Im Gegensatz zum Bildblog beobachtet der Pantoffelpunk nicht ein Medium oder eine Organisation, sondern berichtet kritisch über Aktuelles aus Politik und Gesellschaft (G. 2006a). Im Januar 2006 sind dem Pantoffelpunk-Betreiber G. Ungereimtheiten im Nachrichtenmagazin Focus aufgefallen. G.s Pantoffelpunk-Beitrag über einen Focus-Bilderfake schwappte durch einen großen Teil der Blogosphäre und führte zu einer intensiven Diskussion über die Ethik und Verantwortung von Bloggern.

Am 23. Januar hatte G. auf seinem Blog einen Beitrag mit dem Titel „Fakten Fakten Fakten und immer an die Auflage denken“ veröffentlicht (G. 2006b). Darin beschuldigte er Focus, in der Ausgabe 52 vom 23. Dezember 2005 ein gefälschtes Bild von den Auswirkungen des Tsunamis in Thailand abgedruckt zu haben. Focus hatte in einem Artikel mit dem Titel „Hoffen, beten, weiterleben“ zwei großflächige Bilder eines Restaurants gedruckt (Markwort 2005, 138ff). Laut Unterzeile zeigte Bild eins das Restaurant direkt nach der Zerstörung, Bild zwei dasselbe Restaurant – wieder aufgebaut – ein Jahr später. G. bewies in seinem Beitrag durch einen detaillierten Vergleich der Schattenverläufe, dass eines der beiden Fotos falsch datiert sein muss:

Langsam glaubte ich, Herr Markwort will den Leser hier mit falschen Fakten falschen Fakten falschen Fakten verarschen. Es scheint mir doch, dass diese Bilder aus dem selben Jahr stammen. Und wenn ich mir die Schatten der Lampen so ansehe beschleicht mich der Verdacht, dass das Foto aus 2005 mal gerade 15 Minuten vor dem Foto aus 2004 gemacht wurde. (G. 2006b)

Bekannte Blogger wie Don Alphonso und Schockwellenreiter (Kantel 2006) lobten G.s Eintrag in ihren Blogs und verwiesen auf den scheinbar aufgedeckten Skandal. Der Blogger und Netzeitung-Journalist Peter Schink fand jedoch heraus, dass die Focus-Redaktion den Fehler bereits zwei Wochen vor G.s Blog-Eintrag bemerkt und veröffentlicht hatte. Ein Leser namens Manfred Schiffers hatte in einem Leserbrief in Heft 3/06 bemerkt, dass die Fotos die „gleichen Bäume, die gleichen Schatten“ zeigen und daher aus dem selben Jahr stammen müssten (Schiffers 2006, S. 107). Unter den Leserbrief druckte die Redaktion den folgenden Kommentar:

Anm. d. Red.: Sie haben Recht, wir sind einer falschen Beschriftung auf dem Foto aufgesessen. Es handelt sich tatsächlich um eine Aufnahme, die kurz vor der Flutwelle entstanden ist. Wir entschuldigen uns für den Fehler. (Schiffers 2006, S. 107)

Schink echauffierte sich in seinem Weblog Blog Age darüber, dass die Blogger den vermeintlich neuen Skandal ungeprüft verbreitet hatten (Schink 2006). Das sei um so gefährlicher, weil immer mehr Journalisten in Blogs recherchieren und die Gerüchte damit in die klassischen Medien dringen würden:

Insgesamt mehr als zwei Dutzend Blogs dazu habe ich schon zum Thema gefunden. Schon schwach. Ich stelle mich zwar nicht auf den Standpunkt, dass für Blogger die absolute journalistische Sorgfaltspflicht gilt. Aber wenn man so schwere Anschuldigungen erhebt, sollte man schon ein bisschen mehr nachdenken, bevor man sowas in die Welt pustet. (Schink 2006)

Der Journalist Schink meint, dass Blogger zwar nicht nach journalistischen Maßstäben zu messen seien, es aber doch irgendwelche Maßstäbe geben müsse. Damit stellt Schink die Frage nach einer Blogger-Ethik: Wie sorgfältig müssen Blogger vorgehen, wenn sie andere angreifen? Mehrere Blogger nahmen zu Schinks Vorwürfen Stellung. Der bekannte Blogger Sven Scholz lehnte Schinks Ruf nach mehr Sorgfalt ab:

