4.1.3 Glaubwürdigkeit des Internet

„Are there dangers in misleading people
into thinking they’re dealing with experts
when they might be dealing with cranks?”
(Flanagin/Metzger 2000: 517)

Die Glaubwürdigkeitsforschung ist seit Entstehung des Internet von besonderer Relevanz: Durch die Vielzahl neuer Informationsquellen müssen Rezipienten verstärkt selektieren, welchem Medium sie ihre Aufmerksamkeit zuteilen. Da der technische und finanzielle Aufwand für einen Internetauftritt relativ gering und durch Weblogs noch geringer geworden sind, kann jeder das publizieren, was er will. Es herrscht völlige Freiheit – soweit nicht das Persönlichkeitsrecht anderer verletzt oder gegen Gesetze verstoßen wird (Schweiger 1999: 96, vgl. auch Kapitel 3.2.1 und 3.3.3). Traditionelle Medien und deren Online-Ableger sind an professionelle Standards und sozialen Druck gebunden, korrekte und unvoreingenommene Informationen zu bieten. Im Internet gilt dergleichen nicht (Johnson/Kaye: 2002: 620). Es tummeln sich zahlreiche Autoren im Internet, die nicht professionell ausgebildet sind oder sich nicht unbedingt an journalistischen Standards orientieren (vgl. Kapitel 3.3.4 und 3.3.5). „Mit dem Autor schwindet auch die Autorität“, meint Enzensberger (2000: 20). Jeder kann publizieren, aber auch den Text anderer kopieren, umschreiben oder plagiieren. Als eine der Folgen kursieren im Internet Gerüchte – so genannte Internet-Märchen oder hoaxes –, die sich im Nachhinein als falsch herausstellen (Plake et al. 2001: 127). So täuschte beispielsweise ein IT-Manager alias Bloggerin Layne Johnson drei Jahre lang tausenden Lesern eine falsche Identität vor (Kneip 2004). Diese hoaxes werden als Gefahr für die Glaubwürdigkeit des Internets gesehen – und sogar von einigen für einen Glaubwürdigkeitsverlust bei den traditionellen Medien mitverantwortlich gemacht (Johnson/Kaye 2002: 620).

Einige kommunikationswissenschaftliche Studien haben sich bereits mit der Glaubwürdigkeit von Informationen aus dem Internet beschäftigt, ohne Weblogs zu berücksichtigen (Johnson/Kaye 1998, Schweiger 1998, Schweiger 1999, Johnson/Kaye 2000, Flanagin/Metzger 2000, Johnson/Kaye 2002). Sie kamen allerdings zu teilweise sich widersprechenden Ergebnissen. Dies liegt zum einen daran, dass die Studien unterschiedlich angeordnet waren: So variierten die Operationalisierung des Glaubwürdigkeitsbegriffs, die Stichprobe oder das Bezugsobjekt.53 Zum anderen ist das Internet ein recht junges Medium, weshalb rasche Einstellungsänderungen keine Überraschung darstellen.

Im Folgenden werden die wichtigsten Ergebnisse zum aktuellen Stand der Online-Glaubwürdigkeitsforschung skizziert: Zunächst ist festzuhalten, dass das Internet offensichtlich nicht unter einem Glaubwürdigkeitsdefizit leidet. Bisherige Studien haben kaum einen Glaubwürdigkeitsunterschied zwischen den traditionellen Medien und dem Internet festgestellt (Schweiger 1998: 138, Flanagin/Metzger 2000: 515, Johnson/Kaye 1998: 330). Flanagin und Metzger (2000: 525) fanden heraus, dass das Internet in etwa für genauso glaubwürdig angesehen wird wie Fernsehen, Radio oder Zeitschriften. Lediglich Tageszeitungen wurden von den Befragten als signifikant glaubwürdiger eingestuft. Andere Forscher kamen sogar zu dem Ergebnis, dass Online-Nutzer Internetquellen für glaubwürdiger ansehen als traditionelle Medien (Johnson/Kaye: 2002: 620).54

