Der amerikanische Journalist Dan Gilmor veröffentlichte seinen Ethik-Kodex im „Handbuch für Blogger und Cyber-Dissidenten” der Journalistenvereinigung Reporter ohne Grenzen. Gilmors Kodex sollte aber nicht für alle Blogger gelten, wie er im ersten Satz seines Beitrages erklärt:

Nicht alle Blogger sind Journalisten. Die meisten sind es nicht. Aber wenn sie es sind, sollten sie moralisch einwandfrei arbeiten. (Gilmor 2005, S. 23)

Im Gegensatz zu Dube war Gilmor clever genug, nicht alle Blogger über einen Kamm zu scheren. Leider definiert er in seinem Beitrag jedoch nicht genau, was er unter Bloggern versteht, die journalistisch arbeiten. Man kann nur annehmen, dass er sich damit auf die rund 25 Prozent der Blogger bezieht, die Koh et al. als non-personal Blogger bezeichnen (Koh et al. 2006, S. 1). Die meisten non-personal Blogger sind männliche Erwachsene, die mit ihrem Blog ein größeres Publikum anstreben, mittels externer Fakten informieren und kommentieren möchten, und zum Großteil einen journalistischen Ansatz haben (Koh et al. 2006, S. 12).

Guter Journalismus steht für Gilmor auf fünf Säulen (Gilmor 2005, S. 24): Gründlichkeit, Sorgfalt, Fairness, Transparenz und Unabhängigkeit. Unter Gründlichkeit versteht er, die Leser wenn immer möglich um ihren Input zu fragen. Sorgfalt heiße, Fehler schnell zu korrigieren. Fairness beim Bloggen bedeute, gegensätzliche Meinungen in den Kommentaren zuzulassen. Transparent arbeite der, der zu den Originalquellen linkt und seine persönliche Befangenheit offenlegt. Unabhängig sei der, der sich dem Druck von Unternehmen und Regierungen widersetzt.

Aus journalistischer Sicht sind Gilmors Forderungen verständlich und lobenswert. Das Problem ist, dass man nicht weiß, welche Blogger die Forderungen befolgen und umsetzen sollen. Laut den Politikwissenschaftlern Daniel Drezner und Henry Farrell können in den USA, dem Mutterland der Blogger, weniger als zwei Dutzend Menschen vom Bloggen leben (Drezner et al. 2004a, S. 4). Für die anderen ist es schlicht ein Hobby (vgl. Lenhart et al. 2006, S. 2). Sollten Gilmors Forderungen also auch für journalistisch ambitionierte Hobby-Blogger gelten? Es scheint unrealistisch, dass sich Hobby-Blogger an das von Gilmor skizzierte Regelwerk halten, zudem es das blogtypische Wahrheitsfindungsprinzip des collaborative reviewing ignoriert.