Watchblogs: Korinthenkackerei oder Königsweg?

3. December 2006 - 18:19 -- Lisa Sonnabend

Watchblogs decken die kleinen und großen Fehler der professionellen Medien auf - und sind dabei, den traditionellen Journalismus zu verändern.

Bei der Sache mit den Biobauern wurde Sebastian Heiser misstrauisch. Das Wochenmagazin Der Spiegel schrieb in einem Artikel, wie schlecht es um den Öko-Anbau in Deutschland bestellt ist. Eine Statistik sollte die These verdeutlichen: Deutschland liegt auf dem letzten Platz - weit hinter Tschechien und Estland.

Doch Sebastian Heiser bemerkte: Der Spiegel hatte einfach die untere Hälfte der Statistik weggelassen. Deutschland ist in Wirklichkeit gar nicht Schlusslicht, sondern Mittelfeld beim Bio-Anbau - weit vor Großbritannien, Frankreich und Japan.

Der Student ärgerte sich mal wieder über den Spiegel und schrieb sogleich einen Beschwerdetext. Er schickte jedoch keinen Leserbrief ab. Nein: Heiser hat sein eigenes Medium. Auf dem Weblog Spiegelkritik veröffentlicht er gemeinsam mit drei Bekannten regelmäßig Beiträge, in denen er Fehler des Spiegel und dessen Internet-Seite Spiegel-online dokumentiert.

"Typisch Spiegel"

"Fakten, die nicht zur gewünschten Aussage des Artikels passen, werden beim Spiegel ausgeblendet oder so lange zurechtgebogen, bis sie passen", sagt Heiser. Das ärgert ihn. "Typisch Spiegel", nennt der 27-Jährige das.

Seit Weblogs populär geworden sind, hat Heiser eine Möglichkeit, seinen Ärger der Öffentlichkeit kund zu tun. Weblogs sind die erste Publikationsform, die es dem Publikum ermöglicht, selbst als Kommunikatoren ungefiltert in der Öffentlichkeit Gehör zu finden.

Spiegelkritik rechnet man dabei den so genannten Watchblogs zu, die das Geschehen in den Medien kritisch beobachten. Auf ihnen kann man lesen, was auf den Medienseiten der Zeitungen keinen Platz findet oder womöglich als zu kontrovers gesehen wird.

Bildblog ist das bekannteste Watchblog Deutschlands. Fast 60.000 lesen es täglich. Die Macher decken Fehler der Bild-Zeitung auf: ob Schleichwerbung, erdichtete Skandale oder sonstige Schweinereien. Bei Spiegelkritik, das es seit sieben Monaten gibt, schauen täglich etwa 100 Leser vorbei.

Maradona, Demos und Rechtschreibfehler

"Bildblog hat das Glück, dass die Bild viel mehr und viel gröbere Fehler macht", sagt Heiser. "Den Spiegel zu beobachten ist eine größere Herausforderung. Die Fehler sind oft versteckter." Oft findet Heiser nur Rechtschreibfehler, die Angabe einer viel zu hohen Teilnehmerzahl bei einer Demo gegen Studiengebühren oder die falsche Anzahl der von Diego Maradona besuchten WM-Spiele.

Schon in der Schulzeit las Heiser regelmäßig den Spiegel - damals noch mit Begeisterung. Doch seit er auf der Kölner Journalistenschule ist und sich sein Auge geschärft hat, wie er sagt, fallen ihm immer mehr Fehler auf. Die handwerklichen ärgern den 27-Jährigen am meisten: die fehlende Ausgewogenheit, schlechte Recherche oder das Zurechtbiegen von Fakten.

"Wir schreiben vor allem, um Ärger abzulassen.", sagt Heiser. "Wenn es dann noch jemand liest - umso besser." Geld verdienen will Heiser mit dem Weblog vorerst nicht - dazu sind die Leserzahlen auch noch zu gering. Auch das Design ist wohl zu schlicht, um Werbekunden anzulocken. An die Professionalität der traditionellen Medien kann Spiegelkritik nicht heranreichen. Doch sind Blogger vielleicht trotzdem die besseren Medienjournalisten?

