Journalismus

Weblog der Tagesschau: Ein Flaggschiff wird zum Speedboot

Bloggen als Chefsache: Die Chefredakteure der ARD-Tagesschau geben Einblick hinter die Kulissen der Nachrichtensendung – und zeigen, wie etablierte Medien mit Weblogs ihr Angebot attraktiver machen können.

So wüst geht es also zu in der Redaktion von Deutschlands wohl sachlichster und ausgewogenster Nachrichten-Sendung: Die Tagesschau-Redakteure sitzen unruhig in der Themenkonferenz und blicken heimlich auf ihre Mobiltelefone unter dem Tisch. Es läuft das Halbfinale der Handball-WM, Deutschland gegen Frankreich, Verlängerung. „Froschfresser“ ruft der Chef vom Dienst außer sich – und noch weitere Beleidigungen über die französischen Handballer fallen.

Was früher nie nach draußen gedrungen wäre, ist nun für alle Welt nachlesbar: Noch am selben Abend berichtet der Chefredakteur der Tagesschau Kai Gniffke im Internet von dem Geschehen in der Redaktion: „Das ist das Ende! Das solide, grundgute Nachrichtenflaggschiff versunken in schwarz-rot-geilem Nationalsumpf! Aber ehrlich gesagt: Das Spiel war’s wert.“

Seit einem Monat sind die Chefredakteure von ARD-aktuell Kai Gniffke und Thomas Hinrichs nicht mehr nur Journalisten, sondern auch Blogger. Sie schreiben regelmäßig auf der Webseite blog.tagesschau.de Beiträge über ihren Arbeitsalltag – aus sehr persönlicher Sicht.

„Manchmal ist es schon schwierig, sich zu offenbaren“, sagt Hinrichs gegenüber sueddeutsche.de über die neue „Arbeit“. Mit dem Weblog wollen sie aufzeigen, meinen die beiden Chefredakteure, „wie sich ein Nachrichtentag aus unserer Sicht entwickelt hat, welche Bilder wir gesehen haben, warum manches Thema durch den Rost gefallen ist“.

Das Weblog der Tagesschau gibt es zwar schon seit fast drei Jahren. Doch erst seit die beiden Chefredakteure seit dem 2. Januar mitbloggen, hat es eine hohe Aufmerksamkeit bei den Internet-Nutzern erreicht.

Die Leser haben die Möglichkeit, direkt Kommentare zu dem Geschriebenen abzugeben – und das tun sie auch. Den ersten Beitrag – über die Entscheidung der Redaktion, die Hinrichtung von Saddam Hussein nicht in der Tagesschau zu zeigen – kommentierten 169 Leser. Mal zustimmend, mal kritisch.

„Bloggen macht Spaß“, sagt Hinrichs. „Es ist zwar manchmal anstrengend, nach zwölf oder dreizehn Stunden Arbeit noch die Muße zu finden, einen ansprechenden Text zu verfassen, aber es ist schon so, dass Gniffke und ich ein wenig wetteifern, wer mehr Reaktionen bekommt.“ Neben E-Mail- und Briefverkehr wolle man eine weitere Möglichkeit schaffen, mit den Zuschauern unmittelbar ins Gespräch zu kommen. „Das erdet“, findet Hinrichs.

In ihren Beiträgen auf dem Tagesschau-Blog erläuterten Gniffke und Hinrichs zum Beispiel, warum sie sich an dem Tag, als Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber abdankte und Kyrill über Deutschland fegte, dafür entschieden haben, die Sendung mit dem Sturm zu beginnen und nicht mit der politischen Nachricht. Oder sie erklären, dass man in der ARD schon lange von Horst Seehofers Freundin in Berlin wusste, es aber niemals thematisiert hätte.

Mal kommen die Einträge ein wenig oberlehrerhaft rüber und erinnern an die „Sendung mit der Maus“, so beispielsweise der Text „Wie kommt Condie in die Tagesthemen?“ über ein Interview mit der US-amerikanischen Außenministerin Condoleezza Rice. Mal wirken sie ein wenig selbstbeweihräuchernd und wie professionelle PR-Arbeit: „Die Tagesschau sendet nach wie vor die seriösesten, sachlichsten und besten Fernsehnachrichten“, heißt es einmal.

