6.3.3 Abhängigkeit von soziodemografischen Merkmalen

Im Folgenden sollen die Hypothesen 3 a-i überprüft werden: Gibt es Glaubwürdigkeitsunterschiede in Abhängigkeit der soziodemografischen Merkmale der Befragten?

Hat das Geschlecht der Befragten einen Einfluss (Hypothese 3a)? Die Analyse ergibt: Frauen und Männer unterscheiden sich nicht signifikant in der Beurteilung der Glaubwürdigkeit von Weblogs (vgl. Tabelle 13A im Anhang). Es ist jedoch die Tendenz zu erkennen, dass Frauen Weblogs unkritischer gegenüberstehen. Allerdings können die Ergebnisse auch zufällig zu Stande gekommen sein. Bei der Bewertung der Glaubwürdigkeit der Online-Magazine ist eine solche Tendenz nicht erkennbar. Da in früheren Studien in einigen Fällen ebenfalls ein kritischeres Bewusstsein bei Männern festgestellt wurde, würde es sich lohnen, diese Tendenz in weiteren Forschungsprojekten zu überprüfen.

Auf Grund der Ergebnisse von Studien zur Nutzung neuer Medien wie dem Internet wird vermutet, dass jüngere Nutzer neuen Medien unkritischer gegenüberstehen als ältere (Hypothese 3b). Tatsächlich ergibt die Analyse Bewertungsunterschiede abhängig vom Alter der Befragten (vgl. Tabelle 6): Nutzer unter 20 Jahren schreiben Weblogs eine höhere Glaubwürdigkeit zu. So unterscheiden sie sich in der Glaubwürdigkeitsbeurteilung signifikant von den Lesern zwischen 20 bis 29 Jahren bzw. 30 und 39 Jahren. Auch bei einzelnen Glaubwürdigkeitsdimensionen wie „in die Tiefe gehend“, „gründlich recherchiert“ oder „unvoreingenommen“ lassen sich ähnliche Diskrepanzen zwischen diesen Gruppen ausmachen.

Allerdings bewerten Weblog-Leser, die mindestens 40 Jahre alt sind, Weblogs wieder unkritischer – zum Beispiel in signifikanter Weise bei der Dimension „seriös“; dies widerspricht der obigen Hypothese, die postuliert hat: Je älter die Nutzer sind, desto kritischer sind sie.

Tabelle 6: Glaubwürdigkeitsbeurteilung der Weblogs nach Alter

Auch hier gilt: Trotz einiger signifikanter Werte sind die Ergebnisse mit Vorsicht zu betrachten, da sich in den Alterkategorien „unter 20 Jahre“, „40 bis 49 Jahre“ und „mindestens 50 Jahre alt“ nur geringe Fallzahlen befinden. Bei der Beurteilung der Glaubwürdigkeit der Online-Magazine treten im Gegensatz zu den Weblogs keinerlei signifikante Unterschiede abhängig von der Altersstruktur der Befragten auf. Dies spricht für die These, dass junge Menschen neuen Medien unkritischer gegenüberstehen und bei traditionellen Medien sich dieser Unterschied in der Beurteilung verringert. Hypothese 3b kann allerdings im Rahmen der Stichprobe nicht beibehalten werden, auch wenn festgestellt wurde, dass junge Leser Weblogs tendenziell unkritischer gegenüberstehen. Es wäre sinnvoll, diesen Zusammenhang erneut zu überprüfen.

Es wird vermutet, dass Weblog-Leser, die eine intensivere Beziehung zu dem Genre haben, dieses auch für glaubwürdiger halten (Hypothese 3c-e). Deswegen soll die Glaubwürdigkeitsbewertung analysiert werden abhängig davon, ob der Nutzer selbst ein Weblog führt, wie lange er schon Weblogs nutzt, wie viele verschiedene Weblogs er liest, wie lange er sich täglich mit Weblogs, dem Internet oder den Medien insgesamt beschäftigt und wie sehr er sich Weblogs verbunden fühlt.

