4.1.1 Glaubwürdigkeit im Kommunikationsprozess

“Eine (…) Illusion, die fast alle Medienarbeiter hegen,
ist der Glaube, daß ihnen die Leute glauben.“
(Enzensberger 2000: 24)

Seit mehr als 50 Jahren beschäftigt sich die Kommunikationswissenschaft mit der Glaubwürdigkeit von Medien und Quellen48 – und dies in recht ausführlicher Weise; denn Glaubwürdigkeit ist ein wichtiger Faktor im Kommunikationsprozess. Die Glaubwürdigkeit eines Mediums spielt bei der Informationssuche eine große Rolle, d.h. bei der Entscheidung der Rezipienten, welchen Medien sie sich zuwenden oder welchen Bereichen der Berichterstattung (Bentele 1988: 407). Nur falls Personen ein Medienangebot als glaubwürdig und qualitativ besser als andere Angebote einschätzen, werden sie es nutzen. Beurteilen sie es dagegen als unglaubwürdig und qualitativ schlecht, werden sie sich bei der nächsten Rezeption mit großer Wahrscheinlichkeit einem anderen Angebot zuwenden.

Zahlreiche Informationen, Einstellungen und Meinungen von Rezipienten basieren nicht auf direkten Erfahrungen, sondern auf dem, was diese über die Medien erfahren (Hovland/Weiss 1951: 635). Da dem gewöhnlichen Rezipienten die Sachkompetenz eines Experten fehlt, um die Richtigkeit der Information zu überprüfen, muss er so viel Wissen wie möglich über den Ursprung sammeln, um zu entscheiden, ob er dieser vertraut (Schütz 1972: 97, Kohring 2002: 90).

„Immer dann, wenn Informationen entscheidungs- oder handlungsrelevant werden, die uns nicht aus eigener Wahrnehmung bekannt sind, stellt sich prinzipiell die Frage der Glaubwürdigkeit“ (Köhnken 1990: 1).

Es besteht somit ein Risiko für die Rezipienten darin, journalistische Angebote als Grundlage des eigenen Handelns zu übernehmen (Kohring 2002: 96). Dieses Risiko versuchen die Rezipienten zu minimieren, indem sie sich Quellen zuwenden, die sie als glaubwürdig einschätzen. Glaubwürdigkeit stellt sich erst im zeitlichen Verlauf ein und muss durch jede neue Aussage eines Kommunikators bestätigt werden. Nimmt der Rezipient eine Aussage als falsch wahr, ist die Glaubwürdigkeit dagegen meist schnell wieder verspielt (Bentele 1988: 408).

Bei der Glaubwürdigkeitsforschung gilt es die drei Richtungen zu unterscheiden: die verhaltensorientierte, die inhaltsorientierte sowie die quellen- und kontextorientierte Glaubwürdigkeitsbeurteilung (Nawratil 1999: 15, Kohring 2004: 18). Bei der verhaltensorientierten Glaubwürdigkeitsforschung steht das nonverbale Verhalten der Kommunikatoren im Mittelpunkt, also Gestik, Mimik oder Stimmhöhe.49 Die inhaltsorientierte Glaubwürdigkeitsforschung beschränkt sich auf inhaltliche Aspekte einer Aussage – also darauf, was gesagt wird, und nicht, wie etwas ausgedrückt wird (Köhnken 1990: 7). Ein Beispiel hierfür ist die Zeugenaussage vor Gericht. Es kommt auf die Widerspruchsfreiheit, Detailreichtum oder Konstanz des Aussageinhaltes an (Kohring 2004: 19). Im Rahmen der Persuasions- und Einstellungsforschung stehen die Quelle und der Kontext einer Aussage im Mittelpunkt.

Es geht darum, „durch welche verhaltensunabhängigen Merkmale des Kommentators (…) Rezipienten zu dem Eindruck gelangen, dass eine Information glaubwürdig ist oder eben nicht“ (Köhnken 1990: 7).

Für den Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit ist vor allem die quellen- und kontextorientierte Glaubwürdigkeitsbeurteilung von Interesse.

Fußnoten:

48 Die Begriffe Quelle, Sprecher, Autor und Kommunikator werden in der Glaubwürdigkeitsforschung synonym verwendet, da sich die Glaubwürdigkeit an der interpersonalen Kommunikation orientiert (Nawratil 1999: 19).

49 Die verhaltensorientierte Glaubwürdigkeitsforschung ist somit – im Gegensatz zur Kommunikation im Fernsehen – für textbasierte Publikationsformen im Internet nicht relevant.