3.3.4 Weblogs und journalistische Standards

Viele sprechen dem traditionellen Journalismus zu, über bessere Recherchemöglichkeiten zu verfügen. Laienjournalisten dagegen können oft keine gründlichen Recherchen durchführen, da sie ihre publizistischen Aktivitäten ohne professionelle Organisation in der Freizeit betreiben.

Allerdings herrscht die Auffassung: Viele Augen sehen mehr als zwei. Mit der Vielzahl der Blogger, die ihr Wissen teilen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Experte zu einem Thema vorhanden ist oder dass einer der Nutzer im entscheidenden Moment vor Ort war (Neuberger 2004b, Lasica 2004, Ermert 2005, Alphonso/Pahl 2004: 27). So überträgt Dan Gillmor (2004: 108) die Ideen von Marshall McLuhan auf Weblogs:

“For any problem there is a person or persons in a large population of educated people that don`t see it as a problem.”

Es ist zudem zu beobachten, dass traditionelle Journalisten Weblogs zunehmend als Recherchequelle nutzen, um Themen und neue Trends aufzuspüren (Alphonso/Pahl 2004: 33). So gaben in einer Umfrage 51 Prozent der befragten amerikanischen Journalisten an, Weblogs zu nutzen. 28 Prozent beziehen sich in der Berichterstattung der täglichen Nachrichten auf Weblogs (o. A. 2005).

Weblogs dienen als Quelle, wenn andere Quellen nicht verfügbar sind. Die traditionellen Medien wurden bereits des Öfteren hinsichtlich der Aktualität von Weblogs übertroffen. Bei der Flutkatastrophe in Asien oder den Terrorangriffen in London beispielsweise zogen traditionelle Medien Berichte der Weblogs als erste Quelle heran (vgl. Kapitel 2.2.3). Marie Cox, die als Wonkette43 eines der populärsten Weblogs in den USA betreibt, meint:

„Blogger machen es den Journalisten immer schwerer, die Veröffentlichung von Nachrichten aufzuschieben“ (zitiert nach Hank 2004).

Durch Weblogs verbreiten sich Informationen beinahe in Echtzeit (Pryor 2003: 148). Doch das schnelle Veröffentlichen birgt Probleme wie Ungenauigkeit der Information: Bei der US-Präsidentschaftswahl im November 2004 beispielsweise veröffentlichten Blogger Wahlergebnisse, in denen sie voreilig fälschlicherweise John Kerry als Sieger sahen (Hank 2004).

Schwindet die Glaubwürdigkeit, wenn Blogger Informationen veröffentlichen, ohne diese vorher genau zu überprüfen? Ein zentrales Qualitätskriterium im traditionellen Journalismus ist die Sorgfaltspflicht. Dazu zählen eigene Recherche, die Verwendung mehrerer Quellen, eine Betrachtung aus verschiedenen Blickwinkeln, die Trennung zwischen Nachricht und Kommentar oder Verifizierung der Informationen vor der Veröffentlichung. Es beachtet jedoch nur ein kleiner Prozentsatz aller Blogger die Einhaltung der Sorgfaltspflicht, da sie oft keine Recherche aus erster Hand betreiben, sich lediglich auf eine einzige Quelle beziehen, Themen aus einer subjektiven Perspektive betrachten oder Nachricht und Kommentar vermischen (Prillinger 2004, Rosenberger 2002: 83). Weblog-Beiträge orientieren sich in der Regel nicht an journalistischen Stilformen wie Nachricht, Reportage oder Glosse. Ein Weblog-Eintrag dagegen kann alles sein: Zitat, Smiley oder ein ganzer Roman (Alphonso/Pahl 2004: 39).

Fußnote:
43  http://www.wonkette.com