4 Blogger-Ethik in der Praxis
In der Praxis spielt Ethik für deutsche Blogger eine untergeordnete Rolle. Diesen Eindruck gewinnt man zumindest bei der Suche nach einem Kapitel über Ethik in entsprechenden Sachbüchern für Blog-Anfänger. In Dirk Olbertz’ als Einführung gedachtes „Blog-Buch“ gibt es immerhin das kurze Kapitel 5.2 „Netiquette“ (Olbertz 2004, S. 122-123). Überraschenderweise empfiehlt Olbertz dem Leser hier, er solle auf korrekte Rechtschreibung achten – auch im Internet. Außerdem schlägt er noch zwei konkrete Verhaltensregeln vor:
Erstens, wenn ein Nutzer einen interessanten Link von einer Seite kopiert, soll er auf seinem Blog erwähnen, wo er ihn gefunden hat. Zweitens, statt einen Kommentar zu entfernen, dessen Inhalt dem Nutzer nicht gefällt, soll er darauf antworten. In stark verkürzter Form sind das immerhin zwei der sechs ethischen Richtlinien, die Rebecca Blood in ihrem „Weblog Handbuch“ vorstellt (vgl. Blood 2002b). Im Gegensatz zu Olbertz, versucht Blood aber ihre aufgestellten Normen zu begründen und auf den Wert „Transparenz“ zurückzuführen. Wie in Kapitel 3.1 besprochen, hat eine normative Ethik in der Praxis nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn sie gut und überzeugend begründet ist.
Über die Gefahr, mit unbedachten Äußerungen Persönlichkeitsrechte zu verletzen, liest der Blog-Einsteiger dagegen weder bei Olbertz noch bei Blood. Dabei ist jeder dritte Blogger schon einmal wegen Äußerungen auf seinem Blog in Schwierigkeiten geraten, wie die Soziologin und Informatikerin Fernanda Viégas in einer Umfrage unter 486 Bloggern herausfand (Viégas 2005, S. 19). Die von Viégas befragten Blogger waren sich zwar bewusst, dass sie für das, was sie online veröffentlichen, haften. Trotzdem glaubten die Blogger gleichzeitig nicht, dass andere sie wegen dem, was sie auf ihren Blogs geschrieben haben, verklagen können. Wenn Blogger die von Blood postulierten sechs ethischen Richtlinien befolgen würden, wären sie zumindest rechtlich besser geschützt.
Im Folgenden werden drei Fallbeispiele aus der deutschen Watchblog-Szene nach den ethischen Richtlinien Bloods untersucht, die in Kapitel 3.3.3 vorgestellt wurden. In Kapitel 2.3 wurde bereits erläutert, dass Watchblogger sich vom prototypischen Blogger unterscheiden. Da sie sich das Ziel setzen, Politiker, Medien oder Unternehmen zu beobachten, also über etwas anderes, als ihr eigenes Leben zu berichten, gehören sie zu den rund 25 Prozent der Blog-Filter oder non-personal Blogs (vgl. Blood 2002b, Koh et al. 2005). Statistisch gesehen sind Watchblogger also vor allem formal höher gebildete männliche Erwachsene, die durch Kommentierung und die Recherche von Informationen ein größeres Publikum erreichen wollen, und zumindest einen quasi-journalistischen Anspruch haben (vgl. Koh et al. 2005, Kuhn 2005).
