Nach Heinz Pürer lässt sich die Medienethik in drei Verantwortungsbereiche einteilen (Pürer 2003, S. 144ff): Die Individual-, die System- und die Publikumsethik. Während in der Publikumsethik nach der Verantwortung des Rezipienten gefragt wird, und in der Systemethik das System untersucht wird, in das der Medienschaffende eingebunden ist, beschränkt sich die Individualethik auf die Verantwortung des Einzelnen. In dieser Arbeit wird die Ethik der Blogger einzig aus der individualethischen Perspektive beleuchtet. Es wird gezeigt, an welchen ethischen Grundsätzen sich der einzelne Blogger orientiert oder orientieren sollte, wenn er entscheidet, ob und wie er Informationen publiziert.

Lohnenswert wäre sicher auch ein publikumsethischer Ansatz: Welche Verantwortung haben die Leser eines Blogs, die durch die Kommentarfunktion auf dem Blog die Möglichkeit haben, vom Rezipient zum Sender zu werden? Ein systemethischer Ansatz der Blogosphäre scheint weniger sinnvoll, weil Blogger durch kostenlose Blogger-Software und die weit verbreitete Internet-Technik an kein übergeordnetes System gebunden sind. Wer bloggen will, braucht keine Redaktion, keinen Verlag und keine Druckerei. Das einzige systemethische Korrektiv könnte die Blogosphäre als Ganzes sein, die über Verfehlungen und Verdienste einzelner Blogger diskutiert.

Ingrid Stapf fügt Pürers drei Verantwortungsbereichen noch die sogenannte „Professionsethik“ hinzu. Diese Ethik betont die professionelle und gesellschaftliche Verantwortung und eignet sich laut Stapf besonders für eine Auseinandersetzung mit dem Konzept der Selbstkontrolle (Stapf 2006, S. 12). Da Bloggen im Gegensatz zum Journalismus eine Freizeitbeschäftigung und keine Profession ist, eignet sich dieser Ansatz für das Ziel dieser Arbeit nicht (vgl. Lenhart et al. 2006, S. 2).

Die Adressaten eines individualethischen Ansatzes sind die Personen, die direkt an der Herstellung von Medienprodukten beteiligt sind (Pohla 2006, S. 21). Für diese Personen sollen Normen aufgestellt werden, die das moralisch relevante Handeln im Bereich der Medien steuern sollen. Das Ziel eines normativen medienethischen Ansatzes ist dabei, „wenn nicht gar Allgemeingültigkeit, so doch zumindest eine möglichst breite Zustimmung der jeweiligen Adressaten zu erreichen” (Pohla 2006, S. 20). Ziel eines Ethik-Kodexes für Blogger muss also sein, möglichst viele Blogger davon zu überzeugen, die aufgestellten Normen zu befolgen.

In der kommunikationswissenschaftlichen Literatur werden verschiedene Einwände gegen einen normativ-individualethischen Ansatz genannt. Einer besagt, dass die Medienschaffenden wegen System- und Strukturzwängen in der Medienorganisation nicht die nötige Willens- und Handlungsfreiheit haben, ethische Normen einhalten zu können (vgl. Karmasin 1996, S. 209). Ob die Medienschaffenden diese Freiheit tatsächlich nicht haben, konnte bisher weder bewiesen noch widerlegt werden (Pohla 2006, S. 29). Da es für eine normative Medienethik aber eine Voraussetzung ist, dass Medienakteure in der Lage sind, ihre Entscheidungen von den entsprechenden Normen leiten zu lassen und umzusetzen, weil sie für ihre Handlungen ansonsten nicht verantwortlich gemacht werden können, muss die Willens- und Handlungsfreiheit der Medienschaffenden als Prämisse angenommen werden (vgl. Pohla 2006, S. 30). Da Blogger normalerweise keinen redaktionellen Zwängen unterliegen, darf angenommen werden, dass sie die nötige Willens- und Handlungsfreiheit haben, um ethische Normen einhalten zu können.