Unkritischer als andere

Zu den Aufgaben der Medien-Berichterstattung gehört es, die Medien - und damit sich selbst - zu kontrollieren, die Qualität im Journalismus zu sichern, Vorgänge transparent zu machen und dem Publikum Medienkompetenz zu vermitteln. Leisten Blogger dies? Christoph Neuberger, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität in Münster, sagt: "Es gibt keine eindeutige Antwort. Es kommt immer darauf an. Bildblog demonstriert, wie die Ansprüche an guten Medienjournalismus erfüllt werden können." Die Betreiber machen auf ein Qualitätsdefizit bei der Bild-Zeitung aufmerksam, sie müssen nicht auf ein Unternehmen im Hintergrund Rücksicht nehmen und sie sensibilisieren die Leser für einen kritischeren Umgang mit der Zeitung.

Viele Medienexperten bemängeln seit langem, dass es im Medienjournalismus starke Verflechtungen zwischen Verlagen und einzelnen Journalisten gibt, die eine unabhängige Medienberichterstattung gefährden. Während der Pressekrise zu Beginn dieses Jahrzehntes beispielsweise haben Zeitungen über ihre eigenen Häuser unkritischer berichtet als über andere Verlage. "Blogger können dagegen ohne die organisatorischen und ökonomischen Zwänge eines Medienunternehmens schreiben", sagt Neuberger.

Doch auch in der Blogosphäre scheint die Unabhängigkeit zunehmend gefährdet. Auf dem renommierten Watchblog Medienrauschen erschien neben einer Coca-Cola-Anzeige ein enthusiastischer Beitrag über das Mixgetränk. Die journalistische Unabhängigkeit war hier wohl nicht mehr gewahrt. Der Herausgeber entfernte den Artikel schließlich.

"Es war ein Fehler"

Popkulturjunkie hatte einen Beitrag veröffentlicht, für den er von der Suchmaschinenfirma Ask.com bezahlt wurde. Nachdem diese sich beschwert hatte, dass der Text zu kritisch sei und Nachbesserungen forderte, löschte Popkulturjunkie den Eintrag: "Es war ein Fehler, sich auf diese Aktion einzulassen. Niemand redet mir in meine Blog-Einträge herein", entschuldigte er sich anschließend bei seinen Lesern.

Für Neuberger stellt die Werbefinanzierung von Weblogs grundsätzlich kein Problem dar: "Entscheidend ist die Frage, ob der Inhalt eines Weblogs unbeeinflusst bleibt und für den Nutzer die Abgrenzung zwischen Blog und Werbung klar erkennbar ist." In der Blogosphäre werde gerade diskutiert, was werbende Blogger beachten müssen.

Heiser hat mit Spiegelkritik nicht den Anspruch, dem traditionellen Medienjournalismus Konkurrenz zu machen. Ein Blog und eine
Medienseite in der Zeitung seien zwei sehr unterschiedliche Dinge. Heiser sagt: "Die Herangehensweise ist ganz anders. Eine Korinthe reicht nicht für einen Zeitungsbeitrag."

Immerhin: Regelmäßig schauen bei Spiegelkritik Mitarbeiter vom Spiegel vorbei. "Das können wir an den Zugriffsstatistiken sehen", erklärt Heiser. Vielleicht schärft Heiser mit seinem Weblog das Fehlerbewusstsein bei den Journalisten. Und das wäre ja schon Einiges, wenn Journalisten durch Watchblogs künftig nicht die immer gleichen Fehler machen.

Kommentare

Submitted by mona bauermann (not verified) on

genialen Eintrag, danke.
Gibt es andere Watchblogs ausser bildblog.de,spiegelkritik.de, meingottundmeinewelt.de und watchblog.de?