Blogger verstehen sich nicht als Journalisten, auch nicht als Amateur-Journalisten. Eine Blogger-Ethik muss daher andere Attribute erfüllen, als eine Journlisten-Ethik. 65 Prozent der Blogger, die in einer breit angelegten Studie von Lenhart et al. befragt wurden, sehen ihren Blog nicht als journalistische Form (Lenhart et al. 2006, S. 3). Eine Studie von Koh et al. hat außerdem gezeigt, dass 70 Prozent der Blogger ihr Blog als eine Art Online-Tagebuch nutzen, um Gefühle, Erfahrungen und Erlebtes zu dokumentieren (Koh et al. 2005, S. 1). Laut Don Alphonso unterscheiden sich Blogger von Journalisten vor allem durch ihre Einstellung:
Es geht fast immer um die radikal subjektive Erfahrung und Weltsicht. (...) Blogger berichten einseitig, parteiisch, sie kommentieren, machen sich lustig und sind mitunter grob bis beleidigend. Sie tun genau das, was man im Journalismus nicht tun darf. Blogs sind der Stoff, aus dem die Alpträume der Chefredakteure gemacht sind. (Alphonso 2004a, S. 41)
In der Blogosphäre hat sich eine eigene Kultur entwickelt, Informationen zu verifizieren. Im klassischen Journalismus selektiert, recherchiert und prüft der Redakteur die Fakten, bevor Informationen publiziert werden. In der Welt der Blogger wird erst veröffentlicht und dann verifiziert. Dieses Vorgehen wird in der Literatur auch collaborative reviewing genannt (vgl. Schmidt 2006, S. 127). Wegen der generell niedrigen Publikationsschwelle im Internet und der potenziellen Anonymität seiner Nutzer eignet sich die Blogosphäre daher als „ideale Brutstätte für die ungeregelte Verbreitung von Klatsch und Gerüchten, Verleumdungen und Lügen, Verschwörungstheorien und Wahnideen“ (Debatin 2003, S. 84). Da die Informationen in der Blogosphäre erst nach der Veröffentlichung überprüft werden, hängt ihre Qualität zu einem großen Teil von den Lesern ab. Mit jedem Kommentar bringen die Leser ein Stück ihres Wissens ein. Im besten Fall kommt die ursprüngliche Information dadurch der Wahrheit mit jedem Kommentar ein Stück näher. Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht funktioniert dieses Prinzip also nur, weil in der interaktiven Anwendung Blog die Steuerungsfunktionen der Produzenten auf die Rezipienten übergehen können. Die Rezipienten können das Angebot beeinflussen und weiterentwickeln.
Im Vergleich zum Journalismus setzt dieses Prinzip aber eine höhere Medienkompetenz der Rezipienten voraus. Je nach Bildungsgrad und Zeitbudget der Rezipienten können „nutzungs- und rezeptionsbedingte Wissensklüfte” zwischen denen entstehen, die die Blogosphäre kompetent und kritisch als Informationsquelle nutzen, und jenen, für die die Blog-Welt ein Sammelsurium ungeordneter und ungeprüfter Daten darstellt (vgl. Debatin 2003, S. 83). Die Blogosphäre ist damit ein weiteres Beispiel für das Digital Divide, „worunter die mit dem Internet entstehenden neuen Formen der informellen Ungerechtigkeit durch Zugangsschranken zu verstehen sind“ (Debatin 2003, S. 81). Im Idealfall können die Leser technisch mit einem Blog und der Kommentarfunktion umgehen, kennen alternative Informationsquellen im Netz, und nutzen diese, um zwischen den verschiedenen Argumenten in den Kommentar-Diskussionen abzuwägen. Laut dem Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger scheint das System zu funktionieren:
Die Informationen und Meinungen, die [die Blogger] publizieren, stehen unter dem Vorbehalt, dass sie von den Nutzern erst noch genauer geprüft werden müssen. Dank der Interaktivität des Mediums ist dies durch formalisierte Bewertungsverfahren oder offen geführte Diskussionen möglich. (Neuberger 2003, S. 10)
