Monokultur und "Mob 2.0": Jaron Lanier über die Gefahren des Internets

13. December 2006 - 14:03 -- Maximilian Sterz

Der amerikanische Netzpionier Jaron Lanier gilt als einer der großen Mahner innerhalb der Netzkultur und hat in letzter Zeit vor allem mit seiner Kritik der kollaborativ erstellten Online-Enzyklopädie Wikipedia für Aufsehen gesorgt. Er kritisiert Tendenzen eines "digitalen Maoismus", der statt zu kollektivem Fortschritt eher zu Formen digitaler Unterdrückung führen würde.

Seine Wikipedia-Kritik weist dabei erstaunliche Parallelen zu den Ansichten des - mittlerweile ausgestiegenen und mit einem Alternativprojekt beschäftigten - Wikipedia-Mitgründers Larry Sanger auf. Dieser hatte bereits vor Jahren auf das grundlegende Dilemma hingewiesen, dass bei Wikipedia wenige kontraproduktiv eingestellte Individuen (so genannte "Trolle") die Atmosphäre in einem Ausmaß vergiften können, dass Fachleute von der Mitarbeit letztlich abgehalten oder regelrecht vertrieben werden.

Nun hat Jaron Lanier die Blogosphäre in die Kritik genommen. Auch hier würden die Möglichkeiten des anonymen Publizierens zu unerfreulichen und gefährlichen Tendenzen führen, wie er in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung näher erläutert:

Ich möchte verdeutlichen, dass der technische Teil von Web 2.0 hervorragend war. Aber ich kritisiere die Idee, im gleichen Atemzug die Menschen zu einer anonymen breiten Masse zu machen. Nehmen Sie die Blogs: Nicht-anonyme Einträge, in denen die Personen sich zu erkennen geben, sind halbwegs zivil. Sie sind Teil der Zivilisation. Sobald Leute aber anonym schreiben, werden sie gemein. Sie werden widerlich. Lass Menschen zur breiten Masse werden und sie werden böse. Und sie verlieren sich selbst.

Fazit: Im anonymen Blogrudel verliert der Mensch den Anstand? Sicherlich ist diese Kritik berechtigt und es gibt viele Fälle, in denen dies zutrifft. Nur wirken Laniers (netz-)kulturpessimistische Thesen bisweilen ebenso einseitig und polarisierend wie es oftmals auch die Argumente der Web2.0-Apologeten sind.

Kommentare

Sowohl Sanger als auch Lanier erkennen ein wesentliches Problem nicht. Die Bezeichnung "Trolle" trägt Züge faschistischer Rhetorik, indem eine Personifizierung des Bösen stattfindet. Der Begriff wird darüberhinaus inflationär verwendet.

Was Wikipedia anbelangt, da gibt es viel wichtigere Probleme zu lösen, insbesondere was die Willkür der Administratoren anbelangt, und der Tatsache, dass diese sich vor niemandem verantworten müssen, ...

Aktueller Fall:

Mathias Schindler vom Verein Wikimedia e.V. löscht Wikinews Artikel über Zensur bei Wikipedia

Nach über 14 Tagen können wir hier den zweiten Kommentar eintragen, und auf systemimmanente Mißstände bei der deutschsprachigen Wikipedia hinweisen.

Lösgelöst vom Einzelfall, auf den wir hingewiesen haben.

Denn beim Deutschlandradio ist am 24. Januar 2007 um 14:12 ein Beitrag zu Wikipedia gesendet worden. Michael Schetsche wurde interviewed und legte recht deutlich dar, wer und was die wahren Probleme bei Wikipedia sind: Die Administratoren & Regulars.

Für Kenner der Szene und Menschen mit Medienkompetenz bietet das keine neuen Erkenntnisse, aber gerade Leser der c’t, des Heise-Newstickers und von SpOn erfahren von Schetsche mehr, als sie wissen (dürfen).

Harsche Kritik an Wikipedia Administratoren und Regulars