Unterscheiden sich Blogger und Nicht-Blogger hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeitsattributionen (Hypothese 3c)? Eine Diskrepanz ist hier nicht feststellbar, es liegen keine signifikanten Ergebnisse vor (vgl. Tabelle 14A im Anhang). Die Hypothese kann somit abgelehnt werden. Bei der Beurteilung der Glaubwürdigkeit der Online-Magazine dagegen sind größere Differenzen erkennbar, auch wenn diese – mit der Ausnahme bei der Dimension „unvoreingenommen“ – ebenfalls nicht signifikant sind (vgl. Tabelle 15A im Anhang). Tendenziell bewerten Blogger Online-Magazine als glaubwürdiger als Nicht-Blogger. Möglicherweise stehen Blogger insgesamt Medien näher und sind deswegen Online-Magazinen positiver gegenüber eingestellt. Allerdings handelt es sich lediglich um Tendenzen, die sich keineswegs auf die Allgemeinheit übertragen lassen.

In Hypothese 3d wurde angenommen: Je länger der Zeitraum, in dem eine Person Weblogs liest, desto glaubwürdiger beurteilt sie diese. Dies soll im Folgenden überprüft werden. Die Befragten unterscheiden sich hier signifikant (vgl. Tabelle 7). So beurteilen diejenigen, die seit mehr als einem halben Jahr Weblogs nutzen, das Genre als glaubwürdiger als solche, die seit weniger als einem halben Jahr zu den Lesern gehören.

Tabelle 7: Glaubwürdigkeitsbeurteilungen der Weblogs nach Weblog-Erfahrung

Auch bei den einzelnen Glaubwürdigkeitsattributionen variieren die Einschätzungen der Befragten abhängig von ihrer Erfahrung mit dem Online-Genre – besonders bei den Kompetenzdimensionen: Personen, die seit mehr als einen halben Jahr Weblogs lesen, beurteilen diese signifikant als kompetenter, professioneller, in die Tiefe gehender und gründlicher recherchiert als Weblog-Neulinge.

Obwohl bei den Vertrauenswürdigkeitsdimensionen diese Diskrepanz weniger stark ausgeprägt ist, zeigen sich die gleichen Tendenzen, die jedoch teilweise keine Signifikanz aufweisen. Die Hypothese 3d scheint also beibehalten werden zu können. Personen, die seit einem längeren Zeitraum Weblogs nutzen, haben womöglich im Laufe dieser Zeit vorwiegend positive Erfahrung mit der Glaubwürdigkeit gemacht oder sie haben gelernt, glaubwürdige Weblogs für ihre Nutzung aus der gesamten Blogosphäre herauszufiltern, und beurteilen diese deswegen positiver.

Wie ist der Einfluss der Mediennutzung einzuschätzen? Personen, die Medien intensiver nutzen, tendieren dazu, diesen mehr Glaubwürdigkeit zuzuschreiben (Hypothese 3e). Ist dies bei Weblogs auch so? Es besteht eine Korrelation zwischen den Variablen Weblog-Nutzung und den Glaubwürdigkeitsdimensionen, die allerdings keine Signifikanz aufweist (vgl. Tabelle 16A im Anhang). Mit Hilfe einer einfaktoriellen ANOVA zeigt sich ebenfalls die Tendenz, dass Personen, die Weblogs länger pro Tag nutzen, diese auch positiver bewerten (vgl. Tabelle 8 ).

„Fanatische Nutzer“ – also Personen, die sich täglich mehr als eine Stunde mit Weblogs beschäftigen – halten das Online-Genre tendenziell für glaubwürdiger als Wenignutzer. Bei der Dimension „in die Tiefe gehend“ unterscheiden sich Wenig- signifikant von „Fanatischen Nutzern“ – allerdings auch von Normalnutzern; sonst bringt die Analyse jedoch keine signifikanten Ergebnisse hervor.

