Medienkompetenz und kritische Rezeption: Wikipedia in der Schule

26. September 2006 - 12:57 -- Maximilian Sterz

Gedruckte Nachschlagewerke kommen bei Schülerinnen und Schülern immer mehr aus der Mode. Auf die Schnelle "zusammengegoogelte" Referate und Thesenpapiere, die dem entsprechenden Wikipedia-Artikel zum Verwechseln ähnlich sehen, dürften mittlerweile weit verbreitet sein und zum schulischen Alltag gehören:

In einer unter Schülern einer 12. Jahrgangsstufe durchgeführten Umfrage hatten 63 Prozent der Befragten angegeben, Wikipedia oder Google seien ihre erste Wahl unter den Informationsquellen zur Unterrichtsnachbereitung. Gedruckte Nachschlagewerke landeten hingegen bei nur 21 Prozent.
(Quelle: wikimedia.de)

Um eine kritische Nutzung von Online-Quellen zu fördern, fand am Freitag, den 22. September 2006 am Hildesheimer Gymnasium Adreaneum ein Aktionstag mit vielen Workshops für Schüler der 12. Jahrgangsstufe, Lehrer und interessierte Eltern statt, wobei speziell die Wikipedia-Nutzung im Zentrum des Interesses stand.

Aufklärungsarbeit über die Funktionsweise des auf inhaltlicher wie auf sozialer Ebene komplexen Wikipedia-Projekts scheint auch dringend geboten, will die Online-Enzyklopädie nicht letztlich von ihrem überwältigenden Erfolg überrannt werden.

Denn die teilweise stark divergierende Qualität der gemeinschaftlich erstellten Artikel ist seit jeher das Hauptargument der Wikipedia-Kritiker, die das kostenlose Nachschlagewerk gerne auch mal mit einer öffentlichen Toilette vergleichen. Schließlich wisse man in beiden Fällen nie, wer vorher schon alles da war, wie der ehemalige Chefredakteur der Encyclopaedia Britannica Robert McHenry bereits 2004 polemisierte:

The user who visits Wikipedia to learn about some subject, to confirm some matter of fact, is rather in the position of a visitor to a public restroom. It may be obviously dirty, so that he knows to exercise great care, or it may seem fairly clean, so that he may be lulled into a false sense of security. What he certainly does not know is who has used the facilities before him.
(Robert McHenry: The Faith-Based Encyclopedia, 2004)

Zwar geht McHenrys Kritik ein wenig am Ziel vorbei, da sich prinzipiell jede Änderung eines Wikipedia-Artikels (und damit die vollständige Textgenese) über die Versionsgeschichte nachvollziehen lässt - dennoch dürfte diese grundsätzlich vorhandene Transparenz bei der schnellen Suche nach Informationen im Netz nur selten genutzt werden. (Mehr zur technischen Funkionalität von Wikis.)

So steht den kritischen Stimmen von Fachleuten und den Verfechtern klassischer Enzyklopädien eine rasant wachsende alltägliche - und v.a. pragmatisch orientierte - Nutzung der Wikipedia gegenüber, die sich natürlich auch an den Schulen und Universitäten massiv niederschlägt.

Die Förderung von Medienkompetenz im Umgang mit kollaborativ erstellten Textformen, an deren Produktionsprozess Experten ebenso wie Laien, anonyme, pseudonyme und möglicherweise auch kontraproduktiv agierende Autoren beteiligt sind, wird in Zukunft einen wesentlich höheren Stellenwert in den Lehrplänen einnehmen müssen.

Zu einer kritischen Rezeption von Wikipedia-Artikeln gehört vor allem ein Bewusstsein dafür, dass sich durch die Produktionsbedingungen in Online-Medien auch Falschinformationen leicht weitervererben können (man denke an die beliebte Texterstellung per copy/paste oder an die mögliche "Mitübersetzung" von Fehlern aus fremdsprachigen Wikipedia-Ablegern).

Medienkompetenz im Umgang mit Wikipedia-Quellen beweist sich nicht zuletzt auch durch das Wissen um die Möglichkeit, im Zweifelsfall einen Blick auf die Hintergründe der Textproduktion werfen zu können: So sind die Diskussionsseiten zu kontroversen Themen manchmal sogar aufschlussreicher als die Artikel selbst.

Diese Transparenz der Produktionsbedingungen kann vielleicht sogar als entscheidender Mehrwert gegenüber statischen Enzyklopädien betrachtet werden - wenngleich die Praxis anonymen und pseudonmyen Publizierens bei Wikipedia im Extremfall zu einem regelrechten Kommunikationschaos führen kann. (Vgl. Troll oder nicht Troll?: Der Fall "Thomas7"). Hinter dem einzelnen Wikipedia-Artikel - der als Konsensprodukt dem Gebot der Neutralität unterliegt - verbirgt sich meist ein vielstimmiger Chor unterschiedlicher Meinungen und damit oftmals ein hohes Konfliktpotential. Auch diesen Aspekt kollektiven Schreibens gilt es an den Schulen zu vermitteln.

Unabhängig von wiederkehrenden Qualitätsdiskussionen wird die Online-Enzyklopädie Wikipedia weiter expandieren und sich zum weltweit meistgenutzten Nachschlagewerk entwickeln. Angesichts dieser Tendenz kann man nur hoffen, dass der Hildesheimer Aktionstag - im wörtlichen Sinne - bald Schule machen wird.

Kommentare

Ist es ein Kommunikationschaos, wenn man darauf aufmerksam macht, dass interessierte Gruppen, wie Burschenschafter und reaktionäre Studentenverbindungen Artikel "ihre" Artikel in der deutschen Wikipedia schönfärben? Ein lesenswertes Buch kommt von Günter Schuler: Wikipedia Inside. Dort kann man nachlesen, wie in der deutschen Wikipedia manipuliert wird. Schöne Grüße, Thomas7