Magisterarbeit im Fach Kommunikationswissenschaft
Ludwig-Maximilians-Universität München 2005
Autorin: Lisa Sonnabend
Kontakt: Lisa.Sonnabend[at]gmx.de
Abstract
Im Rahmen der Magisterarbeit wurde die Glaubwürdigkeits- und Qualitätswahrnehmung von Weblogs untersucht. Weblogs sind die erste Publikationsform, die es Bürgern auf einfache Weise ermöglicht, als Produzent von Inhalten am Kommunikationsprozess teilzunehmen und dort Gehör zu finden. Rezipienten haben eine Chance erhalten, die Themen-Agenda mitzubestimmen, was bislang professionellen Kommentatoren vorbehalten blieb.
Welche Rolle werden Weblogs künftig im Mediensystem spielen? Betreiben die Autoren von Weblogs Journalismus? Wie wird ihr Verhältnis zum traditionellen Journalismus aussehen? Werden sie diesen ergänzen, verändern oder gar verdrängen? Ganz entscheidend hängt die Beantwortung dieser Fragen von dem Informationsgehalt für den Leser ab. Nur wenn Rezipienten ein Weblog als glaubwürdig und qualitativ hochwertig ansehen, werden sie dieses nutzen.
An Hand einer Online-Befragung wurde in der Arbeit untersucht, inwieweit Weblogs schon jetzt als glaubwürdig und qualitativ hochwertig beurteilt werden – und mit Hilfe welcher Instrumente Blogger ihre Glaubwürdigkeit steigern können.
Das Ergebnis: Weblogs werden bereits als relativ glaubwürdig wahrgenommen. Durch ein gezieltes Ausrichten auf die von Rezipienten als wichtig erachteten Qualitätsdimensionen – wie Verlinkung der Quellen und guter Sprachstil – können Blogger ihre Glaubwürdigkeit erhöhen. Auf Grund der Ergebnisse kann davon ausgegangen werden, dass Weblogs ihre Stellung im Mediensystem weiter ausbauen können.
Wenige Minuten nachdem Bundeskanzler Gerhard Schröder am 22. Mai 2005 Neuwahlen des Bundestages angekündigt hatte, begann im Internet der Wahlkampf. Bürger formierten sich und starteten so genannte Wahlkampf-Weblogs, auf denen die Autoren aus ihrer persönlichen Sicht berichten und eine Alternative zur Berichterstattung der traditionellen Medien bieten wollen. Weblogs, von Einzelpersonen regelmäßig bestückte Internetseiten, erlangen in Deutschland immer mehr politische Bedeutung.
In anderen Ländern wie den USA oder Iran spielen Weblogs dagegen schon seit einiger Zeit eine Rolle bei der Setzung der Themenagenda. Es ist somit wahrscheinlich, dass ihre Verbreitung auch in Deutschland weiter ansteigen wird und sie ihre Bedeutung im Mediensystem erhöhen können. Das Besondere an Weblogs ist, dass jeder Bürger sich in den Kommunikationsprozess eingliedern kann und dort – wegen der Vernetzung von Weblogs untereinander – auch Gehör findet.
Über das Phänomen Weblogs liegen bislang kaum empirische Untersuchungen vor. Experten diskutieren, ob Autoren von Weblogs den Anspruch haben, Journalismus zu betreiben. Wie wird ihr zukünftiges Verhältnis zum traditionellen Journalismus aussehen? Werden sie diesen ergänzen, verändern oder gar verdrängen? Welche Rolle werden sie im Mediensystem spielen? Sind sie Ursache einer Medienrevolution oder „zu 99 Prozent Müll“, wie der Chefredakteur von Spiegel Online Mathias Müller von Blumencron meint?
Ganz entscheidend hängt die Beantwortung dieser Fragen von dem Informationsgehalt für den Leser ab. Nur wenn Rezipienten ein Weblog als glaubwürdig und qualitativ hochwertig ansehen, werden sie dieses zur Information nutzen. An Hand einer Online-Befragung soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden, inwieweit Weblogs schon jetzt als glaubwürdig und qualitativ hochwertig beurteilt werden. Mit den Ergebnissen der Umfrage soll ergründet werden, welche Faktoren die Glaubwürdigkeit eines Weblogs beeinflussen, und eine Prognose über die zukünftige Entwicklung der Weblogs gefällt werden. Während zu den Motiven von Weblog-Anbietern erste Untersuchungen vorliegen, blieb die Nutzer-Perspektive bislang weitgehend ausgeklammert. Die vorliegende Arbeit soll dazu erste Ergebnisse liefern.
Dabei wird folgendermaßen vorgegangen: Zunächst soll in Kapitel 2 das Phänomen Weblogs aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht geklärt werden. Die Besonderheiten und die Entwicklung des neuen Medien-Genres werden skizziert, wobei auch die Blogosphäre in denjenigen Ländern berücksichtigt wird, in denen Weblogs bereits einen größeren Einfluss im Mediensystem erlangt haben als in Deutschland. Anschließend wird ein System zur Kategorisierung von Weblogs vorgeschlagen. In Kapitel 3 soll aufgezeigt werden, wie sich Weblogs von anderen Online-Genres abgrenzen und welche Besonderheiten die Online-Kommunikation mit sich bringt. Im Internet hat jeder Nutzer die Möglichkeit, selbstständig zu publizieren. Das Gatekeeper-Monopol der professionellen Journalisten schwindet und die Vermittlungsknappheit hat ein Ende, da nun jeder zum Kommunikator werden kann. Bislang wurden die Möglichkeiten des Internet jedoch nicht ausgeschöpft. Seit Verbreitung der Weblogs scheint dies jedoch möglich geworden, da erstmals eine Art Bürgerjournalismus entstehen könnte, der sich zum Teil vom traditionellen Journalismus unterscheidet. Das Potential eines Bürgerjournalismus wird anschließend diskutiert. Es werden verschiedene Szenarien möglicher Entwicklungen des Phänomens Weblogs skizziert.
Ein wichtiger Faktor für die Verbreitung einer Publikationsform ist die Glaubwürdigkeit und die dem Rezipienten transparente Qualität der Information, die im Folgenden in Kapitel 4 untersucht werden: Dort wird auf die Tradition der Glaubwürdigkeits- und Qualitätsforschung in der Kommunikationswissenschaft – mit besonderer Berücksichtigung bisheriger Ergebnisse für das Internet – eingegangen. In Kapitel 5 werden in einer Studie die Glaubwürdigkeits- und Qualitätswahrnehmungen der Rezipienten untersucht: Dazu werden Kriterien zur Bewertung von Weblogs entwickelt, die in einem Fragebogen operationalisiert werden. Im Anschluss (Kapitel 6) werden die Ergebnisse der explorativen Online-Befragung erläutert, mit deren Hilfe das Potential von Weblogs eingeschätzt werden soll und eine Prognose über das zukünftige Gewicht von Weblogs in der Medienlandschaft gefällt werden soll.
Die Entwicklung der Massenmedien hing schon immer von den technischen Voraussetzungen ab (McLuhan 1995, Plake et al. 2001). So hatte im 15. Jahrhundert Johannes Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern katalysatorische Wirkung für die Entwicklung der Massenmedien (Giesecke 1998). Fernsehen und Radio konnten erst realisiert werden, als die technischen Gegebenheiten vorhanden waren. Und nur durch die Entwicklung von Internet, einfachen Content-Management-Systemen1 und Social Software2 konnten Weblogs entstehen (Bowman/Willis 2003: 19). Werden sich Weblogs zu einem Medium für die Massen entwickeln? Im Folgenden soll das neue Phänomen Weblogs genauer beschrieben werden.
Fußnoten:
1 Content-Management-Systeme sind einfach zu bedienende Systeme, die das Zusammenspiel zwischen Benutzern und einer Webseite regeln, wobei kaum Programmierkenntnisse nötig sind.
2 Social Software ermöglicht eine weltweite Kollaboration und Vernetzung von Personen und Inhalten.
Der Begriff Weblog3 leitet sich aus den Wörtern Web und Logbuch ab. Es ist also eine Art Logbuch für das World Wide Web. Die Kurzform lautet Blog. Die Gesamtheit aller Weblogs wird allgemein als Blogosphäre bezeichnet, der Autor eines Weblogs als Blogger. Die Tätigkeit des Publizierens über ein Weblog heißt Bloggen.
Formal lassen sich Weblogs folgendermaßen definieren: Weblogs sind Webseiten, die häufig aktualisiert werden und deren Beiträge in umgekehrter chronologischer Reihenfolge erscheinen – also die neuesten an oberster Stelle. Die Beiträge können Text, Bilder, Videos oder Audiodateien enthalten. In der Regel haben Leser die Möglichkeit, Kommentare zu den Beiträgen zu verfassen. Unter jedem Beitrag sind gewöhnlich der Name des Autors oder ein Synonym sowie das Datum und die Uhrzeit der Veröffentlichung angegeben. Meist enthält ein Weblog interne und externe Hyperlinks4 auf Beiträge oder Webseiten und eine externe Link-Liste mit den Lieblingswebseiten des Autors – Blogroll genannt (Herring et al. 2004: 1, Gillmor 2004: 29, Bowman/Willis 2003: 8, Moor/Efimova 2004: 198, Welch 2003, Wijnia 2004). Weblogs werden meist von Einzelpersonen geführt – gelegentlich auch von Gruppen oder als Gemeinschaftsweblog (Clyde 2004: 2).
Inhaltlich lässt sich feststellen, dass Beiträge meist recht kurz sind (Mortensen/Walker 2002: 249). Oft bestehen sie nur aus einer kurzen Textpassage und einem Hyperlink auf einen anderen Beitrag oder eine externe Webseite. Thematisch variieren Weblogs sehr stark. In einer explorativen Befragung in Deutschland gaben Autoren thematischer Weblogs5 an, über welche Inhalte sie berichten: Es überwiegen Internet- und Computerthemen (66 Prozent), Kultur (59 Prozent), Politik (26 Prozent), Medien (26 Prozent), Kunst (23 Prozent), Musik (16 Prozent) und Wirtschaft (13 Prozent). 42 Prozent der Beiträge beziehen sich auf andere Beiträge im Internet, 49 Prozent sind persönliche Beiträge ohne Bezüge zu anderen Webseiten (Neuberger 2005: 86f.). Viele Autoren berichten in ihren Weblogs über Persönliches, was dem Führen von Tagebüchern ähnelt (Herring et al. 2004: 3).
Ein weiteres Kennzeichen von Weblogs ist, dass Beiträge meist eine sehr subjektive Perspektive haben (Zerfaß 2005: 4, Welch 2003, Bonstein/Schulz 2005).
Fußnoten:
3 Der Begriff Weblog wird im Deutschen als Neutrum gebraucht.
4 Hyperlinks oder kurz Links sind Verweise auf ein anderes Dokument in einem Hypertext.
5 Thematische Weblogs sind Weblogs mit vorwiegend aktuellen Inhalten aus Politik und Gesellschaft, vgl. Kapitel 2.3.2
Weblogs beruhen auf einfach zu bedienenden Content-Management-Systemen, die es auch HTML6 unerfahrenen Nutzern ermöglichen, im Internet zu veröffentlichen. Zahlreiche Blog-Software-Anbieter stellen den Nutzern ihre Dienste kostenlos zur Verfügung.7
Eine Besonderheit von Weblogs ist, dass sie untereinander stark vernetzt sind. In Weblogs werden meist Links auf andere Webseiten oder Beiträge gesetzt. Jeder Beitrag ist einzeln über eine URL8 adressierbar, die als Permalink bezeichnet wird (Zerfaß 2005: 11). Dadurch entstehen Netzwerke von untereinander verbundenen Webseiten und Beiträgen. Internet-Suchmaschinen wie Google sortieren nach dem Prinzip: Je mehr Querverweise auf eine Webseite existieren, desto höher wird diese in den Ergebnislisten eingeordnet. Deswegen erscheinen Weblogs in Suchmaschinen-Rankings verhältnismäßig weit oben.
Auf Weblogs spezialisierte Suchmaschinen helfen den Nutzern bei der Orientierung in der Blogosphäre. In den USA gibt es seit dem Jahr 2002 die Blogsuchmaschine Technorati9. Im September 2005 listete sie mehr als 16,4 Millionen Weblogs, wobei jeden Tag tausende neu dazukommen. Ähnlich wie bei Google hängt die Listung von der Link-Struktur ab. Außerdem werden aktuelle Beiträge bei den Trefferlisten bevorzugt. Um in einer Suchmaschine erfasst zu werden, wird von Weblogs für jeden Beitrag ein Ping an die Suchmaschine gesendet, was automatisch geschieht. Nach einem ähnlichen Prinzip wie Technorati operiert die deutsche Weblog-Suchmaschine Blogverzeichnis, die 62.500 Weblogs listet.10
Technische Entwicklungen haben die Vernetzung von Weblogs weiter verbessert. Mit dem Trackback „wurde das Problem behoben, dass ein Hyperlink (…) nur einseitig ausgerichtet ist“ (Schmidt 2005: 28). Ein Link von Seite A auf Seite B führt mittels Trackback wieder zu Seite A zurück: Es wird aufgezeigt, welche Beiträge den ursprünglichen Beitrag verlinken.
Eine weitere Neuerung ist RSS, das Really Simple Syndication bedeutet.11
„RSS (…) stellt ein Content Syndizierungsformat dar, das die einfache Verbreitung von Webinhalten mittels so genannter Feed-Reader ermöglicht. Diese stellen eine Art Minibrowser dar, der die wesentlichen Informationen der neuen Nachrichten mit Titel und kurzer Textzusammenfassung wiedergibt“ (Fischer/Quiring 2005: 9).
Die Nutzer können ein Feed auf einem Weblog abonnieren. Clients überprüfen dann laufend die als Favoriten vorgemerkten Weblogs nach neuen Einträgen und die Nutzer erhalten somit automatisch Änderungen des jeweiligen Weblogs auf ihrem Computer (Ito 2004, Fischer/Quiring 2005: 9). Dadurch ermöglicht RSS eine rasche und einfache Verbreitung von Informationen. So meint der Technikexperte Chris Pirillo:
„RSS suddenly makes the Internet work the way it should. Instead of you searching for everything, the Internet comes to you on your terms“ (zitiert nach Gillmor 2004: 39).
Die Entwicklung und die Eigenschaften der Weblogs hängen also von den technischen Möglichkeiten ab. Howard Rheingold, Autor des Buches Smart Mobs, ist der Ansicht:
„Genau genommen ist nicht die Masse clever, sondern die Geräte sind es, die sie zusammenbringt.“ (zitiert nach Brückerhoff 2001).
Hans Magnus Enzensberger (2000: 24) dagegen vertritt in seiner Schrift Das digitale Evangelium die These:
„Entscheidend ist nicht das technische Potential, sondern der Gebrauch eines Mediums.“
Technische Gegebenheiten schienen somit zwar Bedingung für die Verbreitung und Entwicklung eines Mediums zu sein, aber nicht die alleinige Ursache dafür. Auch die Umsetzung durch Autoren und Nutzer ist dafür entscheidend.
