Fehlern aus fremdsprachigen Wikipedia-Ablegern).

Medienkompetenz im Umgang mit Wikipedia-Quellen beweist sich nicht zuletzt auch durch das Wissen um die Möglichkeit, im Zweifelsfall einen Blick auf die Hintergründe der Textproduktion werfen zu können: So sind die Diskussionsseiten zu kontroversen Themen manchmal sogar aufschlussreicher als die Artikel selbst.

Diese Transparenz der Produktionsbedingungen kann vielleicht sogar als entscheidender Mehrwert gegenüber statischen Enzyklopädien betrachtet werden - wenngleich die Praxis anonymen und pseudonmyen Publizierens bei Wikipedia im Extremfall zu einem regelrechten Kommunikationschaos führen kann. (Vgl. Troll oder nicht Troll?: Der Fall "Thomas7"). Hinter dem einzelnen Wikipedia-Artikel - der als Konsensprodukt dem Gebot der Neutralität unterliegt - verbirgt sich meist ein vielstimmiger Chor unterschiedlicher Meinungen und damit oftmals ein hohes Konfliktpotential. Auch diesen Aspekt kollektiven Schreibens gilt es an den Schulen zu vermitteln.

Unabhängig von wiederkehrenden Qualitätsdiskussionen wird die Online-Enzyklopädie Wikipedia weiter expandieren und sich zum weltweit meistgenutzten Nachschlagewerk entwickeln. Angesichts dieser Tendenz kann man nur hoffen, dass der Hildesheimer Aktionstag - im wörtlichen Sinne - bald Schule machen wird.

Spiegel Online: Redesign beim Roten Riesen

Dass Spiegel Online eigentlich ein Blog sei, hat Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron bereits letztes Jahr erklärt. Nicht wenige wunderten sich darüber, denn auf spiegel.de war davon nicht viel zu merken.

Nun hat man die Seite grundlegend umgestaltet und auch dieses Mal ist von Bescheidenheit nur wenig zu spüren. Vollmundig verkündet die Redaktion:

Alle reden von Web 2.0 - SPIEGEL ONLINE ist schon viel weiter: Ab heute sehen Sie Ihre Seite in neuem Layout, mit neuen Features, in neuer Qualität und Übersichtlichkeit.

Auffälligster Unterschied ist auf den ersten Blick die Verlagerung der Hauptnavigation von der Vertikalen in die Horizontale, wodurch das Design tatsächlich an Übersichtlichkeit gewinnt und nicht mehr so gedrängt wirkt wie beim alten Layout.

Das Forum ist prominenter platziert als zuvor, doch von typischen Blog-Features fehlt auch weiterhin jede Spur. SpOn-intern wird fleißig verlinkt, Links nach draußen findet man kaum (mit Ausnahme des Ressorts "Netzwelt", aber dort keine externen Links zu setzen wäre irgendwie absurd).

Ebenfalls neu sind ein Multimedia-Ressort mit Videos und die automatische Verschlagwortung der wichtigsten Themen des Tages.

Irgendwie weiß zwar niemand so genau, was das Phänomen "Web 2.0" ausmacht, doch es darf stark daran gezweifelt werden, dass das neugestaltete Spiegel Online tatsächlich "schon viel weiter" ist. Denn das vielgepriesene Leser-Forum kann man im Rahmen der Online-Kommunikation eher als alten Hut bezeichnen.

Im Forum ist man über den Relaunch natürlich geteilter Meinung. Positiv wird v.a. erwähnt, dass die Hauptseite nun mit viel weniger aufdringlicher Werbung daherkommt. Ob das wohl lange so bleibt?

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