2.1 Zur Problematik von Autorkonzepten

Während der Autor im alltäglichen Umgang mit Literatur ein nur selten hinterfragtes Ordnungsprinzip darstellt, „um literarische Äußerungen so in Kontexte einzubetten, dass sie verstehbar sind und handlungsrelevant werden können“,18 gehört die Frage nach den historischen Modellen und systematischen Perspektiven von Autorschaft zu einem der umstrittensten Themen der aktuellen literaturwissenschaftlichen Diskussion.

Die bis heute wirkungsmächtigste Infragestellung der Kategorie ‚Autor’ fand im Rahmen der poststrukturalistischen Debatten gegen Ende der 1960er Jahre statt:

Roland Barthes proklamierte den „Tod des Autors“. Er ersetzte ihn durch das Konzept eines Schnittpunkts von Diskursen und knüpfte damit an Julia Kristevas Verabschiedung des Autors zugunsten einer universalen Intertextualität an. Zur selben Zeit überführte Michel Foucault die Instanz des individuellen Autors in eine auf die Epoche der Moderne begrenzte diskursive Funktion.19

Die radikale Verabschiedung des Autors als Verstehensnorm trug nicht immer zu einer differenzierten Auseinandersetzung bei. Vor allem Roland Barthes’ mittlerweile zum Topos avancierte Diagnose vom „Tod des Autors“20 entwickelte in den kulturwissenschaftlichen Diskursen ein gewisses Eigenleben, das mitunter zu einer unfruchtbaren Polarisierung der Debatte über die Bedeutung des Autors beigetragen haben dürfte:

So bleibt die Auseinandersetzung um den Autor auf Schlagworte begrenzt. […] Stereotyp stehen sich so genannte poststrukturalistische und hermeneutische Positionen gegenüber. Es mangelt an einem differenzierten methodologischen Bewusstsein von den vielfältigen Funktionen des Autors.21

So lässt sich innerhalb der Kulturwissenschaften bis heute ein Nebeneinander autorkritischer und autorzentrierter Positionenen beobachten, wobei nicht unbedingt ein Übergewicht „konjunkturstarke[r] poststrukturalistische[r] Theorien“22 festzustellen ist, die pauschalisierend ein Verschwinden des Autors proklamieren würden. Gerade neuere Zugänge – man denke an Gender studies oder Cultural studies – bauen wesentlich auf einem Wissen über beispielsweise Geschlecht und kulturelle Herkunft der Autorpersönlichkeit auf.23

In der jüngeren literaturwissenschaftlichen Forschung bemüht man sich verstärkt um eine differenzierte Auseinandersetzung. Ein Blick auf Titel und Bandbreite der unlängst in deutscher Sprache erschienenen Publikationen zum Thema verdeutlicht diese Tendenz: Von einer Rückkehr des Autors24 ist die Rede, Positionen und Revisionen25 innerhalb der Debatte werden vorgestellt. Eine teleologische Entwicklung von Autorkonzepten – wie sie etwa in Foucaults’ „Was ist ein Autor?“26 noch impliziert ist – wird zunehmend zugunsten einer „Gleichzeitigkeit konkurrierender Modelle des Autors“ differenziert:

Zutreffender dürfte eine Beschreibung erst dann sein, wenn sie berücksichtigt, daß es ein Set von Möglichkeiten und Konzeptionierungen des Autors gibt, aus denen unter verschiedenen Bedingungen einzelne prämiert werden, ohne daß damit konfligierende Konzepte immer ganz ausgeschlossen wären.27

Insofern sind traditionelle Autorschaftsmodelle oftmals als nicht so starr und einheitlich anzusehen, wie es bisweilen zur Untermauerung der jeweiligen Argumentationslinie suggeriert wird. Einige Thesen zu historischen Autormodellen sind mittlerweile in solchem Maße zu Gemeinplätzen der literaturwissenschaftlichen Diskussion geworden, dass sich eine Überprüfung in vielen Fällen lohnt. So setzt sich beispielsweise Gerhard Lauer mit der These von der Entstehung des modernen Autors aus dem Geist des Urheberrechts kritisch auseinander und zeigt, dass Vorstellungen von ‘geistigem Eigentum’ bereits vor dem 18. Jahrhundert bestanden, auch wenn diese noch nicht eigentumsrechtlich kodifiziert waren.28



Fußnoten:

18 Jannidis, Fotis u.a.: „Einleitung. Autor und Interpretation“. In: Jannidis, Fotis u.a. (Hg.): Texte zur Theorie der Autorschaft. Stuttgart: Reclam, 2000. S.7.

19 Jannidis, Fotis u.a.: „Rede über den Autor an die Gebildeten unter seinen Verächtern. Historische Modelle und systematische Perspektiven“. In: Jannidis, Fotis u.a. (Hg.): Rückkehr des Autors. Zur Erneuerung eines umstrittenen Begriffs. Tübingen: Niemeyer, 1999. S.3.

20 Vgl. Barthes, Roland: „Der Tod des Autors“. In: Jannidis, Fotis u.a. (Hg.): Texte zur Theorie der Autorschaft. Stuttgart: Reclam, 2000. S.185-193. Wohl auch das langjährige Fehlen einer deutschen Übersetzung – erst im Jahr 2000 wurde diese im Rahmen der obigen Anthologie nachgeliefert – stand einer kritischen Reflexion der ursprünglichen Argumentation Barthes’ im deutschen Sprachraum entgegen.

21 Jannidis u.a. 2000, S.9.

22 Winko 1999, S.512.

23 Jannidis u.a. 1999, S.11.

24 Jannidis, Fotis u.a. (Hg.): Rückkehr des Autors. Zur Erneuerung eines umstrittenen Begriffs. Tübingen: Niemeyer, 1999.

25 Detering, Heinrich (Hg.): Autorschaft. Positionen und Revisionen. Stuttgart: Metzler, 2002.

26 Foucault, Michel: „Was ist ein Autor?“. In: Jannidis, Fotis u.a. (Hg.): Texte zur Theorie der Autorschaft. Stuttgart: Reclam, 2000. S.198-229.

27 Jannidis u.a. 1999, S.11.

28 Vgl. Lauer, Gerhard: “Offene und geschlossene Autorschaft. Medien, Recht und der Topos von der Genese des Autors im 18. Jahrhundert“. In: Detering, Heinrich (Hg.): Autorschaft. Positionen und Revisionen. Stuttgart: Metzler, 2002. S.461-478.