3.4.3 Prognose über das Verhältnis von Weblogs und Journalismus

Inwieweit wird sich der traditionelle Journalismus durch das Aufkommen der Weblogs verändern? Wird er sogar ganz verschwinden und durch einen Bürgerjournalismus ersetzt werden? Befindet sich das Mediensystem am Beginn einer Revolution, da durch Weblogs erstmals alle Forderungen erfüllt werden, die an Journalismus gestellt wurden (Möller 2005, Prillinger 2004, Zerfaß 2005: 3)? Handelt es sich um eine Medien-Reformation (Hewitt 2005)?

„Über die Zukunft des Journalismus herrscht Unsicherheit. Die Zukunftsdeutungen pendeln zwischen Niedergang und Renaissance“ (Altmeppen 2003: 123).

Sicher ist: Ein neues Medium kann sich erst dann durchsetzen, wenn es von den Nutzern als positiv akzeptiert wird (Fromm 2000: 262). In der Forschung werden derzeit verschiedene Szenarien des zukünftigen Einflusses von Weblogs auf den Journalismus diskutiert. Das Verhältnis von Weblogs zum traditionellem Journalismus ist nicht vorhersehbar. In der Vergangenheit gab es bei Voraussagen in der Kommunikationswissenschaft stets Apologeten und Apokalyptiker (Fromm 2000: 258). Und so lauten auch bei Weblogs die möglichen Prognosen: Indifferenz, Ergänzung, Entgrenzung oder Verdrängung. Als wahrscheinlichste Variante wird gesehen, dass Weblogs und der traditionelle Journalismus sich gegenseitig ergänzen und somit zu einem größeren Medienangebot beitragen (Koch/Haarland 2004: 93, Neuberger 2002: 25). Es herrscht eine Komplementärbeziehung. Der traditionelle Journalismus könnte von Weblogs profitieren, da sich die Diskussion nicht mehr um die Frage nach Anzeigenmärkten und Verlagsstrategien drehen wird, sondern um die Qualität de Information (Lorenz-Meyer 2005: 48). Für die Ergänzungsthese spricht auch das Riedl’sche Gesetz, wonach bestehende Medien durch neu aufkommende nicht ersetzt, sondern ergänzt werden:

Alte Publikationsformen werden „auch von den vollkommensten und höchst entwickelten niemals wieder gänzlich und dauernd verdrängt und außer Gebrauch gesetzt werden, sondern sich neben diesen erhalten, nur daß sie genötigt werden, andere Aufgaben und Verwertungsgebiete aufzusuchen“ (Riepl 1913: 5).

Die stetig steigende Internet-Nutzung geht bislang nicht zu Lasten anderer Medien wie Print und Rundfunk. So heißt es in einer Studie von Eimeren und Frees (2005: 376):

„Das Internet wird in den Medienalltag integriert, ohne dass andere Medien verdrängt werden.“

Allerdings ist eine Verschiebung der wahrgenommenen Wichtigkeit der Medien zu beobachten: Die emotionale Bindung der Rezipienten an Tageszeitung und Zeitschriften sinkt, was als ein Anzeichen für einen Rückgang der Nutzung gesehen wird (Schmitt-Walter 2003).

Die Nischentheorie besagt, dass jedes Medium eine Nische besetzt und somit bestimmte Gratifikationen abdeckt und bestimmte Funktionen besser erfüllt als andere Medien. Durch neue Medien kann sich die Breite der Nischen der bestehenden Medien verändern. Die Nutzung der Medien bleibt somit nicht unberührt von neu aufkommenden Publikationsformen (Scherer/Schlütz 2004: 8 ). So haben Tageszeitungen seit dem Aufkommen des Internet Funktionen für die Rezipienten eingebüßt und ihre Nische ist enger geworden (Schmitt-Walter 2003). So ist beispielsweise die Bedeutung von Stellenmarkt oder Wohnungsmarkt für Printmedien durch das Internet gesunken. Wird sich der traditionelle Journalismus somit wandeln, da einige Gratifikationen durch Weblogs besser erlangt werden können? Wird er Eigenschaften der Weblogs übernehmen – sei es Trackback- oder RSS-Funktion oder eine subjektivere Perspektive? Eine mögliche Variante ist auch eine auch Ausdifferenzierung des Journalismus, d.h. auf der Organisations- und Akteursebene finden Veränderungen statt, die Funktionen des Journalismus wandeln sich jedoch nicht (Altmeppen 2000: 134).

