3.3.3 Rebecca Blood – Der erste Blogger-Kodex
Neben den Journalisten Dube und Gilmor hat auch die bekannte amerikanische Blog-Pionierin und Autorin Rebecca Blood einen Ethik-Kodex für Blogger verfasst, den sie in ihrem „Weblog Handbuch“ bereits im Juli 2002 veröffentlichte (Blood 2002b). Blood gehörte zu den ersten Buchautoren, die Blog-Anfängern praktische Tipps gaben. Das „Weblog Handbuch“ ist bis heute das einzige einführende Blogger-Sachbuch, das ein eigenes Kapitel über Blogger-Ethik beinhaltet. Als Insider hat Blood eine andere Perspektive auf die Blogosphäre, als Dube und Gilmor. Im Mai 2003 kritisierte Blood die journalistische Zwangsjacke, die Jonathan Dubes Ethik-Kodex den Blogs überzustülpen versuche:
Weblogs sind keine neue Form des Journalismus und sollten auch nicht anstreben so zu sein. (…) Deswegen habe ich in meiner Weblog-Ethik den journalistischen Standard von Gründlichkeit und Fairness verworfen. Das ist unrealistisch und nicht im Sinne dessen, was wir tun. Der Standard, an dem ich angekommen bin, ist Transparenz. Von diesem Prinzip habe ich alle meine Richtlinien abgeleitet.
(Blood 2003)
In der Online-Zusammenfassung ihres „Weblog Handbuch“ hat Blood ihre Forderung nach Transparenz in sechs Richtlinien gegliedert (Blood 2006). Im Gegensatz zu Dube und Gilmor ist Bloods Entwurf genau auf die Blogosphäre zugeschnitten. Sie stellt realistische und für die meisten Blogger umsetzbare Ansprüche. Da Bloods Richtlinien in dieser Arbeit als Bewertungsgrundlage für die Fallbeispiele im vierten Kapitel verwendet werden soll, werden sie im Folgenden ausführlich besprochen. Bloods erste Regel lautet:
1. Veröffentliche etwas nur als Fakt, wenn Du glaubst, dass es stimmt.
Im Gegensatz zu Dube ist sich Blood bewusst, dass es unrealistisch und bloguntypisch wäre, zu fordern, dass Blogger nur überprüfte Fakten veröffentlichen sollen. Deshalb differenziert sie in ihrer Erklärung zur ersten Richtlinie, dass Blogger auch Gerüchte und sogar falsche Fakten veröffentlichen dürfen, wenn sie ihre Vorbehalte dazu schreiben. Wie angekündigt, stellt sie damit den Wert Transparenz über Wahrheit.
2. Wenn Material online existiert, linke dorthin, wenn Du darauf Bezug nimmst.
Don Alphonso hat gesagt, dass Links das Grundwährungsmittel im Internet und ein Vertrauensbeweis sind. Blood sieht das ähnlich. Für sie sind Links zum Quellenmaterial der Grundbaustoff eines neuen „kollektiven Wissens- und Informationsnetzwerks“ (Blood 2006). Denn die Leser können die vom Blogger veröffentlichten Informationen nur dann richtig einordnen und bewerten, wenn sie die Quelle und damit deren Agenda kennen.
3. Korrigiere jede falsche Information öffentlich.
4. Schreibe jeden Eintrag so, als ob Du ihn nicht verändern könntest; füge hinzu, aber lösche nichts und schreibe keinen Eintrag um.
In diesen beiden Punkten denkt Blood vor allem an die Archiv-Funktion der Blogs. Geänderte oder gelöschte Einträge führen dazu, dass Diskussionen und Entwicklungen später nicht mehr nachvollzogen werden können. Für Blood geht damit „die Integrität des Netzwerkes“ verloren (Blood 2006). Wenn veraltete oder falsche Einträge durch korrigierte Updates ersetzt werden, entsteht die Illusion, die Fehler wären nie geschehen (vgl. Debatin 2003, S. 94). In den Köpfen derjenigen Leser jedoch, die die falsche Information bereits vorher aufgenommen hatten, wird durch eine nachträgliche Änderung oder Löschung der Fehler nicht korrigiert. Zur öffentlichen Dokumentation von Fehlern und Korrekturen schlägt Blood eine Technik vor, die auch von den Bildblog-Betreibern angewandt wird. Mit dem HTML-Befehl <strike> können bestehende Texte im nachhinein durchgestrichen werden. Damit sind sie noch lesbar, aber offensichtlich entwertet. Die Korrektur kann dann mit Sternchen und Datum versehen unter den betreffenden Eintrag angefügt werden.
5. Gebe jeden Interessenskonflikt bekannt.
6. Kennzeichne fragwürdige und befangene Quellen.
Diese Forderungen könnten so auch in jedem journalistischen Ethik-Kodex stehen. Blood argumentiert, dass die Leser eines Blogs ein Recht darauf haben, die wahren Beweggründe eines Bloggers zu kennen. Andernfalls könnten sie eine Information nicht richtig einschätzen. Gleiches gilt auch für fragwürdige Quellen. Zu einem gewissen Grad seien die Nutzer auf Weblogs angewiesen, weil sie ihnen bei der Navigation durch das Internet Anleitung geben. Transparenz schafft Vertrauen, auch in der Blogosphäre.