Eine weitere These gegen eine normative Individualethik besagt, dass die einzelnen Medienschaffenden die Folgen ihrer Handlungen nicht abschätzen können, weil sie nur einen geringen Beitrag zum Endprodukt beitragen (vgl. Köcher 1985, S. 173ff). Wenn der Beitrag eines Fernsehautors zum Beispiel nach der Mitarbeit von Kameramann, Tonmann und Cutter am Ende auch noch vom abnehmenden Redakteur geändert wird, kann man den Autor dann für den Beitrag verantwortlich machen? Anika Pohla argumentiert, dass jeder Medienakteur für seine Leistung verantwortlich gemacht werden kann, egal wie klein sie ist. Eine unmoralische Recherche sei unabhängig vom Endprodukt unmoralisch (Pohla 2006, S. 35). In der Blogosphäre hat der Blogger auch nur bedingten Einfluss auf das Endprodukt, wenn man dieses als den kompletten Diskussionsstrang definiert, der zusammen mit den Lesern entsteht. Wenn ein Blogger die Kommentare eines Lesers nicht löschen will, was unter Bloggern als Zensur gilt, kann er die Einträge höchstens kommentieren. Trotzdem setzt der Blogger selbst die Themen auf seinem Blog und kann dafür auch zur Verantwortung gezogen werden.

Rainer Leschke führt ein drittes Argument gegen einen normativ-individualethischen Ansatz ins Feld (Leschke 2001, S. 27ff und S. 99ff). Seiner Meinung nach kann eine normative Ethik nur dann funktionieren, wenn sie universelle Gültigkeit besitzt. Warum und von wem sollte sie sonst befolgt werden? Eine allgemeingültige Begründung sei jedoch nicht herzuleiten. Leschke versucht dies durch die Philosophiegeschichte zu begründen, in der noch kein Ethikansatz Allgemeingültigkeit erreicht habe (Leschke 2001, S. 98). Die Konsequenz ist für ihn eine deskriptive Medienethik, in der die Verhältnisse zwar beschrieben werden können, jedoch keinen Einfluss mehr auf das Mediensystem haben (Leschke 2001, S. 215). Pohla kann Leschkes historisches Argument nicht widerlegen, argumentiert aber, dass eine normative Ethik auch dann sinnvoll sei, wenn sie keinen universellen Anspruch habe, weil sie sich auf unbegründbare Prämissen stützen müsse (Pohla 2006, S. 38ff). Wenn es gelinge, Medienpraktiker von den Prämissen zu überzeugen, indem man ihnen beispielsweise die Konsequenzen ihrer Nichtbeachtung aufzeige, könne man auch die Anerkennung der daraus folgenden Normen fordern.

Das Steuerungspotenzial eines medienethischen Ansatzes hängt daher entscheidend davon ab, wie überzeugend die normativen Forderungen letztlich begründet werden. (Pohla 2006, S. 39)

Als Vorgehensweise schlägt Pohla daher vor, zuerst ein Problembewusstsein für moralische Konflikte bei den Medienakteuren zu schaffen und danach einen ethischen Normenkatalog aufzustellen und zu begründen. Normenkataloge oder Ethik-Kodizes haben verschiedene Vor- und Nachteile (Pohla 2006, S. 27). Einerseits bieten sie Journalisten und Bloggern eine grobe Orientierung in moralischen Fragen, sensibilisieren für ethische Konflikte, und haben eine erzieherische Funktion für Anfänger. Andererseits besteht aber auch die Gefahr, dass die Normen zu abstrakt, komplex und unübersichtlich gehalten sind, die moralischen Probleme der Adressaten nicht vollständig abdecken, und nicht überzeugend begründet sind.

Der ideale Ethik-Kodex muss daher konkret, vollständig, systematisch und durch die Rückführung der geforderten Normen auf die dahinter stehenden Werte überzeugend sein (Pohla 2006, S. 28). Im Unterschied zu einem grundlegenden ethischen Wert, ist eine Norm eine „Anwendung eines Wertes auf konkrete Handlungssituationen“ (Pohla 2006, S. 122). In der Literatur hat Pohla neun Werte identifiziert, die sie zur Begründung eines medienethischen Normenkatalogs verwendet. Die Werte sind: Wahrheit, Freiheit, Autonomie, Menschenwürde, Unverletzlichkeit der Person, Gleichheit, Gerechtigkeit, Humanität und Solidarität (Pohla 2006, S. 132). Ihren Normenkatalog passt Pohla an die in der Praxis auftretenden Probleme professioneller Journalisten an (Pohla 2006, S. 116-118). Blogger sind aber keine Journalisten, wie im nächsten Kapitel erläutert wird. Daher brauchen Blogger auch einen eigenen Ethik-Kodex. In Kapitel 3.3 werden drei solcher Kodizes vorgestellt.