Ob Weblogs das Potential haben, Einfluss auf die Massenkommunikation auszuüben und das Mediensystem zu verändern, wird im dritten Kapitel diskutiert. Zunächst wird jedoch auf die historische Entwicklung der Weblogs eingegangen.
Fußnoten:
6 Hypertext Markup Language (HTML) ist eine Programmiersprache, mit der Internetseiten erstellt werden können.
7 Im deutschsprachigen Raum gibt es die Blog-Dienstleister Blogger.com, Myblog, Blogg.de, 20six, twoday.net, livejournal.com oder TypePad.
8 Eine Uniform Resource Locator (URL) identifiziert eine Ressource über ihren primären Zugriffsmechanismus (oft http) und den Ort der Ressource in Computernetzwerken. Im Deutschen wird der Begriff synonym mit Adresse verwendet.
9 URL: http://www.technorati.com
10 URL: http://blogg.de/list.php, Stand September 2005.
11 Daneben kursieren weitere Definitionen für RSS wie Rich Site Summary oder Really Saturated Space.
Die Geschichte der Weblogs ist fast genauso alt wie die des World Wide Web, dessen Entstehung auf das Jahr 1990 zurückgeht. Als erstes Weblog wird die Webseite des US-amerikanischen Erfinders des World Wide Web Tim Berners-Lee gesehen, der im Jahre 1991 am Kernforschungszentrums CERN auf einer Seite fortlaufend chronologisch die Entwicklung der neuen Internet-Technik protokollierte12 (Herring et al. 2004: 1). Der Begriff Weblog wurde zum ersten Mal 1997 von Jorn Barger verwendet: In seinem Netztagebuch Robot Wisdom13 fasste er eine Auswahl an Links aus dem World Wide Web zusammen (Blood 2000, Möller 2005: 115, Koch/Haarland 2004: 74).
Als im Jahre 1999 in den USA die erste freie Weblog-Software Pitas verfügbar wurde, stieg die Zahl der Weblogs an (Jensen 2003, Zerfaß 2005: 5). Während Anfang des Jahres 1999 lediglich 23 Weblogs existierten, gab es 2002 bereits geschätzte 500.000 Weblogs weltweit (Gill 2004).
Fußnoten:
12 Die Seite ist archiviert unter http://www.w3.org/History/19921103-hypertext/hypertext/WWW/ News/9201.html.
13 Die Webseite ist nicht mehr online verfügbar.
Vor 1999 fungierten Weblogs noch fast ausschließlich als Informationsfilter meist für technische Themengebiete. Doch Weblog-Autoren berichteten zunehmend auch über persönliche Themen (Blood 2000, Gill 2004, Mortensen/Walker 2002: 249). Von der Jahrtausendwende an wandten sich Blogger schließlich verstärkt öffentlich relevanten – oft politischen – Themen zu (Neuberger 2003b). Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 in New York entstanden zahlreiche Weblogs, auf denen die Autoren ihre persönlichen Gefühle, Meinungen und Beobachtungen in Bezug auf die Ereignisse mitteilten. Die Blogger berichteten kritisch und perspektivenreich über Dinge, die in den traditionellen Medien nicht berücksichtigt wurden (Koch/Haarland 2004: 97, Mortensen/Walker 2002: 259, Thompson 2003). Weblogs, die den Krieg gegen den Terrorismus analysieren, werden als Warblogs bezeichnet (Bowman/Willis 2003: 34). Im Irak-Krieg 2003 dienten Weblogs Journalisten, Mitgliedern von Hilfsorganisatoren, Soldaten und irakischen Bürgern als Mittel, um aus dem Krisengebiet zu berichten. Sie boten den Rezipienten eine Alternative zu der Berichterstattung der embedded reporter, den von der amerikanischen Regierung kontrollierten Journalisten. Der bekannteste Blogger des Krieges war der Iraker Salam Pax. Sein Weblog Where is Raed?14, auf dem er authentisch von dem Alltagsleben in Bagdad berichtete, erzielte täglich bis zu drei Millionen Zugriffe von Menschen aus zahlreichen Nationen (Möller 2005: 132). Vier Prozent der Amerikaner bezogen während des Irak-Krieges Informationen über Weblogs (Thompson 2003). Weblogs konnten in den USA zunehmend ein Massenpublikum erreichen. 100.000 Leser besuchten im Jahr 2002 täglich das bekannteste Weblog der USA Instapundit15 von Glenn Reynolds. Dies entspricht den Reichweiten von Tageszeitungen oder Fernsehsendungen (Gill 2004). Wegen der Aufmerksamkeit, die Weblogs erlangt hatten, begannen die traditionellen Medien16 in den USA, Weblogs in ihr Angebot zu integrieren (Gill 2004).17 Im Dezember 2002 demonstrierten die Blogger in den USA ihre Macht als Citizen Media: US-Senator Trent Lott hatte sich auf einer politischen Veranstaltung rassistisch geäußert. Während andere Medien dies nicht weiter verfolgten, wurde im Internet die Berichterstattung auf Weblogs so lange aufrecht erhalten, bis die traditionellen Medien doch über Lott berichteten und dieser schließlich zurücktreten musste (Scott 2004, Gillmor 2004: 44f, Thompson 2003). Im September 2004 wiesen Blogger dem CBS-Journalisten der Sendung 60 Minutes, Dan Rather, nach, dass dieser auf gefälschte Dokumente über die Militärzeit von US-Präsident George W. Bush hereingefallen war. Die traditionellen Medien griffen das Thema auf. Rather konnte die Vorwürfe der Blogger nicht entkräften und musste seinen Beruf aufgeben (Hewitt 2005: 37ff, Bieler 2005: 33). Auch während des US-Präsidentschafts-Wahlkampfes 2004 spielten Blogger eine wichtige Rolle. Howard Dean, Bewerber für das Amt des Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, war der erste Politiker, der ein Wahlkampf-Weblog betrieb, um für seine Politik, Engagement und Spenden zu werben. Das Weblog Blog for America18 diente zum Meinungsaustausch und zur Organisationsplanung für die Dean-Anhänger (Trippi 2004: 36, Gillmor 2004: 94ff.). Im anschließenden Präsidentschaftswahlkampf führten auf Grund des großen Erfolges der Dean-Kampagne die Wahlkampfteams der beiden Kandidaten George W. Bush und John Kerry Weblogs ein. Blogger wurden als Berichterstatter neben den Journalisten traditioneller Medien zu den Wahlkampfveranstaltungen der Parteien eingeladen (Patalong 2004, Bieler 2005: 33). Rund neun Prozent der amerikanischen Internet-Nutzer gaben an, während des Wahlkampfes politische Weblogs „regelmäßig“ oder „manchmal“ gelesen zu haben (Rainie 2005a). Blogger haben sich in den USA bereits als eine Art Institution etabliert. Es gelingt ihnen, die Medien-Agenda mitzubestimmen. Fußnoten: 14 URL: http://www.dear_raed.blogspot.com. Die Beiträge des Weblogs sind inzwischen in Buchform veröffentlicht worden, siehe Pax (2003). 15 Die URL lautet http://www.instapundit.com. Inzwischen (September 2005) hat Instapundit täglich 300.000 Leser. 16 Unter traditionellen Medien werden im Folgenden Medien oder Mediengenres verstanden, die in einer Redaktion organisiert sind und deren Mitarbeiter mit ihrer Tätigkeit Geld verdienen. Dazu zählen neben Printmedien und Rundfunk auch Online-Magazine. 17 U.a. The New York Times, the San Jose Mercury News, the Minneapolis Star Tribune, the Boston Globe, the Congressional Quarterly und the San Francisco Bay Guardian sowie die Fernsehsender Fox News, ABC News und MSNBC haben Weblogs in ihrem Online-Angebot eingerichtet. 18 Die URL lautet: http://www.blogforamerica.com. Allerdings verfasste Howard Dean nur wenige Beiträge auf dem Weblog selbst.
Auch in anderen Ländern spielen Weblogs im Mediensystem eine Rolle. Nach der Tsunami-Katastrophe in Südostasien im Dezember 2004 erlangten Blogger weltweit Aufmerksamkeit, indem sie von ihren Eindrücken berichteten und Fotos oder Videos im Internet publizierten – oft schneller und detaillierter als die traditionellen Medien (Gelinsky 2005: 8 ). Auch nach den Terroranschlägen von London am 7. Juli 2005 griffen traditionelle Medien auf Berichte von Bloggern zurück, ehe sie selbst Augenzeugen befragen konnten.19
In Ländern, in denen es kein oder nur ein eingeschränktes Recht auf freie Meinungsäußerung gibt, hat die Blogosphäre meist große Bedeutung für die Massenkommunikation erlangt (Gillmor 2004: 140): Blogger berichten über Themen, die öffentlich nicht diskutiert werden dürfen. Im Iran beispielsweise hat die Bevölkerung durch Weblogs die Möglichkeit bekommen, über Politik, Kultur oder Lebensweisen zu kommunizieren. Jedoch werden zunehmend Zensurmaßnahmen ergriffen: Einige Autoren wurden verhaftet, der Zugang zu einigen Weblogs wird blockiert (Stegers 2004, Lueken 2004: 31). Auch in Saudi-Arabien, im Irak oder in China werden Weblogs zensiert und Blogger verfolgt (Zimprich 2004, Bieler 2005: 33).
Seit Februar 2000 gibt es in Südkorea das Online-Magazin Oh my News, dessen Inhalte hauptsächlich von den Lesern selbst produziert werden. 38.000 Citizen Reporter schreiben gemeinsam mit 50 professionellen Journalisten für Oh my News (Outing 2005). Mehr als zwei Millionen Personen lesen das Online-Magazin täglich (Lasica 2003b). Während der vergangenen beiden Präsidentschaftswahlkämpfe hatte es großen Einfluss auf die südkoreanische Politik (Gillmor 2004: 93). Mehr als 14 Millionen Menschen betreiben in Südkorea ein Weblog (Lohmöller 2005: 223).
Auch in europäischen Ländern werden Weblogs populärer. In Frankreich gibt es bereits über drei Millionen Weblogs (Kramliczek 2005: 17). Experten erklären diese verhältnismäßig hohe Anzahl mit der in der französischen Geschichte verankerten Kultur der Debatten (Andrews 2005). Die Ablehnung der EU-Verfassung bei der Volksabstimmung am 29. Mai 2005 wird unter anderem dem Einfluss kritischer Blogger zugeschrieben (Wegner 2005, Bieler 2005: 33). Zahlreiche französische Politiker wie der Sozialist Dominique Strauß-Kahn oder der ehemalige Premierminister Alain Juppé führen eigene Weblogs.20
Fußnoten:
19 Spiegel Online (http://www.spiegel.de/netzwelt/netzkultur/0,1518,364114,00.html) und sueddeutsche.de (http://www.sueddeutsche.de/computer/artikel/346/56290) berichteten beispielsweise über Reaktionen der Blogger auf die Anschläge.
Auch in Deutschland steigt das Interesse an Weblogs. Die Berichterstattung in den traditionellen Medien über das Phänomen Weblogs hat in den vergangenen Monaten zugenommen. Im Zeitraum von November 2004 bis Juli 2005 wurde in den deutschen „Meinungsführermedien“ mehr als 270-mal über Weblogs berichtet (Wegner 2005). Traditionelle Medien wie Die Zeit, der Berliner Tagesspiegel, die Süddeutsche Zeitung und die ARD-Tagesschau haben Weblogs in ihr Konzept integriert.21 Die Rheinische Post startete im Februar 2005 Opinio, die erste gedruckte Zeitung, deren Beiträge allein von Lesern verfasst werden (Herrmann 2005: 17). Das meist gelesene deutsche Weblog Bildblog22, das die Fehler und Missverständnisse der Bild-Zeitung aufzeigt, verzeichnet derzeit täglich rund 40.000 Leser, der Schockwellenreiter23, ein von Jörg Kantel geführtes Weblog über Technik, monatlich 115.000 Visits.
Auch die deutsche Blogosphäre konnte bereits die Medien-Agenda mitbestimmen: Als im Dezember 2004 der Blogger Johnny Häusler auf seinem Weblog Spreeblick24 die Verkaufspraktiken des Mobilfunk-Klingelton-Anbieters Jamba kritisierte, griffen andere Blogger das Thema auf, setzten Hyperlinks auf Spreeblick und schrieben kritische Kommentare unter Häuslers Beitrag. Wegen des hohen Google-Rankings und der dadurch entstandenen negativen Publicity versuchten Jamba-Mitarbeiter, mit Kommentaren auf Spreeblick ihre Firma positiv darzustellen. Als dies entdeckt wurde, berichteten auch die traditionellen Medien über den Fall und Jambas Image litt (Stöcker 2005, Bonstein/Schulz 2005, Zerfaß 2005: 20). Kommunikationswissenschaftler Jan Schmidt meinte nach dem Fall Jamba: „Die deutsche Blogosphäre [hat] eine kritische Masse erreicht“ (Stöcker 2005).
In Deutschland fungieren Weblogs oft als Überwacher der traditionellen Medien. So machten Blogger beispielsweise publik, dass Spiegel online in einem Beitrag ungekennzeichnet Textpassagen aus der kollaborativ erstellten, freien Enzyklopädie Wikipedia übernommen hatte oder dass Focus online eine Pressemitteilung der Firma Jamba nicht als Werbung markierte, sondern als Nachricht veröffentlichte (Sixtus 2005).
Vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Mai 2005 haben Weblogs politische Bedeutung erlangt. Erstmals nutzten Parteien, Kandidaten und auch Bürger Weblogs für die politische Information und Diskussion (Abold 2005: 2). Nach der Ankündigung der vorgezogenen Neuwahlen stieg die Anzahl der politischen Weblogs und Wahlkampf-Blogs rasant an. Auf Gemeinschaftsblogs wie Wahlblog, Wahlblog05 oder Lautgeben diskutierten Bürger über Politik.25 Aber auch die Parteien und einzelne Kandidaten haben Weblogs eingerichtet. Der Hamburger SPD-Bürgermeisterkandidat Thomas Mirow war der erste Politiker in Deutschland mit einem eigenen Weblog, das im Januar 2004 startete (Alphonso/Pahl 2004: 322).26 Inzwischen führen Bundes-Justizministerin Brigitte Zypries, Andrea Nahles (beide SPD), Oswald Metzger (Grüne), Silvana Koch-Mehrin (FDP) oder Petra Pau (PDS) Online-Tagebücher.27 Die SPD setzte im Bundestagswahlkampf 2005 von allen Parteien am stärksten auf Weblogs: Auf der Webseite http://www.rote-socken.de konnten Anhänger eigene Weblogs einrichten und sich am Wahlkampf beteiligen (Herrmann 2005b: 35). Wahlblogs sollen die Wähler zum Engagement motivieren, die Debatte mit den Bürgern intensivieren und für den jeweiligen Politikstil werben.
