Das bekannteste Medien-Watchblog in Deutschland ist das Bildblog, das von den beiden Medienjournalisten Stefan Niggemeier und Christoph Schultheis seit Juni 2004 geführt wird (vgl. Schultheis 2006a). Von Journalisten betriebene Blogs werden in der Literatur auch als J-Blogs bezeichnet (vgl. Schmidt 2006, S. 135). Laut eigenen Angaben klicken sich täglich rund 40.000 Leute durch die Beiträge auf Bildblog, in denen die Macher die „kleinen Merkwürdigkeiten und das große Schlimme“ der größten deutschen Tageszeitung kommentieren (Schultheis 2006a).
Die hohe Qualität der Bildblog-Beiträge wurde bereits durch zwei renommierte Auszeichnungen bestätigt. Die Jury des Grimme-Online-Awards 2005 begründete ihre Entscheidung für das Bildblog mit den Worten:
Die „Enkel“ von Günter Wallraff sind ein steter Stachel für die „Bild“-Redaktion. Auch wenn es nur einen Bruchteil der täglich zwölf Millionen „Bild“-Leser erreicht, ist seine aufklärende Wirkung enorm. Hier sind nicht nörgelnde Besserwisser am Werk, sondern recherche- und pointensichere Journalisten, die ihre Behauptungen sorgfältig prüfen und unterhaltsam präsentieren. (Hagedorn 2005)
Dieser Analyse kann sich Bild-Sprecher Tobias Fröhlich nicht anschließen. Für ihn ist das Bildblog kein Journalismus. „Wenn ich reinschaue, sehe ich hauptsächlich Meinung, Interpretation und Behauptungen”, sagte er dem Autor dieser Arbeit (Appendix A). Von der Qualität des Bildblogs war aber auch der Verein Netzwerk Recherche überzeugt, der für seriöse Berichterstattung im Journalismus kämpft. Bei der Preisverleihung des „Leuchtturm 2005“ würdigte der Vorsitzende des Netzwerk Recherche, Thomas Leif, die Bildblogger mit den Worten:
BILDblog zeigt, was eine unabhängige Medienkritik auf der Basis von verlässlichen Gegen-Recherchen zu leisten vermag. BILDblog deckt Fehler von Europas größter Boulevard-Zeitung auf, gibt BILD-Opfern eine Stimme und sorgt mit dieser Form seriöser Aufklärung für ein Stück unverzichtbarer Informations-Hygiene. (Leif 2005)
Zur Informations-Hygiene brauche die Bild-Zeitung aber laut Fröhlich keine Watchblogger. Die Bild sei ihr eigener schärfster Kritiker. „Wir bekommen Hunderte Leserbriefe und greifen auf ein Netzwerk von mehr als 1000 Journalisten zurück, da bleiben uns keine Fehler verborgen“, sagte Fröhlich (Appendix A). Im Widerspruch dazu ergab eine Stichprobe des Autors dieser Arbeit, dass die Bild Online Redaktion in mehr als 20 Fällen Fehler korrigiert hat, die kurz vorher auf Bildblog beanstandet wurden. Während Fröhlich dabei keinen kausalen Zusammenhang sieht, schätzt Bildblogger Niggemeier, dass 50 Prozent der sachlichen Fehler, die sie finden, von der Bild-Online Redaktion korrigiert werden (Appendix B). In ihrer Kategorie „Kurz korrigiert“ hatten die Bildblogger bis zum 27 November 293 sachliche Fehler von Bild, Bild-Online und Bild am Sonntag aufgelistet.
Das Bildblog ist wegen verschiedener Merkmale untypisch für die deutsche Watchblog-Szene. Es wird hauptsächlich von zwei Medienjournalisten betrieben, die ihre professionellen Standards auf ihr Blog übertragen haben. Auf Bildblog beschreiben die Autoren ihren Ansatz: „Unser Ziel ist es, stets seriös, journalistisch sauber und professionell zu arbeiten“ (Schultheis 2006b). Dabei nutzen sie die Community der Blogosphäre zwar als Tippgeber und Recherche-Assistenten, lassen aber keine Kommentare zu und halten sich nicht an die unter Bloggern typische Publikationspraxis: Die Bildblogger prüfen erst und veröffentlichen dann. Das Bildblog kann daher als ein rein journalistisches Blog bezeichnet werden, dass die technischen Vorteile der Blogosphäre nutzt.
Die von Blood aufgestellten ethischen Richtlinien für Blogger werden von den Bildbloggern alle eingehalten. Die Bildblogger veröffentlichen nur überprüfte Fakten, linken wenn immer möglich zum Originalmaterial und korrigieren eigene Fehler öffentlich, ohne dabei die fehlerhafte Information zu löschen. Mögliche Interessenskonflikte, wie Einnahmen durch Online-Werbung, werden von den Bildbloggern offengelegt. Unausgewogene Quellen, meist die Ableger der Bild-Zeitung, werden als solche benannt und gekennzeichnet.
Überraschenderweise findet auch der Ex-Chefredakteur der Bild-Zeitung, Udo Röbel, das Bildblog „fantastisch“. „Das ist journalistisch perfekt gemacht. Ich würde mir als Chef jeden Tag in den Arsch beißen, wenn die Bildblogger Faktenfehler aufspießen“, sagte er dem Autor dieser Arbeit (Appendix C). Den verantwortlichen Redakteur würde er sich kommen lassen und fragen: „Kannst du mir mal diesen Bockmist erklären?“ (Appendix C). Dass kritische Leser heute die Arbeit der Redakteure in Watchblogs kommentieren, findet Röbel nicht überflüssig, im Gegenteil: „Über Spiegel und Focus könnte man auch ein gutes Blog schreiben“ (Appendix C).
