2.1 Entwicklung der Blogosphäre
Über den Ursprung der Blogs sind sich Wissenschaftler und Blogger nicht einig. Susan Herring argumentiert, dass die Mehrzahl der Blogs die Funktion eines Tagebuches erfüllt und deswegen von der Jahrhunderte alten Tradition des handgeschriebenen Tagebuches abstammt (Herring et al. 2004, S. 10). Dagegen behauptet die Blog-Pionierin Rebecca Blood, dass Blogs sich vor allem durch ihre Funktion als Informationsfilter auszeichnen und sich deswegen direkt aus den Linklisten der 90er Jahre, den sogenannten hotlists, entwickelt haben (Blood 2002b).
Über das erste Weblog konnte man sich auch nicht einigen. Einige Blogger behaupten, dass das erste Weblog 1992 von Tim Berners-Lee eröffnet wurde, dem Erfinder des World Wide Web (Winer 2002). Auf seiner Seite veröffentlichte er technische Neuigkeiten über seinen W3-Browser, den er in der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) entwickelte. Andere sehen die Geburtsstunde der Weblogs im April 1997, als der Software-Entwickler Dave Winer seine Webseite Scripting News ins Netz stellte (Nardi et al. 2004, S. 3). Auf Scripting News reflektierte Winer über eine große Bandbreite an Themen. Laut Nardi et al. ist Scripting News das zur Zeit am längsten bestehende Weblog (Nardi et al. 2004, S. 3).
Der Begriff „Weblog“ oder „Blog“ wurde aber erst Ende 1997 vom Programmierer John Barger eingeführt. Massentauglich wurden Blogs erst zwei Jahre später, als die Firma Pyra Labs einen kostenlosen Blogging-Dienst namens blogger.com bereitstellte, der mittlerweile vom Suchmaschinenbetreiber Google aufgekauft wurde. Blogger.com und ähnliche Dienste ermöglichten es auch technisch weniger versierten Nutzern in kurzer Zeit ein eigenes Blog zu eröffnen. Innerhalb von sieben Jahren stieg die Zahl der Blogs von ein paar Hundert auf mehrere Millionen (vgl. Winer 2002).
Dass Blogger nicht mehr eine kleine Gruppe von Computerfreaks sind, sondern eine ernstzunehmende mediale Macht, musste der Star-Journalist des CBS-Nachrichtenmagazins 60 Minutes, Dan Rather, im März 2005 schmerzlich erfahren. Rather hatte seinem Fernsehpublikum gefälschte Dokumente vorgelegt, die beweisen sollten, dass sich US-Präsident George W. Bush während seiner Zeit bei der Nationalgarde einem Befehl entzogen hatte.
Direkt nach der Sendung tauchten im Netz Zweifel an der Echtheit der Papiere auf. Die Folge: Rather musste gehen – als erstes und bedeutendstes Opfer des traditionellen Journalismus. (Bonstein 2005, S. 82ff)
Im Internet wird der Fall in Anlehnung an „Watergate“ auch als „Rathergate“ bezeichnet. In der Watergate-Affäre deckten die Washington Post-Reporter Robert Woodward und Carl Bernstein die illegalen Machenschaften des US-Präsidenten Richard Nixon auf, die zu seinem Rücktritt führten. Die Diskussion, ob kritische, unabhängige Blogger in Zukunft professionelle Journalisten ersetzen werden, wird im Netz seit Jahren leidenschaftlich geführt, zum Beispiel auf Don Alphonsos Weblog Blogbar:
Zwischen Bloggern und schreibenden Journalisten gibt es eine innige Hassliebe. Viele Blogs sind als Reaktion auf etablierte Mediendefizite entstanden.
(Alphonso 2004a, S. 14)
Neben Dan Rather war der amerikanische Fahrradschloss-Hersteller Kryptonite ein weiteres prominentes Opfer, an dem die Bedeutung der Blogosphäre deutlich wird. Die Firma hatte sich nach dem Heimatplaneten des Comic-Helden Superman benannt und war dafür bekannt, unknackbare Schlösser zu produzieren. Im September 2004 gelang es jedoch dem Kryptonite-Kunden Chris Brennan, ein Schloss mit einem Kugelschreiber zu öffnen. Das Ganze nahm er auf Video auf und veröffentlichte es auf seinem Blog www.bikeforums.net. Das Video wurde von Blog zu Blog verlinkt und landete innerhalb von fünf Tagen als Skandal-Bericht in der New York Times (Polgreen 2004). Der Image-Schaden für das Unternehmen war beträchtlich. Die Folge: Viele PR-Abteilungen beobachten mittlerweile die Blogosphäre mit sogenannten „Monitoringtools“, um bei Problemen und Gerüchten frühzeitig reagieren und gegensteuern zu können (vgl. Wolff 2006).
