4.1 Geschichte und Entwicklung

Die Idee, das dezentral organisierte Internet für die Erstellung einer Enzyklopädie zu nutzen, tauchte erstmals 1993 im Usenet auf. In einer Mailingliste und der eigens eingerichteten Newsgroup comp.infosystems.interpedia wurde das Projekt namens 'Interpedia' ausführlich diskutiert. Über die Planungsphase kam das Vorhaben allerdings nie hinaus und wurde schließlich wegen „Differenzen über Formate und Festlegungen der Weiterverbreitung“130 ganz aufgegeben, was wohl am Fehlen einer geeigneten Kommunikations- und Distributionsplattform lag, wie sie später durch das Wiki-Konzept verwirklicht werden sollte.

Trotz des Scheiterns der ersten Versuche wurde das Konzept einer Universal-Enzyklopädie, die nicht von einem akademischen Autorenstamm innerhalb einer bestimmten Institution, sondern kollaborativ von den Internet-Nutzern aus aller Welt erstellt werden sollte, wieder aufgegriffen. 1999 veröffentlichte der Open-Source-Pionier und Gründer des GNU-Projekts Richard Stallman den Vorschlag, eine Online-Enzyklopädie mit freien Inhalten ins Leben zu rufen.131 Analog zum Konzept freier Software sollten im Rahmen der im Januar 2001 gegründeten GNUPedia frei verfügbare Inhalte entstehen, deren Weiterverbreitung und -verarbeitung nicht nur erlaubt, sondern sogar ausdrücklich erwünscht ist.132

Nur wenig später startete im März 2001 das Enzyklopädie-Projekt Nupedia, das sich ebenfalls dem Gedanken freier Inhalte verpflichtet sah. Allerdings zielte das Vorhaben des Nupedia-Gründers Jimmy Wales, einem Internet-Unternehmer aus Florida, zunächst weniger auf eine potenzielle Beteiligung aller Internet-Nutzer ab. Stattdessen sollten vor allem akademisch ausgebildete Fachleute angesprochen werden, um ein möglichst hohen Qualitätslevel zu erreichen, der mit dem Niveau etablierter Enzyklopädien wie der Encyclopaedia Britannica konkurrieren kann.133Um diesen Qualitätsstandard sicherzustellen, musste jeder Artikel ein aufwändiges Peer Review-Verfahren durchlaufen. Der langwierige Redaktionsprozess führte letztlich dazu, dass während des etwa zweieinhalbjährigen Bestehens der Nupedia gerade einmal 24 Artikel in endgültiger Form fertig gestellt werden konnten, 74 weitere befanden sich in Arbeit.134

Inspiriert von Ward Cunninghams Wiki-Idee, beschloss Wales auf Anraten des damals festangestellten Chefredakteurs der Nupedia, Larry Sanger, ein Nebenprojekt ins Leben zu rufen, das durch ein offeneres Konzept und mit Hilfe einer Wiki-Software den Entstehungsprozess der Artikel beschleunigen sollte. Entgegen anfänglicher Bedenken der beteiligten Nupedia-Autoren wurde das Projekt namens Wikipedia schließlich am 15. Januar 2001 unter eigener Domain ins Netz gestellt.135 Von nun an sollte es allen Internet-Nutzern ohne Registrierungszwang und Identitätsprüfung möglich sein an der Enzyklopädie mitzuarbeiten.

Das Artikelwachstum der Wikipedia übertraf innerhalb kürzester Zeit alle Erwartungen. Durch Erwähnungen in den innerhalb der Netzkultur äußerst populären Webseiten Slashdot und Kuro5hin erlangte das Projekt schon bald einen relativ hohen Bekanntheitsgrad, so dass bereits nach weniger als einem Monat, am 12. Februar 2001, der tausendste Artikel verzeichnet werden konnte, Anfang September waren es bereits über 10.000. Einen nicht unerheblichen Zustrom an Teilnehmern erhielt die Online-Enzyklopädie außerdem über Suchmaschinen wie google, deren Suchergebnisse immer häufiger auf Wikipedia-Artikel verwiesen und immer mehr Internet-Nutzer mit dem Wiki-Prinzip in Berührung brachten.

Das Nupedia-Projekt hingegen stagnierte und wurde letztendlich im September 2003 ganz eingestellt; die Nupedia-Inhalte waren bereits zuvor in den Artikelbestand der Wikipedia aufgenommen worden. Chefredakteur Larry Sanger übte in der Anfangsphase noch eine koordinierende Funktion aus und konnte einige grundlegende Richtlinien für die Wiki-Enzyklopädie festlegen, deren wichtigste, der Neutral Point of View (NPOV), bis heute „das höchste Gebot“136 für alle 'Wikipedianer' darstellt. Mit dem Wachstum der Community bildeten sich zunehmend Mechanismen der kollaborativen Selbstorganisation aus, so dass die Funktion eines Chefredakteurs nicht nur überflüssig wurde, sondern auch dem anti-hierarchischen Denken entgegenstand, wie es in vielen virtuellen Gemeinschaften weit verbreitet ist.137 Im Februar 2002 liefen schließlich die Gehaltszahlungen für den einzigen jemals finanziell entlohnten Wikipedia-Autor aus. Sanger beteiligte sich zunächst freiwillig weiter am Projekt, arbeitet heute aber hauptberuflich als Philosophie-Dozent an der Ohio State University.138

Internationale Ableger der Wikipedia ließen nicht lange auf sich warten. Im Mai 2001 entstanden neben der englischsprachigen Original die ersten Versionen in anderen Sprachen, unter anderem in Deutsch, Französisch, Japanisch und Esperanto. Gegenwärtig (Stand: März 2005) gibt es die Online-Enzyklopädie in 187 unterschiedlichen Sprachenversionen, von denen allerdings viele eine zweistellige Artikelanzahl noch nicht erreicht haben. Am 15. Februar 2005 konnte die deutschsprachige Wikipedia ihren zweihunderttausendsten Artikel feiern, womit sie größenmäßig an zweiter Stelle hinter dem englischsprachigen Original (492.210 Artikel, Stand 08.03.2005, 19:19) steht.