Allerdings berichtet in Deutschland weiterhin ein Großteil der Blogger über private Angelegenheiten, eine Politisierung der Blogosphäre ähnlich wie in den USA oder Frankreich blieb bislang aus.
Fußnoten:
21 Die URLs lauten: http://www.zeit.de/blogs/index, http://www.tagesspiegel.de/weblogs, http://www.blog.sueddeutsche.de und http://www.blog.tagesschau.de.
22 URL: http://www.bildblog.de
23 URL: http://www.schockwellenreiter.de
24 Im Internet unter: http://www.spreeblick.com/blog/index.php
25 Die URLs lauten: http://wahlblog.de/, http://www.wahlblog05.de, http://www.lautgeben.de.
26 Thomas Mirows Weblogs ist unter http://thomasmirow.blogg.de abrufbar; inzwischen eingestellt.
27 Im Internet unter: http://blog.brigittezypries.de, http://blog.focus.msn.de/nahles, http://blog.focus.msn.de/metzger, http://blog.focus.msn.de/kochmehrin, http://tagebuch.aol.de/Petra Pau1/PetraPau
Weltweit gibt es nach Schätzungen inzwischen mehr als 70 Millionen Weblogs. Allerdings ist diese Zahl umstritten, da einige Weblogs unter mehreren Adressen geführt werden, einige nicht aktiv sind und eine vollständige Erfassung nicht möglich ist (Kramliczek 2005: 17). In den USA gaben im Rahmen einer Umfrage des Pew Internet & American Life Project im November 2004 mehr als acht Millionen Menschen an, ein eigenes Weblog zu betreiben. Das entspricht 7 Prozent der 120 Millionen Erwachsenen der USA. Im Jahre 2002 waren es lediglich zwei Prozent. 27 Prozent aller Internet-Nutzer – 32 Millionen Amerikaner – haben schon einmal ein Weblog gelesen. Allerdings wissen immer noch 62 Prozent der amerikanischen Internet-Nutzer nicht, was ein Weblog ist (Rainie 2005a).
Der Dienst Blogverzeichnis28 verzeichnet in Deutschland derzeit 62.000 Blogs, von denen 15.000 regelmäßig aktualisiert werden. Schätzungen gehen jedoch von mehr als 150.000 deutschen Weblogs aus (Tüshaus 2005 und BBDO Germany 2005). Nach einer Studie von BBDO Germany GmbH29 weiß jeder vierte deutsche Internet-Nutzer (27 Prozent), was man unter einem Weblog versteht. 41 Prozent dieser Gruppe lesen regelmäßig Weblogs − also insgesamt jeder Zehnte. Vier Prozent schreiben ein eigenes Weblogs und acht Prozent haben konkrete Pläne, eines zu starten. Beruflich nutzt ein Prozent Weblogs (BBDO Germany 2005).
Fußnoten:
28 URL: http://www.blogg.de
29 Im März 2005 wurden im Rahmen der Studie 2.793 Internet-Nutzer im Alter von 14 bis 65 Jahren nach ihrem Umgang mit Weblogs befragt.
Weblogs variieren inhaltlich und formal beträchtlich (vgl. Kapitel 2.1.1). Im Folgenden soll ein Versuch unternommen werden, Weblogs nach Kategorien einzuordnen.
Zunächst lässt sich eine Kategorisierung an Hand der Anzahl der Autoren eines Weblogs festmachen. Ist nur eine Person beteiligt, spricht man von einem individuellen Weblog. In diese Kategorie fällt der Großteil aller Weblogs. Bei einem Gruppen-Weblog veröffentlicht ein fester Kreis von Personen in einem Weblog. Schließlich gibt es Gemeinschafts-Weblogs30, auf denen prinzipiell jeder Beiträge veröffentlichen kann (Clyde 2004: 2, Branum 2001).
Fußnote:
30 Sie werden auch Open-Source-Weblogs genannt und ähneln Peer-to-Peer-Angeboten.
Zu Beginn der Entwicklung der Weblogs unterschied Rebecca Blood (2000) zwischen Filter-style- und Journal-style-Weblogs. Filter-style-Weblogs fungieren als Filter und helfen den Lesern, sich im Internet zu Recht zu finden. Blogger verlinken hier auf diejenigen Seiten, die ihrer Meinung nach von Interesse sind. Journal-style-Weblogs berichten über private Dinge aus dem Leben des Autors oder über gesellschaftlich oder politische Ereignisse und Beobachtungen.
Da die Blogosphäre jedoch in ihrer weiteren Entwicklung nicht mehr vorwiegend als Informationsfilter diente und sich vielfältigen Themen zuwandte (vgl. Kapitel 2.2.2), ist eine genauere Kategorisierung sinnvoll. Man unterscheidet zwischen Weblogs, deren Inhalte persönlich oder thematisch sind (Herring et al. 2004: 3). Persönliche Weblogs werden oft als Online-Tagebücher bezeichnet, da der Autor hier regelmäßig – oft mehrmals täglich – persönliche Erlebnisse und Gedanken veröffentlicht. Diese Weblogs werden als Personal blogs bezeichnet. Eine Sonderform der Personal blogs sind Celebrity Blogs, auf denen berühmte Personen aus ihrem Leben berichten.
Thematische Weblogs kann man untergliedern in Weblogs als Medien der Experten-Kommunikation, der internen und externen Unternehmenskommunikation oder als Erweiterung der Öffentlichkeit (Schmidt 2005: 10). Weblogs, die der Experten-Kommunikation dienen, werden in der Regel als Knowledge-Blogs oder kurz k-logs bezeichnet. Hier legt ein Forscher oder eine Forschungsgruppe Beobachtungen und Thesen über ein bestimmtes wissenschaftliches Themengebiet dar (Herring et al. 2004: 10); dies soll der Diskussion mit Lesern oder als Wissensspeicher dienen. Als Beispiele seien die Weblogs der Universität von Calgary und Physikalische Kleinigkeiten von Dr. Peter Schilbe, Dozent für Physik an der Freien Universität Berlin, genannt.31
Auch in der Unternehmens-Kommunikation haben Weblogs Bedeutung erlangt. Diese werden als Corporate Blogs bezeichnet (Fischer 2004).
„Corporate Blogs ermöglichen eine direkte, ungefilterte und dialogorientierte Kommunikation mit wichtigen Stakeholdern“ (Zerfaß 2005: 3f.).
Für Unternehmen ist somit nicht mehr nur relevant, ob Medien über sie berichten, sondern entscheidend wird auch, wie sie die Aufmerksamkeit auf das eigene Medium – den Corporate Blog – lenken können (Fischer 2004). Ein Unternehmens-Weblog kann zudem die Mitarbeiter über laufende Projekte oder Unternehmensinterna informieren (Lohmöller 2005: 226, Gillmor 2004: 75).32 Corporate Blogs eingerichtet haben beispielsweise General Motors und IBM sowie Jonathan Schwartz, Unternehmenschef von Sun Microsystems. 33
Weblogs als Erweiterung der Öffentlichkeit, die dritte Untergruppe der thematischen Weblogs, sind Weblogs, die sich einem oder mehreren Themengebieten widmen. Diese können Technik, Kultur oder Sport sein, ebenso wie Haustiere, Kochen oder Schachspielen. Als spezielle Form dieser Kategorie werden politische Weblogs – Poliblogs genannt – gesehen. Diese beschäftigen sich vorwiegend mit politischen Inhalten. Als Unterform der politischen Weblogs werden Warblogs gesehen, die von Beginn des Anti-Terrorkrieges im Jahr 2001 an entstanden. Warblogger sind entweder Kriegs-Teilnehmer oder Beobachter, die aus dem Krisengebiet oder aus ihrer Heimat über einen Krieg berichten. Sie setzen sich entweder für die Legitimierung eines Krieges ein oder kritisieren den Krieg (Thompson 2003). Ihnen wird zugeschrieben authentischere und unabhängigere Informationen liefern zu können als die meist von der Regierung abhängigen professionellen Journalisten. Im Wahlkampf treten so genannte Wahlblogs oder Campaign-Blogs in Erscheinung (vgl. Kapitel 2.2.4). Nach Foren sind Weblogs die am zweithäufigsten genutzte Möglichkeit, Meinungen zu politischen Themen im Internet zu artikulieren (Abold 2005: 6).34
Es gibt eine Reihe von Weblogs, die das Verhalten von Politiker und Journalisten beobachten. Die Beispiele Dan Rather und Bildblog zeigen, dass Weblogs bei der Überwachung und Verifizierung von Informationen Bedeutung erlangt haben (vgl. Kapitel 2.2.2 und 2.2.4). Man bezeichnet sie als Watchblogs. Viele sehen in ihnen ein „basisdemokratisches Korrektiv“ (Bonstein/Schulz 2005). Einige sprechen bereits von einer Art Fünften Gewalt (Pany 2004). In so genannten Meta-Blogs diskutieren Blogger über das Mediensystem – sowohl die Blogosphäre als auch die traditionellen Medien –. Ruggiero und Winch (2004) bezeichnen sie als „arenas for discussion and negotiation of journalistic norms“. Beispiele für deutsche Meta-Blogs sind Medienrauschen oder Publizistik in Berlin35.
Fußnoten:
31 Die URLs lauten: http://weblogs.ucalgary.ca oder http://physik.blogspot.com.
32 Zerfaß (2005: 30f.) unterscheidet Corporate Blogs weiter in Collaboration Blogs, CEO Blogs, Customer Relation Blogs, Product Blogs, Crisis Blogs oder Campaigning Sites.
33 URLs: http://gmblogs.com, http://www.ibm.com/blogs und http://blogs.sun.com/jonathan
34 Abold (2005: 9) attestierte politischen Bloggern in Deutschland eine hohe Affinität zu linken Parteien.
35 URL: http://www.medienrauschen.de und http://publizistik-in-berlin.de.
Neben Weblogs, die von Personen betrieben werden, die zuvor nicht als Kommunikatoren in den Massenmedien aktiv waren, gibt es auch Professionelle, die Weblogs führen. Deren Weblogs werden als Journalisten-Weblogs oder kurz als J-logs bezeichnet. Journalisten sehen im Bloggen oft eine Chance für mehr Autonomie, für stärkere Subjektivität und größere Publikumsnähe, welche sie in einem Redaktionsverbund nicht realisieren könnten (Neuberger 2003a: 132). US-Journalistin und Bloggerin Deborah Branscum spricht von einer größeren kreativen Freiheit, da man sich als Blogger an keine Vorschriften der Herausgeber richten muss: „If you write it, you put it out to the world“ (zitiert nach Lasica 2001a). Während Leserbriefe und Anrufe von Lesern eine Form des Feedbacks für traditionelle Journalisten darstellen, hat sich bei Weblogs der Austausch zwischen Kommunikator und Rezipienten durch angegebene Kontaktadressen und Kommentar- oder Bewertungsfunktionen intensiviert. Journalistin Monika Porrmann (2005), die das Weblog Daily Mo betreibt, meint: „Ich will Dialog, nicht Monolog. Ich will Publikum, dass auch mal Laut gibt.“
Man kann Weblogs nach einem weiteren Merkmal kategorisieren: der Multimedialität. Neben Weblogs, deren Beiträge größtenteils aus Text– angereichert mit einigen Bildern – bestehen, gibt es inzwischen Weblogs, deren Beiträge vor allem Fotos, Videos oder Audiodateien beinhalten. Technische Entwicklungen wie Digitalkameras oder Mobiltelefone mit integrierter Kamera ermöglichen es, Bildmaterial online zu veröffentlichen. Diese Art des Bloggens wird – in Anlehnung an Mobiltelefone mit Kamera – Moblogging genannt. Weblogs, auf denen vor allem bewegte Bilder publiziert werden, heißen Videoblogs bzw. kurz V-logs. Moblogging und Videoblogging konnten sich erst durchsetzen, als sich die Übertragungszeiten im Internet nach Lösung des Bandbreitenproblems verkürzten und sich die Speicherkapazität erhöhte. Durch Moblogging wird es möglich, ein Weblog jederzeit von einem Mobilfunktelefon aus zu aktualisieren (Koch/Haarland 2004: 82, Alphonso/Pahl 2004: 307).
Ein weiterer Trend in der Blogosphäre ist Podcasting, das sich aus den Wörtern iPod – ein tragbares MP3-Abspielgerät der Firma Apple – und broadcasting – die englische Bezeichnung für Rundfunk – herleitet. Podcaster stellen selbst aufgenommene Audiodateien auf ihr Weblog. Sechs Millionen Amerikaner haben einer Umfrage zur Folge bereits einmal eine Audiodatei aus dem Internet herunter geladen (Rainie 2005b).
In den vergangenen Jahren wurde in der Kommunikationswissenschaft häufig darüber diskutiert, inwieweit Publikationen im Internet journalistischen Ansprüchen genügen. Allerdings haben sich Studien vor allem auf die Ableger traditioneller Medien im Internet konzentriert. Neue Angebotstypen haben dagegen noch kaum Aufmerksamkeit in der Forschung gewinnen können (Neuberger 2000a: 16f., Neuberger 2002: 132). Es überrascht nicht, dass zu dem Phänomen Weblogs noch kaum Ergebnisse vorliegen. Im Folgenden werden Weblogs zunächst in Abgrenzung zu den weiteren Kommunikationsformen im Internet eingeordnet. Anschließend wird auf die Besonderheiten der Weblogs im Rahmen der Online-Kommunikation eingegangen, um Szenarien ihrer zukünftigen Rolle im Mediensystem zu eruieren.
Weblogs werden als internetspezifisches Medien-Genre (Herring et al. 2004) bzw. Schema (Neuberger 2005: 78) bezeichnet. Genres bzw. Schemata werden dadurch charakterisiert, dass sie gemeinsame Kommunikationsziele verfolgen, ähnliche Strukturen und stilistische Merkmale besitzen, über ähnliche Inhalte berichten und sich an ein bestimmtes Publikum wenden (Herring et al. 2004: 2). Normalerweise wird ein Genre bzw. Schema von den Rezipienten als solches wahrgenommen (Neuberger 2005: 74). In einer explorativen Studie wurde ermittelt, dass Anbieter Weblogs als eigenständiges Schema sehen. Periodizität, Subjektivität, Verlinkung, Interaktivität und Kommentarfunktion wurden dabei als wichtigste Merkmale bei der Definition eines Weblogs genannt (Neuberger 2005: 84).
