Obwohl es mehr Watchblogs gibt, die das reichweitenstärkste Online Nachrichtenmagazin Spiegel Online beobachten (vgl. Giesecke 2006, Heiser 2006, Tandler 2006), soll hier ein Vorfall besprochen werden, der den Konkurrenten Focus Online betrifft. Anfang März 2005 fiel dem Blogger Fabian Mohr auf seinem mittlerweile stillgelegten Weblog notebook-onlinejournalismus.de auf, dass Focus Online mehrere CeBIT-Pressemeldungen unverändert als Produktnews veröffentlicht hatte. Die Nachricht verbreitete sich schnell in der Blogosphäre, unter anderem auch auf Blogbar, dem Blog von Don Alphonso (vgl. Alphonso 2005).
Am 14. März 2005 mischte sich ein Leser mit dem Pseudonym „Schniede“ in die laufende Diskussion auf Blogbar ein und schrieb den provokativen Satz: „FOCUS ist wohl die beste Seite im WWW, ihr edlen Verfechter des kritischen Journalismus!“ (Schiechel 2005). Die anderen Leser kommentierten Schniedes Äußerungen mit Verwunderung und bezweifelten seine Objektivität. Schniede antwortete: „Könnte ja sein, dass ich von FOCUS bin – hätte kein Problem damit – die können wenigstens copy & paste“ (Schiechel 2005).
Über sein Pseudonym, seine Rechner-Adresse, die er auf dem Blogbar-Server hinterlassen hatte, und eine Google-Recherche entlarvten die Blogger Schniede gemeinsam als den Münchner Journalisten Alexander Schiechel, der für Focus Online von der CeBIT berichtet hatte. „Ist das peinlich!“, kommentierte ein Blogbar-Leser (stefanolix 2005). Einen Tag später entschuldigte sich die Focus-Chefredaktion auf der Titelseite des CeBIT-Specials dafür, dass
Pressetexte von Unternehmen (…) als FOCUS Online-Produktnews veröffentlicht [wurden]. Aufmerksame Blogger haben uns darauf hingewiesen. Wir haben die betreffenden Texte von der Seite genommen. Die Chefredaktion von FOCUS Online bedauert die Fehler. Sie entsprechen nicht den journalistischen Standards von FOCUS Online. (Heinze 2005)
In diesem Fall hat das Prinzip der kollektiven Wahrheitsfindung (siehe Kapitel 3.2) funktioniert. Jeder Blogger hat seine Rechercheergebnisse beigesteuert, bis der Journalist Alexander Schiechel als Übeltäter entlarvt wurde. Die Diskussion hält auch dem Vergleich mit Bloods ethischen Richtlinien stand. Die Blogger haben nur das veröffentlicht, was sie als Fakten recherchiert hatten. Zu den recherchierten Quellen, wie dem Blog von „Schniede“ oder den Veröffentlichungen Schiechels auf Focus Online, haben die Blogger verlinkt. Falsche Informationen wurden von Seiten der Blogger nicht verbreitet, es gab folglich auch keine Korrektur. Korrigiert hat sich lediglich Schiechel, der die Referenz zu Focus Online von seinem Blog löschte, als ihm die Blogger auf die Schliche gekommen waren. Interessenskonflikte tauchten lediglich zwischen Bloggern und Schiechel auf, der seine Anonymität wahren wollte. Und auch über die Aussagekraft von Quellen haben die Blogger diskutiert, als der Betreiber von Blogbar, Don Alphonso, die Computer-Adresse Schiechels veröffentlichte und dem Münchner Zugang des Internetproviders von Focus Online zuordnete (vgl. Alphonso 2005). Nach Bloods Kriterien sind die Blogger also moralisch einwandfrei vorgegangen.
