3.4.1 Verwirklichung eines demokratischen Mediensystems?

Weblog-Experten wie Ito (2004) meinen: Die Tatsache, dass die traditionellen Medien von großen Unternehmen dominiert werden, führe zu weniger Vielfalt in der Medienlandschaft. Darunter leide deren Glaubwürdigkeit. Es existiere ein Wunsch des Publikums nach mehr Transparenz im Journalismus (Gillmor 2004: 61). Die Entwicklung eines Bürgerjournalismus macht die Partizipation der Rezipienten möglich. Der Zugewinn an Informations- und Meinungsvielfalt wird dabei als positiv gesehen (Neuberger 2003a: 132). Die Chance der Verwirklichung der Meinungs- und Pressefreiheit scheint näher gerückt zu sein. So wird das Internet als basisdemokratisches Medium bezeichnet (Rosenberger 2002: 84, Zerfaß 2005: 3, Ito 2004, Reißmann 2005: 64). Weblogs können als Instrument des bürgerlichen Engagements dienen und dazu beitragen, Konsens zu bilden (Gillmor 2004: 139). So nennt Medienexperte Jay Rosen (2004) Weblogs eine „extremely democratic form of journalism“.

Forderungen nach einem ausgeglichenen Verhältnis zwischen den Medienschaffenden und dem Publikum gibt es schon lange. So postulierte Bertolt Brecht in seiner Radio-Theorie in den 30er Jahre:

„Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln. (…) Also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen“ (Brecht 1992: 553).

Sind die normativen Bedingungen, die Jürgen Habermas für die Öffentlichkeit formulierte, erstmals realisierbar? Diese lauten: Jeder hat die Möglichkeit, an der Kommunikation teilzunehmen. Dabei kann jedes Thema behandelt werden. Es herrscht Gleichheit zwischen den Teilnehmern, die stets vertrauenswürdig handeln. Das beste Argument wird sich so im freien Diskurs durchsetzen. Habermas bezeichnet eine Kommunikation, bei der diese Bedingungen erfüllt sind als „ideale Gesprächssituation“ (Habermas 1995: 98f. Wijnia 2004, Roesler 1997: 182f., Thompson 2003, Neuberger 2000b: 1). Werden durch Entstehen der Weblogs diese drei Bedingungen für eine „ideale Gesprächsituation“ – offene, gleiche, vertrauenswürdige Teilnahme – erstmals möglich?

Lediglich zehn Prozent der Weltbevölkerung hat Anschluss an das Internet; ein großer Teil ist somit von der Online-Kommunikation ausgeschlossen (Bowman/Willis 2005: 47). Personen mit Online-Anschluss steht seit Entstehung der Weblogs jedoch nichts an einer aktiven Kommunikatorrolle im Wege, da technische und finanzielle Hindernisse weitgehend abgebaut wurden und der Zugang zur Kommunikation nicht an einen bestimmten Ort oder Zeitpunkt gebunden ist.45 Prinzipiell hat ein Blogger die Möglichkeit, die Kommunikation auf seinem Weblog zu kontrollieren, indem er beispielsweise Kommentare löschen kann. Allerdings kann die Kommunikation an anderer Stelle im Internet fortgeführt werden, wo derjenige Blogger keinen Einfluss ausüben kann. Blogger können ihre Leser täuschen; sie handeln nicht immer vertrauenswürdig. Reputationssysteme oder der Kontext dienen jedoch den Rezipienten als Indiz, die Glaubwürdigkeit eines Weblogs einzuschätzen (Wijnia 2004).46 Mit gewissen Einschränkungen scheinen die Bedingungen von Habermas in der Blogosphäre Wirklichkeit geworden zu sein. Wie sich der Umgang mit Weblogs jedoch entwickelt, bleibt abzuwarten.

Fußnote:
45 Als Einschränkung kann das Power Law gesehen werden, nach dem einige Meinungsführer einen Großteil der Kommunikation kontrollieren, vergleiche Kapitel 3.3.3.

46 Inwieweit Leser Weblogs als glaubwürdig ansehen, wird in einer explorativen Studie im Rahmen dieser Arbeit untersucht werden.