Doch die meisten Beiträge sind interessant. Denn Gniffke und Hinrichs plaudern aus dem Nähkästchen und sagen ehrlich ihre Meinung. Ganz anders als bei Weblogs vieler anderer Medien, denen man anmerkt, dass das Bloggen für die Journalisten eher eine Qual ist und sie sich oft wochenlang nicht zu Wort melden.

Beim Weblog der Tagesschau dagegen schreiben die Leser in den Kommentaren: „Sehr lehrreich und sehr unterhaltsam. Daumen hoch!“, „Schön, wie Sie uns einen Einblick in den Journalismus direkt neben der Bühne der Weltpolitik ermöglichen“ oder „Ich finde es einen gelungenen Kontrast zum Nachrichtenroboter“.

Im Grunde ist das Tagesschau-Blog eine Art Corporate Blog, ein von einem Unternehmen geführtes Weblog zur Selbstdarstellung. Aber es ist ein sehr gutes und geschickt geführtes.

„Wir wollen deutlich machen, dass sich diese Redaktion nicht einigelt, sondern sich der Diskussion stellt. Eine gebührenfinanzierte Nachrichtenredaktion muss transparent sein“, schreibt Kai Gniffke in einem Beitrag. Das klappe bislang so gut, sagt Hinrichs, dass überlegt werde, Auslandskorrespondenten und Nachrichtensprecher in das Weblog mit einzubeziehen.

Und die Tagesschau bekommt ganz nebenbei ein frisches Image.

(Der Artikel ist auf sueddeutsche.de erschienen.)

Wissenschaftliche Arbeit über Leserreporter

Zum noch recht neuen Thema "Readers Editions und Leser-Reporter" gibt es eine (recht kurze) wissenschaftliche Arbeit im Netz. Markus Goldmann hat sich an der Hochschule Darmstadt mit dem Thema beschäftigt. Sein Fazit:

Die Grenze verläuft nicht zwischen professionellen Journalisten und Laien-Reportern. Sie verläuft zwischen Menschen, die ethischen Standards einhalten, und denen, die es nicht tun.

Hier kann man die Arbeit vollständig lesen.

Werbung oder Journalismus? Vom olympischen Ringkampf und saftigen Abmahnungen

Das "Saftblog", eines der bekannteren Corporate Blogs hierzulande, wurde vom Deutschen Olympischen Sportbund e.V. (DOSB) abgemahnt. Streitwert: 150.000 Euro. Ganz schön viel für zwei harmlose Blogbeiträge, die sich mit den Olympischen Spielen befassen und als Illustration die Olympischen Ringe beinhalten.

Vom juristischen Standpunkt aus hat sich Rechtsanwalt Arne Trautmann auf law-blog.de ausführlich mit dem Thema beschäftigt und geht der Frage nach dem Verhältnis von Werbung und Journalismus bei Business-Weblogs nach.

Innerhalb der Blogosphäre entwickelt sich die Saftblog-Angelegenheit mittlerweile in eine etwas eigenartige Richtung, näheres hierzu gibt es auf basicthinking.de zu lesen.

BILDblog intern

Wie sieht er aus, der Redaktionsalltag bei Deutschlands Watchblog Nr. 1? Felix Schwenzel von wirres.net war zu Besuch bei BILDblog und fördert in einem kurzen Video Erstaunliches zutage.

Watchblogs: Korinthenkackerei oder Königsweg?

Watchblogs decken die kleinen und großen Fehler der professionellen Medien auf - und sind dabei, den traditionellen Journalismus zu verändern.

Bei der Sache mit den Biobauern wurde Sebastian Heiser misstrauisch. Das Wochenmagazin Der Spiegel schrieb in einem Artikel, wie schlecht es um den Öko-Anbau in Deutschland bestellt ist. Eine Statistik sollte die These verdeutlichen: Deutschland liegt auf dem letzten Platz - weit hinter Tschechien und Estland.

