Medientheorie

Die Notwendigkeit einer inderdisziplinären Internetwissenschaft

Eine inderdisziplinäre Internetwissenschaft ("science of the Web") haben der Erfinder des World Wide Web Tim Berners-Lee, Daniel J. Weitzner vom Massachusetts Institute of Technology, Wendy Hall und Nigel Shadbolt von der britischen Universität Southampton und James Hendler von der University of Maryland im Magazin Computer Science (11. August 2006) gefordert.

Die Wissenschaftler verlangen: "new approaches to tap the full richness of this powerful tool, while ensuring that it develops in a way that benefits society as a whole".

Weiter meinen sie:

"If we want to model the Web; if we want to understand the architectural principles that have provided for its growth; and if we want to be sure that it supports the basic social values of trustworthiness, privacy, and respect for social boundaries, then we must chart out a research agenda that targets the Web as a primary focus of attention."

Die Entwicklung des Internet ist nicht vorhersehbar. Umso wichtiger sei es, die Vorgänge wissenschaftlich zu begleiten – und zwar beschreibend und prognostizierend.

Im Internet spielen unter anderem technologische, soziale, ethische, gesetzgebende und rechtliche Aspekte eine Rolle. Nur wenn alle Disziplinen in einer übergreifenden Internetwissenschaft beachtet werden, lässt sich der Gegenstand umfassend betrachten.

Beispiel Weblogs: In Deutschland beschäftigen sich sowohl die Informatik, die Kommunikationswissenschaft als auch die Betriebswirtschaftslehre mit dem Phänomen. In geringerem Maße auch zum Beispiel die politische Wissenschaft, Rechtswissenschaft oder Sprachtheorie. Ein fächerübergreifender Austausch findet bislang kaum statt.

Und das obwohl das Internet ja wie kein anderes Kommunikationsmittel zuvor, es den Forschern ermöglicht, miteinander zu kommunizieren.

Die Entwicklung der Massenmedien hing schon immer von den technischen
Voraussetzungen ab. Die Erfindung des Buchdruckes im 15. Jahrhundert diente als Katalysator für die Entwicklung der Massenmedien. Fernsehen und Radio konnten nur entstehen, als die technischen Voraussetzungen gegeben waren. Und auch im Internet kann die Kommunikation nur so weit gehen, wie es die technischen Möglichkeiten zulassen. Oder anders gesagt: Sie kann und wird so weit gehen, wie es die technischen Möglichkeiten zulassen. Es müssen also technische und sozio-kulturelle Seite stets im Zusammenhang betrachtet werden.

Das Internet verändert ganze Gesellschaftsbereiche. Es ist zu wichtig, als dass man seine Entwicklung dem Zufall überlassen sollte. Nur eine umfassendere Wissenschaft kann dies in den Griff bekommen. Gerade in Deutschland, wo die Online-Forschung noch Nachholbedarf hat, sollte man schläunigst umdenken.

Quellen: Telepolis, RPI

 

Brechts Web-2.0-Vermächtnis: Die Radiotheorie

Der Dramatiker und Lyriker Bertolt Brecht ist heute vor 50 Jahren gestorben.

Brecht hatte bereits ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen den Medienschaffenden und dem Publikum gefordert - wie es bei Wikis und Weblogs nun erstmals verwirklicht werden kann.

So postulierte Bertolt Brecht in seiner Radio-Theorie in den 30er Jahren:

Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln. Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, d.h., er würde es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen. Der Rundfunk müßte demnach aus dem Lieferantentum herausgehen und den Hörer als Lieferanten organisieren.

Doch durch das Nazi-Regime gerieten Brechts Ideen wieder in Vergessenheit. Erst Hans Magnus Enzensberger machte im Jahre 1970 in seinem Aufsatz "Baukasten zu einer Theorie der Medien" wieder auf Brechts Ideen aufmerksam und entwickelte Brechts Gedanken weiter.

Brecht, Bertolt (1992): Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. In: Bertolt Brecht: Werke. Bd. 21, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

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