Die zwei Seelen in meinem Blog: Wie die deutsche Blogosphäre zu zerbröckeln droht

13. June 2007 - 22:36 -- Lisa Sonnabend

Beim Geld hört bekanntlich die Freundschaft auf – so auch in der Blogosphäre. Die spaltet sich nämlich in zwei Lager, seit einige Blogger sich in den Kopf gesetzt haben, mit ihrem Blog an Geld zu kommen.

Die einen hoffen, dass Bloggen ein richtiger Beruf wird, die anderen fürchten, dass die Blogosphäre dabei ist, sich selbst zu demontieren, weil Kommerz dem Sinn der Blogosphäre widerspreche.

Hoch waren die Erwartungen in Weblogs, als sie vor einigen Jahren in den Fokus der Öffentlichkeit rutschten. Blogs galten als das demokratischste aller Medien: Jeder hat wegen der einfachen Bedienung von Weblogs die Möglichkeit bekommen, öffentlich seine Meinung zu äußern – und dank der starken Vernetzung von Blogs auch Gehör zu finden. Viele prophezeiten eine nie gekannte Meinungsvielfalt. Denn Blogger würden im Gegensatz zu professionellen Journalisten unabhängig von Werbekunden, PR-Agenturen und Verlegern berichten können. Doch dieser Traum scheint nun ausgeträumt.

Werbung in Blogs gibt es schon seit Beginn der Entwicklung: Viele Blogs schalten kontextbezogene Google-Anzeigen oder verdienen Provisionen mit Links zu Partnerprogrammen wie Amazon. Doch das große Geld lässt sich so nicht verdienen. Deswegen nahm die Dreistigkeit beim Versuch, Einnahmen zu erzielen, zu.

Einige Blogger haben sich wochenlang mit einem Opel aushalten lassen und begeisterte Fahrberichte geschrieben, andere sind in eine von Coca-Cola gesponserte WG gezogen und haben von dort aus über die Fußball-WM berichtet.

Die Firma Trigami zahlt Bloggern Geld, wenn diese über bestimmte Produkte schreiben. Zwar müssen die Beiträge gekennzeichnet sein, doch wer liest einen Artikel schon bis zur letzten Zeile? Andere betreiben gleich Schleichwerbung, indem die Beiträge gar nicht erst als Werbung ausgegeben werden.

Und das alles scheint nur der Anfang: Unternehmen entdecken Blogs erst langsam als ideale Werbefläche. Sie erreichen eine recht junge, gut gebildete und meinungsstarke Zielgruppe. Das Unternehmen bekommt ein authentisches und hippes Image. Zudem kann es neue Werbeformate – wie kommentierbare Banner – testen. Virales Marketing nennen die Firmen das.

Wie die Blogosphäre sich durch den Einzug des Kommerzes entwickeln wird, ist noch unklar. Die zwei Pole, die sich gebildet haben, scheinen unversöhnlich.

Auf der einen Seite die Gruppe um Sascha Lobo, Blogger bei der Riesenmaschine und Autor des Buches "Wir nennen es Arbeit – Die digitale Bohème". Lobo hat im April die Blog-Vermarktungsagentur Adical gegründet. Die Idee: Blogger schließen sich zu einem Verbund zusammen, um Werbern eine attraktive Plattform zu bieten. Die bislang 30 Blogs bei Adical haben zusammen etwa drei Millionen Seitenaufrufe pro Monat. Mit dabei sind viele bekannte Blogger: Stefan Niggemeier mit seinem Bildblog oder Johnny Häusler mit Spreeblick.

Auf der anderen Seite stehen Blogger wie Don Alphonso, die die neue Spezies der kommerziellen Blogger als "unsägliche PR-Pfuscher", "zwielichtige Meinungsführer" oder einfach "Hanswurste" bezeichnen. Don Alphonso wirft Lobo & Co. vor, Bloggen vor allem als Cashcow zu begreifen. Er meint: "Ich würde mir nicht bei jedem Satz überlegen wollen, ob ich das jetzt für meine Leser oder für das Geld schreibe."

Sascha Lobo tut die Kritik als eine Art Wachstumsschmerz der Blogosphäre ab: "Eine Subkultur auf dem Weg zur Kultur bäumt sich auf." Die Blogosphäre sehe sich mit den gleichen Problemen konfrontiert, die jede Subkultur habe, wenn sie in einem Bereich der Gesellschaft ankomme, der mit Kommerzialisierung und Professionalisierung zu tun habe, meint Lobo. "Das ist wie bei Punkmusik und Skateboardfahren."

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