Doch Sebastian Heiser bemerkte: Der Spiegel hatte einfach die untere Hälfte der Statistik weggelassen. Deutschland ist in Wirklichkeit gar nicht Schlusslicht, sondern Mittelfeld beim Bio-Anbau - weit vor Großbritannien, Frankreich und Japan.

Der Student ärgerte sich mal wieder über den Spiegel und schrieb sogleich einen Beschwerdetext. Er schickte jedoch keinen Leserbrief ab. Nein: Heiser hat sein eigenes Medium. Auf dem Weblog Spiegelkritik veröffentlicht er gemeinsam mit drei Bekannten regelmäßig Beiträge, in denen er Fehler des Spiegel und dessen Internet-Seite Spiegel-online dokumentiert.

"Typisch Spiegel"

"Fakten, die nicht zur gewünschten Aussage des Artikels passen, werden beim Spiegel ausgeblendet oder so lange zurechtgebogen, bis sie passen", sagt Heiser. Das ärgert ihn. "Typisch Spiegel", nennt der 27-Jährige das.

Seit Weblogs populär geworden sind, hat Heiser eine Möglichkeit, seinen Ärger der Öffentlichkeit kund zu tun. Weblogs sind die erste Publikationsform, die es dem Publikum ermöglicht, selbst als Kommunikatoren ungefiltert in der Öffentlichkeit Gehör zu finden.

Spiegelkritik rechnet man dabei den so genannten Watchblogs zu, die das Geschehen in den Medien kritisch beobachten. Auf ihnen kann man lesen, was auf den Medienseiten der Zeitungen keinen Platz findet oder womöglich als zu kontrovers gesehen wird.

Bildblog ist das bekannteste Watchblog Deutschlands. Fast 60.000 lesen es täglich. Die Macher decken Fehler der Bild-Zeitung auf: ob Schleichwerbung, erdichtete Skandale oder sonstige Schweinereien. Bei Spiegelkritik, das es seit sieben Monaten gibt, schauen täglich etwa 100 Leser vorbei.

Maradona, Demos und Rechtschreibfehler

"Bildblog hat das Glück, dass die Bild viel mehr und viel gröbere Fehler macht", sagt Heiser. "Den Spiegel zu beobachten ist eine größere Herausforderung. Die Fehler sind oft versteckter." Oft findet Heiser nur Rechtschreibfehler, die Angabe einer viel zu hohen Teilnehmerzahl bei einer Demo gegen Studiengebühren oder die falsche Anzahl der von Diego Maradona besuchten WM-Spiele.

Schon in der Schulzeit las Heiser regelmäßig den Spiegel - damals noch mit Begeisterung. Doch seit er auf der Kölner Journalistenschule ist und sich sein Auge geschärft hat, wie er sagt, fallen ihm immer mehr Fehler auf. Die handwerklichen ärgern den 27-Jährigen am meisten: die fehlende Ausgewogenheit, schlechte Recherche oder das Zurechtbiegen von Fakten.

"Wir schreiben vor allem, um Ärger abzulassen.", sagt Heiser. "Wenn es dann noch jemand liest - umso besser." Geld verdienen will Heiser mit dem Weblog vorerst nicht - dazu sind die Leserzahlen auch noch zu gering. Auch das Design ist wohl zu schlicht, um Werbekunden anzulocken. An die Professionalität der traditionellen Medien kann Spiegelkritik nicht heranreichen. Doch sind Blogger vielleicht trotzdem die besseren Medienjournalisten?

Unkritischer als andere

Zu den Aufgaben der Medien-Berichterstattung gehört es, die Medien - und damit sich selbst - zu kontrollieren, die Qualität im Journalismus zu sichern, Vorgänge transparent zu machen und dem Publikum Medienkompetenz zu vermitteln. Leisten Blogger dies? Christoph Neuberger, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität in Münster, sagt: "Es gibt keine eindeutige Antwort. Es kommt immer darauf an. Bildblog demonstriert, wie die Ansprüche an guten Medienjournalismus erfüllt werden können." Die Betreiber machen auf ein Qualitätsdefizit bei der Bild-Zeitung aufmerksam, sie müssen nicht auf ein Unternehmen im Hintergrund Rücksicht nehmen und sie sensibilisieren die Leser für einen kritischeren Umgang mit der Zeitung.

