3.3.3 Teilnahme am Kommunikationsprozess

“It`s the dialogue, stupid!”
(Joe Trippi)

Während im traditionellen Journalismus ein begrenzter Zugang zur Öffentlichkeit herrscht, ist seit dem Entstehen des Internets nun jeder Rezipient potentieller Publizist. Die Zugangsbarrieren, um ein Weblog zu errichten, sind geringer als bei anderen Online-Genres, da hierfür kaum technische Kenntnisse nötig sind (Blood 2000, Pryor 2003: 143, Koch/Haarland 2004: 225). Der Leser ist nicht mehr lediglich Konsument von Nachrichten, sondern kann selbst zum Produzenten werden (Neuberger 2000: 10, Möller 2005: V, Froomkin 2003: 859). Das Publikum besteht somit aus aktiven Nutzern, die jederzeit an der Kommunikation teilnehmen können (Gillmor 2004: 238).

Im Cluetrain Manifesto aus dem Jahre 1999, das die Zukunft des Internets beschreibt, heißt es:

„Markets are conversations. (…) As a result, markets are getting smarter, more informed, more organized. Participation in a networked market changes people fundamentally” (Levine et al. 1999).

Diese Prophezeiung kann nach Ansicht von Experten durch Weblogs Wirklichkeit werden: “Bloggers see news as a conversation”, sagt Weblog-Experte Jeff Jarvis (zitiert nach Lasica 2004). Ito (2004) schreibt: “Weblogs are conversations.” Und Bowman und Willis (2003: 9) meinen: “A defining characteristic of participatory journalism is conversation”. Weblogs ersetzen die one-to-many-Kommunikation durch eine netzwerkartige Kommunikation (Fischer/Quiring 2005: 10, Wijnia 2004). Während die Kommunikation in traditionellen Medien einseitig war, ermöglichen Weblogs erstmals alle Arten von Kommunikation – und zwar kann diese sowohl one-to-one, few-to-few, one-to-many als auch many-to-many sein (Gillmor 2004: 28). So meint Ito (2004), das Internet sei zu einer globalen Agora geworden. Erstmals scheint ein kollektiver Konsens durch many-to-many-Kommunikation, die Diskussionen und Debatten mitbestimmt, möglich zu sein. Weblogs werden als Ursache für eine „emergent democracy“ gesehen (Ito 2004).

Doch es gelten Einschränkungen für diese Szenarien. Die Links innerhalb der Blogosphäre sind nicht gleichmäßig verteilt, sondern folgen einem so genannten Power Law: Relativ wenige Weblogs vereinen eine große Anzahl von eingehenden Links auf sich, während die überwiegende Mehrheit von Weblogs nur eine geringe Anzahl besitzt. Dieser Trend ist auch für die deutschsprachige Blogosphäre erkennbar: Es dominieren mit 3.128 eingehenden Links Industrial Technology & Witchcraft, mit 2.031 Links Lummaland und mit 1.961 Links Plastic Thinking42, gefolgt von einer Reihe von Weblogs mit sinkender Anzahl von eingehenden Links. Es haben sich Meinungsführer in der Blogosphäre herausgebildet. Diese werden als A-List-Blogger bezeichnet. Das Verlinken im Blogroll – einem Reputationssystem ähnlich – trägt zu einer Etablierung der Meinungsführer bei. Auch in der Blogosphäre scheint somit nicht jeder die gleichen Chancen zu haben, gehört zu werden.


Fußnote:

42 Über http://blogstats.de/index.php?show=top100; Stand: 3. September 2005. Die URLs der Weblogs lauten: http://www.industrial-technology-and-witchcraft.de, http://lumma.de und http://weblog.plasticthinking.org.