3.3 Aus der Praxis: Blogger-Ethik-Kodizes im Vergleich

Der Ursprung ethischer Verhaltensregeln im Internet ist die sogenannte Netiquette. Das Wort ist eine Wortneuschöpfung aus „Net“ und „Etiquette“ und steht für eine Art Internet-Knigge. Der Medienphilosoph Mike Sandbothe nennt die Netiquette auch die „pragmatische Netznutzungsethik” (Sandbothe 1996, S. 2). Laut Sandbothe spiegeln sich in der Netiquette die moralischen Standards der westlichen Industrienationen wider. Das komme daher, dass sich die Netiquette in den 80er Jahren durchgesetzt habe, als das Internet größtenteils von amerikanischen Wissenschaftlern zum Austausch von Informationen genutzt wurde. Die Netiquette – und damit die Netzpraxis – sei daher von den für eine akademische Gemeinde charakteristischen Idealen geprägt worden. Diese seien: Transparenz, der freie Fluss von Informationen, Redlichkeit, Aufgeschlossenheit, Gesprächsbereitschaft, Neugier und Offenheit gegenüber neuen Argumenten (Sandbothe 1996, S. 2).

Eine der grundlegenden Netiquette-Regeln lautet: Vergiss nie, dass auf der anderen Seite ein Mensch sitzt (Djordjevic 1996, S. 1). Diese Regel lässt darauf schließen, dass die Anonymität des Internets von den Nutzern als Problem wahrgenommen wurde. Kommunikationswissenschaftlich lässt sich diese Anonymität dadurch erklären, dass bei der computervermittelten Kommunikation zentrale nonverbale Elemente, wie Mimik, Gestik, Tonfall und Blickkontakt wegfallen. Ohne diese wechselseitigen Wahrnehmungs- und Kontrollmöglichkeiten „kann computervermittelte Kommunikation einen unverbindlichen und anonymen Charakter annehmen“ (Pürer 2003, S. 96-97).

Eine allgemeingültige Netiquette hat es nie gegeben. Jede Netzgemeinde hat ihre eigenen Konventionen entwickelt. Während einige die von Sandbothe beschriebenen Ideale enthielten, waren andere lediglich eine Zusammenfassung von Höflichkeits- und Sprachregeln (Pohla 2006, S. 86). Schon in den 90er Jahren berichteten Autoren darüber, dass die Netiquetten in den jeweiligen Netzgemeinden an Bedeutung verloren und vielen unbekannt waren (Wetzstein 1995, S. 205f). Die Kommunikationswissenschaftlerin Anika Pohla geht davon aus, dass der Großteil der heutigen Internetnutzer die Netiquetten nicht mehr kennt (Pohla 2006, S. 86).

Koh et al. waren 2005 die ersten, die Blogger nach ihren ethischen Ansichten und ihrer Ethik in der Praxis befragten. Dabei zeigte sich überraschenderweise, dass non-personal Blogger und personal Blogger fast die gleichen ethischen Ansichten haben (vgl. Koh et al. 2005, S. 10ff). Für beide Gruppen war das Prinzip Zuordnung wichtiger als Wahrheit, Schadensminimierung und Verantwortung. Das Prinzip der Verantwortung wurde von beiden Gruppen als das unwichtigste eingestuft. Unter Zuordnung fassen Koh et al. die Bereiche Plagiarismus, Anerkennung geistigen Eigentums, und Nennung von Quellen. Verantwortung impliziert, sich dem Publikum gegenüber verantworten zu müssen, Interessenskonflikte offen zu legen, und die Konsequenzen seines Handelns zu tragen. Koh et al. erklären sich die Ergebnisse dadurch, dass Zuordnung beim Bloggen eine Community-bildende Funktion hat. Das schlechte Abschneiden des Prinzips Verantwortung könne von der weit verbreiteten Ansicht herrühren, dass die Menschen im Cyberspace ihre Meinung ohne Konsequenzen verbreiten können. Viele Menschen nehmen das Internet immer noch als rechtsfreien Raum wahr (vgl. Viégas 2005, S. 19).

In der Praxis weichen die personal Blogger von ihren Ansichten ab. Die Mehrheit der personal Blogger stufte das Prinzip Schadensminimierung beim tatsächlichen Bloggen als wichtiger ein als Wahrheit und Zuordnung. Unter Schadensminimierung fassen Koh et al. die Bereiche Achtung der Privatsphäre, Diskretion, Umgangston und Respekt gegenüber anderen Kulturen und unterprivilegierten Gruppen. Wahrheit impliziert dagegen Werte wie Ehrlichkeit, Fairness und Gleichheit. Die non-personal Blogger gaben in Theorie und Praxis die gleichen Prinzipien an. Überraschenderweise stehen beide Gruppen einem Ethik-Kodex für Blogger gleichermaßen skeptisch gegenüber (Koh et al. 2005, S. 12).