Im Internet gibt es mehrere Online-Genres, die nicht von professionellen Kommunikatoren betrieben werden. Die Autoren dieser Genres sind weder in einer Redaktion organisiert, sie erhalten kein Geld für ihre Tätigkeit und die Kommunikationsrichtung ist meist nicht nur einseitig (Bowman/Willis 2003: 16). Es bestehen jedoch Unterschiede zwischen diesen Online-Genres. Weblogs sind zwischen Standard-Webseiten und asynchronen Formen der computervermittelten Kommunikation wie Diskussionsforen anzusiedeln (Thompson 2003, Moor/Efimova 2004: 198). Im Folgenden sollen Weblogs zu anderen Formen der Online-Kommunikation abgegrenzt werden.
Im Gegensatz zu Standard-Webseiten zeichnen sich Weblogs durch eine häufigere Aktualisierung und größere Interaktivität aus, da sie mehr Möglichkeiten des kommunikativen Austauschs zwischen Autor und Leser bieten – vor allem über die Kommentarfunktion (Döring 2002, Wijnia 2004, Herring et al. 2004: 10). Die Kommunikation bei Webseiten ist einseitig, während sie bei Weblogs netzwerkartig ist (Froomkin 2003: 860). Persönliche Homepages als Sonderform der Standard-Webseite werden – wie auch Weblogs – meist von einer einzelnen Person betrieben. In der Regel sind auf einer persönlichen Homepage Informationen über den Autor vorhanden (Döring 2002). Die Informationen sind jedoch nicht chronologisch angeordnet. Persönliche Homepages verfügen im Gegensatz zu Weblogs häufiger über ein Gästebuch und eine Suchfunktion sowie in der Regel über mehr Bilder (Herring et al. 2004: 7).
Mailing Lists kursieren im Internet innerhalb einer speziellen Gruppe, sie konzentrieren sich meist auf ein enges Themengebiet und werden an die Email-Adressen der Abonnenten verschickt. Normalerweise sind unter den Abonnenten sowohl Experten als auch an dem Themengebiet interessierte Laien (Zerfaß 2004: 419, Gillmor 2004: 27f.). Weblogs dagegen richten sich an keine spezielle Gruppe, sondern stehen – sofern der Zugang nicht durch Passwörter geschützt ist – prinzipiell jedem offen. Newsgroups werden in der Regel zu einem bestimmten Thema gegründet, das unter den Teilnehmern diskutiert wird. Die Kommunikation verläuft wie bei Mailing Lists über elektronische Post, wohingegen bei Weblogs der Zugang prinzipiell für jedermann offen ist (Roesler 1997: 181). Auch hier handelt es sich um asynchrone many-to-many-Kommunikation (Zerfaß 2004: 419).
Chats sind textuelle, direkte Unterhaltung in Echtzeit, also synchrone Kommunikation – und nicht wie Weblogs asynchrone Kommunikation – in der Form one-to-one oder one-to-few. Chats werden der interpersonalen Kommunikation zugeordnet. Chatten dient in der Regel der Selbstdarstellung und dem Aufbau persönlicher Kontakte (Eigner et al. 2003: 21, Rössler 1998: 29f.). Online-Foren haben einen langsameren Kommunikationsrhythmus als Chats. Sie sind offen für alle Personen, die daran teilnehmen wollen. Foren werden oft moderiert. Im Gegensatz zu Weblogs sind sie rein textbasiert (Wijnia 2004, Gillmor 2004: 28). Foren werden meist von Portalen oder Online-Magazinen zu bestimmten Themengebieten eingerichtet. Um dort zu publizieren, muss ein Internet-Nutzer somit die Webseiten Dritter aufsuchen.
Peer-to-Peer-Angebote sind kollaborative Websites mit vielen Teilnehmern, bei denen die Nutzer die Inhalte selbst produzieren und gegenseitig die Qualität ihrer Beiträge kontrollieren (Neuberger 2005: 79). Das bekannteste Peer-to-Peer-Angebot ist Slashdot36, das seit 1997 existiert: Slashdot hat monatlich mehr als zehn Millionen Leser, von denen eine halbe Million Personen Artikel einsenden, moderieren, bewerten oder Kommentare schreiben (Bowman/Willis 2003: 25). Slashdot verfügt über ein Kontroll- und Bewertungssystem, das die Qualität der Beiträge sichern soll. Eingesandte Beiträge werden von Moderatoren überprüft und ausgewählt (Möller 2005: 116ff.). Deutsche Peer-to-Peer-Angebote wie Wikinews oder Stern Shortnews37 verfügen über ähnliche Qualitätssicherungsysteme, die sich an journalistischen Handwerksregeln orientieren.38 Bei Peer-to-Peer-Angeboten gibt es keine Rollentrennung mehr zwischen Kommunikator und Rezipienten: Jeder Leser kann Beiträge schreiben. An Stelle einer professionellen Redaktion wird in Eigeninitiative und unter Selbstkontrolle der Teilnehmer veröffentlicht. Allerdings beschränken sich die Informationen von Peer-to-Peer-Angeboten – zumindest bislang – oft auf Verweise auf professionelle Online-Nachrichtenseiten (Neuberger 2002: 41).
Ebenso wie Weblogs beruhen Wikis in technischer Hinsicht auf einfachen Content-Management-Systemen. Während Weblogs meist von Einzelnen geführt werden, ermöglichen es Wikis den Nutzern, bei der Erstellung einer Webseite kollaborativ zusammenzuarbeiten. Die Software protokolliert dabei jede Änderung, die von einem Nutzer vorgenommen wird, wodurch Modifikationen verfolgt und gegebenenfalls revidiert werden können (Gillmor 2004: 32, Möller 2005: 189). Die Teilnehmer streben in der Regel nach gemeinsamen Zielen und Konsens (Eigner et al. 2003: 23). Wikis sind im Gegensatz zu subjektiven Weblogs an Objektivität orientiert. Die Inhalte auf Wikis laufen unter Copyleft-Lizenzen, das sind juristische Konstruktionen, die auf eine Reform des Urheberrechts unter den veränderten Bedingungen des
elektronischen Publizierens abzielen. Für einen kollektiven Produktionsprozess ist dies unabdingbar, da herkömmliche Formen des Urheberrechts mit dem Prinzip so genannter freier Inhalte konfligieren.39 Das bekannteste Wiki ist die Online-Enzyklopädie Wikipedia, die in mehr als 100 verschiedenen Sprachen verfügbar ist.
Die Technologien, auf denen Weblogs, Wikis und Peer-to-Peer-Angebote beruhen, werden als Social Software bezeichnet, da sie kostenlos verfügbar sind und eine weltweite digitale Kollaboration und Vernetzung von Personen und Inhalten ermöglichen (Zerfaß 2005: 3).
Fußnoten:
36 URL: http://www.slashdot.org
37 URLs: http://de.wikinews.org/wiki/Hauptseite und http://shortnews.stern.de
38 So gibt es bei Stern Shortnews Regeln für die Nutzer bei der Erstellung der Beiträge wie Sachlichkeit, Neuigkeitswert, Trennung von Nachricht und Kommentar, Quellenangaben oder Beantwortung der W-Fragen. Mit einem Punktsystem werden qualitativ hochwertige und häufig frequentierte Nachrichten honoriert.
39 Bei freien Inhalten ist eine Weiterverarbeitung durch andere Nutzer erwünscht, womit sie in einer Gegenposition zum Prinzip des geistigen Eigentums stehen (Möller 2005: 171f.).
Technische Entwicklungen haben neue Formate der Kommunikation möglich gemacht, die vorher nicht realisiert werden konnten. Dazu zählen: Multimedialität, Hypertextstrukturen40, Interaktivität, permanente Aktualisierbarkeit, Archivierung, Additivität – d.h. die Verknüpfung älterer Angebote mit neueren – und globale Verbreitung (Neuberger 2002: 27f, Neuberger 2005: 76, Rosenberger 2002: 81). Wird das Internet den traditionellen Journalismus verändern?
Fußnote:
40 „Hypertext“ als Begriff für nicht-linear strukturierte Textformen wurde von Ted Nelson geprägt (Möller 2005: 24). Die Ankündigung einer universitären Vorlesung aus dem Jahr 1965, in der der Begriff erstmals verwendet wurde, kann unter der URL http://xanadu.com/XUarchive/ccnwwt65.tif [22.06.2005] heruntergeladen werden.
Schon seit einigen Jahren ist im Journalismus der Versuch zu beobachten gewesen, Rezipienten verstärkt in den Kommunikationsprozess einzubinden. Durch Stadteilfernsehen und Talkradios beispielsweise können Bürger eine aktive Kommunikatorrolle übernehmen. In den USA gibt es das Bestreben, mit einem Civic Journalism mehr auf das Publikum einzugehen. Als Folge des Civic Journalism werden in der Berichterstattung Bürger häufiger als Quellen herangezogen als beim gewöhnlichen Journalismus und verstärkt zur Teilnahme an der Kommunikation bewegt, wodurch eine größere Vielfalt entstehen soll (Kurpius 2002: 859ff, Bowman/Willis 2003: 9). Seit dem Entstehen des Internet wird durch individualisierte Nachrichtenangebote wie personalisierte Nachrichten per Email auf die Wünsche des Publikums eingegangen (Pryor 2003: 142).
Doch die Rezipienten können auch selbstständig in die Kommunikatorrolle treten: Der Aufwand zum Publizieren ist durch das Internet gesunken, da technische, ökonomische und rechtliche Zugangsbarrieren abgebaut wurden: Die Kosten für eine Veröffentlichung im Internet sind gering, technische Fachkenntnisse sind kaum nötig, der Zugang ist nicht – wie beispielsweise beim Rundfunk – rechtlich beschränkt. Während es bislang Journalisten vorbehalten blieb, Themen und Informationen zu selektieren, ist die Gatekeeper- und Agenda-Setting-Rolle der Journalisten ins Wanken geraten, da nun auch Rezipienten oder Organisationen an die Öffentlichkeit treten können (Fischer/Quiring 2005: 10, Gill 2004). Der Zugang zur Kommunikation wird einem breiten Publikum möglich.
Der vereinfachte Zugang zur Öffentlichkeit im Internet hat quantitative Folgen für die Kommunikation, da das Informationsangebot ansteigt. Aber es hat auch qualitative Folgen, da die Güte der Informationen oft nicht gewährleistet ist und „man auf jede Menge Informationsmüll stößt“ (Neuberger 2002: 34). Im Internet herrscht keine Knappheit an Vermittlungskapazität mehr, sondern eine Knappheit an Aufmerksamkeit und Beurteilungskompetenz der Rezipienten. Der Engpass hat sich von der Angebotsseite auf die Nutzerseite verschoben (Neuberger 2002: 34, Neuberger 2003a: 132).
„Nicht mehr was in den Medien ist, wird damit relevant, sondern wie man die Aufmerksamkeit auf das Medium lenken kann“ (Fischer/Quiring 2005: 11).
Auch im Internet bleiben Vermittler nötig, um Informationen aufzufinden und auf ihre Qualität zu prüfen. Es gibt es nun drei Formen von Vermittlung: professionelle, partizipative und technisch gesteuerte Vermittlung (Neuberger 2004b). Der professionelle Journalismus im Internet gleicht im Wesentlichen dem Print- und Rundfunkjournalismus. Die Kommunikation ist einseitig, auf ein Massenpublikum ausgerichtet und die Kommunikatoren sind in einer Redaktion organisiert (Neuberger 2004b). Journalisten behalten somit ihre Orientierungsfunktion (Fischer/Quiring 2005: 10). Suchmaschinen im Internet ermöglichen eine technisch gesteuerte Vermittlung. Anhand von mathematischen Formeln – auf Algorithmen beruhenden Gruppierungsverfahren – wählen sie Informationen aus. Sie lenken Aufmerksamkeit auf bereits publizierte Informationen (Neuberger 2003c: 8 ). Beim partizipativen Journalismus – dazu zählen Weblogs und Peer-to-Peer-Angebote – kann jeder an die Öffentlichkeit treten und Inhalte veröffentlichen (Neuberger 2004b). Laienjournalisten übernehmen somit eine Orientierungs- und Vermittlungsfunktion. Bislang hat sich noch kein einheitlicher Begriff für diese Art der Kommunikation herausgebildet. So schreibt Lasica (2004):
“Some call it citizen’s media, others call it participatory media, open media or grassroot publishing”.
Als weitere Bezeichnung kursiert der Begriff Open-Source-Journalismus. Im Rahmen dieser Arbeit wird der deutsche Begriff Bürgerjournalismus bevorzugt.
Gibt es Alternativen zu dem traditionellen – d.h. den redaktionell und beruflich organisierten – Journalismus im Internet? Sind journalistische Angebote denkbar, die ohne Redaktion auskommen und nur von einer oder wenigen Personen betrieben werden (Neuberger 2004c)? Im Folgenden sollen Weblogs mit dem traditionellen Journalismus verglichen werden, um sich der Beantwortung dieser Fragen zu nähern.
Kommentarfunktion, Trackback oder RSS ermöglichen eine starke Vernetzung der Weblogs untereinander (vgl. Kapitel 2.1.2). Dadurch wird die Aufmerksamkeit der Rezipienten strukturiert: Es entstehen Teilöffentlichkeiten, in denen Themen angesprochen und diskutiert werden (Schmidt 2005: 33).
„Blogs ermöglichen Diskussionen in der Nische – das heißt, in speziellen und bislang mangels Ressourcen noch gar nicht bzw. nur schwach ausgebildeten Öffentlichkeiten oder im Vorfeld und Nachgang der Thematisierung von Issues in etablierten und massenmedial strukturierten Öffentlichkeiten“ (Zerfaß 2005: 21).
So spielen Weblogs eine bedeutende Rolle, um Themen zu setzen und zu diskutieren. Wenn Themen nach dem Aufgreifen der Massenmedien wieder an Bedeutung verlieren, kann in Weblogs die Diskussion weitergeführt werden. Weblogs füllen somit Nischen im Kommunikationsprozess aus (Zerfaß 2005: 23). Lasica (2002) spricht im Zusammenhang mit der Blogosphäre von „niches of trust“.
Im Gegensatz dazu vermeiden Online-Ableger traditioneller Medien eine Vernetzung innerhalb des World Wide Web, da es ihr Ziel ist, Profit zu erwirtschaften und die Nutzer möglichst nur auf ihren Angeboten zu halten.41 Traditionelle Webseiten sind „zu Insel geworden, die klassischen Medien-Produkten ähneln“ (Eigner et al. 2003: 118). Weblogs dagegen haben nach Eigner et al. (2003: 121f.) „keinen Rand mehr“. Sie werden als ein Oszillationsmedium bezeichnet, das erstmals das Hypertext-Prinzip des Internet verwirklicht.
Fußnote:
41 In einer Sendung von ARD beispielsweise wird dem Zuschauer nicht empfohlen, nun auf Pro7 umzuschalten, Spiegel online wird in der Regel nicht auf andere Online-Magazine verlinken.
