4.2.2 Stand der Qualitätsforschung

„Qualität im Journalismus definieren zu wollen,
gleicht dem Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln.“
(Stephan Ruß-Mohl)

Qualität kann allgemein als Eigenschaft oder Güte bzw. Wert übersetzt werden (Breunig 1999: 94). Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht wird Qualität verstanden:

„als eine Eigenschaft (…), die bestimmten Normen entspricht. Diese sind aus einem Wertsystem abgeleitet“ (Schatz/Schulz 1992: 690).

Die Diskussion über journalistische Qualität ist so alt wie die periodische Presse selbst (Wilke 2003: 35). Doch seit etwa fünfzehn Jahren – seit dem Aufkommen des dualen Rundfunksystems – wird die Qualitätsdebatte verstärkt geführt. Nach der grundlegenden Bestandsaufnahme von Schatz und Schulz (1992) wurde eine Reihe von Systematisierungsversuchen unternommen, bei denen Kriterienkataloge entwickelt wurden.

Es gilt dabei, drei Ebenen bei der Qualitätseinschätzung zu unterscheiden: Angebotsebene, Qualitätskriterien und Attributoren (Rössler 2004: 127). Auf der Angebotsebene wird gefragt, welches Objekt hinsichtlich seiner Qualität beurteilt wird. So kann beispielsweise die Qualität einer Mediengattung (z.B. Blogosphäre), eines Medienangebotes (einzelnes Weblog) oder eines Beitrages gemessen werden (Schenk/Gralla 1993: 9). Abhängig vom zu beurteilenden Medienangebot sind auf einer zweiten Ebene eine Vielzahl normativ wie empirischer Kriterienkataloge denkbar, deren Zusammensetzung die erzielten Qualitätsurteile prägt. Schließlich wird festgelegt, wer die Attributoren sind, also wer welche Maßstäbe an welches Objekt anlegt. Zwischen Medienproduzenten, Rezipienten und Forschern besteht dabei meist kein Konsens (Neuberger 2003a: 133, Rössler 2004: 127).55

Qualität ist also – wie Glaubwürdigkeit – kein eindimensionales Konstrukt (Schatz/Schulz 1992: 692, McQuail 1992: 66, Ruß-Mohl 1994: 95f., Weischenberg 2003: 169). Ein Großteil der in bisherigen Studien verwendeten Qualitätsmerkmale können auf die von Schatz und Schutz (1992) entwickelten Dimensionen zurückgeführt werden: Diese sind Vielfalt, Relevanz, Professionalität, Akzeptanz und Rechtmäßigkeit56 (Schatz/Schulz 1992: 693). Dabei werden vor allem allgemeine journalistische Professionalitätsstandards wie Komplexitätsreduktion (Faktentreue, Vereinfachung, Verständlichkeit), Aktualität (zeitliche und Problemaktualität), Originalität (Leseanreiz, Eigenrecherche), Transparenz und Reflexivität (Offenlegen der Berichterstattungsbedingungen, Quellenkritik) sowie Objektivität (Faktentreue, Beachtung der Nachrichtenwerte, Trennung von Nachricht und Meinung, Vielfalt der Perspektiven, Ausgewogenheit, Hintergrundinformationen) genannt (Ruß-Mohl 1992: 85f., Weischenberg et al. 2005: 374). Neben diesen übergreifenden Qualitätskriterien sollten je nach Perspektive und je nach Beurteilungsgegenstand speziell angepasste, zumindest aber unterschiedlich gewichtete Qualitätsmerkmale eingesetzt werden (Rössler 2004: 127).

Fußnoten:

55 Zur Angebotsebene liegen bereits zahlreiche Forschungen vor. Aus der Attributorenperspektive dominiert die der Medienproduzenten, die „receiver use quality“ wird dagegen seltener erhoben (Rössler 2004: 128).

56 Unter Rechtmäßigkeit werden gesetzliche Bestimmungen verstanden, die jedoch nur im regulierten Rundfunk eine nennenswerte Rolle spielen.