Neben der Wikipedia wurden im Laufe der Zeit noch einige weitere wiki-basierte Projekte ins Leben gerufen, die sich allesamt dem Ziel der Produktion, Archivierung und Distribution freier Inhalte verschrieben haben: Das multilinguale Wörterbuch Wiktionary, die freie Lehrbuchsammlung Wikibooks, das Quellenarchiv Wikisource, die Zitatesammlung Wikiquote, das Artenverzeichnis Wikispecies, das Nachrichtenportal Wikinews sowie eine zentrale Sammelstelle für multimediale Inhalte aller Art namens Wikimedia Commons.139 Zur Verbesserung der Kommunikation über bestehende und geplante Wikis wurde die Dokumentations- und Diskussionsplattform Meta-Wiki eingerichtet.140

Als Dachorganisation aller oben aufgeführten Projekte fungiert die seit Juni 2003 bestehende Wikimedia Foundation. Neben den Besitzrechten aller Domains übertrug Wikipedia-Initiator Jimmy Wales das bis dahin für den Betrieb der Wikipedia notwendige technische Equipment an die gemeinnützige Organisation. Auf der Homepage der Stiftung heißt es:

The Wikimedia Foundation, Inc. is an international non-profit organization dedicated to encouraging the growth, development and distribution of free, multilingual content, and to providing the full content of these wiki-based projects to the public free of charge. Wikimedia relies on public donations to meet its goal of providing free knowledge to every person in the world.141



Mit der Gründung von Wikimedia Deutschland e.V. im Juni 2004 sowie Wikimedia France im Oktober 2004 setzt sich die Tendenz einer zunehmenden Institutionalisierung des Projekts auch auf den einzelnen nationalen Ebenen fort.

Aufgrund der wachsenden Popularität – die Wikipedia gehört mittlerweile zu den 150 meistbesuchten Webseiten weltweit142 – stößt das Projekt hinsichtlich Speicherkapazität und Bandbreite in regelmäßigen Abständen an seine Grenzen. Bisher ist es aber stets gelungen, die notwendigen finanziellen Mittel für den Ausbau der technischen Infrastruktur über groß angelegte Spendenaktionen aufzubringen.

Fußnoten:

130 „Geschichte der Wikipedia (1990er Jahre)“. In: de.wikipedia.org. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Geschichte_der_Wikipedia#1990er_Jahre (07.03.2005).

131 Stallman, Richard: The Free Universal Encyclopedia and Learning Resource. (19.03.2004). URL: http://www.gnu.org/encyclopedia/free-encyclopedia.html (07.03.2005).

132 Für eine ausführlichere Darstellung des Konzepts 'freier Inhalte' vgl. Kap.5.2.1.

133 Im Gegensatz dazu gab die GNUPedia den Anspruch, eine Enzyklopädie im traditionellen Sinn zu sein, schon bald zugunsten des Konzepts einer freien Wissensdatenbank auf und änderte ihren Namen schließlich in GNE (rekursives Akronym für „GNE is Not an Encyclopedia“). Auf der Startseite heißt es: „GNE's Not an Encyclopedia! GNE is a library of opinions, an attempt to build a comprehensive documentation of all human thought.“
URL: http://gne.sourceforge.net/eng/index.html (07.03.2005).

134 Vgl. „Nupedia“ In: en.wikipedia.org. URL: http://en.wikipedia.org/wiki/Nupedia (08.03.2005, 15:49).

135 Vgl. „History of Wikipedia (Project beginnings)“. In: en.wikipedia.org. URL: http://en.wikipedia.org/wiki/History_of_Wikipedia#Project_beginnings (08.03.2005, 16:17). Die weiteren Ausführungen zur Geschichte der Wikipedia beziehen sich in großen Teilen auf die Angaben in diesen Artikel.

136 Möller, Erik: „Tanz der Gehirne (Teil 2: Alle gegen Brockhaus)“. (16.05.2003). In: Telepolis. URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/14/14802/1.html (08.03.2005).

137 Zur Demokratie-Problematik s. Kap.4.2.4.

138 Vgl. „Larry Sanger“ In: en.wikipedia.org. URL: http://en.wikipedia.org/wiki/Larry_Sanger (08.03.2005, 19:37).

139 Die Projekte sind über die zentrale Seite wikimedia.org oder die Wikipedia-Startseite zu erreichen. URL: http://www.wikimedia.org/ (08.03.2005). Desweiteren gibt es innerhalb der Wikipedia das Wiki In Memoriam 9/11, das sich mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 auseinandersetzt. URL: http://sep11.wikipedia.org (08.03.2005).

141 „Wikimedia Foundation“ URL: http://wikimediafoundation.org/wiki/Home (08.03.2005, 20:37).