Während traditionelle Journalisten von Chefredakteuren, Herausgebern und Anzeigenkunden abhängig sind, berichten Blogger meist völlig unabhängig. Herausgeber und Redaktion fungieren als Qualitätskontrolle. So werden bei traditionellen Medien die Informationen vor ihrer Veröffentlichung überprüft. Bei Weblogs gibt es ebenfalls eine Art Qualitätskontrolle, die allerdings erst nach der Veröffentlichung stattfindet (Neuberger 2003: 135, Fischer/Quiring 2005: 10). Leser haben meist die Möglichkeit, die Beiträge anderer zu kommentieren oder über Bewertungs-Tools zu beurteilen. Durch die Linkstrukturen entsteht ebenfalls eine Art Qualitätssystem: Wird ein Weblog von vielen Bloggern im Blogroll empfohlen oder ein Beitrag oft verlinkt, dient es als Indiz für Glaubwürdigkeit und Qualität (Hebestreit 2005). Dieses System wird als „Netzwerk des Vertrauens“ bezeichnet (Möller 2005: 204, Rheingold 2003: 120, Alphonso/Pahl 2004: 333). Der Prozess der Qualitätsprüfung nach der Veröffentlichung durch die Leser wird Peer-Reviewing genannt (Zerfaß 2005: 18). Dan Gillmor (2004: 11) fordert, das Publikum müsse ein wichtiger Bestandteil des Kommunikationsprozesses werden, um Qualität zu garantieren. Wie effektiv diese Art der Qualitätsprüfung ist, wurde bislang noch nicht empirisch untersucht.
Während im traditionellen Journalismus ein begrenzter Zugang zur Öffentlichkeit herrscht, ist seit dem Entstehen des Internets nun jeder Rezipient potentieller Publizist. Die Zugangsbarrieren, um ein Weblog zu errichten, sind geringer als bei anderen Online-Genres, da hierfür kaum technische Kenntnisse nötig sind (Blood 2000, Pryor 2003: 143, Koch/Haarland 2004: 225). Der Leser ist nicht mehr lediglich Konsument von Nachrichten, sondern kann selbst zum Produzenten werden (Neuberger 2000: 10, Möller 2005: V, Froomkin 2003: 859). Das Publikum besteht somit aus aktiven Nutzern, die jederzeit an der Kommunikation teilnehmen können (Gillmor 2004: 238).
Im Cluetrain Manifesto aus dem Jahre 1999, das die Zukunft des Internets beschreibt, heißt es:
„Markets are conversations. (…) As a result, markets are getting smarter, more informed, more organized. Participation in a networked market changes people fundamentally” (Levine et al. 1999).
Diese Prophezeiung kann nach Ansicht von Experten durch Weblogs Wirklichkeit werden: “Bloggers see news as a conversation”, sagt Weblog-Experte Jeff Jarvis (zitiert nach Lasica 2004). Ito (2004) schreibt: “Weblogs are conversations.” Und Bowman und Willis (2003: 9) meinen: “A defining characteristic of participatory journalism is conversation”. Weblogs ersetzen die one-to-many-Kommunikation durch eine netzwerkartige Kommunikation (Fischer/Quiring 2005: 10, Wijnia 2004). Während die Kommunikation in traditionellen Medien einseitig war, ermöglichen Weblogs erstmals alle Arten von Kommunikation – und zwar kann diese sowohl one-to-one, few-to-few, one-to-many als auch many-to-many sein (Gillmor 2004: 28). So meint Ito (2004), das Internet sei zu einer globalen Agora geworden. Erstmals scheint ein kollektiver Konsens durch many-to-many-Kommunikation, die Diskussionen und Debatten mitbestimmt, möglich zu sein. Weblogs werden als Ursache für eine „emergent democracy“ gesehen (Ito 2004).
Doch es gelten Einschränkungen für diese Szenarien. Die Links innerhalb der Blogosphäre sind nicht gleichmäßig verteilt, sondern folgen einem so genannten Power Law: Relativ wenige Weblogs vereinen eine große Anzahl von eingehenden Links auf sich, während die überwiegende Mehrheit von Weblogs nur eine geringe Anzahl besitzt. Dieser Trend ist auch für die deutschsprachige Blogosphäre erkennbar: Es dominieren mit 3.128 eingehenden Links Industrial Technology & Witchcraft, mit 2.031 Links Lummaland und mit 1.961 Links Plastic Thinking42, gefolgt von einer Reihe von Weblogs mit sinkender Anzahl von eingehenden Links. Es haben sich Meinungsführer in der Blogosphäre herausgebildet. Diese werden als A-List-Blogger bezeichnet. Das Verlinken im Blogroll – einem Reputationssystem ähnlich – trägt zu einer Etablierung der Meinungsführer bei. Auch in der Blogosphäre scheint somit nicht jeder die gleichen Chancen zu haben, gehört zu werden.
Fußnote:
42 Über http://blogstats.de/index.php?show=top100; Stand: 3. September 2005. Die URLs der Weblogs lauten: http://www.industrial-technology-and-witchcraft.de, http://lumma.de und http://weblog.plasticthinking.org.
Viele sprechen dem traditionellen Journalismus zu, über bessere Recherchemöglichkeiten zu verfügen. Laienjournalisten dagegen können oft keine gründlichen Recherchen durchführen, da sie ihre publizistischen Aktivitäten ohne professionelle Organisation in der Freizeit betreiben.
Allerdings herrscht die Auffassung: Viele Augen sehen mehr als zwei. Mit der Vielzahl der Blogger, die ihr Wissen teilen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Experte zu einem Thema vorhanden ist oder dass einer der Nutzer im entscheidenden Moment vor Ort war (Neuberger 2004b, Lasica 2004, Ermert 2005, Alphonso/Pahl 2004: 27). So überträgt Dan Gillmor (2004: 108) die Ideen von Marshall McLuhan auf Weblogs:
“For any problem there is a person or persons in a large population of educated people that don`t see it as a problem.”
Es ist zudem zu beobachten, dass traditionelle Journalisten Weblogs zunehmend als Recherchequelle nutzen, um Themen und neue Trends aufzuspüren (Alphonso/Pahl 2004: 33). So gaben in einer Umfrage 51 Prozent der befragten amerikanischen Journalisten an, Weblogs zu nutzen. 28 Prozent beziehen sich in der Berichterstattung der täglichen Nachrichten auf Weblogs (o. A. 2005).
Weblogs dienen als Quelle, wenn andere Quellen nicht verfügbar sind. Die traditionellen Medien wurden bereits des Öfteren hinsichtlich der Aktualität von Weblogs übertroffen. Bei der Flutkatastrophe in Asien oder den Terrorangriffen in London beispielsweise zogen traditionelle Medien Berichte der Weblogs als erste Quelle heran (vgl. Kapitel 2.2.3). Marie Cox, die als Wonkette43 eines der populärsten Weblogs in den USA betreibt, meint:
„Blogger machen es den Journalisten immer schwerer, die Veröffentlichung von Nachrichten aufzuschieben“ (zitiert nach Hank 2004).
Durch Weblogs verbreiten sich Informationen beinahe in Echtzeit (Pryor 2003: 148). Doch das schnelle Veröffentlichen birgt Probleme wie Ungenauigkeit der Information: Bei der US-Präsidentschaftswahl im November 2004 beispielsweise veröffentlichten Blogger Wahlergebnisse, in denen sie voreilig fälschlicherweise John Kerry als Sieger sahen (Hank 2004).
Schwindet die Glaubwürdigkeit, wenn Blogger Informationen veröffentlichen, ohne diese vorher genau zu überprüfen? Ein zentrales Qualitätskriterium im traditionellen Journalismus ist die Sorgfaltspflicht. Dazu zählen eigene Recherche, die Verwendung mehrerer Quellen, eine Betrachtung aus verschiedenen Blickwinkeln, die Trennung zwischen Nachricht und Kommentar oder Verifizierung der Informationen vor der Veröffentlichung. Es beachtet jedoch nur ein kleiner Prozentsatz aller Blogger die Einhaltung der Sorgfaltspflicht, da sie oft keine Recherche aus erster Hand betreiben, sich lediglich auf eine einzige Quelle beziehen, Themen aus einer subjektiven Perspektive betrachten oder Nachricht und Kommentar vermischen (Prillinger 2004, Rosenberger 2002: 83). Weblog-Beiträge orientieren sich in der Regel nicht an journalistischen Stilformen wie Nachricht, Reportage oder Glosse. Ein Weblog-Eintrag dagegen kann alles sein: Zitat, Smiley oder ein ganzer Roman (Alphonso/Pahl 2004: 39).
Fußnote:
43 http://www.wonkette.com
Im Gegensatz zu traditionellen Journalisten betreiben Blogger ihre Tätigkeit in der Regel unprofessionell, d.h. sie bloggen in ihrer Freizeit, verdienen kein Geld damit und haben keine spezielle Ausbildung durchlaufen. Sie sind in keinem Redaktionsverbund organisiert (Bowman/Willis 2003: 10). Ein Vorteil bei dieser Unprofessionalität wird darin gesehen, dass Blogger unabhängig von Anzeigenkunden und PR-Agenturen berichten können, da sie nicht auf finanzielle Mittel angewiesen sind (Alphonso/Pahl 2004: 30).
In den USA gibt es inzwischen einige Personen, die Bloggen als Beruf betreiben. Marie Cox alias Wonkette beispielsweise verdient ihren Lebensunterhalt damit. Einige Blogger finanzieren ihre Arbeit mit Spendenaufrufen. So teilte der Blogger Christopher Allbritton vor Beginn des Irak-Krieges 2003 seinen Lesern mit: „Send me money, and I’ll go to Iraq and cover the war.“ Er erhielt über 14.000 Dollar und konnte aus dem Irak berichten (Gillmor 2004: 156). Der konservative Polit-Blogger Andrew Sullivan nahm mit einem Spenden- und Abonnement-Modell mehr als 100.000 US-Dollar ein (Möller 2005: 132).
Erste so genannte Weblog-Verlage sind entstanden. In den USA gibt es Gawker-Media44, die 13 Weblogs zu verschiedenen Themen betreiben und sich über Anzeigen finanzieren. In Deutschland wurde im Juni 2005 der Spreeblick-Verlag gegründet, unter dem sich sechs Weblogs unter anderem zu den Themen Wahlkampf, Musik und Technik vereinen. Der Spreeblick-Verlag will sich ebenfalls über Anzeigen finanzieren. Es ist also durchaus möglich, dass Blogger in Zukunft Geld mit ihrer Tätigkeit verdienen und somit dieses Unterscheidungskriterium zum traditionellen Journalismus entfällt.
Die Tatsache, dass Blogger keine professionelle Ausbildung durchlaufen haben, wird als Gefahr für die Autoren selbst gesehen; denn sie haben meist keine Erfahrung mit journalistischen Arbeitstechniken, Ethik oder Medienrecht (Outing 2004b). Für jede Veröffentlichung gelten Urheber- und Persönlichkeitsrecht. Bei einem Verstoß kann es theoretisch zu Abmahnungen kommen oder der Blogger zu Widerrufen gezwungen werden. Außerdem muss auf jedem Weblog ein Impressum eingerichtet sein (Alphonso/Pahl 2004: 341ff).
Fußnote:
44 URL: http://www.gawker.com
“Blogging is the first journalistic model
that actually harnesses rather than merely exploits
the true democratic nature of the web“
(Andrew Sullivan)
Weblog-Experten wie Ito (2004) meinen: Die Tatsache, dass die traditionellen Medien von großen Unternehmen dominiert werden, führe zu weniger Vielfalt in der Medienlandschaft. Darunter leide deren Glaubwürdigkeit. Es existiere ein Wunsch des Publikums nach mehr Transparenz im Journalismus (Gillmor 2004: 61). Die Entwicklung eines Bürgerjournalismus macht die Partizipation der Rezipienten möglich. Der Zugewinn an Informations- und Meinungsvielfalt wird dabei als positiv gesehen (Neuberger 2003a: 132). Die Chance der Verwirklichung der Meinungs- und Pressefreiheit scheint näher gerückt zu sein. So wird das Internet als basisdemokratisches Medium bezeichnet (Rosenberger 2002: 84, Zerfaß 2005: 3, Ito 2004, Reißmann 2005: 64). Weblogs können als Instrument des bürgerlichen Engagements dienen und dazu beitragen, Konsens zu bilden (Gillmor 2004: 139). So nennt Medienexperte Jay Rosen (2004) Weblogs eine „extremely democratic form of journalism“.
Forderungen nach einem ausgeglichenen Verhältnis zwischen den Medienschaffenden und dem Publikum gibt es schon lange. So postulierte Bertolt Brecht in seiner Radio-Theorie in den 30er Jahre:
„Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln. (…) Also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen“ (Brecht 1992: 553).
Sind die normativen Bedingungen, die Jürgen Habermas für die Öffentlichkeit formulierte, erstmals realisierbar? Diese lauten: Jeder hat die Möglichkeit, an der Kommunikation teilzunehmen. Dabei kann jedes Thema behandelt werden. Es herrscht Gleichheit zwischen den Teilnehmern, die stets vertrauenswürdig handeln. Das beste Argument wird sich so im freien Diskurs durchsetzen. Habermas bezeichnet eine Kommunikation, bei der diese Bedingungen erfüllt sind als „ideale Gesprächssituation“ (Habermas 1995: 98f. Wijnia 2004, Roesler 1997: 182f., Thompson 2003, Neuberger 2000b: 1). Werden durch Entstehen der Weblogs diese drei Bedingungen für eine „ideale Gesprächsituation“ – offene, gleiche, vertrauenswürdige Teilnahme – erstmals möglich?
Lediglich zehn Prozent der Weltbevölkerung hat Anschluss an das Internet; ein großer Teil ist somit von der Online-Kommunikation ausgeschlossen (Bowman/Willis 2005: 47). Personen mit Online-Anschluss steht seit Entstehung der Weblogs jedoch nichts an einer aktiven Kommunikatorrolle im Wege, da technische und finanzielle Hindernisse weitgehend abgebaut wurden und der Zugang zur Kommunikation nicht an einen bestimmten Ort oder Zeitpunkt gebunden ist.45 Prinzipiell hat ein Blogger die Möglichkeit, die Kommunikation auf seinem Weblog zu kontrollieren, indem er beispielsweise Kommentare löschen kann. Allerdings kann die Kommunikation an anderer Stelle im Internet fortgeführt werden, wo derjenige Blogger keinen Einfluss ausüben kann. Blogger können ihre Leser täuschen; sie handeln nicht immer vertrauenswürdig. Reputationssysteme oder der Kontext dienen jedoch den Rezipienten als Indiz, die Glaubwürdigkeit eines Weblogs einzuschätzen (Wijnia 2004).46 Mit gewissen Einschränkungen scheinen die Bedingungen von Habermas in der Blogosphäre Wirklichkeit geworden zu sein. Wie sich der Umgang mit Weblogs jedoch entwickelt, bleibt abzuwarten.
Fußnote:
45 Als Einschränkung kann das Power Law gesehen werden, nach dem einige Meinungsführer einen Großteil der Kommunikation kontrollieren, vergleiche Kapitel 3.3.3.