Spielt die Mediennutzung eine Rolle bei der Glaubwürdigkeitsbeurteilung? Schweiger (1998: 140) stellte fest, dass diejenigen Rezipienten, die mit dem Internet vertraut sind, die Informationen in diesem Medium für glaubwürdiger halten als unerfahrenen Online-Nutzer. Johnson und Kaye (2002: 634) dagegen ermittelten in ihren Untersuchungen: Je mehr ein Rezipient das Internet nutzt, desto weniger glaubwürdig bewertet er Online-Magazine. Des Weiteren konnte die Transferhypothese bestätigt werden. So attestierte Schweiger (1998: 140): Eine hohe Glaubwürdigkeit der Printprodukte überträgt sich auf die Einschätzung von dessen Web-Angebot. Die Vermutung liegt nahe, dass die Glaubwürdigkeit von der Art der Information – ob beispielsweise über politische oder computertechnische Themen berichtete wird – abhängt. Allerdings konnte dies nicht nachgewiesen werden (Flanagin/Metzger 2000: 529).

Demografische Merkmale der Rezipienten haben wohl kaum einen Einfluss auf die Glaubwürdigkeit des Internets (Johnson/Kaye 2002: 635). Lediglich eine negative Korrelation zwischen Alter und Online-Glaubwürdigkeit zeichnet sich ab: Je älter die Rezipienten sind, desto kritischer stehen sie Online-Nachrichtenmagazinen gegenüber (Johnson/Kaye 2002: 630). Die Beobachtung, dass Frauen und weniger Gebildete die Informationen aus dem Internet für glaubwürdiger halten (Johnson/Kaye 1998: 334), konnte vier Jahre später bereits nicht mehr bestätigt werden (Johnson/Kaye 2002: 631).

Es gibt die These, dass Interaktivität und Transparenz die Glaubwürdigkeit von Medien erhöhen können (Stone 2002). Durch Interaktivität bieten Medien mehr Transparenz für die Nutzer, die erkennen, wie Mediensysteme funktionieren. Dies ermöglicht es den Nutzern, Informationen zu beurteilen. Da Weblogs ein interaktiv ausgerichtetes Medium sind, wäre eine genauere Untersuchung interessant.

Angesichts der Komplexität und Unterschiedlichkeit der Angebote im Internet ist es fraglich, ob Rezipienten das Internet in seiner Gesamtheit angemessen beurteilen können. So bestehen im Internet Subsysteme oder „Medien zweiter Ordnung entstehen“ (Wirth/Schweiger 1999: 46). Eine differenzierte Analyse der Glaubwürdigkeit dieser Subsysteme – bis auf Online-Ableger traditioneller Medien – blieb bislang weitgehend aus. Es überrascht somit nicht, dass zur Glaubwürdigkeit von Weblogs noch keine empirische Befunde vorliegen. Die Glaubwürdigkeitsforschung zur Online-Kommunikation steht noch in ihren Anfängen und so können die derzeitigen Erkenntnisse zur Glaubwürdigkeit des Internets als nicht befriedigend und nicht ausreichend angesehen werden. Es wäre wünschenswert, künftig aussagekräftigere und valide Studien durchzuführen und damit die für die klassischen Medien recht oft gut untersuchte Frage nach der Glaubwürdigkeit auch für das Internet zu beantworten.

Fußnoten:

53 So befragten beispielsweise Johnson/Kaye in ihren drei Studien lediglich Politik interessierte Internetnutzer und Schweiger (1998) nur Studenten der Kommunikationswissenschaft.

54 Diese Ergebnisse widersprechen den Ergebnissen von Berg/Kiefer (1996: 252), die über repräsentative Stichproben verfügten: Dort wurde das Fernsehen als glaubwürdigstes Medium gesehen und dem Internet eine vergleichsweise geringe Glaubwürdigkeit zugesprochen.