Tabelle 8: Weblog-Nutzung und Bewertung der Glaubwürdigkeit

Auf Grund der relativ hohen Fallzahlen in jeder Nutzungskategorie kann vermutet werden, dass tatsächlich ein Unterschied zwischen Wenignutzern und „Fanatischen Nutzern“ besteht, auch wenn die Ergebnisse keine Signifikanz aufweisen. Eine erneute Prüfung in einer Folgestudie ist jedoch unumgänglich, besonders weil Normalnutzer und „Fanatische Nutzer“ sich in ihrem Bewertungsprofil gleichen, was der Hypothese 3e1 widerspricht. Ein ähnlicher – nicht signifikanter – Zusammenhang findet sich bei der Intensität der Online-Nutzung insgesamt (vgl. Tabellen 17A und 18A im Anhang): Je länger sich die Befragten täglich im Internet aufhalten, desto positiver bewerten sie Weblogs. Auch bei der Mediennutzung allgemein ergibt sich diese Tendenz (vgl. Tabelle 19A und 20A im Anhang). Erneute Überprüfungen zur Intensität der Mediennutzung sind nötig: Die Hypothesen zu 3e können im Rahmen dieser Studie nicht beibehalten werden, wenn auch Tendenzen vorhanden sind, die für eine Annahme der Hypothese sprechen.

In Hypothese 3f wurde vermutet: Leser, die sich Weblogs gegenüber verbundener fühlen, schreiben diesen eine höhere Glaubwürdigkeit zu als indifferente Leser. Eine hohe Verbundenheit zu Weblogs wurde im Online-Fragebogen über folgende Aussagen gemessen: Weblogs kommen in Zukunft als einzige Informationsquelle in Frage, Weblogs werden sich zu einer Fünften Gewalt entwickeln, Bloggern sollten die gleichen Rechte wie Journalisten zustehen und Weblogs werden den traditionellen Journalismus teilweise verdrängen. Personen mit einer hohen Reliance zu Weblogs stimmten diesen Aussagen weitgehend zu.

Tatsächlich ergibt sich hier ein höchstsignifikanter Zusammenhang: Nutzer mit einer großen Reliance zu Weblogs, bewerten diese als insgesamt glaubwürdiger (vgl. Tabelle 9). Aber auch bei den meisten Glaubwürdigkeitsdimensionen zeigen sich signifikante Unterschiede zwischen Nutzern, die Weblogs verbunden sind, indifferent gegenüberstehen oder wenig verbunden sind (vgl. Tabelle 21A im Anhang).

Tabelle 9: Korrelation zwischen Reliance und Glaubwürdigkeitsbewertung

Dieser Zusammenhang erscheint logisch, da Personen sich immer dann mit etwas identifizieren, wenn sie eine hohe Meinung darüber haben. Hypothese 3f kann somit beibehalten werden.85

In der Regel wird höher gebildeten Personen nachgesagt, Medien kritisch gegenüber zu stehen (Hypothese 3g). Trifft dies auch für Weblogs zu? Weblog-Leser, die keinen höheren Schulabschluss als die Mittlere Reife haben, schätzen Weblogs als glaubwürdiger ein als Personen mit Allgemeiner Hochschulreife oder einem abgeschlossenen Studium (vgl. Tabelle 10). So unterscheiden sich diese beiden Gruppen signifikant bei der Glaubwürdigkeitsbeurteilung insgesamt sowie bei den Dimensionen „in die Tiefe gehend“ und „unvoreingenommen“.

Tabelle 10: Glaubwürdigkeitsbeurteilung der Weblogs nach Schulabschluss

Auch bei allen anderen Dimensionen ist diese Tendenz zu erkennen. Die Hypothese, weniger Gebildete vertrauen Weblogs mehr als höher Gebildete, kann somit wohl beibehalten werden.

Bei der Beurteilung der Online-Magazine in Abhängigkeit von der Schulbildung ist keine Tendenz erkennbar. Die Mittelwerte bei der Glaubwürdigkeitsbeurteilung insgesamt liegen alle bei ungefähr 2,6. Personen mit höherer Schulbildung scheinen somit nur Weblogs kritischer gegenüberzustehen – sei es, weil sie bei neuen Medien-Genres kritischer sind oder weil sie Bloggern weniger Glaubwürdigkeit zuschreiben als traditionellen Journalisten.