Werden Weblogs möglicherweise zu einer wichtigeren Informationsquellen als traditionelle Medien und diese somit (teilweise) verdrängen? Dave Winer, US-Blogger und Software-Unternehmer, hat mit Martin Niesenholtz, Geschäftsführer der New York Times Digital, eine Wette abgeschlossen, ob im Jahre 2007 Weblogs bei einer Google-Suchanfrage zu den fünf wichtigsten Nachrichtenthemen höhere Positionen in den Ergebnislisten erzielen als die Online-Ausgabe der New York Times. Derzeit stehen die Wetten 64 Prozent zu 36 Prozent für Dave Winer.47 Allerdings wird die Variante einer (teilweisen) Verdrängung als unwahrscheinlich angesehen.

Die Forschung hat zur Diskussion des Verhältnisses zwischen traditionellem Journalismus und Weblogs noch kaum Ergebnisse geliefert. In einer explorativen Studie beurteilten Anbieter thematischer Weblogs ihr Verhältnis zum Journalismus (Neuberger 2005): 18,5 Prozent gaben an, Weblogs hätten mit Journalismus nichts zu tun. 28,9 Prozent vermuten, Weblogs werden den traditionellen Journalismus teilweise verdrängen. 83 Prozent der befragten Blogger meinten, Weblogs liefern oft wichtige Informationen, die im traditionellen Journalismus nicht veröffentlicht werden. Zu den Stärken ihrer Publikationsform im Vergleich zum Journalismus zählten die Blogger den leichten Zugang zur Kommunikation, die persönliche Perspektive des Autors, die intensive Diskussion von Themen, die Vielfalt von Meinungen sowie die Aktualität. Dem traditionellen Journalismus wird eingeräumt, eine neutralere Berichterstattung zu bieten, Themen tiefer zu behandeln, relevantere Informationen zu publizieren und mehr auf die Richtigkeit zu achten (Neuberger 2005: 85f.).

In einer Delphi-Studie zur Zukunft des Internet prognostizierten Experten, dass eine „gesellschaftlich bedeutsame Sphäre von Informations-‚Amateuren’“ entstehen werde: 35 Prozent der Befragten stimmten dieser Aussage für das Jahr 2006 zu und 48 Prozent für das Jahr 2010 (Glotz/Meyer-Lucht 2004: 99).

In Zeiten, in denen neue Medien entstehen, fallen Prognosen immer schwer (Neuberger 2000b: 1). So schreibt Fromm (2000: 58):

„Im Rückblick auf die konkreten Orakelsprüche der vergangenen 30 Jahre gilt in der Medienpublizistik der allgemeine Befund, dass die meisten Prognosen falsch waren.“

Die Blogosphäre ist wohl in sich zu unterschiedlich, um sie als einheitliches Konstrukt zu beurteilen. Aber Welch (2003) meint:

„The action at the top ten percent is among the most exciting new trends the profession has seen in a while.“

Ob nun Weblogs das Mediensystem und den traditionellen Journalismus „revolutionieren“ (u. a. Möller 2005) werden oder „demokratisieren“ (u. a. Ito 2004) können, lässt sich noch nicht feststellen. Eine wichtige Voraussetzung für eine Verbreitung der Weblogs lautet: Den Bloggern muss es in jedem Falle gelingen, die Qualität der Informationen transparent zu machen. Nur so können sie Glaubwürdigkeit und Wertschätzung der Rezipienten gewinnen und behalten (Neuberger 2000a: 12f.). Wie es um die Glaubwürdigkeits- und Qualitätseinschätzungen von Weblogs bestellt ist, soll deshalb im Rahmen dieser Arbeit erforscht werden.

Fußnote:
47 Nachzulesen unter http://www.longbets.org/2.