Viele Medienexperten bemängeln seit langem, dass es im Medienjournalismus starke Verflechtungen zwischen Verlagen und einzelnen Journalisten gibt, die eine unabhängige Medienberichterstattung gefährden. Während der Pressekrise zu Beginn dieses Jahrzehntes beispielsweise haben Zeitungen über ihre eigenen Häuser unkritischer berichtet als über andere Verlage. "Blogger können dagegen ohne die organisatorischen und ökonomischen Zwänge eines Medienunternehmens schreiben", sagt Neuberger.

Doch auch in der Blogosphäre scheint die Unabhängigkeit zunehmend gefährdet. Auf dem renommierten Watchblog Medienrauschen erschien neben einer Coca-Cola-Anzeige ein enthusiastischer Beitrag über das Mixgetränk. Die journalistische Unabhängigkeit war hier wohl nicht mehr gewahrt. Der Herausgeber entfernte den Artikel schließlich.

"Es war ein Fehler"

Popkulturjunkie hatte einen Beitrag veröffentlicht, für den er von der Suchmaschinenfirma Ask.com bezahlt wurde. Nachdem diese sich beschwert hatte, dass der Text zu kritisch sei und Nachbesserungen forderte, löschte Popkulturjunkie den Eintrag: "Es war ein Fehler, sich auf diese Aktion einzulassen. Niemand redet mir in meine Blog-Einträge herein", entschuldigte er sich anschließend bei seinen Lesern.

Für Neuberger stellt die Werbefinanzierung von Weblogs grundsätzlich kein Problem dar: "Entscheidend ist die Frage, ob der Inhalt eines Weblogs unbeeinflusst bleibt und für den Nutzer die Abgrenzung zwischen Blog und Werbung klar erkennbar ist." In der Blogosphäre werde gerade diskutiert, was werbende Blogger beachten müssen.

Heiser hat mit Spiegelkritik nicht den Anspruch, dem traditionellen Medienjournalismus Konkurrenz zu machen. Ein Blog und eine
Medienseite in der Zeitung seien zwei sehr unterschiedliche Dinge. Heiser sagt: "Die Herangehensweise ist ganz anders. Eine Korinthe reicht nicht für einen Zeitungsbeitrag."

Immerhin: Regelmäßig schauen bei Spiegelkritik Mitarbeiter vom Spiegel vorbei. "Das können wir an den Zugriffsstatistiken sehen", erklärt Heiser. Vielleicht schärft Heiser mit seinem Weblog das Fehlerbewusstsein bei den Journalisten. Und das wäre ja schon Einiges, wenn Journalisten durch Watchblogs künftig nicht die immer gleichen Fehler machen.

Wikipedia-Bashing: Die "Wiki-Fehlia"-Kampagne der BILD-Zeitung

Die kritische Rezeption der kollaborativ (und oftmals anonym) erstellten Wikipedia-Artikel gehört zu den wichtigsten Aspekten bei der Nutzung der Online-Enzyklopädie. Während Projekte wie "Wikipedia in der Schule" dies konstruktiv zu vermitteln versuchen, lässt sich in den Medien in letzter Zeit gehäuft eine etwas einseitige Berichterstattung über die Gefahren und Probleme der Wikipedia beobachten.

Nach der Süddeutschen Zeitung springt nun auch die BILD-Zeitung, selbst bekanntlich ein Vorzeigeobjekt in Sachen Glaubwürdigkeit und Fehlerfreiheit (wie sehr das zutrifft, kann man täglich bei BILDblog nachlesen), auf den Zug des derzeit beliebten Wikipedia-Bashings auf.