Im Folgenden wird die Hypothese 3h überprüft – also ob das Urteil der Befragten in Abhängigkeit von deren Berufsfeld differiert. Tatsächlich wird ein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen festgestellt86: Leitende Angestellte bzw. Leitende Beamte sehen Weblogs als weniger glaubwürdig an als Studenten oder Auszubildende, Angestellte oder Beamte sowie Selbstständige oder Freiberufler (vgl. Tabelle 11). Auch bei einzelnen Glaubwürdigkeitsattributionen gibt es signifikante Diskrepanzen. Leitende Angestellte bzw. Leitende Beamte finden Weblogs inkompetenter, oberflächlicher, schlechter recherchiert, unfairer, voreingenommener, weniger vertrauenswürdig, unseriöser und mehr auf Profit orientiert als jeweils mindestens eine andere Berufsgruppe.

Tabelle 11: Glaubwürdigkeitsbeurteilung der Weblogs nach Berufsfeld

Bei der Glaubwürdigkeitsanalyse der Online-Magazine wurden dagegen kaum Unterschiede festgestellt. Die Mittelwerte der einzelnen Gruppen bei der Glaubwürdigkeitsbeurteilung insgesamt pendeln zwischen 2,5 und 2,7. Es ist eine Interpretation ähnlich wie beim höchsten Schulabschluss denkbar. Allerdings muss auch hier auf die teilweise geringen Fallzahlen aufmerksam gemacht werden. Freiberufler gelten allgemein als innovativer als andere Berufssparten, wodurch die verhältnismäßig positiven Glaubwürdigkeitszuschreibungen dieser Gruppe bezüglich des neuen Online-Genres erklärt werden können.

In Hypothese 3i wurde vermutet, dass Personen, die in einem IT- oder Medienberuf arbeiten, Weblogs größere Glaubwürdigkeit zuschreiben als Personen, die in einem anderen Beruf arbeiten. Es macht jedoch keinen Unterschied bei der Glaubwürdigkeitsattribution aus, ob eine Person einen IT- oder Medienberuf innehat oder in einem anderen Bereich tätig ist (vgl. Tabelle 22A im Anhang). Man könnte von der Tendenz sprechen, dass IT-ler bei den Vertrauenswürdigkeitsdimensionen Weblogs für glaubwürdiger halten, bei den Kompetenzdimensionen dagegen für unglaubwürdiger. Allerdings entbehrt dies wegen der hohen Irrtumswahrscheinlichkeiten jeglichem Anspruch auf Verallgemeinerung der Ergebnisse.

Nach Prüfung der Glaubwürdigkeitsbeurteilungen für Weblogs lässt sich folgendes Fazit ziehen: Die bisherigen Ergebnisse überraschen, da die Befragten Weblogs und deren Glaubwürdigkeit schon jetzt verhältnismäßig positiv einschätzen – wenn auch gewisse in Kapitel 6.3.1 und 6.3.2 beschriebene Einschränkungen gelten. Dies spricht dafür, dass Weblogs den Einfluss im Mediensystem weiter ausbauen können: Rezipienten scheinen den Informationen von Weblogs zu vertrauen und sind bereit, sich diesem Online-Genre zuzuwenden.

Es zeigen sich Unterschiede in Abhängigkeit der soziodemografischen Merkmale, wie Leser Weblogs gegenüber stehen. Besonders deutlich wurde dies bei der Schulbildung der Rezipienten, der Erfahrung, die die Befragten mit Weblogs gemacht haben, sowie der Reliance zu dem Genre. Allerdings sind die festgestellten Unterschiede und Tendenzen in weiteren Studien erneut zu prüfen, die über repräsentativere Stichproben verfügen.

Fußnoten:

85 Allerdings wird die Reliance in den folgenden Berechnungen (vgl. Kapitel 6.5) nicht berücksichtigt, da die Erhebung im Rahmen dieser Arbeit relativ willkürlich geschah. Die vier Dimensionen decken das Konstrukt keineswegs vollständig ab. Die Ergebnisse werden somit nur als Indiz für einen Zusammenhang gesehen; weitere ausführlichere Erhebungen sind nötig, um die Reliance besser zu erfassen.

86 Dazu werden nur die Berufsparten betrachtet, in denen mindestens 15 Fallzahlen vorhanden sind.