3.3.1 Jonathan Dube – Vom Journalisten-Kodex adaptiert
Im April 2003 veröffentlichte der bekannte amerikanische Print- und Online-Journalist Peter Dube einen „Bloggers’ Code of Ethics” auf der News-Seite CyberJournalist.net, die von einer Vereinigung professioneller Online-Journalisten getragen wird (Dube 2003). In seinem Vorwort schreibt Dube, dass verantwortungsbewusste Blogger ethische Verpflichtungen haben – auch wenn sie keine Journalisten sind. Er habe deswegen nach dem Vorbild des Ethik-Kodexes der Society of Professional Journalists einen Blogger-Ethik-Kodex entworfen. Blogger, die diese Regeln befolgen, würden ihrem Leser mitteilen, dass sie vertrauenswürdig sind.
Obwohl Dube ein Online-Pionier ist, hat er offensichtlich keine Ahnung über die Mechanismen der Blogosphäre. Dass ein Journalist auf einer Journalistenseite der anarchischen und notorisch Journalisten-kritischen Blogger-Gemeinde einen quasi-journalistischen Ethik-Kodex vorsetzt, muss auf die meisten Blogger arrogant und herablassend gewirkt haben. Durch die explizite Wahl eines Journalistenkodexes als Vorbild für eine Blogger-Ethik suggeriert Dube, dass alle Blogger Amateur-Journalisten seien – was sie nicht sind – und ignoriert außerdem das blogtypische Wahrheitsfindungsprinzip des collaborative reviewing (siehe Kapitel 3.2).
Seinen mit 2600 Zeichen relativ umfangreichen Kodex gliedert Dube in die drei Hauptforderungen „Sei ehrlich und fair“, „Minimiere den Schaden“ und „Sei verantwortlich“. Darin fordert er von den Bloggern, sich wie professionelle Journalisten zu verhalten. Ein Auszug: „Blogger sollten: (...) nie abschreiben, (...) nichts sinnentstellend vereinfachen, (...) niemals falsche Fakten veröffentlichen, (...) niemals Fakten verzerren, (...) Bilder nur wegen der technischen Qualität bearbeiten, (...) Fehler zugeben und berichtigen, (...) die Mission des Blogs erklären, (...) Interessenskonflikte offenlegen, (...) zwischen Kommentar und Meldung unterscheiden, (...) und unethische Blogger verpfeifen“ (Dube 2003).
Die Kommentare zu Dubes Kodex auf CyberJournalist.net sind sowohl positiv, als auch negativ. Interessant sind vor allem die Leser, die den Kodex ablehnen. Ein Leser namens „Rooty“ stellt die Basis von Dubes Kodex in Frage und schreibt, für ihn sei das nichts anderes als Dubes persönliche Meinung. Rooty fragt:
Welches Recht hast Du, dieses ganze Zeug irgendjemandem aufzuzwingen? Wenn ich andere neugierig machen will, dann habe ich das Recht das zu tun. Es gibt kein Gesetz, dass mir das verbieten kann. Bildbearbeitung ist nur zur Verbesserung der technischen Qualität akzeptabel? Werd’ erwachsen! Man kann es auch zum Spaß machen! Am schlimmsten ist, dass Du nicht einmal einen vernünftigen Weg gefunden hast, wie man so eine bescheuerte Liste durchsetzen könnte. (Rooty 2004)
Rooty spricht drei Probleme an. Erstens, hätte Dube seinen Kodex auf die sehr kleine Anzahl von Bloggern mit journalistischem Anspruch beschränken sollen oder einen viel weniger journalistisch geprägten Kodex erstellen müssen. Zweitens, stellt sich die Frage, warum Blogger freiwillig einen Ethik-Kodex befolgen sollten. Und schließlich drittens, ist unklar, wie ein freiwilliger Ethik-Kodex für Blogger im Internet durchgesetzt werden könnte.
Warum sollten Blogger oder andere Medienschaffende freiwillig einen Ethik-Kodex befolgen? Nach Anika Pohla müsste die Antwort lauten, dass die Medienschaffenden davon überzeugt werden müssen, dass es das Beste für sie und die Gesellschaft ist, die Normen des Kodexes zu befolgen. Dies würde aber nur funktionieren, wenn es den Medienethikern gelänge, einen Normenkatalog aufzustellen, dessen Begründung und Rückführung auf die entsprechenden Werte so eingängig wäre, dass die Vorteile jedem Medienschaffenden sofort einleuchten würden (Pohla 2006, S. 39ff). Auf die Frage nach der Durchsetzbarkeit eines Ethik-Kodexes antwortet Pohla:
Mangelnde Durchsetzung einer Norm ist kein Argument gegen die Richtigkeit dieser Norm, weshalb die Formulierung von Normenkatalogen durchaus Sinn hat – selbst wenn sämtliche Normen in der Praxis ignoriert würden. (...) Wo gar nicht erst versucht wird, normative Forderungen an journalistisches Handeln zu stellen, können sie auch nicht befolgt werden. (Pohla 2006, S. 25)
Zwei Jahre nach Dube hat Dan Gilmor seinen ethischen Normenkatalog der Bloggergemeinde vorgestellt.
