4.2.4 Qualität im Internet

Der Schwerpunkt der Qualitätsforschung in der Kommunikationswissenschaft lag in den vergangenen Jahren vor allem bei Fernsehinhalten. Doch in jüngster Zeit hat sich die Qualitätsdebatte auf das Internet ausgeweitet (Dahinden et al. 2004: 103). Bislang steht dieser Forschungszweig jedoch noch in den Anfängen.

„Die Erwartungen an Qualität entstehen [nämlich] in einem längeren Prozess, werden tradiert, in den Organisationen implementiert, abgewandelt, führen zu Produkten, die von den Rezipienten bewertet werden, deren Bewertung wiederum Rahmen für die Veränderung oder Tradierung von Erwartungshaltungen bilden usf.“ (Quandt 2004: 69).

Qualitätsdimensionen sind kein feststehendes Konstrukt, sondern wandeln sich von Zeit zu Zeit in Abhängigkeit von bestimmten Wert- und Normvorstellungen (Schenk/Gralla 1993: 9). Qualität entwickelt sich also stets in einem dynamischen Prozess weiter (Quandt 2004: 76). So sind beispielsweise die Kriterien zur Beurteilung von Programmqualität des Fernsehens von Zeit zu Zeit neu zu überdenken, da die Erwartungen der Anspruchsgruppen nicht die gleichen bleiben (Breunig 1999: 94). Ein starres Konzept von Qualität ist somit nicht wünschenswert: So würde eine zu weit reichende Standardisierung journalistischer Leistungen unter Umständen zu Uniformität führen (Neuberger 2004a: 39).

Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Donsbach meint:

„Für den Online-Journalismus gelten nicht grundsätzlich andere Qualitätskriterien, wie für den Journalismus generell“ (zitiert nach Brückerhoff 2004).

Doch eine Eins-Zu-Eins-Übertragung der traditionellen Berufsnormen auf das neue Medium Internet macht wenig Sinn. Es sind stets neben allgemeinen auch spezifische Kriterien für unterschiedliche Angebotstypen zu entwickeln. Die Debatte über die Qualität von Internet-Angeboten kann zwar auf die Forschung bei anderen Publikationsformen zurückgreifen, es müssen aber eigene, internetspezifische Qualitätskriterien entwickelt werden (Bucher 2000: 153). Neuberger (2004a: 42) meint, im Internet seien Qualitätsurteile auf Grund der vielen para- und pseudojournalistischen Angebote sowie der Verflechtungen von Journalismus mit kommerziellen Angeboten besonders schwer zu fällen.

In ersten Studien wurden folgende Qualitätsdimensionen für das Internet entwickelt: Aktualität, Multimedialität, Unterhaltung bzw. Spaß, Angebotsvielfalt, Vollständigkeit, Objektivität, grafisches Design, Hyperlinks und Vernetzung sowie Kontaktmöglichkeit (Dahinden et al. 2004: 111). Besonderes Augenmerk gilt im Internet der technischen Qualität – also der Vernetzung oder Übertragungsleistung –, der Interaktions-Qualität – der Auffindbarkeit eines Angebots beispielsweise oder die Kontaktmöglichkeiten mit dem Autor – sowie der Content-Qualität wie Verlässlichkeit, Informativität, Relevanz, Themenbreite oder -attraktivität (Bucher 2000: 159). Auch Benutzerfreundlichkeit – Usuability – spielt eine wichtige Rolle, da der Kampf um die Aufmerksamkeit des Publikums im Internet groß ist (Meier 2003: 248).

Im Folgenden sollen in Kürze die bisherigen Forschungsergebnisse zur Qualität im Internet aufgezeigt werden. Für viele Nutzer hat sich das Image des Muttermediums als Indikator für die journalistische Qualität von Online-Magazinen im Internet etabliert. Die Qualität eines Angebotes wird somit nach der Herkunft eingeschätzt, da die Marke des Muttermediums für viele Internet-Nutzer eine Art Leistungsversprechen darstellt (Neuberger 2002: 47, Rössler 2004: 143). Die Trennung zwischen redaktionellem Teil und Werbung scheint in vielen Online-Angeboten nicht berücksichtigt: Auf zahlreichen Angeboten mischen sich Werbeanzeigen, die oft kaum oder nicht als solche gekennzeichnet sind, mit redaktionellen Beiträgen; die Transparenz leidet. Da viel über potentielle Mängel bei der Recherche im Internet diskutiert wird, wird hier ein Qualitätsdefizit im Vergleich zu den traditionellen Medien vermutet. Die permanente Aktualität stellt möglicherweise ein Problem für das Postulat der Richtigkeit und Informationstiefe dar (Meier 2003: 253f.). Inwieweit Möglichkeiten wie Interaktivität für die Rezipienten einen Mehrwert darstellen, ist ebenfalls nicht empirisch untersucht (Neuberger 2000a: 39).

Es ist zu vermuten, dass die Vielfalt im Mediensystem durch Online-Angebote steigt. Online-Angebote können Themen besetzen, die von den traditionellen Medien vernachlässigt werden. Oftmals verwerten sie – insbesondere Online-Ableger von Printprodukten – jedoch lediglich Informationen wieder (Neuberger 2000a: 40). Denis McQuail (1992: 206) meint: Je höher die Komplexität und der Informationsgehalt eines Artikels, desto weniger verständlich und lesbar ist er. Dieser Konflikt droht sich im Internet zu verschärfen, wenn Online-Kommunikatoren Linkstrukturen und Angebote nicht übersichtlich darstellen – also die Usuability nicht beachten. Das Publikum stützt sich bei der Beurteilung auf Orientierungshilfen wie Impressum, Angaben über den Autor oder Quellenverweise (Neuberger 2002: 37). Inwieweit diese Angaben dazu beizutragen, die Qualität aus Sicht der Rezipienten zu erhöhen, ist allerdings noch nicht untersucht.

Es bleibt festzuhalten: Zu Qualitätsdimensionen im Internet fehlen bislang empirische Untersuchungen. Einige dieser Kriterien – wie Aktualität, Interaktivität oder Orientierungshilfen – sollen in der vorliegenden Arbeit insbesondere für Weblogs geprüft werden (vgl. Kapitel 6.4).