46 Inwieweit Leser Weblogs als glaubwürdig ansehen, wird in einer explorativen Studie im Rahmen dieser Arbeit untersucht werden.
Kann man Weblogs als Journalismus bezeichnen? Prinzipiell sind Weblogs bloße Instrumente. Ob sie eine neue Form des Journalismus ermöglichen, hängt von der Umsetzung der Nutzer und damit von den Inhalten ab (Prillinger 2004).
„Der Grundirrtum des Mythos besteht darin zu glauben, daß Öffentlichkeit ein technisches Problem darstellt, das sich mit einem geeigneten technischen Instrumentarium lösen läßt“ (Roesler 1997: 191).
Ebenso meint Hans Magnus Enzensberger (2000: 18):
„Das interaktive Medium (…) bildet schlicht und einfach die Geistesverfassung seiner Teilnehmer ab.“
Der Begriff Journalismus stammt von dem französischen Wort journal, das „täglich“ bedeutet (Branum 2001). Zieht man dies als Definition für den Journalismus-Begriff heran, wären Blogger Journalisten, da sie meist täglich oder sogar mehrmals täglich über das Geschehen in der Welt berichten. Allerdings wird diese Definition dem komplexen Journalismus-Begriff, dessen Charakteristika weit über das tägliche Berichten hinausgehen, nicht gerecht.
Der Journalismus kann auf verschiedenen Ebenen beobachtet werden: als Organisationsform, als Qualifikations- oder Tätigkeitsbündel auf der Akteursebene, als Satz von Berufsnormen und -rollen sowie als Leistungssystem der Öffentlichkeit (Neuberger 2003a: 132). Journalismus wurde bislang meist als professioneller und organisatorischer Journalismus aufgefasst, der an Medienunternehmen gebunden ist und sich an ein Massenpublikum wendet, dessen Mitglieder sich nur ausnahmsweise öffentlich zu Wort melden (Altmeppen 2000: 125). Nach dieser Definition wären Blogger keine Journalisten, da sie nicht professionell organisiert sind und sich Leser durch Kommentare oder eigene Beiträge in den Kommunikationsprozess integrieren. Zu den Tätigkeiten im Journalismus zählen recherchieren, redigieren, selektieren, schreiben und präsentieren (Altmeppen 2000: 133). Blogger nehmen diese Aufgaben durchaus wahr. Bestimmt man Journalismus primär über seine Berufsnormen und Leistungen, so wäre in Bezug auf Weblogs die Einhaltung journalistischer Standards wie Relevanz, Richtigkeit, Ausgewogenheit oder Trennung von Nachricht und Kommentar zu prüfen (Neuberger 2005: 80, Gillmor 2004: 42). Empirische Untersuchungen dazu blieben bislang aus.
Information, Kritik und Kontrolle, Bildung sowie Unterhaltung zählen zu den Funktionen, die der Journalismus erfüllen soll (Altmeppen 2000: 131).
„Die Funktion des Journalismus besteht in der professionellen, autonomen Verbreitung von Informationen zur Herstellung von Öffentlichkeiten als Basis der (politischen) Mitbestimmung“ (Balázs 2005: 5).
Dient dies als Kriterium für den Journalismusbegriff, sind Studien nötig, ob Weblogs „legitimerweise die Selbstbeobachtung der Gesellschaft auf autonomer Basis leisten“ (Altmeppen 2000: 132). Ob Weblogs nun eine Form des Journalismus darstellen, lässt sich bislang nicht sagen. Um dies zu untersuchen, sind Studien nötig, die allerdings erst dann zu einem endgültigen Urteil gelangen sollten, wenn sich die deutsche Blogosphäre hinreichend entwickelt hat.
Inwieweit wird sich der traditionelle Journalismus durch das Aufkommen der Weblogs verändern? Wird er sogar ganz verschwinden und durch einen Bürgerjournalismus ersetzt werden? Befindet sich das Mediensystem am Beginn einer Revolution, da durch Weblogs erstmals alle Forderungen erfüllt werden, die an Journalismus gestellt wurden (Möller 2005, Prillinger 2004, Zerfaß 2005: 3)? Handelt es sich um eine Medien-Reformation (Hewitt 2005)?
„Über die Zukunft des Journalismus herrscht Unsicherheit. Die Zukunftsdeutungen pendeln zwischen Niedergang und Renaissance“ (Altmeppen 2003: 123).
Sicher ist: Ein neues Medium kann sich erst dann durchsetzen, wenn es von den Nutzern als positiv akzeptiert wird (Fromm 2000: 262). In der Forschung werden derzeit verschiedene Szenarien des zukünftigen Einflusses von Weblogs auf den Journalismus diskutiert. Das Verhältnis von Weblogs zum traditionellem Journalismus ist nicht vorhersehbar. In der Vergangenheit gab es bei Voraussagen in der Kommunikationswissenschaft stets Apologeten und Apokalyptiker (Fromm 2000: 258). Und so lauten auch bei Weblogs die möglichen Prognosen: Indifferenz, Ergänzung, Entgrenzung oder Verdrängung. Als wahrscheinlichste Variante wird gesehen, dass Weblogs und der traditionelle Journalismus sich gegenseitig ergänzen und somit zu einem größeren Medienangebot beitragen (Koch/Haarland 2004: 93, Neuberger 2002: 25). Es herrscht eine Komplementärbeziehung. Der traditionelle Journalismus könnte von Weblogs profitieren, da sich die Diskussion nicht mehr um die Frage nach Anzeigenmärkten und Verlagsstrategien drehen wird, sondern um die Qualität de Information (Lorenz-Meyer 2005: 48). Für die Ergänzungsthese spricht auch das Riedl’sche Gesetz, wonach bestehende Medien durch neu aufkommende nicht ersetzt, sondern ergänzt werden:
Alte Publikationsformen werden „auch von den vollkommensten und höchst entwickelten niemals wieder gänzlich und dauernd verdrängt und außer Gebrauch gesetzt werden, sondern sich neben diesen erhalten, nur daß sie genötigt werden, andere Aufgaben und Verwertungsgebiete aufzusuchen“ (Riepl 1913: 5).
Die stetig steigende Internet-Nutzung geht bislang nicht zu Lasten anderer Medien wie Print und Rundfunk. So heißt es in einer Studie von Eimeren und Frees (2005: 376):
„Das Internet wird in den Medienalltag integriert, ohne dass andere Medien verdrängt werden.“
Allerdings ist eine Verschiebung der wahrgenommenen Wichtigkeit der Medien zu beobachten: Die emotionale Bindung der Rezipienten an Tageszeitung und Zeitschriften sinkt, was als ein Anzeichen für einen Rückgang der Nutzung gesehen wird (Schmitt-Walter 2003).
Die Nischentheorie besagt, dass jedes Medium eine Nische besetzt und somit bestimmte Gratifikationen abdeckt und bestimmte Funktionen besser erfüllt als andere Medien. Durch neue Medien kann sich die Breite der Nischen der bestehenden Medien verändern. Die Nutzung der Medien bleibt somit nicht unberührt von neu aufkommenden Publikationsformen (Scherer/Schlütz 2004: 8 ). So haben Tageszeitungen seit dem Aufkommen des Internet Funktionen für die Rezipienten eingebüßt und ihre Nische ist enger geworden (Schmitt-Walter 2003). So ist beispielsweise die Bedeutung von Stellenmarkt oder Wohnungsmarkt für Printmedien durch das Internet gesunken. Wird sich der traditionelle Journalismus somit wandeln, da einige Gratifikationen durch Weblogs besser erlangt werden können? Wird er Eigenschaften der Weblogs übernehmen – sei es Trackback- oder RSS-Funktion oder eine subjektivere Perspektive? Eine mögliche Variante ist auch eine auch Ausdifferenzierung des Journalismus, d.h. auf der Organisations- und Akteursebene finden Veränderungen statt, die Funktionen des Journalismus wandeln sich jedoch nicht (Altmeppen 2000: 134).
Werden Weblogs möglicherweise zu einer wichtigeren Informationsquellen als traditionelle Medien und diese somit (teilweise) verdrängen? Dave Winer, US-Blogger und Software-Unternehmer, hat mit Martin Niesenholtz, Geschäftsführer der New York Times Digital, eine Wette abgeschlossen, ob im Jahre 2007 Weblogs bei einer Google-Suchanfrage zu den fünf wichtigsten Nachrichtenthemen höhere Positionen in den Ergebnislisten erzielen als die Online-Ausgabe der New York Times. Derzeit stehen die Wetten 64 Prozent zu 36 Prozent für Dave Winer.47 Allerdings wird die Variante einer (teilweisen) Verdrängung als unwahrscheinlich angesehen.
Die Forschung hat zur Diskussion des Verhältnisses zwischen traditionellem Journalismus und Weblogs noch kaum Ergebnisse geliefert. In einer explorativen Studie beurteilten Anbieter thematischer Weblogs ihr Verhältnis zum Journalismus (Neuberger 2005): 18,5 Prozent gaben an, Weblogs hätten mit Journalismus nichts zu tun. 28,9 Prozent vermuten, Weblogs werden den traditionellen Journalismus teilweise verdrängen. 83 Prozent der befragten Blogger meinten, Weblogs liefern oft wichtige Informationen, die im traditionellen Journalismus nicht veröffentlicht werden. Zu den Stärken ihrer Publikationsform im Vergleich zum Journalismus zählten die Blogger den leichten Zugang zur Kommunikation, die persönliche Perspektive des Autors, die intensive Diskussion von Themen, die Vielfalt von Meinungen sowie die Aktualität. Dem traditionellen Journalismus wird eingeräumt, eine neutralere Berichterstattung zu bieten, Themen tiefer zu behandeln, relevantere Informationen zu publizieren und mehr auf die Richtigkeit zu achten (Neuberger 2005: 85f.).
In einer Delphi-Studie zur Zukunft des Internet prognostizierten Experten, dass eine „gesellschaftlich bedeutsame Sphäre von Informations-‚Amateuren’“ entstehen werde: 35 Prozent der Befragten stimmten dieser Aussage für das Jahr 2006 zu und 48 Prozent für das Jahr 2010 (Glotz/Meyer-Lucht 2004: 99).
In Zeiten, in denen neue Medien entstehen, fallen Prognosen immer schwer (Neuberger 2000b: 1). So schreibt Fromm (2000: 58):
„Im Rückblick auf die konkreten Orakelsprüche der vergangenen 30 Jahre gilt in der Medienpublizistik der allgemeine Befund, dass die meisten Prognosen falsch waren.“
Die Blogosphäre ist wohl in sich zu unterschiedlich, um sie als einheitliches Konstrukt zu beurteilen. Aber Welch (2003) meint:
„The action at the top ten percent is among the most exciting new trends the profession has seen in a while.“
Ob nun Weblogs das Mediensystem und den traditionellen Journalismus „revolutionieren“ (u. a. Möller 2005) werden oder „demokratisieren“ (u. a. Ito 2004) können, lässt sich noch nicht feststellen. Eine wichtige Voraussetzung für eine Verbreitung der Weblogs lautet: Den Bloggern muss es in jedem Falle gelingen, die Qualität der Informationen transparent zu machen. Nur so können sie Glaubwürdigkeit und Wertschätzung der Rezipienten gewinnen und behalten (Neuberger 2000a: 12f.). Wie es um die Glaubwürdigkeits- und Qualitätseinschätzungen von Weblogs bestellt ist, soll deshalb im Rahmen dieser Arbeit erforscht werden.
Fußnote:
47 Nachzulesen unter http://www.longbets.org/2.
Das Vertrauen der Rezipienten in den Journalismus ist in den vergangenen Jahren gesunken (Weischenberg 2003: 164, Johnson/Kaye 1998: 326). So meint Paul Andrews, US-Blogger und Journalist, zu einer möglichen Rolle der Weblogs:
„I think the Web is actually becoming more credible while the established media are losing ground“ (zitiert nach Lasica 2001a).
Können Weblogs zur Glaubwürdigkeit des Journalismus beitragen oder bewirken sie durch ihre neue Art der Qualitätskontrolle oder ihre Unprofessionalität einen Glaubwürdigkeitsverlust?
Gerade bei einem neu entstehenden Medien-Genre wie den Weblogs hat die Frage nach der Glaubwürdigkeit und Qualität große Bedeutung:
„Past research suggests that people are less likely to pay attention to media they do not perceive as credible“ (Johnson/Kaye: 1998: 334).
Es lässt sich die Prognose aufstellen: Je positiver Weblogs wahrgenommen werden, desto schneller wird ihre Entwicklung und Verbreitung voranschreiten.
Glaubwürdigkeit und Qualität werden in der vorliegenden Arbeit aus Sicht der Rezipienten gesehen. Sie sind somit kein objektives Konstrukt, sondern hängen von der subjektiven Wahrnehmung der Nutzer ab. Es ist oft für den Rezipienten nicht möglich, Informationen bewerten zu können, da es für den Einzelnen nicht durchführbar ist, jede Nachricht zu überprüfen. Nutzer können oft die Qualität der Angebote nicht vollständig einschätzen und verlassen sich deswegen auf die wahrgenommene Glaubwürdigkeit (Neuberger 2002: 37).
Das Problem der Glaubwürdigkeits- und Qualitätsforschung ist: Was ist genau unter den Begriffen zu verstehen? Wie können sie empirisch gemessen werden? Die Forscher sind sich einig, dass sowohl Glaubwürdigkeit als auch Qualität multidimensionale Konstrukte sind (Bentele 1988: 421). Uneinigkeit herrscht jedoch bei der Frage, welche Komponenten diese Konstrukte erklären (Gaziano/McGrath 1986: 451, Wirth 1999: 48).
Im Folgenden wird zunächst ein Überblick über die Glaubwürdigkeits- und Qualitätsforschung in der Kommunikationswissenschaft gegeben. Anschließend sollen an Hand der bisherigen Forschungsergebnisse Kriterien für die Glaubwürdigkeit und Qualität von Weblogs abgeleitet werden.
“If your mother says she loves you, check it out.”
(Ratschlag einiger Verleger für junge Journalisten)
Seit mehr als 50 Jahren beschäftigt sich die Kommunikationswissenschaft mit der Glaubwürdigkeit von Medien und Quellen48 – und dies in recht ausführlicher Weise; denn Glaubwürdigkeit ist ein wichtiger Faktor im Kommunikationsprozess. Die Glaubwürdigkeit eines Mediums spielt bei der Informationssuche eine große Rolle, d.h. bei der Entscheidung der Rezipienten, welchen Medien sie sich zuwenden oder welchen Bereichen der Berichterstattung (Bentele 1988: 407). Nur falls Personen ein Medienangebot als glaubwürdig und qualitativ besser als andere Angebote einschätzen, werden sie es nutzen. Beurteilen sie es dagegen als unglaubwürdig und qualitativ schlecht, werden sie sich bei der nächsten Rezeption mit großer Wahrscheinlichkeit einem anderen Angebot zuwenden.
