2.3 Motive, Selbstverständnis und Demografie der Blogger

Als die Zahl der Blogger während des Irakkriegs 2003 weiter anstieg und ihnen die klassischen Medien mehr und mehr Aufmerksamkeit schenkten, festigte sich bei vielen Bloggern, Journalisten und Wissenschaftlern die Ansicht, der prototypische Blogger sei ein unabhängiger Amateur-Journalist, der subjektiv und authentisch vor Ort berichtet. Dieses Bild ist falsch, wie Susan Herring bereits in einer Studie aus dem Jahr 2004 feststellte (Herring et al. 2004). Mittels einer Inhaltsanalyse von 203 zufällig ausgewählten Blogs fand Herring heraus, dass die Zahl der sogenannten Filter-Blogs, die externe Informationen aus dem Internet kommentieren und auswählen, um dem Nutzer Orientierung zu bieten, lediglich 15 Prozent beträgt. Watchblogs würden unter diese Kategorie fallen. 70 Prozent der Blogger nutzen ihr Blog dagegen als eine Art Online-Tagebuch, um über ihr Leben, persönliche Erfahrungen und Gefühle zu schreiben.

Bloggen ist eine Freizeitbeschäftigung. In einer umfangreichen Studie von Lenhart et al. gaben 84 Prozent der Blogger an, ihr Blog sei ein „Hobby“ oder „Etwas, dass ich mache, aber nicht etwas, mit dem ich viel Zeit verbringe“ (Lenhart et al. 2006, S. 2). Der Gegensatz zwischen Vorstellung und Wirklichkeit von dem, was ein Blog ist, veranlasste den Geschäftsführer von Perseus, Jeffrey Henning, zu der schnippischen Bemerkung:

Blogging mag vieles sein. Aber das typische Blog wird von einer Teenagerin geschrieben, die es zwei Mal im Monat nutzt, um ihre Freunde und Schulkameraden über ihr Leben auf dem Laufenden zu halten. (Henning 2003, S. 3)

Die Informatikerin Bonnie Nardi von der University of California hat 2004 einen ersten Versuch unternommen, die Motive der Blogger zu identifizieren (Nardi et al. 2004). In ihrer Studie untersuchte sie einen Teilbereich der Blogosphäre, den sie als „die gewöhnlichen Blogger“ bezeichnet. Laut Nardi erreichen nur wenige Blogs, wie das Technik-Blog Slashdot, ein großes oder gar internationales Publikum.

Die Aufmerksamkeit der Medien richtet sich normalerweise auf diese Schwergewichte, aber die überwältigende Mehrheit der Blogs wird von gewöhnlichen Leuten für viel kleinere Publika geschrieben. (Nardi et al. 2004, S. 1)

Stichprobenartig fragte Nardi 23 Blogger zwischen 19 und 60 Jahren, warum sie bloggen. Aus den Antworten destillierte sie die folgenden fünf Hauptmotive: „Dokumentieren des eigenen Lebens“, „Kommentieren und Meinung äußern“, „tiefe Gefühle ausdrücken“, „Ideen durchs Schreiben ausarbeiten“ und „Communities gründen und pflegen“.

Ein Jahr später veröffentlichten Andy Koh und seine Kollegen vom Singapore Internet Research Centre eine weit umfangreichere repräsentative Umfrage, in der sie herausfinden wollten, wer warum bloggt (Koh et al. 2005, S. 2ff). In der Studie befragten die Forscher 6000 englischsprachige Blogger. Daraus ging ein Sample von 1224 Antwortbögen hervor. Die Ergebnisse der Studie bestätigten Nardis Annahme, dass die Mehrheit der Blogger für ein sehr kleines Publikum schreibt. Koh et al. teilten die Blogs daher in zwei Kategorien ein: Die sogenannten personal und non-personal Blogs. 73 Prozent der Befragten ordneten ihr Blog als personal ein, also einem Online-Tagebuch ähnlich, in dem hauptsächlich über die eigenen persönlichen Erfahrungen berichtet wird. Die restlichen 27 Prozent nannten ihr Blog eher non-personal. In diesen Blogs liegt der Fokus auf bestimmten Themen, das Ziel ist meist ein möglichst großes Publikum zu erreichen. Non-personal Blogger sind zum Großteil Männer, die eine höhere formale Bildung als personal Blogger haben. Außerdem haben non-personal Blogger im Schnitt mehr Leser, aktualisieren ihr Blog häufiger und verbringen mehr Zeit damit.

Personal und non-personal Blogger schreiben aus unterschiedlichen Motiven (Koh et al. 2005, S. 5). Mehr als die Hälfte der personal Blogger schreiben, um „ihre Gedanken und Gefühle auszudrücken“ und „ihr Leben zu dokumentieren“. Non-personal Blogger dagegen schreiben mehrheitlich, um „zu kommentieren“ und „Informationen zu liefern“. Weniger als zehn Prozent beider Gruppen bloggen, um „andere zu unterhalten“ und „andere in ihren Handlungen zu beeinflussen“.

Eine Umfrage unter mehr als 4000 deutschen Bloggern aus dem Jahr 2005 zeigte, dass die von Koh et al. beschriebene Spaltung der Blogosphäre auch für Deutschland gilt. 70 Prozent der von Jan Schmidt befragten Blogger gaben an „zum Spaß“ zu schreiben. Lediglich 30 Prozent bloggen, weil sie ihr „Wissen in einem Themengebiet anderen zugänglich machen wollen“ (Schmidt 2006, S. 43).

Die Ergebnisse von Koh et al. und Schmidt wurden weitgehend von einer Pew-Studie aus dem Jahr 2006 bestätigt (Lenhart et al. 2006). Im Auftrag des Instituts haben Amanda Lenhart und Susannah Fox zwischen Juli 2005 und Februar 2006 mehr als 200 Blogger beobachtet und anschließend bis April nochmals rund 7000 am Telefon befragt. Im Gegensatz zu Koh et al. unterscheiden Lenhart und Fox nicht zwischen personal und non-personal Bloggern. Laut ihrer Studie sind mehr als die Hälfte der amerikanischen Blogger jünger als 30 Jahre, weitere 30 Prozent sind zwischen 30 und 50 Jahren. Das Verhältnis von Männern und Frauen ist ausgeglichen.

Die Ergebnisse von Lenhart et al. und Koh et al. decken sich auch bei der Frage nach den Motiven. Laut Lenhart et al. bloggen mehr als 70 Prozent, um „ihre persönlichen Erfahrungen zu dokumentieren und zu teilen“ und „sich kreativ auszudrücken“ (Lenhart et al. 2006, S. 4). Diese 70 Prozent würden Koh et al. als personal Blogger bezeichnen. Lenhart et al. haben nicht nach dem Motiv „Kommentierung“ oder „Austausch von Informationen“ gefragt, deswegen fällt eine Zuordnung zur Kategorie der non-personal Blogger schwer.

Eine Folgestudie von Jeffrey Henning im Jahr 2005 widerspricht den demografischen Ergebnissen von Lenhart et al. (Henning 2005, S. 4). Henning befragte 10.000 zufällig ausgewählte Blogger der 20 führenden Blog-Hoster. Im Vergleich zu seiner Studie aus dem Jahr 2003 war die Blogosphäre deutlich weiblicher geworden (vgl. Henning 2003). 2003 waren 56 Prozent der Blogger weiblich. Zwei Jahre später waren es bereits 70 Prozent. Im gleichen Zeitraum hat auch der Anteil bloggender Teenager von 50 auf 60 Prozent zugenommen.