Die BILD-Zeitung setzt dabei - wie schon in Sachen Leserreporter - wieder ganz auf ihre etwas eigentümliche Vorstellung von Bürgerjournalismus: Während man in der Redaktion der Süddeutschen Zeitung vor kurzem noch eigenhändig Fehler in der Wikipedia verstreute, ruft BILD nun die Leser dazu auf, bereits vorhandene Fehler aufzuspüren und zu melden. (Ob dabei auch die Gefahr besteht, dass manch übermotivierter BILD-Leser selbst auf dumme Gedanken kommen könnte, sei mal dahingestellt).

Was bislang von BILD an Fehlern präsentiert wurde, dürfte allerdings selbst eingefleischte Wikipedia-Kritiker nicht wirklich vom Hocker hauen. Viele der angeführten Beispiele sind eher der Kategorie "Pubertäts-Vandalismus" zuzuordnen und überlebten meistens nur für wenige Minuten, wie man bei BILDblog im einzelnen nachgeprüft hat.

Auch der Nihil-Artikel "Ferdinand Julius Hidemann" - seit fast zwei Jahren nicht mehr im Artikelraum der Wikipedia zu finden und explizit als "Lexikon-Ente" gekennzeichnet - wurde von BILD als vorsätzliche Falschinformation angeprangert.

Trotz allem kann man der gesteigerten Aufmerksamkeit, die Deutschlands auflagenstärkste Zeitung der Online-Enzyklopädie schenkt, durchaus auch Positives abgewinnen: Schließlich muss man meist einen gewissen Grad an Prominenz erworben haben, um von BILD überhaupt einer Schlagzeile würdig befunden zu werden.

Wikipedias Erfolgsgeschichte wird die Wikifehlia-Kampagne der BILD-Zeitung wohl kaum gefährden - zumal es von engagierten und ernsthaften Wikipedia-Nutzern schon seit längerem Pläne für eine parallele Version mit überprüften und unveränderlichen Artikeln gibt, die über kurz oder lang wohl auch im Sinne eines Projekts "Wikipedia 1.0" umgesetzt werden dürften.

Ätsch, Wikipedia! Investigativer Journalismus oder feuilletonistischer Vandalismus bei der SZ?

Die Offenheit der Online-Enzyklopädie Wikipedia ist der entscheidende Motor für das rasante Wachstum der letzten Jahre. Dass diese Offenheit auch die Hauptursache für die zahlreichen Qualitäts- und Glaubwürdigkeitsprobleme des kollaborativ erstellten Nachschlagewerks ist, spricht sich langsam aber sicher herum.

Im Feuilleton der Süddeutsche Zeitung wurde diese Problematik kürzlich zum Topthema, unter dem Titel "Im Daunenfederngestöber" wird erläutert, wie anfällig die Enzyklopädie für Falschinformationen und Vandalismus sei.

Um dies für die Leser zu veranschaulichen, hat man sich in der SZ-Redaktion selbst in die Rolle des hinterlistigen Wiki-Vandalen versetzt und 17 Fehler in verschiedenen Wikipedia-Artikeln untergebracht, von denen fünf bis zum Erscheinen des SZ-Artikels unerkannt blieben.

Dass Wikipedia anfällig für vorsätzliche Fälschungen ist, dürfte von kaum jemandem angezweifelt werden: So genannte "Nihilartikel" - etwa die fiktive Biographie des unehelichen Goethe-Sohns Ferdinand Julius Hidemann - haben bis zu ihrer Entdeckung monatelang im Artikelraum der Wikipedia überlebt.

In diesem Zusammenhang sei aber auch die Frage erlaubt, inwiefern das absichtliche Einbauen von Fehlern in ein gemeinnütziges Projekt dem Anspruch einer renommierten deutschen Tageszeitung entspricht. Ist dies noch investigativ oder schon ein bisschen kindisch?

Schließlich wäre es auch möglich, die Qualitätsproblematik anhand bestehender Fehler zu thematisieren, wie dies z.B. vom ehemaligen Chefredakteur der Encyclopaedia Britannica Robert McHenry in seinem viel diskutierten Artikel "The Faith-Based Encyclopedia" gemacht wurde.

