5.3 Forschungsfragen und Hypothesenbildung

Die vorliegende Arbeit soll die Glaubwürdigkeit und Qualität von Weblogs aus Rezipientensicht untersuchen. Folgende Forschungsfragen wurden an Hand der bisherigen Forschungergebnisse erarbeitet:

1. Werden Weblogs – im Bereich Glaubwürdigkeit und Qualität – bereits als Alternative zur Berichterstattung des traditionellen Journalismus gesehen?

1.1 Wie unterscheiden sich Online-Magazine und Weblogs in ihren Glaubwürdigkeitsbewertungen?

1.2 Gibt es Unterschiede bei den Qualitätsurteilen?

2. Wie kommt die Glaubwürdigkeit eines Weblogs zu Stande?

2.1 Beeinflussen soziodemografische Merkmale die Glaubwürdigkeitswahr-nehmungen oder Qualitätsurteile der Rezipienten?

2.2 Haben die Qualitätswahrnehmungen und Qualitätsurteile Einfluss auf die Glaubwürdigkeit eines Weblogs?

Um die Forschungsfragen beantworten zu können, wurden folgende Hypothesen aufgestellt, die anschließend in Kapitel 6 an Hand der Ergebnisse der Online-Befragung überprüft werden sollen:

Hypothese 1: Traditionelle Medien – in diesem Falle Online-Magazine – werden als glaubwürdiger angesehen als Weblogs. (Forschungsfrage 1.1)

Begründung: Alte Medien bauen auf Images auf, neue Genres dagegen müssen sich ihre Glaubwürdigkeit erst verdienen (vgl. Kapitel 4.2.1). In bisherigen Studien wurde meist ein Glaubwürdigkeitsvorsprung der traditionellen Medien im Vergleich zu neuen Medien-Genres festgestellt. In einer Studie zur Nutzung politischer Informationen im Internet stimmten nur 25 Prozent der befragten Online-Nutzer der Aussage zu, bei politischen Weblogs handle es sich um eine glaubwürdige Quelle (Abold 2005: 10, vgl. Kapitel 5.1).

Hypothese 2:

a) Online-Magazine werden bei den Kompetenzdimensionen (kompetent, professionell, gründlich recherchiert, in die Tiefe gehend) als glaubwürdiger beurteilt als Weblogs. (Forschungsfrage 1.1)

Begründung: Die Hypothese beruht auf folgenden Beobachtungen: Blogger arbeiten in keiner professionellen Redaktion, die Qualität der Beiträge wird weder von Chefredakteuren noch von Herausgebern geprüft, Blogger haben keine professionelle Ausbildung unterlaufen. Allerdings gilt die Einschränkung: Blogger beschäftigen sich oft mit einem Themengebiet, in dem sie als Experte gelten (vgl. Kapitel 3.3.2 und 3.3.5).

b) Weblogs wirken glaubwürdiger als traditionelle Medien bei denjenigen Dimensionen, die auf die Vertrauenswürdigkeit (fair, unvoreingenommen, vertrauenswürdig, Gemeinwohl orientiert, seriös) abzielen. (Forschungsfrage 1.1)

Begründung: Blogger sind nicht von Anzeigenkunden oder anderen Interessensgruppen abhängig. Sie verdienen (meist) kein Geld mit ihrer Tätigkeit (vgl. Kapitel 3.3.5). Deshalb wird angenommen, dass Rezipienten ihnen eine höhere Vertrauenswürdigkeit zuschreiben.

Hypothese 3: (Forschungsfrage 2.1)

a) Männer stehen Weblogs kritischer gegenüber als Frauen.

Begründung: In der Studie von Johnson und Kaye (1998) wurde ein Einfluss des Geschlechts auf die Glaubwürdigkeitsbeurteilung festgestellt, wenn dies auch 2002 widerlegt wurde (vgl. Kapitel 4.1.3). Ob ein Zusammenhang besteht, soll erneut geprüft werden.

b) Je jünger die Nutzer, desto unkritischer stehen sie Weblogs gegenüber.

Begründung: Diese Hypothese wurde von Johnson und Kaye (2000) in Bezug auf politische Informationen aus dem Internet bestätigt und soll im Rahmen dieser Arbeit auf die Gültigkeit bei dem Genre Weblogs überprüft werden (vgl. Kapitel 4.1.3).

c) Blogger nehmen das neue Online-Genre als glaubwürdiger wahr als Nicht-Blogger.