Zahlreiche Informationen, Einstellungen und Meinungen von Rezipienten basieren nicht auf direkten Erfahrungen, sondern auf dem, was diese über die Medien erfahren (Hovland/Weiss 1951: 635). Da dem gewöhnlichen Rezipienten die Sachkompetenz eines Experten fehlt, um die Richtigkeit der Information zu überprüfen, muss er so viel Wissen wie möglich über den Ursprung sammeln, um zu entscheiden, ob er dieser vertraut (Schütz 1972: 97, Kohring 2002: 90).
„Immer dann, wenn Informationen entscheidungs- oder handlungsrelevant werden, die uns nicht aus eigener Wahrnehmung bekannt sind, stellt sich prinzipiell die Frage der Glaubwürdigkeit“ (Köhnken 1990: 1).
Es besteht somit ein Risiko für die Rezipienten darin, journalistische Angebote als Grundlage des eigenen Handelns zu übernehmen (Kohring 2002: 96). Dieses Risiko versuchen die Rezipienten zu minimieren, indem sie sich Quellen zuwenden, die sie als glaubwürdig einschätzen. Glaubwürdigkeit stellt sich erst im zeitlichen Verlauf ein und muss durch jede neue Aussage eines Kommunikators bestätigt werden. Nimmt der Rezipient eine Aussage als falsch wahr, ist die Glaubwürdigkeit dagegen meist schnell wieder verspielt (Bentele 1988: 408).
Bei der Glaubwürdigkeitsforschung gilt es die drei Richtungen zu unterscheiden: die verhaltensorientierte, die inhaltsorientierte sowie die quellen- und kontextorientierte Glaubwürdigkeitsbeurteilung (Nawratil 1999: 15, Kohring 2004: 18). Bei der verhaltensorientierten Glaubwürdigkeitsforschung steht das nonverbale Verhalten der Kommunikatoren im Mittelpunkt, also Gestik, Mimik oder Stimmhöhe.49 Die inhaltsorientierte Glaubwürdigkeitsforschung beschränkt sich auf inhaltliche Aspekte einer Aussage – also darauf, was gesagt wird, und nicht, wie etwas ausgedrückt wird (Köhnken 1990: 7). Ein Beispiel hierfür ist die Zeugenaussage vor Gericht. Es kommt auf die Widerspruchsfreiheit, Detailreichtum oder Konstanz des Aussageinhaltes an (Kohring 2004: 19). Im Rahmen der Persuasions- und Einstellungsforschung stehen die Quelle und der Kontext einer Aussage im Mittelpunkt.
Es geht darum, „durch welche verhaltensunabhängigen Merkmale des Kommentators (…) Rezipienten zu dem Eindruck gelangen, dass eine Information glaubwürdig ist oder eben nicht“ (Köhnken 1990: 7).
Für den Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit ist vor allem die quellen- und kontextorientierte Glaubwürdigkeitsbeurteilung von Interesse.
Fußnoten:
48 Die Begriffe Quelle, Sprecher, Autor und Kommunikator werden in der Glaubwürdigkeitsforschung synonym verwendet, da sich die Glaubwürdigkeit an der interpersonalen Kommunikation orientiert (Nawratil 1999: 19).
49 Die verhaltensorientierte Glaubwürdigkeitsforschung ist somit – im Gegensatz zur Kommunikation im Fernsehen – für textbasierte Publikationsformen im Internet nicht relevant.
Glaubwürdigkeit kann verstanden werden:
„als prinzipielle Bereitschaft (…), Botschaften eines bestimmten Objektes als zutreffend zu akzeptieren und bis zu einem gewissen Grad in das eigene Meinungs- und Einstellungsspektrum zu übernehmen“ (Wirth 1999: 55).
Glaubwürdigkeit ist immer das Ergebnis eines Zuschreibungsprozesses von Seiten der Rezipienten (Bentele 1988: 408, Gaziano/McGrath 1986: 452, Nawratil 1999: 15). Entscheidend ist somit, was die Rezipienten wahrnehmen. Ob ein Medium oder Beitrag objektiv glaubwürdig ist, lässt sich dagegen nicht bestimmen (Schweiger 1999: 91). Berlo et al. (1969: 565) schlugen deswegen statt Glaubwürdigkeit den Begriff „dimensions for evaluating message sources“ vor. Glaubwürdigkeit ist nicht direkt messbar, sondern ein mehrdimensionales Konstrukt (Bentele 1988: 421). Es muss geklärt werden, auf Grund welcher Faktoren oder Eigenschaften der Quelle die Zuschreibung erfolgt.
Die ersten Untersuchungen zu Glaubwürdigkeit gehen auf die Yale-Gruppe um Carl Hovland zurück. Hovland und Weiss (1951) bestimmten zunächst zwei Dimensionen von Glaubwürdigkeit. Nach den beiden Forschern ist Glaubwürdigkeit eine Funktion der Dimensionen Sachverständigkeit (expertness) und Vertrauenswürdigkeit (trustworthiness). Es handelt sich hierbei einerseits um die dem Kommunikator unterstellte Fähigkeit, richtige Aussagen zu machen, und andererseits um das Vertrauen der Rezipienten in den Kommunikator, richtige Aussagen zu machen (Bentele 1988: 409f., Köhnken 1990: 2). Dabei besteht jede der beiden Dimensionen aus einem Bündel wahrgenommener Eigenschaften wie Kompetenz, Qualifikation und Intelligenz bzw. Unabhängigkeit und Ehrlichkeit (Hovland/Weiss 1951: 635).
Seit 1959 wird in der Medienforschung die so genannte Roper-Umfrage verwendet, um die relative Glaubwürdigkeit verschiedener Medien zu ermitteln.
Es geht darum, „welchen Medientypen wie viel Glaubwürdigkeit zugeschrieben wird und [nicht] welche Gründe hierfür verantwortlich sind“ (Kohring 2004: 42).
Seit den 60er Jahren zeigte diese Befragung einen hohen Glaubwürdigkeitsvorsprung des Fernsehens gegenüber Tageszeitungen, Zeitschriften und Hörfunk (Bentele 1988: 411). Die Dominanz des Fernsehens wird mit dessen Visualität begründet – denn „seeing is believing“ (West 1994: 159). In Deutschland wird seit 1962 mit der Emnid-Umfrage eine an Roper angelehnte Studie durchgeführt. Auch hier wurde eine Dominanz des Fernsehens attestiert (Berg/Kiefer 1996: 252). Allerdings ist festzuhalten, dass sich die Glaubwürdigkeitsbeurteilungen innerhalb einer Mediengattung beträchtlich unterscheiden (Schweiger 1999: 95). So schreiben Rezipienten oft dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk mehr Glaubwürdigkeit zu als dem privaten Rundfunk. Es ist somit für Rezipienten nicht leicht, ihre Beurteilung auf die gesamte Mediengattung – in diesem Falle das gesamte Fernsehen – zu abstrahieren. Der Roper-Umfrage nach der relativen Glaubwürdigkeit von Medien gelingt es nicht, das Konstrukt Glaubwürdigkeit differenziert zu erfassen (Kohring 2004: 50, Wirth 1999: 47). Methodisch ist die Verwendung von multiplen Faktoren vorzuziehen. Und so haben sich nachfolgende Studien bemüht, mehrere Faktoren zu ermitteln, die das Konstrukt Glaubwürdigkeit erklären sollen. Mit Hilfe von semantischen Differentialen – das sind adjektivische Gegenpoolpaare – wurden in Studien versucht, die wichtigsten Dimensionen von Glaubwürdigkeit zu erfassen. Der Glaubwürdigkeitsbegriff wurde zunächst um die Dimensionen Sicherheit und Dynamik erweitert (Berlo et al. 1969: 574). In der Folge wurden bis zu 16 Glaubwürdigkeitsfaktoren bestimmt (z.B. Gaziano/McGrath 1986: 455).
Es herrscht in der Forschung also keine Übereinstimmung, was genau unter Glaubwürdigkeit zu verstehen ist; die Dimensionen für Glaubwürdigkeit variieren von Studie zu Studie (Gaziano/McGrath 1986: 452, West 1994: 160 und Wirth 1999: 48). So wird in einigen Studien trotz der Vielfalt der ermittelten Dimensionen Glaubwürdigkeit weiterhin – wie bei der Roper-Umfrage – eindimensional gemessen oder die Dimensionen werden mehr oder weniger willkürlich auf eine überschaubare Anzahl reduziert – oft auf die beiden Dimensionen Kompetenz und Vertrauenswürdigkeit. Eine klare Definition des Konstruktes Glaubwürdigkeit ist bislang noch nicht gelungen. Die Annahme ist nicht haltbar, dass die Faktoren für Glaubwürdigkeit, die in explorativen Studien extrahiert werden, auch die tatsächlichen Dimensionen des jeweils untersuchten Konstruktes sind.
In der Glaubwürdigkeitsforschung wird ein Faktor als Bündel wahrgenommener Eigenschaften dargestellt, die das gleiche beschreiben. Allerdings treten oft Überschneidungen zwischen den Faktoren auf (Kohring 2004: 25, Wirth 1999: 48). Außerdem hängen die Faktoren sehr von der Anzahl und der Art der Adjektivpaare im Semantischen Differential ab (Nawratil 1999: 29). Oft wirken die Faktoren nicht hinreichend reflektiert, unter anderem auch deswegen, weil in den Studien unzureichend über die Auswahl berichtet wird (Matthes/Kohring 2003: 7). Es herrscht Theorielosigkeit bei der Bestimmung der Dimensionen (Wirth 1999: 52).
„Die tatsächlichen Faktoren dagegen können nur dann als identifiziert gelten, wenn sie zum einen repliziert werden und zum anderen in einen theoretischen Rahmen eingebunden sind“ (Matthes/Kohring 2003: 7).
In der neueren Forschungstradition ist der Versuch zu erkennen, sich auf die Glaubwürdigkeitsdimensionen „trustworthiness“, „accuracy“, „fairness“, „tells the whole story“ und „bias“ zu verständigen, die in einigen Studien auf Validität überprüft worden sind (Meyer 1988: 588 und West 1994: 161).50 Es scheint sich somit schließlich ein Standard zu entwickeln, der Vergleiche innerhalb der Glaubwürdigkeitsforschung erleichtern wird (West 1994: 165, Johnson/Kaye 1998: 328).
Zudem ist anzunehmen und zum Teil auch nachgewiesen, dass nicht nur inhaltliche Merkmale, sondern auch formale und stilistische Merkmale bei der Glaubwürdigkeitsattribution eine Rolle spielen (Bentele 1988: 422, Slater/Rouner 1996: 976). Eine Untersuchung hierzu ist gerade im Internet von Interesse, da es dort eine Vielzahl unbekannter Quellen gibt und somit keine Informationen über die Autoren zur Verfügung stehen.51
Glaubwürdigkeitszuschreibungen sind auch davon abhängig, an Hand welches Bezugsobjektes Glaubwürdigkeit beurteilt wird. In der bisherigen Forschung wurden unterschiedliche Ebenen von Bezugsobjekten für Glaubwürdigkeit eingesetzt (Schweiger 1999: 91). Hovland und Weiß (1951) sahen Medien bzw. Kanäle und Urheber der Aussagen als die Bezugsobjekte. Schweiger dagegen (1999: 91) unterscheidet sechs Hierarchiestufen von Glaubwürdigkeitsattribution: Kommentator, Urheber bzw. Akteur, redaktionelle Einheit, Medienprodukt, Subsystem einer Mediengattung, Mediengattung.52 Zwischen diesen Hierarchiestufen herrscht dabei ein Glaubwürdigkeitstransfer: Rezipienten nutzen die Glaubwürdigkeit eines Medienangebots als Indikator für die Glaubwürdigkeit einzelner Beiträge – oder umgekehrt (Schweiger 1999: 93). Gerade im Internet ist aber eine differenzierte Betrachtung der verschiedenen Publikationsformen und Genres auf diesen Ebenen nötig: Das Internet als Gesamtes ist zu unterschiedlich.
50 Eine deutsche Übersetzung der Begriffe ist schwierig. Im Rahmen dieser Arbeit werden folgende Übersetzungen vorgeschlagen: Vertrauenswürdigkeit, Genauigkeit, Fairness, Informationstiefe und Unvoreingenommenheit.
51 In der vorliegenden Arbeit wird der Einfluss der stilistischen Merkmale, die als Qualitätsdimensionen erfasst werden, auf die Glaubwürdigkeitsbeurteilungen überprüft, vgl. Kapitel 6.5.
52 In Bezug auf Weblogs wären diese: Blogger, Akteur, Beitrag, einzelnes Weblog, Weblogkategorie und die gesamte Blogosphäre.
Die Glaubwürdigkeitsforschung ist seit Entstehung des Internet von besonderer Relevanz: Durch die Vielzahl neuer Informationsquellen müssen Rezipienten verstärkt selektieren, welchem Medium sie ihre Aufmerksamkeit zuteilen. Da der technische und finanzielle Aufwand für einen Internetauftritt relativ gering und durch Weblogs noch geringer geworden sind, kann jeder das publizieren, was er will. Es herrscht völlige Freiheit – soweit nicht das Persönlichkeitsrecht anderer verletzt oder gegen Gesetze verstoßen wird (Schweiger 1999: 96, vgl. auch Kapitel 3.2.1 und 3.3.3). Traditionelle Medien und deren Online-Ableger sind an professionelle Standards und sozialen Druck gebunden, korrekte und unvoreingenommene Informationen zu bieten. Im Internet gilt dergleichen nicht (Johnson/Kaye: 2002: 620). Es tummeln sich zahlreiche Autoren im Internet, die nicht professionell ausgebildet sind oder sich nicht unbedingt an journalistischen Standards orientieren (vgl. Kapitel 3.3.4 und 3.3.5). „Mit dem Autor schwindet auch die Autorität“, meint Enzensberger (2000: 20). Jeder kann publizieren, aber auch den Text anderer kopieren, umschreiben oder plagiieren. Als eine der Folgen kursieren im Internet Gerüchte – so genannte Internet-Märchen oder hoaxes –, die sich im Nachhinein als falsch herausstellen (Plake et al. 2001: 127). So täuschte beispielsweise ein IT-Manager alias Bloggerin Layne Johnson drei Jahre lang tausenden Lesern eine falsche Identität vor (Kneip 2004). Diese hoaxes werden als Gefahr für die Glaubwürdigkeit des Internets gesehen – und sogar von einigen für einen Glaubwürdigkeitsverlust bei den traditionellen Medien mitverantwortlich gemacht (Johnson/Kaye 2002: 620).