Vorsätzliche Falschinformationen werden immer ein Problem für die Qualität von Wikipedia bleiben, solange sie anonymen Benutzern Bearbeitungsrechte gewährt. Wenn solche Fehler allerdings absichtlich von Redakteuren eingestreut werden, sind sie möglicherweise auch ein Problem für die Qualität des Journalismus.

Was bedeutet der Wikipedia-Klau von AFP?

Am Tag der deutschen Einheit hat die Nachrichtenagentur AFP von Wikipedia abgeschrieben. Als in Pennsylvania ein Familienvater fünf Mädchen in einer Amish-Gmeinde getötet hatte, wollte die Welt erfahren, was die Religionsgemeinschaft eigentlich genau ist. AFP sendete ein Hintergrundstück, das fast wörtlich mit dem Eintrag in der Online-Enzyklopädie Wikipedia übereinstimmte. Nachrichtenmagazine wie Spiegel Online veröffentlichten anschließend den Text, ohne ihn als Wikipedia-Artikel zu kennzeichnen.

Während Spiegel Online den Artikel im Nachhinein als Wikipedia-Beitrag kenntlich machte, wollte AFP die Meldung nicht zurückziehen.

Der Fall zeigt zweierlei: Zum einen wird einmal mehr deutlich, für wie verlässlich Wikipedia bereits gesehen wird, dass selbst professionelle Journalisten die Texte (ungeprüft) übernehmen. Journalisten nutzen Wikipedia nicht mehr als Teil der Recherche oder erste Anlaufstelle. Nein: sie nutzen inzwischen ausschließlich das Online-Lexikon.

Zum zweiten wird leider auch deutlich, unter welchen Bedingungen Journalisten in Deutschland inzwischen arbeiten müssen. Gerade an Wochenenden und am Feiertag - wie auch am 3. Oktober - sind die Redaktionen stark unterbesetzt. In manchen Online-Redaktionen großer Tageszeitungen hat an einem solchen Tag nur ein Mitarbeiter Dienst. So ist es nur eine logische Folge, dass solche Patzer passieren.

Für den guten Ruf der deutschen Presselandschaft sind solche Ausrutscher nicht förderlich. Selbst amerikanische und französische Blogger wurden auf den Fall "AFP und Wikipedia" aufmerksam.

"Sie werden von der Rechtssprechung diszipliniert werden" - Medienrechtler Fricke über die BILD-Leserreporter

Welche rechtlichen Probleme sehen Sie für die BILD-Leserreporter?
Ernst Fricke: Das gesamte Zivil- und Strafrecht gilt natürlich auch für sogenannte BILD-Leserreporter. Da die BILD-Zeitung den Leserreporter nicht ausdrücklich bevollmächtigt und beauftragt hat, ist keine sogenannte "Haftungskette" gegeben, nach der über §278 BGB ein Schuldner auch für ein Verschulden seines Erfüllungsgehilfen haftet. Auch die Haftungsprivilegierung nach §831 BGB für den sogenannten Verrichtungsgehilfen greift hier nicht.

Wie wird sich das Phänomen entwickeln?
Ernst Fricke: Meine Prognose ist, dass die BILD-Leserreporter von der Rechtssprechung diszipliniert werden und dies dann dem Treiben vielleicht Einhalt gebieten kann.

Was bedeutet der neue Schwarm von Bürger-Paparazzis für die Privatsphäre von Prominenten?
Ernst Fricke: Die Strafvorschrift des § 201 a ) StGB gilt natürlich auch für die BILD-Leserreporter. Der neue § 201 a) StGB gilt seit 30.07.2004 und gilt natürlich in erster Linie für die unerlaubte Herstellung von Bildern, in zweiter Linie aber auch für die unbefugte Veröffentlichung. Hier wird die BILD-Zeitung also selbst abwägen müssen, ob Sie Ermittlungsverfahren durchstehen kann und durchstehen will.

Es droht natürlich auf dem Umweg über diese BILD-Leserreporter wiederum eine Verletzung der Privatsphäre von Prominenten. Die Rechtssprechung ist hier ziemlich klar und gilt natürlich auch für BILD-Leserreporter.