Begründung: Abold (2005: 10) fand heraus, dass Blogger, die selbst ein politisches Weblogs führen, diesem auch eine größere Bedeutung zusprechen als Nicht-Blogger (vgl. Kapitel 5.1). Ob dies auch für (thematische) Weblogs im Allgemeinen zutrifft, soll mit einer differenzierten Erfassung von Glaubwürdigkeit geprüft werden.

d) Je länger der Zeitraum ist, in dem Personen Weblogs nutzen, desto glaubwürdiger beurteilen sie diese.

Begründung: Wenn ein Leser seit langem Weblogs nutzt, wird angenommen, dass er diesen eine höhere Glaubwürdigkeit zuschreibt als „Neulinge“. Würde er Weblogs als nicht glaubwürdig einschätzen, hätte er die Nutzung wohl aufgegeben.

e1) Weblog-Vielnutzer schätzen Weblogs glaubwürdiger ein als Wenignutzer.

e2) Internet-Vielnutzer halten Weblogs für glaubwürdiger als Wenignutzer.

e3) Medien-Vielnutzer schätzen Weblogs glaubwürdiger ein als Wenignutzer.

Begründung: Schweiger (1998) attestierte einen Zusammenhang zwischen Intensität der Mediennutzung der Rezipienten und Glaubwürdigkeitsbeurteilung des Internet (vgl. 4.1.3).

f) Leser, die sich Weblogs gegenüber verbundener fühlen, schreiben diesen eine höhere Glaubwürdigkeit zu als indifferente Leser.

Begründung: Ein Einfluss der Verbundenheit (Reliance) auf die Glaubwürdigkeits-attribution konnte bei Johnson und Kaye (2002) nachgewiesen werden (vgl. Kapitel 4.1.3).

g) Weniger Gebildete vertrauen Weblogs eher als höher Gebildete.

Begründung: Diese Hypothese konnten Johnson und Kaye in ihrer Studie aus dem Jahr 1998 in Bezug auf politische Informationen aus dem Internet bestätigen, vier Jahre später jedoch nicht mehr (vgl. Kapitel 4.1.3). In vorliegender Arbeit soll sie erneut auf Gültigkeit geprüft werden.

h) Je nach Berufsfeld variieren die Glaubwürdigkeitseinschätzungen.

Begründung: Ähnlich wie bei einem höheren Schulabschluss wird hier angenommen, dass Personen, die eine höhere berufliche Position innehaben, Weblogs kritischer beurteilen.

i) Personen, die in einem IT- oder Medienberuf arbeiten, schreiben Weblogs größere Glaubwürdigkeit zu.

Begründung: Diese Personengruppen haben meist während ihrer beruflichen Tätigkeit mit Weblogs zu tun. Dies lässt ähnlich wie bei der Intensität der Mediennutzung vermuten, dass sie das Online-Genre auch positiver beurteilen.

Hypothese 4: (Forschungsfrage 1.2)

a) Online-Magazine werden als qualitativ hochwertiger beurteilt als Weblogs.

Begründung: Analog zu Hypothese 1 wird vermutet: Alte Medien bauen auf Images auf, neue Genres dagegen müssen sich erst durchsetzen.

b) In einzelnen Qualitätsdimensionen – wie Werbefreiheit, Kommentarfunktion, Trackbackfunktion oder Angaben über den Autor – werden Weblogs jedoch positiver bewertet.

Begründung: Dies Dimension werden als typisch für Weblogs gesehen (vgl. Kapitel 2.1.1, 2.1.2, 3.3.5). Deswegen wird davon ausgegangen, dass diese auch verstärkt wahrgenommen werden.

Hypothese 5: Soziodemografische Merkmale haben einen Einfluss auf die Qualitätsurteile. (Forschungsfrage 2.1)

Begründung: Die Hypothesen 5a-i, die hier nicht explizit aufgeführt sind, gelten analog zu den Hypothesen 3 a-i und werden auf ähnliche Weise begründet.

Hypothese 6: Qualitätsdimensionen haben einen Einfluss auf die Glaubwürdigkeitsbewertung der Weblogs. (Forschungsfrage 2.2)

Begründung: Es wird vermutet, dass ein Weblog immer dann als glaubwürdiger beurteilt wird, wenn es bestimmte formale, stilistische, sprachliche oder technische Anforderungen erfüllt (vgl. Kapitel 4.1.2 und 4.2.1).