Einige kommunikationswissenschaftliche Studien haben sich bereits mit der Glaubwürdigkeit von Informationen aus dem Internet beschäftigt, ohne Weblogs zu berücksichtigen (Johnson/Kaye 1998, Schweiger 1998, Schweiger 1999, Johnson/Kaye 2000, Flanagin/Metzger 2000, Johnson/Kaye 2002). Sie kamen allerdings zu teilweise sich widersprechenden Ergebnissen. Dies liegt zum einen daran, dass die Studien unterschiedlich angeordnet waren: So variierten die Operationalisierung des Glaubwürdigkeitsbegriffs, die Stichprobe oder das Bezugsobjekt.53 Zum anderen ist das Internet ein recht junges Medium, weshalb rasche Einstellungsänderungen keine Überraschung darstellen.
Im Folgenden werden die wichtigsten Ergebnisse zum aktuellen Stand der Online-Glaubwürdigkeitsforschung skizziert: Zunächst ist festzuhalten, dass das Internet offensichtlich nicht unter einem Glaubwürdigkeitsdefizit leidet. Bisherige Studien haben kaum einen Glaubwürdigkeitsunterschied zwischen den traditionellen Medien und dem Internet festgestellt (Schweiger 1998: 138, Flanagin/Metzger 2000: 515, Johnson/Kaye 1998: 330). Flanagin und Metzger (2000: 525) fanden heraus, dass das Internet in etwa für genauso glaubwürdig angesehen wird wie Fernsehen, Radio oder Zeitschriften. Lediglich Tageszeitungen wurden von den Befragten als signifikant glaubwürdiger eingestuft. Andere Forscher kamen sogar zu dem Ergebnis, dass Online-Nutzer Internetquellen für glaubwürdiger ansehen als traditionelle Medien (Johnson/Kaye: 2002: 620).54
Spielt die Mediennutzung eine Rolle bei der Glaubwürdigkeitsbeurteilung? Schweiger (1998: 140) stellte fest, dass diejenigen Rezipienten, die mit dem Internet vertraut sind, die Informationen in diesem Medium für glaubwürdiger halten als unerfahrenen Online-Nutzer. Johnson und Kaye (2002: 634) dagegen ermittelten in ihren Untersuchungen: Je mehr ein Rezipient das Internet nutzt, desto weniger glaubwürdig bewertet er Online-Magazine. Des Weiteren konnte die Transferhypothese bestätigt werden. So attestierte Schweiger (1998: 140): Eine hohe Glaubwürdigkeit der Printprodukte überträgt sich auf die Einschätzung von dessen Web-Angebot. Die Vermutung liegt nahe, dass die Glaubwürdigkeit von der Art der Information – ob beispielsweise über politische oder computertechnische Themen berichtete wird – abhängt. Allerdings konnte dies nicht nachgewiesen werden (Flanagin/Metzger 2000: 529).
Demografische Merkmale der Rezipienten haben wohl kaum einen Einfluss auf die Glaubwürdigkeit des Internets (Johnson/Kaye 2002: 635). Lediglich eine negative Korrelation zwischen Alter und Online-Glaubwürdigkeit zeichnet sich ab: Je älter die Rezipienten sind, desto kritischer stehen sie Online-Nachrichtenmagazinen gegenüber (Johnson/Kaye 2002: 630). Die Beobachtung, dass Frauen und weniger Gebildete die Informationen aus dem Internet für glaubwürdiger halten (Johnson/Kaye 1998: 334), konnte vier Jahre später bereits nicht mehr bestätigt werden (Johnson/Kaye 2002: 631).
Es gibt die These, dass Interaktivität und Transparenz die Glaubwürdigkeit von Medien erhöhen können (Stone 2002). Durch Interaktivität bieten Medien mehr Transparenz für die Nutzer, die erkennen, wie Mediensysteme funktionieren. Dies ermöglicht es den Nutzern, Informationen zu beurteilen. Da Weblogs ein interaktiv ausgerichtetes Medium sind, wäre eine genauere Untersuchung interessant.
Angesichts der Komplexität und Unterschiedlichkeit der Angebote im Internet ist es fraglich, ob Rezipienten das Internet in seiner Gesamtheit angemessen beurteilen können. So bestehen im Internet Subsysteme oder „Medien zweiter Ordnung entstehen“ (Wirth/Schweiger 1999: 46). Eine differenzierte Analyse der Glaubwürdigkeit dieser Subsysteme – bis auf Online-Ableger traditioneller Medien – blieb bislang weitgehend aus. Es überrascht somit nicht, dass zur Glaubwürdigkeit von Weblogs noch keine empirische Befunde vorliegen. Die Glaubwürdigkeitsforschung zur Online-Kommunikation steht noch in ihren Anfängen und so können die derzeitigen Erkenntnisse zur Glaubwürdigkeit des Internets als nicht befriedigend und nicht ausreichend angesehen werden. Es wäre wünschenswert, künftig aussagekräftigere und valide Studien durchzuführen und damit die für die klassischen Medien recht oft gut untersuchte Frage nach der Glaubwürdigkeit auch für das Internet zu beantworten.
Fußnoten:
53 So befragten beispielsweise Johnson/Kaye in ihren drei Studien lediglich Politik interessierte Internetnutzer und Schweiger (1998) nur Studenten der Kommunikationswissenschaft.
54 Diese Ergebnisse widersprechen den Ergebnissen von Berg/Kiefer (1996: 252), die über repräsentative Stichproben verfügten: Dort wurde das Fernsehen als glaubwürdigstes Medium gesehen und dem Internet eine vergleichsweise geringe Glaubwürdigkeit zugesprochen.
Urteile zur Medien-Glaubwürdigkeit werden nicht separat von anderen Faktoren und Einschätzungen gefällt: Rezipienten differenzieren bei der Glaubwürdigkeitsattribution nicht trennscharf und ziehen auch Merkmale eines generellen Medienimages oder Qualitätseigenschaften heran, die eigentlich mit Glaubwürdigkeit wenig zu tun haben (Scheufele 1999: 71f.). Das Konstrukt Glaubwürdigkeit kann von anderen benachbarten kommunikationswissenschaftlichen Konzepten nicht eindeutig abgegrenzt werden; dazu zählen Perceived Realism, Medienimages, Media Reliance und wahrgenommene Informationsqualität (Wirth 1999: 57f.). Diese Konzepte stellen eigenständige, aber sich gegenseitig beeinflussende Konstrukte dar (Wirth 1999: 58). Im Folgenden soll der Zusammenhang zwischen Glaubwürdigkeit und Qualität näher untersucht werden.
Qualitäten eines Medienangebots – also z.B. grafische Darstellung oder Angabe der Quellen – scheinen Einfluss zu haben, für wie glaubwürdig dieses eingeschätzt wird. So überschneiden sich die Konstrukte Glaubwürdigkeit und Qualität bei der Operationalisierung. Eine trennscharfe Unterscheidung ist unmöglich (Wirth 1999: 58).
Wie auch die Glaubwürdigkeit entscheidet über die Etablierung und Durchsetzung eines neuen Medien-Genres nicht zuletzt seine publizistische Qualität – und damit der Mehrwert, den ihm Rezipienten gegenüber den anderen Medien beimessen (Bucher 2000: 153). Je positiver das Qualitätsurteil – ähnlich wie das Glaubwürdigkeitsurteil – über ein Medienangebot ausfällt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Angebot ausgewählt und regelmäßig genutzt wird (Wolling 2004: 174).
Qualität kann allgemein als Eigenschaft oder Güte bzw. Wert übersetzt werden (Breunig 1999: 94). Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht wird Qualität verstanden:
„als eine Eigenschaft (…), die bestimmten Normen entspricht. Diese sind aus einem Wertsystem abgeleitet“ (Schatz/Schulz 1992: 690).
Die Diskussion über journalistische Qualität ist so alt wie die periodische Presse selbst (Wilke 2003: 35). Doch seit etwa fünfzehn Jahren – seit dem Aufkommen des dualen Rundfunksystems – wird die Qualitätsdebatte verstärkt geführt. Nach der grundlegenden Bestandsaufnahme von Schatz und Schulz (1992) wurde eine Reihe von Systematisierungsversuchen unternommen, bei denen Kriterienkataloge entwickelt wurden.
Es gilt dabei, drei Ebenen bei der Qualitätseinschätzung zu unterscheiden: Angebotsebene, Qualitätskriterien und Attributoren (Rössler 2004: 127). Auf der Angebotsebene wird gefragt, welches Objekt hinsichtlich seiner Qualität beurteilt wird. So kann beispielsweise die Qualität einer Mediengattung (z.B. Blogosphäre), eines Medienangebotes (einzelnes Weblog) oder eines Beitrages gemessen werden (Schenk/Gralla 1993: 9). Abhängig vom zu beurteilenden Medienangebot sind auf einer zweiten Ebene eine Vielzahl normativ wie empirischer Kriterienkataloge denkbar, deren Zusammensetzung die erzielten Qualitätsurteile prägt. Schließlich wird festgelegt, wer die Attributoren sind, also wer welche Maßstäbe an welches Objekt anlegt. Zwischen Medienproduzenten, Rezipienten und Forschern besteht dabei meist kein Konsens (Neuberger 2003a: 133, Rössler 2004: 127).55
Qualität ist also – wie Glaubwürdigkeit – kein eindimensionales Konstrukt (Schatz/Schulz 1992: 692, McQuail 1992: 66, Ruß-Mohl 1994: 95f., Weischenberg 2003: 169). Ein Großteil der in bisherigen Studien verwendeten Qualitätsmerkmale können auf die von Schatz und Schutz (1992) entwickelten Dimensionen zurückgeführt werden: Diese sind Vielfalt, Relevanz, Professionalität, Akzeptanz und Rechtmäßigkeit56 (Schatz/Schulz 1992: 693). Dabei werden vor allem allgemeine journalistische Professionalitätsstandards wie Komplexitätsreduktion (Faktentreue, Vereinfachung, Verständlichkeit), Aktualität (zeitliche und Problemaktualität), Originalität (Leseanreiz, Eigenrecherche), Transparenz und Reflexivität (Offenlegen der Berichterstattungsbedingungen, Quellenkritik) sowie Objektivität (Faktentreue, Beachtung der Nachrichtenwerte, Trennung von Nachricht und Meinung, Vielfalt der Perspektiven, Ausgewogenheit, Hintergrundinformationen) genannt (Ruß-Mohl 1992: 85f., Weischenberg et al. 2005: 374). Neben diesen übergreifenden Qualitätskriterien sollten je nach Perspektive und je nach Beurteilungsgegenstand speziell angepasste, zumindest aber unterschiedlich gewichtete Qualitätsmerkmale eingesetzt werden (Rössler 2004: 127).
Fußnoten:
55 Zur Angebotsebene liegen bereits zahlreiche Forschungen vor. Aus der Attributorenperspektive dominiert die der Medienproduzenten, die „receiver use quality“ wird dagegen seltener erhoben (Rössler 2004: 128).
56 Unter Rechtmäßigkeit werden gesetzliche Bestimmungen verstanden, die jedoch nur im regulierten Rundfunk eine nennenswerte Rolle spielen.
Die Qualitätsforschung aus Rezipientensicht, die receiver use quality, stellt die Beziehung zwischen Medieninhalt und Rezipient in den Mittelpunkt – also dessen Kriterien zur Beurteilung von Qualität (Schenk/Gralla 1993: 8, Neuberger 2004a: 39). Qualität ist hier immer mit einer bestimmten Perspektive verbunden (Vowe/Wolling 2001: 219). Qualität ist somit keine Eigenschaft der Angebote selbst, sondern ein Werturteil; sie wird zu einer subjektiven Kategorie.
„Nicht nur das Urteil über Medienqualität, sondern bereits die Erwartung, welche Qualitäten ein Angebot haben sollte, und auch die Wahrnehmung, welche Qualitäten ein Angebot tatsächlich aufweist, sind abhängig von der jeweiligen Subjektperspektive“ (Wolling 2004: 175).
Um die Qualität aus Rezipientensicht zu bestimmen, müssen Eigenschaften abgefragt werden, die für die Beurteilung der Inhalte relevant sind (Schenk/Gralla 1993: 10f.). Die Qualität eines Medienangebots wird somit über das Urteil einer Person über das Angebot an Hand gegebener Kriterien ermittelt (Wolling 2004: 175). Es wird davon ausgegangen, dass auch die objektiven Eigenschaften des Angebots die Wahrnehmung der Qualität beeinflussen (Dahinden et al. 2004: 107). Somit tragen „sowohl das Wahrnehmungsobjekt als auch der Wahrnehmende (…) zum Prozess der Wahrnehmung bei“ (Wolling 2004: 176).57
Qualitätsurteile bestehen einerseits aus der Zuschreibung von Eigenschaften zu bestimmten Objekten und andererseits aus der Bewertung dieser Eigenschaften (Wolling 2002: 203). Qualitätsurteile kann man entweder direkt messen, indem man abfragt, wie die Rezipienten bestimmte Qualitäten eines Medienangebotes bewerten. Dies führt jedoch zu Verzerrungen: Bei den ermittelten Urteilen spielen unter Umständen „nachträgliche Rationalisierungen und Rechtfertigungen der eigenen Rezeptionsentscheidungen“ eine Rolle (Wolling 2004: 182). Eine indirekte Messung ist somit vorzuziehen. Dazu werden die allgemeinen Qualitätserwartungen der Rezipienten mit den von ihnen wahrgenommenen Qualitätseigenschaften in Beziehung gesetzt. Es empfiehlt sich, die Qualitätsurteile durch ein multiplikatives Modell zu errechnen. Das Qualitätsurteil ergibt sich somit aus dem Produkt von Qualitätserwartung und Qualitätswahrnehmung (Wolling 2004: 175 und 182). Ein solches Modell ist mathematisch einfach und erlangt hohe Plausibilität: Eine niedrige Erwartung an ein Medienangebot kombiniert mit der Wahrnehmung, dass ein bestimmtes Angebot diese Qualität nicht erfüllt, führt zu einem schlechten Qualitätsurteil. Eine geringe Erwartung gepaart mit der Ansicht, das Angebot erfülle die Eigenschaft voll und ganz, ergibt ein mittleres Qualitätsurteil. Eine hohe Erwartung kombiniert mit der Wahrnehmung einer Qualität als zutreffend führt schließlich zu einem positiven Qualitätsurteil (ebd.).
Fußnoten:
57 Es stellt sich die Frage, in wie weit subjektiv wahrgenommene und objektiv gemessene Eigenschaften übereinstimmen (Dahinden et al. 2004: 107). Eine solche Übereinstimmung wird als Wahrnehmungsadäquanz bezeichnet. Überprüft wird die Wahrnehmungsadäquanz, indem die subjektiven – durch Befragung gemessenen – Qualitätserwartungen mit den objektiven – durch Inhaltsanalyse gemessenen – Qualitätsmerkmalen verglichen werden (Vowe/Wolling 2001: 102). Die Kennwerte aus einer Befragung werden mit den Qualitätsmerkmalen, die mit einer Inhaltsanalyse ermittelt werden, korreliert.
Der Schwerpunkt der Qualitä