Was halten Sie von den Leserreporter-Presseausweisen, die die Bild-Zeitung eben eingeführt hat?
Ernst Fricke: Der Leserreporter-Presseausweis ist das Papier nicht wert, auf dem er gedruckt wird. Der "echte" Presseausweis ist aufgrund von Übereinkünften der Innenministerkonferenz mit den journalistischen Berufsverbänden zustande gekommen. Seine Vergabe erfolgt nur an hauptamtlich tätige Personen.

Der große Klick - wie die Bild ihre Leser-Reporter in Gefahr bringt

Thomas Gottschalk schwitzt in braunem Trainingsanzug beim Nordic Walking, Bahnchef Hartmut Mehdorn ist im Flugzeug eingenickt und Alt-Kanzler Gerhard Schröder sonnt sich in Badehose auf Borkum. Diese Fotos hätte Deutschland nie zu sehen bekommen, zöge nicht seit zwei Monaten eine große Schar von Laien-Paparazzis durchs Lande. Bild-Leserreporter heißen diese offiziell. Europas größte Zeitung spendiert ihnen 500 Euro für jedes Foto, das veröffentlicht wird.

Bild-Leser sollen sich nicht mehr bloß damit begnügen, die Brüste der Seite-1-Mädchen anzugucken, die Zeitung auf der Suche nach Informationen über Schumi durchzublättern oder über unsere Politiker zu schimpfen. Bild macht sie zu Fotografen und hat dabei wohl vor allem zwei Ziele: billig an Promi-Bilder zu kommen und durch Provokation Aufmerksamkeit zu gewinnen. Doch was passiert, wenn ein ganzes Land sich – getrieben von Geldgier und Ruhmsucht – auf Promijagd begibt? Wird so der Traum von einem alle Leser einbeziehenden demokratischen Journalismus wahr oder geraten die Leserreporter in eine juristische Falle?

Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten Verbandes (DJV) Michael Konken sagt: "Es liegt der Schluss nahe, dass es beim Einsatz der Leserreporter den Verlagen um die Einsparung von Personalkosten ihrer Redakteure geht." Dies schade den Bildjournalisten. Dem widerspricht die Saarbrückener Zeitung, die Leser animiert, als Reporter tätig zu werden. Seit es Leserreporter gibt, so Chefredakteur Peter Stefan Herbst, würden die Redakteure und Fotografen Extraaufträge erhalten. Außerdem seien Redakteure nötig, um die Leserhinweise zu bearbeiten.

Blitzte der Busen eines prominenten Stars unter der Bluse hervor?

Mehr als 500 Leser schicken angeblich täglich Fotos an Bild. Bild-Chefredakteur Kai Diekmann meint: "Der Leserreporter bringt den Journalismus nicht in Misskredit, sondern ist eine fundamentale Erweiterung journalistischer Arbeit." Auf der Homepage von Bild und in der Zeitung selbst werden Leser aufgefordert, eigene Fotos einzusenden. Derzeit heißt es recht brav und vage:

"Respektieren Sie bei Ihren Foto-Aufnahmen die Privatsphäre anderer Menschen. Behindern Sie nicht die Arbeit von Polizei oder Rettungsdiensten. Wer uns ein Foto schickt, erklärt, sämtliche Rechte hieran zu besitzen, und überträgt der Axel Springer AG alle Rechte zur Veröffentlichung in allen Medien – zur Bearbeitung, Archivierung und Weiterveräußerung. Bei Weiterveräußerung erhält der Urheber von der Axel Springer AG 50% der erzielten Nettoverkaufserlöse."

Noch vor ein paar Tagen stand an selber Stelle in gewohnter Bild-Manier:

"Hat ein Prominenter in Ihrer Gegenwart in der Nase gebohrt? Blitzte für Sekunden der Busen eines prominenten Stars unter der Bluse hervor? Wurden Sie Zeuge eines Großbrandes oder eines Unfalls? Dann machen Sie 'klick'. Schicken Sie das Foto an Bild."

