3.4.2 Weblogs und der Journalismus-Begriff

Kann man Weblogs als Journalismus bezeichnen? Prinzipiell sind Weblogs bloße Instrumente. Ob sie eine neue Form des Journalismus ermöglichen, hängt von der Umsetzung der Nutzer und damit von den Inhalten ab (Prillinger 2004).

„Der Grundirrtum des Mythos besteht darin zu glauben, daß Öffentlichkeit ein technisches Problem darstellt, das sich mit einem geeigneten technischen Instrumentarium lösen läßt“ (Roesler 1997: 191).

Ebenso meint Hans Magnus Enzensberger (2000: 18):

„Das interaktive Medium (…) bildet schlicht und einfach die Geistesverfassung seiner Teilnehmer ab.“

Der Begriff Journalismus stammt von dem französischen Wort journal, das „täglich“ bedeutet (Branum 2001). Zieht man dies als Definition für den Journalismus-Begriff heran, wären Blogger Journalisten, da sie meist täglich oder sogar mehrmals täglich über das Geschehen in der Welt berichten. Allerdings wird diese Definition dem komplexen Journalismus-Begriff, dessen Charakteristika weit über das tägliche Berichten hinausgehen, nicht gerecht.

Der Journalismus kann auf verschiedenen Ebenen beobachtet werden: als Organisationsform, als Qualifikations- oder Tätigkeitsbündel auf der Akteursebene, als Satz von Berufsnormen und -rollen sowie als Leistungssystem der Öffentlichkeit (Neuberger 2003a: 132). Journalismus wurde bislang meist als professioneller und organisatorischer Journalismus aufgefasst, der an Medienunternehmen gebunden ist und sich an ein Massenpublikum wendet, dessen Mitglieder sich nur ausnahmsweise öffentlich zu Wort melden (Altmeppen 2000: 125). Nach dieser Definition wären Blogger keine Journalisten, da sie nicht professionell organisiert sind und sich Leser durch Kommentare oder eigene Beiträge in den Kommunikationsprozess integrieren. Zu den Tätigkeiten im Journalismus zählen recherchieren, redigieren, selektieren, schreiben und präsentieren (Altmeppen 2000: 133). Blogger nehmen diese Aufgaben durchaus wahr. Bestimmt man Journalismus primär über seine Berufsnormen und Leistungen, so wäre in Bezug auf Weblogs die Einhaltung journalistischer Standards wie Relevanz, Richtigkeit, Ausgewogenheit oder Trennung von Nachricht und Kommentar zu prüfen (Neuberger 2005: 80, Gillmor 2004: 42). Empirische Untersuchungen dazu blieben bislang aus.

Information, Kritik und Kontrolle, Bildung sowie Unterhaltung zählen zu den Funktionen, die der Journalismus erfüllen soll (Altmeppen 2000: 131).

„Die Funktion des Journalismus besteht in der professionellen, autonomen Verbreitung von Informationen zur Herstellung von Öffentlichkeiten als Basis der (politischen) Mitbestimmung“ (Balázs 2005: 5).

Dient dies als Kriterium für den Journalismusbegriff, sind Studien nötig, ob Weblogs „legitimerweise die Selbstbeobachtung der Gesellschaft auf autonomer Basis leisten“ (Altmeppen 2000: 132). Ob Weblogs nun eine Form des Journalismus darstellen, lässt sich bislang nicht sagen. Um dies zu untersuchen, sind Studien nötig, die allerdings erst dann zu einem endgültigen Urteil gelangen sollten, wenn sich die deutsche Blogosphäre hinreichend entwickelt hat.