6.3.2 Intramediale Glaubwürdigkeitsunterschiede

Zunächst wird untersucht, ob sich die einzelnen Online-Magazine bzw. die Kategorien von Weblogs untereinander unterscheiden – also ob intramediale Glaubwürdigkeitsunterschiede bestehen. Werden Online-Ableger von Printprodukten auf gleiche Weise bewertet wie reine Online-Magazine? Gibt es Unterschiede zwischen den Online-Ausgaben von Boulevardzeitungen und Qualitätszeitungen?

Die Beurteilungen der einzelnen Online-Magazine unterscheiden sich teilweise signifikant voneinander (vgl. Tabelle 12A im Anhang). Bild.de, das einzige Boulevardmagazin der Stichprobe, wird bei den einzelnen Glaubwürdigkeitsdimensionen sowie der Glaubwürdigkeitsbeurteilung insgesamt signifikant am schlechtesten bewertet (vgl. Abbildung 2). Dies liegt wohl zum einem an dem schlechteren Image von Boulevardmagazinen und zum anderen an der negativen Publicity für Bild.de, die in der Blogosphäre vor allem durch das gegenüber der Bild-Zeitung kritisch eingestellte Watchblog Bildblog verbreitet wird.

Abbildung 2: Glaubwürdigkeitsbeurteilungen der einzelnen Medien im Vergleich

Heise.de gilt als glaubwürdigstes Medium. In der Gesamtbewertung sowie bei sämtlichen Dimensionen des Faktors Kompetenz kann sich das Online-Magazin signifikant von den anderen Medien absetzen. Heise.de genießt in der Blogosphäre einen guten Ruf, da es als Spezialist für Computerthemen gilt. Dadurch ist die positive Bewertung zu erklären.

Obwohl Spiegel online das Online-Magazin mit der größten Reichweite in Deutschland ist, schneidet es bei der Glaubwürdigkeitsbewertung verhältnismäßig schlecht ab. Eine mögliche Erklärung hierfür ist, dass die deutsche Blogosphäre Spiegel online einer kritischen Beobachtung unterzieht und so auch kleinere Fehler und Missverständlichkeiten des Online-Magazins öffentlich anprangert. Einige sprechen von einem „Spiegel-Online-Bashing“ in der Blogosphäre.84 Bei den Werten der übrigen Online-Magazine gibt es keine Hinweise für mögliche Verzerrungen. Auffallend ist, dass sich die Netzeitung, ein reines Online-Magazin, in der Glaubwürdigkeitszuschreibung nicht von den Online-Ablegern der Printprodukte unterscheidet. Es bleibt festzuhalten: Heise.de (Durchschnittswert 1,85) und Sueddeutsche.de (Durchschnittswert 2,17) werden als glaubwürdiger beurteilt als Weblogs in Tabelle 3 (Durchschnittswert 2,21) (vgl. Tabelle 12A im Anhang).

Da ein deutliches Glaubwürdigkeitsgefälle von den restlichen Online-Magazinen zu Bild.de zu beobachten ist, werden im Folgenden Weblogs mit Online-Magazinen ohne Bild.de verglichen (vgl. Tabelle 4).

Tabelle 4: Glaubwürdigkeit von Online-Magazin ohne Bild.de und Weblogs

Die Glaubwürdigkeitsunterschiede haben sich im Vergleich zu Tabelle 3, die Bild.de in der Betrachtung mit einschloss, verändert: Bei den Kompetenzdimensionen „in die Tiefe gehend“ (Differenz 0,40) und „gründlich recherchiert“ (Differenz 0,23) liegen Weblogs weiterhin signifikant vorne, allerdings sind die Differenzen deutlich geringer geworden. Bei der Dimension „kompetent“ liegen beide Genres nun ungefähr gleich auf (Differenz 0,08); es gibt keine signifikante Diskrepanz mehr. Bei der Professionalität konnten die Online-Magazine ohne Bild.de Weblogs signifikant weiter übertreffen (Differenz 0,36).

Bei den Vertrauenswürdigkeitsdimensionen konnten sich die Online-Magazine ohne Bild.de jeweils um knapp 0,3 Einheiten verbessern. Bei der Dimension „unvoreingenommen“ (Differenz 0,29) werden sie jetzt signifikant besser beurteilt als Weblogs. Sie gelten nahezu als genauso „fair“ und „seriös“ wie Weblogs. Bei den Dimensionen „vertrauenswürdig“ (Differenz 0,24) und „Gemeinwohl orientiert“ (Differenz 0,71) dagegen können Weblogs einen signifikanten Vorsprung behaupten. Bei der Glaubwürdigkeitsbeurteilung insgesamt ist kein signifikanter Unterschied mehr feststellbar. Hypothese 1 kann bei einer Betrachtung ohne Bild.de nicht mehr abgelehnt werden.

Der Glaubwürdigkeitsvorsprung der Weblogs ist also geschrumpft. Zusätzlich sollte man bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigen: In der Blogosphäre herrscht die Tendenz, einzelne Online-Magazine – wie Bild.de und Spiegel online – sowie die traditionellen Medien insgesamt zu kritisieren. Die Ergebnisse sind somit mit Vorsicht zu betrachten, da sie womöglich auf einer zu einseitigen Sichtweise der Blogger beruhen. Wenn Weblogs eine größere Verbreitung in der Bevölkerung gefunden haben, wäre eine erneute Untersuchung der Glaubwürdigkeit, die auch Nicht-Weblog-Leser und Wenig-Nutzer in die Stichprobe einschließt, sinnvoll, um mögliche Verzerrungen zu vermeiden.

Gibt es auch Unterschiede bei der Bewertung je nach Weblogkategorie? Tabelle 5 zeigt, dass Personal Blogs meist für weniger glaubwürdig gehalten werden als thematische Weblogs oder Watchblogs.

Tabelle 5: Glaubwürdigkeit nach verschiedenen Weblogkategorien

So werden die letzteren beiden als signifikant kompetenter, professioneller und seriöser eingeschätzt. Auch bei den anderen Dimensionen sind meist Tendenzen in diese Richtung erkennbar.

Thematischen Weblogs und Watchblogs wird zugeschrieben, eher journalistischen Ansprüchen zu genügen als persönliche Weblogs (Neuberger 2005: 82); deswegen können sie wohl bei dem Glaubwürdigkeitsfaktor Kompetenz punkten. Allerdings sind die Ergebnisse mit Vorsicht zu betrachten, da die Fallzahlen der Watchblogs (n=29) und Personal Blogs (n=15) auf Grund der Stichprobenziehung und dem Befragungskonzept sehr gering sind. Es herrschen keine derart aussagekräftigen Unterschiede wie bei den einzelnen Online-Magazinen.

Fußnote:

84 Vergleiche dazu die Weblog-Einträge http://www.spindoktor.de/2005/08/watchblog-fr-spiegel-online-am-start.html, http://www.medienrauschen.de/archiv/2005/07/18/livepaper-alter-wein-in-bunten- schlauchen oder http://fuckup.twoday.net/stories/861977.