Auch andere Zeitungen wie der Südkurier oder die tz fordern Leser auf, Beiträge oder Bilder einzusenden. Auf der Online-Plattform von Focus und View, dem Fotomagazin vom Stern, erscheinen Leser-Fotos. Neu ist das Phänomen nicht. Die norwegische Zeitung VG macht seit einigen Jahren vor, wie es gelingen kann, Leserbetiräge einzubinden. Und bereits 1967 gab es in der Jugendzeitschrift Bravo die Rubrik "Bravo-Leser als Bravo-Reporter". Nun hat auch die Bild entdeckt: Wir sind Journalist.

"Die Frau tat mir zutiefst leid"

Doch: Zerstören Leserreporter das Verhältnis zwischen Journalisten und Prominenten? Es sei zu befürchten, dass nun noch mehr Prominente ihre Pressekontakte auf Anwaltsschreiben und Gerichtsverhandlungen beschränkten, heißt es vom DJV. Prominentenanwalt Christian Schertz meint in der ZDF-Sendung Frontal:

"Für mich ist dies eine neue Verrohung im Boulevardjournalismus, weil jetzt massenhaft dazu aufgefordert wird, Rechtsbrüche zu begehen."

Persönlichkeitsrechte werden unter den Tisch gekehrt. Seit dem Caroline-Urteil ist es nur dann gestattet, Fotos aus dem Privatleben von berühmten Personen zu veröffentlichen, wenn diese zugestimmt haben. Viele Hobbyfotografen wissen darüber nicht Bescheid.

Entertainer Harald Schmidt äußerte sich in einem WDR-Interview über seine Begegnung mit einer Bild-Leserreporterin folgendermaßen:

"Die Frau kam auf mich zugelaufen und tat mir zutiefst leid. Sie trug selbstabgeschnittene Jeans, so Hotpants, und hatte Krampfadern von WDR-Kugelschreiberstärke, in WDR-Blau. Sie zu mir: 'Hallo, Herr Schmidt, darf ich ein Foto von Ihnen machen? Mein Sohn traut sich nicht.' Und dann hab ich dieses Foto in Bild gesehen. 500 Euro dafür, das war wahrscheinlich deren halber, oder vielleicht sogar deren ganzer Urlaub. Und da dachte ich: Ist okay."

Andere nehmen den Fall Leserreporter ernster. Der Fußballnationalspieler David Odonkor war angeblich beim Urinieren auf einem Parkplatz abgelichtet, sein Kollege Lukas Podolski beim Einkaufen auf Mallorca und Joschka Fischer in ähnlich privater Umgebung. Sie haben über ihren Anwalt Christian Schertz mit Unterlassungserklärungen geantwortet, zwei von ihnen mit einstweiliger Verfügung. Schertz sagte dem journalist, er prüfe in einem Fall sogar, gegen den Fotografen selbst vorzugehen. Werden die Leserreporter von Bild den Anwälten zum Fraß vorgeworfen?

Den Anwälten zum Fraß vorgeworfen?

Presserechtlich ist der Verlag für die Abdrucke verantwortlich. Doch unter bestimmten Umständen kann auch der Fotograf selbst verklagt werden. Schertz kann sich Schmerzensgeldzahlungen für die Leserreporter im fünfstelligen Bereich vorstellen.

Vor zwei Wochen hat Bild noch eins draufgesetzt: Die Zeitung verschickt Bild-Presseausweise an jeden, der ein Foto einsendet. Michael Konken vom DJV dazu:

"Dieses Vorhaben schadet der Akzeptanz des bundeseinheitlichen Presseausweises für hauptberuflich tätige Journalisten ebenso wie dem Ansehen der Journalisten. Ich appelliere an die Verantwortlichen des Springer-Konzerns, den Ausweis für die Leserreporter wieder einzustampfen."

Weit werden die Bild-Leserreporter mit dem Ausweis wohl nicht kommen. Doch neue Aufmerksamkeit und Provokation ist dem Springer-Blatt durch diese Aktion sicher.

Syndicate content