Was Peter Schink da von den Bloggern fordert, geht völlig an der Realität des sowohl machbaren als auch nötigen vorbei. Wer was verbockt darf seinen Mist schon schön selbst wieder wegräumen. (…) Klar, schöner wär’s, es würden ein paar Leute mehr begreifen, dass Bloggen ein „kultureller“ Beitrag ist und keiner des „Business“. Und damit unter völlig andere Bewertungsmaßstäbe fällt wie alles, was sich „Professionell“ nennt. (Scholz 2006)

Aus Schinks Beitrag geht zwar hervor, dass Blogs mit „anderen Bewertungsmaßstäben“ als professionelle Journalisten gemessen werden müssen. Welche Maßstäbe das sein könnten, bleibt aber unklar. Ein Blogger-Ethik-Kodex könnte diese Lücke schließen. Der Journalist Schink führt in der Diskussion seinen Gedanken von den zu wenig sorgfältig vorgehenden Bloggern weiter aus und stellt ihre Glaubwürdigkeit in Frage:

Es geht viel mehr darum, dass sich Blogger unglaubwürdig machen, wenn sie Müll ungefragt weiter verbreiten. Pantoffelpunk war ja nur der Anfang. Er fühlte sich als Skandal-Aufklärer, und alle anderen fanden es auch eine große Leistung. Dabei war die Geschichte schon längst aufgeklärt. (Schink 2006)

Auf eine Meta-Diskussion über die Frage, wann ein Blogger „Müll“ verbreitet und wann nicht, ließen sich die Blogger nicht ein. Diese Frage könnte ein Ethik-Kodex für Blogger beantworten. Stattdessen verteidigten Blogger wie Iris Bleyer weiter G.s Vorgehen:

Wieso, hat sich der Pantoffelpunk etwa Deiner Ansicht nach unglaubwürdig gemacht, weil er den Müll des FOCUS weiterverbreitet hat? (…) Also bei mir nicht. Denn der FOCUS-Bilderfake ist doch wohl tatsächlich so gelaufen, wie von ihm beschrieben. Das einzige, was man ihm vorwerfen könnte ist, dass die Entdeckung des Fakes nicht neu war. Aber Du willst doch wohl nicht ernsthaft von uns Bloggern auch noch tagesaktuelle Berichterstattung verlangen, oder? (Bleyer 2006)

Das Fallbeispiel Pantoffelpunk zeigt ähnlich wie im Fall des enttarnten Journalisten Alexander Schiechel (siehe Kapitel 4.2), dass die blogtypische kollektive Wahrheitsfindung zu funktionieren scheint. G. veröffentlichte seine These und präsentierte Beweise. Andere Blogger und Journalisten recherchierten weiter und vervollständigten das Bild.

Legt man Bloods ethische Maßstäbe an, kann G. nur ein Vorwurf gemacht werden. Die Information, dass der Bilder-Fake schon in einem bereits erschienenen Focus-Heft korrigiert worden war, veröffentlichte G. zwar in einem neuen Beitrag mit dem Titel „Fakten Fakten Fakten und ab und an die Leserbriefe lesen“ (G. 2006c). Problematisch ist dabei aber, dass G. die falschen Informationen im ursprünglichen Beitrag nicht korrigierte (vgl. G. 2006b). Damit war es möglich, dass andere Blogger den alten Beitrag mit den Falschinformationen weiter verlinkten, was auch bis zum 29. Januar geschah. Obwohl G. den ursprünglichen Beitrag nicht korrigiert hat, muss positiv bemerkt werden, dass er ihn auch nicht kommentarlos geändert oder gelöscht hat. Die Verantwortung für sein Handeln hat G. also übernommen. Seine Rechercheergebnisse hatte er vorbildlich mit aus dem Focus gescannten Bildern belegt, also einen direkten Verweis auf die Originalquelle gesetzt. Interessenskonflikte und unausgewogene Quellen spielten in der Diskussion keine Rolle.