2.2.2 Einfluss der US-amerikanischen Blogosphäre

Vor 1999 fungierten Weblogs noch fast ausschließlich als Informationsfilter meist für technische Themengebiete. Doch Weblog-Autoren berichteten zunehmend auch über persönliche Themen (Blood 2000, Gill 2004, Mortensen/Walker 2002: 249). Von der Jahrtausendwende an wandten sich Blogger schließlich verstärkt öffentlich relevanten – oft politischen – Themen zu (Neuberger 2003b). Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 in New York entstanden zahlreiche Weblogs, auf denen die Autoren ihre persönlichen Gefühle, Meinungen und Beobachtungen in Bezug auf die Ereignisse mitteilten. Die Blogger berichteten kritisch und perspektivenreich über Dinge, die in den traditionellen Medien nicht berücksichtigt wurden (Koch/Haarland 2004: 97, Mortensen/Walker 2002: 259, Thompson 2003). Weblogs, die den Krieg gegen den Terrorismus analysieren, werden als Warblogs bezeichnet (Bowman/Willis 2003: 34). Im Irak-Krieg 2003 dienten Weblogs Journalisten, Mitgliedern von Hilfsorganisatoren, Soldaten und irakischen Bürgern als Mittel, um aus dem Krisengebiet zu berichten. Sie boten den Rezipienten eine Alternative zu der Berichterstattung der embedded reporter, den von der amerikanischen Regierung kontrollierten Journalisten. Der bekannteste Blogger des Krieges war der Iraker Salam Pax. Sein Weblog Where is Raed?14, auf dem er authentisch von dem Alltagsleben in Bagdad berichtete, erzielte täglich bis zu drei Millionen Zugriffe von Menschen aus zahlreichen Nationen (Möller 2005: 132). Vier Prozent der Amerikaner bezogen während des Irak-Krieges Informationen über Weblogs (Thompson 2003). Weblogs konnten in den USA zunehmend ein Massenpublikum erreichen. 100.000 Leser besuchten im Jahr 2002 täglich das bekannteste Weblog der USA Instapundit15 von Glenn Reynolds. Dies entspricht den Reichweiten von Tageszeitungen oder Fernsehsendungen (Gill 2004). Wegen der Aufmerksamkeit, die Weblogs erlangt hatten, begannen die traditionellen Medien16 in den USA, Weblogs in ihr Angebot zu integrieren (Gill 2004).17 Im Dezember 2002 demonstrierten die Blogger in den USA ihre Macht als Citizen Media: US-Senator Trent Lott hatte sich auf einer politischen Veranstaltung rassistisch geäußert. Während andere Medien dies nicht weiter verfolgten, wurde im Internet die Berichterstattung auf Weblogs so lange aufrecht erhalten, bis die traditionellen Medien doch über Lott berichteten und dieser schließlich zurücktreten musste (Scott 2004, Gillmor 2004: 44f, Thompson 2003). Im September 2004 wiesen Blogger dem CBS-Journalisten der Sendung 60 Minutes, Dan Rather, nach, dass dieser auf gefälschte Dokumente über die Militärzeit von US-Präsident George W. Bush hereingefallen war. Die traditionellen Medien griffen das Thema auf. Rather konnte die Vorwürfe der Blogger nicht entkräften und musste seinen Beruf aufgeben (Hewitt 2005: 37ff, Bieler 2005: 33). Auch während des US-Präsidentschafts-Wahlkampfes 2004 spielten Blogger eine wichtige Rolle. Howard Dean, Bewerber für das Amt des Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, war der erste Politiker, der ein Wahlkampf-Weblog betrieb, um für seine Politik, Engagement und Spenden zu werben. Das Weblog Blog for America18 diente zum Meinungsaustausch und zur Organisationsplanung für die Dean-Anhänger (Trippi 2004: 36, Gillmor 2004: 94ff.). Im anschließenden Präsidentschaftswahlkampf führten auf Grund des großen Erfolges der Dean-Kampagne die Wahlkampfteams der beiden Kandidaten George W. Bush und John Kerry Weblogs ein. Blogger wurden als Berichterstatter neben den Journalisten traditioneller Medien zu den Wahlkampfveranstaltungen der Parteien eingeladen (Patalong 2004, Bieler 2005: 33). Rund neun Prozent der amerikanischen Internet-Nutzer gaben an, während des Wahlkampfes politische Weblogs „regelmäßig“ oder „manchmal“ gelesen zu haben (Rainie 2005a). Blogger haben sich in den USA bereits als eine Art Institution etabliert. Es gelingt ihnen, die Medien-Agenda mitzubestimmen. Fußnoten: 14 URL: http://www.dear_raed.blogspot.com. Die Beiträge des Weblogs sind inzwischen in Buchform veröffentlicht worden, siehe Pax (2003). 15 Die URL lautet http://www.instapundit.com. Inzwischen (September 2005) hat Instapundit täglich 300.000 Leser. 16 Unter traditionellen Medien werden im Folgenden Medien oder Mediengenres verstanden, die in einer Redaktion organisiert sind und deren Mitarbeiter mit ihrer Tätigkeit Geld verdienen. Dazu zählen neben Printmedien und Rundfunk auch Online-Magazine. 17 U.a. The New York Times, the San Jose Mercury News, the Minneapolis Star Tribune, the Boston Globe, the Congressional Quarterly und the San Francisco Bay Guardian sowie die Fernsehsender Fox News, ABC News und MSNBC haben Weblogs in ihrem Online-Angebot eingerichtet. 18 Die URL lautet: http://www.blogforamerica.com. Allerdings verfasste Howard Dean nur wenige Beiträge auf dem Weblog selbst.