Das heißt: Alles, was auf einem Blog zu lesen ist, gilt als vorläufig und unfertig (vgl. Fischer et al. 2005, S. 10). Die Blogger vertrauen also auf die Summe des Wissens in der Blogosphäre und auf ihre Selbstreinigungskraft. Die renommierte britische Wochenzeitung The Economist kommentierte dieses Prinzip der Wahrheitsfindung in einem Artikel mit dem Titel „Who killed the newspaper“ anerkennend:
Der einzelne Blogger mag voreingenommen sein und verleumden, aber als Gruppe bieten die Blogger dem Wahrheitssuchenden grenzenloses Material zum Nachdenken. (k.A. 2006b)
Weil sie ihr eigenes Verifikationssystem entwickelt haben, lehnen die meisten Blogger einen Ethik-Kodex ab, der verlangt, nur gesicherte Informationen zu veröffentlichen (vgl. Koh et al. 2005, S. 11). Eine Bloggerin mit dem Pseudonym „tiffany“ kommentierte den Blogger-Ethik-Kodex-Vorschlag eines amerikanischen Journalisten so:
Ich bezweifle, dass wir einen Ethik-Kodex brauchen. Normalerweise checkt die Blogosphäre Deinen A**** sehr schnell, wenn es nötig ist. Schlechte Informationen und Lügen stellen Deine Glaubwürdigkeit in Frage und machen Dein Blog weniger lesenswert. Eine Art Selbstkorrektur-Phänomen. (tiffany 2005)
Die Blogger, die ein Publikum erreichen wollen, das über den persönlichen Bekanntenkreis hinaus geht, müssen sich bei ihren Lesern Glaubwürdigkeit und Vertrauen erarbeiten. Wer nur haltlose Gerüchte verbreitet, wird auch in der Blogosphäre nur wenige Leser finden. Deswegen machen sich viele Blogger auch einerseits die Mühe, selbst zu recherchieren. In der Umfrage von Lenhart et al. gaben 56 Prozent der Blogger an, sich extra Zeit zu nehmen, um zu versuchen, Fakten zu verifizieren, die sie in einem Beitrag veröffentlichen wollen (Lenhart et al. 2006, S. 4). Andererseits dienen Links zu den Quellen der veröffentlichten Informationen dazu, dass sich die Leser orientieren und die Informationen einordnen können. 57 Prozent der von Lenhart et al. befragten Blogger gaben an, Links zu den Originalquellen „manchmal“ oder „oft“ einzubauen. Laut Don Alphonso dienen Links aber längst nicht mehr nur als Quellenangabe:
Sie sind ein Grundwährungsmittel im Internet geworden. In Zeiten, in denen jeder versucht eine Message an den Mann oder die Frau zu bringen (...), ist jeder Link eine Art Vertrauensbeweis, eine Empfehlung, (…) die mit entsprechendem Respekt behandelt werden sollte. Aus den Verlinkungen entsteht ein Netzwerk, das sich aus Empfehlungen zusammensetzt und damit das bislang vorherrschende System der alten Medien, das auf Vermittlung von Kompetenz und Autorität beruhte, unterbricht. (Alphonso 2004a, S. 326)
Dabei gibt Bernhard Debatin zu bedenken, dass ein Netzwerk aus Empfehlungen noch lange kein Garant für den Wahrheitsgehalt und die Glaubwürdigkeit der Informationen ist.
Durch die Hypertextualität des Webs können beliebige Inhalte unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt in ein selbstreferentielles Netzwerk aus Querverweisen eingebunden werden, was den Anschein gut belegter Wahrheit erweckt. (Debatin 2003, S. 83)
Zuverlässige und standardisierte Wahrheits- und Glaubwürdigkeitsindikatoren haben sich im Internet noch nicht in einem mit dem klassischen Mediensystem vergleichbaren Maße gebildet. In den klassischen Medien haben sich diese Indikatoren zusammen mit dem Selbstverständnis der Journalisten über Jahrhunderte entwickelt. Die heutigen Werte und Moralvorstellungen der deutschen Journalisten sind im Pressekodex festgeschrieben und werden durch den Deutschen Presserat vertreten und überwacht (vgl. Deutscher Presserat 2006). Eine vergleichbare Institution gibt es in der jungen Blog-Welt nicht (vgl. Schmidt 2006, S. 123). Im nächsten Kapitel werden Vorschläge für einen Blogger-Ethik-Kodex diskutiert, die von Bloggern und Journalisten entworfen wurden.
