6.3.1 Glaubwürdigkeit von Weblogs und Online-Magazinen

Wie beurteilen Nutzer die Glaubwürdigkeit von Weblogs und Online-Magazinen? In Hypothese 1 wurde vermutet: Online-Magazine werden als glaubwürdiger angesehen als Weblogs. Die Ergebnisse der Befragung zeigen jedoch einen Glaubwürdigkeitsvorsprung der Weblogs: Die Mittelwerte sind niedriger als bei den Online-Magazinen83 (vgl. Tabelle 3). Bei der Glaubwürdigkeitsbewertung insgesamt wird Weblogs größere Glaubwürdigkeit zugeschrieben als Online-Magazinen (Differenz 0,40). Dieser Unterschied ist höchst signifikant, d.h. die Irrtumswahrscheinlichkeit ist kleiner als ein Prozent. Auch bei den einzelnen Dimensionen – bis auf „unvoreingenommen“ – unterscheiden sich die Glaubwürdigkeitsattributionen signifikant, d.h. die Irrtumswahrscheinlichkeit beträgt weniger als fünf Prozent.

Erzielen Online-Magazine dennoch bessere Kompetenzwerte als Weblogs, wie in Hypothese 2a vermutet wurde? Lediglich bei der Dimension „professionell“ (Differenz 0,22) wird den Online-Magazinen ein Vorsprung gegenüber Weblogs eingeräumt. Die Organisation in Redaktionen, die hauptberufliche Tätigkeit der Journalisten und die Qualitätskontrolle durch Chefredakteure und Herausgeber scheinen den Befragten ein Indiz für professionelle Berichterstattung zu sein (vgl. Kapitel 3.3.5). Bei den anderen Kompetenz-Dimensionen dagegen gelten Weblogs als glaubwürdigere Informationsquelle: Die Befragten empfinden die Berichterstattung der Weblogs als tiefer gehend (Differenz 0,64) als die der Online-Magazine.

Tabelle 3: Glaubwürdigkeitsbeurteilungen von Online-Magazinen und Weblogs

Da Weblogs oft nur ein spezielles Themengebiet behandeln, meinen die Rezipienten möglicherweise, dass sie auch ausführlicher darüber berichten als Online-Magazine. Damit ist auch die Einschätzung, Blogger seien kompetenter als Online-Journalisten, zu erklären. Blogger schreiben meist über Themen, bei denen sie sich auskennen und die sie sich nicht erst wie traditionelle Journalisten aneignen müssen (Reißmann 2005: 65, Alphonso/Pahl 2004: 32). Die Beurteilung der Befragten, Blogger recherchieren gründlicher als Online-Journalisten (Differenz 0,46), überrascht: Schließlich wurde von zahlreichen Experten den Journalisten zugeschrieben, über bessere Recherchemöglichkeiten zu verfügen (vgl. Kapitel 3.3.4).

Bei den Dimensionen, die den Faktor Vertrauenswürdigkeit erklären, werden Weblogs – wie in Hypothese 2b angenommen – als glaubwürdiger angesehen. So wird Weblogs insbesondere eine größere Gemeinwohl-Orientierung (Differenz 0,97) zugeschrieben als Online-Magazinen. Da Blogger im Gegensatz zu professionellen Journalisten meist nicht das Ziel haben, Profit zu machen, scheint dieses Ergebnis einleuchtend (vgl. Kapitel 3.3.5). Auch die Tatsache, dass Weblogs als vertrauenswürdiger (Differenz 0,55) bezeichnet werden als Online-Magazine, kann so erklärt werden: Es wird vermutet, dass die Befragten Bloggern zuschreiben, unabhängiger zu berichten, da diese beispielsweise in der Regel finanziell nicht von Werbekunden abhängig sind. Damit ist auch die Beurteilung der Weblogs als fairer (Differenz 0,29) und seriöser (Differenz 0,26) als Online-Magazine zu begründen.

Die Ergebnisse zur Glaubwürdigkeitseinschätzung widersprechen also der Hypothese 1. Dies ist überraschend, da Weblogs ein relativ neues Mediengenre sind und Glaubwürdigkeit in der Regel erst verdient werden muss. Normalerweise erzielen länger existierende Medien bessere Glaubwürdigkeitswerte, da diese auf bestehenden Images aufbauen (Weischenberg et al. 2005: 89). Wie ist die Differenz der Glaubwürdigkeitszuschreibungen zu erklären? Zunächst ist festzuhalten, dass sich in der Stichprobe lediglich Weblog-Leser befinden, die wohl ein positiveres Bild von Weblogs haben als Nicht-Leser (vgl. Kapitel 5.4). Es war anzunehmen, dass sich vor allem diejenigen an der Umfrage beteiligen, deren Interesse an Weblogs überdurchschnittlich hoch ist. Und tatsächlich nutzen ja die Befragten Weblogs sehr intensiv. Des Weiteren sind die Befragten vorwiegend männlich, verhältnismäßig jung, gut gebildet und oft in einem Medien- oder IT-Beruf beschäftigt (vgl. Kapitel 6.1). Ob dies einen Einfluss auf die Bewertung hat, soll in Kapitel 6.3.3 geprüft werden. Es lässt sich noch nicht endgültig sagen, Weblogs seien glaubwürdiger als Online-Magazine. Eine genauere Betrachtung ist nötig, ehe die Hypothesen 1 und 2a abgelehnt werden können. Auch Hypothese 2b lohnt sich, genauer zu untersuchen. Deswegen soll im Folgenden überprüft werden, ob intramediale Unterschiede vorhanden sind (vgl. Kapitel 6.3.2) oder Abweichungen bei den Zuschreibungen in Abhängigkeit der soziodemografischen Merkmale bestehen (vgl. Kapitel 6.3.3).

Fußnoten:

83 Die einzelnen Glaubwürdigkeitsdimensionen wurden auf einer Skala von 1 bis 5 beurteilt, wobei Wert 1 jeweils diese Dimension als positiv sah, Wert 5 dagegen als negativ.