5 Zusammenfassung und Ausblick

Die Analyse der Fallbeispiele in Kapitel 4 hat gezeigt, dass das für Blogger typische Vorgehen der kollektiven Wahrheitsfindung zu funktionieren scheint. Obwohl ein normativer Ethik-Kodex in der Blogger-Praxis keine Rolle spielt und daher keine gemeinsamen ethischen Maßstäbe existieren, wurden die sechs von Rebecca Blood aufgestellten ethischen Regeln weitgehend befolgt (vgl. Blood 2006). Dass die ethischen Richtlinien Bloods in den Fallbeispielen unbewusst oder bewusst befolgt wurden, hat wohl vor allem mit der individuellen ethischen Einstellung der betreffenden Blogger zu tun. Die Diskussion in Kapitel 4.3 über die Frage, wie sorgfältig Blogger recherchieren müssen, hat aber gezeigt, dass eine Auseinandersetzung über die Verpflichtungen eines Bloggers ohne einen gemeinsamen Ethik-Kodex als Diskussionsgrundlage auf der Ebene persönlicher Meinung stecken bleibt. Ein allen bekannter Ethik-Kodex könnte die Blogger zumindest für moralische Konflikte sensibilisieren. Laut Anika Pohla ist diese Sensibilisierung notwendig, bevor die Adressaten davon überzeugt werden können, die ethischen Normen auch einzuhalten (vgl. Pohla 2006, S. 167).

Es bleibt die Frage, welche Verantwortung und Verpflichtungen Menschen haben, die in ihrer Freizeit Texte im Internet veröffentlichen. Zwei Ansichten, denen man häufig in der Blogosphäre begegnet, lehnen jegliche Verantwortung ab. Die eine besagt, ein Blog sei ein einem Tagebuch vergleichbarer privater Raum, der durch ethische Normen nicht reguliert werden müsse (vgl. Rochelle 2004). Die andere sieht Blogs als reines Spaßprojekt, dass durch die Verpflichtung zur Befolgung ethischer Normen zerstört würde (vgl. Dave-Kay 2006).

Blogger mit dieser Einstellung werden schwer dazu zu bewegen sein, einen Ethik-Kodex zu befolgen. Sie werden wohl erst vom Nutzen eines Ethik-Kodexes überzeugt sein, wenn sie negatives Feedback bekommen, sei es aus der Blogosphäre oder von einer Anwaltskanzlei. Im Gegensatz zu einem privaten Tagebuch oder einer spaßigen Privatparty gleicht ein Blog eher einem Menschen mit Megaphon, der in einem Saal voller Menschen seine Meinung herausschreit. Ethisch gesehen gelten für diesen Menschen die gleichen Verpflichtungen, wie in der Fußgängerzone. Wer jemanden anlügt, in die Irre führt oder aus Spaß beleidigt, hat die Konsequenzen zu tragen.

Watchblogger wollen bei ihren Lesern in der Regel etwas bewirken. Sie schreiben kein Online-Tagebuch um ihre Erlebnisse zu dokumentieren und betreiben meistens auch kein reines Spaßprojekt. Dass die in Kapitel 4 analysierten Watchblogger die ethischen Regeln Bloods eingehalten haben, ist sicher kein Zufall. Die Verantwortung, die sie gegenüber ihren Lesern tragen, ist Watchbloggern eher bewusst. In der Blogosphäre bilden die Watchblogger wohl eine Minderheit, die noch am ehesten bereit wäre, über einen Ethik-Kodex zu diskutieren.

Ob sich in Zukunft ein Ethik-Kodex in der Blogosphäre durchsetzt, bleibt fraglich. Neben Blood ist noch kein Kodex entwickelt worden, der auf die Belange der Blogger zugeschnitten ist und versucht die aufgestellten Normen auf allgemeine Werte zurückzuführen. Ein Kodex, der eine Aussicht darauf haben soll, seine Adressaten zu überzeugen, muss seine Normen begründen (vgl. Pohla 2006, S. 132). Vielleicht führen die unterschiedlichen Motive der personal und non-personal Blogger dazu, dass für jede Gruppe ein eigener Kodex aufgestellt wird, der auf die Belange der jeweilgen Gruppe besser zugeschnitten ist. Um solche Kodizes verfassen zu können, sollten zukünftige Studien die Motive, moralischen Konflikte und ethischen Einstellungen der deutschen Blogger empirisch untersuchen.