6.5.1 Einflüsse auf die Beurteilung der Kompetenz von Weblogs

Rezipienten unterscheiden sich bei der Einschätzung der Kompetenz von Weblogs. Während manche befinden, Weblogs gelten als kompetenter als Online-Magazine, schreiben andere ihnen Amateurhaftigkeit, Inkompetenz, Oberflächlichkeit und mangelnde Recherchequalität zu. Wie kommen diese Differenzen bei der Bewertung zu Stande? Spielen dabei auch die Qualitätsdimensionen eine Rolle?

Der erste Schritt der Regression ergibt: Bei den soziodemografischen Merkmalen beeinflussen die Variablen „Schulabschluss“ und „Erfahrung mit Weblogs“ die Glaubwürdigkeit signifikant (vgl. Tabelle 30A im Anhang, siehe auch Kapitel 6.3.3). Je höher der Schulabschluss des Befragten, desto kritischer schätzt dieser Weblogs ein – also desto höher der Wert bei der Kompetenzbewertung, die auf einer Skala von 1 „kompetent“ bis 5 „inkompetent“ gemessen wurde. Es ergibt sich somit ein positiver Zusammenhang, der Beta-Wert beträgt 0,15. Ebenso gilt: Je länger der Zeitraum, in dem der Befragte Weblogs nutzt, desto positiver schätzt er deren Kompetenz ein.92

In einem zweiten Schritt wird der Einfluss der Qualitätserwartungen an ein Online-Medium auf die Kompetenzbeurteilung von Weblogs untersucht. Allerdings ergibt sich hier kein signifikanter Zusammenhang (vgl. Tabelle 31A im Anhang).93 Bei den Dimensionen „Weitere Angaben über den Autor“ und „Verlinkung“ zeigt sich die Tendenz (Irrtumswahrscheinlichkeit kleiner oder gleich 0,1): Desto wichtiger ein Rezipient es findet, dass Angaben über den Autor bzw. viele Links auf andere Internetseiten vorhanden sind, für desto kompetenter hält er Weblogs.

Nach der dritten Stufe der Regression – dem Einfluss der Qualitätswahrnehmungen – ergeben sich folgende weitere signifikante Zusammenhänge (vgl. Tabelle 32A im Anhang): Je besser der Sprachstil des Autors empfunden wird, als desto kompetenter wird das Weblog eingeschätzt. Je mehr sich der Inhalt der Informationen von denen aus Print und Rundfunk zu unterscheiden scheint, desto kompetenter werden Weblogs angesehen.94 Je mehr Kommentare ein Rezipient auf einem Weblog wahrnimmt, für desto inkompetenter hält er dieses.95 Letzteres Ergebnis überrascht. Möglicherweise kann es damit erklärt werden, dass Kommentare prinzipiell als Kritik angesehen werden, da mit ihnen oft negative Aspekte eines Beitrages hervorgehoben werden. Dadurch wird das Weblog eventuell als weniger kompetent eingeschätzt.96

In der letzten Stufe der Regression wird lediglich ein signifikanter Einfluss festgestellt (vgl. Tabelle 33A im Anhang): Je häufiger Suchfunktion und Archiv als wichtig beurteilt werden und als vorhanden wahrgenommen werden, desto negativer wird die Kompetenz eines Weblogs beurteilt. Dieses Ergebnis macht natürlich auf den ersten Blick keinen Sinn, da das Vorhandensein dieser Funktionen stets als Möglichkeit gesehen wird, ältere Informationen noch einmal aufzurufen und nachzuprüfen – und damit die Glaubwürdigkeit eines Weblogs zu steigern. Jedoch: Nahezu jedes Weblog verfügt über eine Suchmaschine und ein Archiv, da diese bei allen Blog-Software-Anbietern inbegriffen sind. Wenn jedes Weblog über diese Einrichtungen verfügt, spielt es bei der Glaubwürdigkeitsbewertung kaum eine Rolle mehr. Des Weiteren ist nach der vierten Regressionsstufe folgende Tendenz (Irrtumswahrscheinlichkeit kleiner 0,1) zu erkennen: Werden Bewertungs-möglichkeiten für Artikel wahrgenommen und als wichtig beurteilt, wird das Weblog als kompetenter eingeschätzt.97 Tabelle 13 fasst die signifikanten Einflussfaktoren auf die Kompetenzbeurteilung von Weblogs zusammen.

Tabelle 13: Signifikante Einflüsse auf die Kompetenzbewertungen von Weblogs

Die vierstufige Regression erklärt insgesamt immerhin 26,1 Prozent der gesamten Varianz der Kompetenzbeurteilung. 73,9 Prozent der Varianz lassen sich dagegen nicht erklären. Sie müssen auf andere Einflussfaktoren zurückgehen.

Die untersuchten Qualitätsdimensionen haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit: So wurden Qualitäten wie Relevanz, Vielfalt, Ausgewogenheit nicht oder nur am Rande beachtet. Es wird davon ausgegangen, dass bei Einbeziehung weiterer Qualitätsdimensionen in das Untersuchungsmodell ein weitaus höherer Anteil der Varianz und damit die Kompetenzbeurteilung besser erklärt werden kann. Im Rahmen dieser Studie war dies – wie in Kapitel 5.5.1 dargelegt – nicht möglich. Als weitere Einflussfaktoren auf eine positive Kompetenzbewertung wären beispielsweise folgende Größen denkbar: eine gute Reputation eines Bloggers, eine hohe Anzahl an Lesern eines Weblogs, eine starke Verlinkung innerhalb der Blogosphäre auf ein Weblog oder Empfehlungen von Gesprächspartnern.

Hypothese 6 scheint also bestätigt werden zu können: Die Qualitätsdimensionen – wenn auch nur teilweise – haben Einfluss auf die Glaubwürdigkeitsbeuteilung von Weblogs. Das bedeutet: Mit einem guten Schreibstil kann es einem Blogger gelingen, kompetenter zu wirken. Bietet er Informationen, die in keinem anderen Medium zu finden sind, wird er besser beurteilt. Blogger können somit gezielt daran arbeiten, Glaubwürdigkeit zu gewinnen. Wenn die Rezipienten das Weblog als glaubwürdig wahrnehmen, werden sie sich diesem wohl verstärkt zuwenden und der Blogger erreicht so eine höhere Verbreitung.

Fußnoten:

92 Da Weblog-Nutzung „seit mehr als zwei Jahren“ mit „1“, „seit mehr als einem Jahr“ mit „2“, „seit mehr als einem halben Jahr“ mit „3“, „seit mehr als einem Monat“ mit „4“ und „seit weniger als einem Monat“ mit „5“ codiert wurde, ergibt sich auch hier ein positiver Zusammenhang (Beta = 0,17).

93 Es ist auch fraglich, ob Rezipienten von der bloßen Erwartung an Online-Kommunikation allgemein, ein spezielles Angebot als glaubwürdiger beurteilen.

94 Der Signifikanzwert dieses Ergebnisses beträgt zwar nur 0,058, aber eine bivariate Korrelation zwischen „Wahrnehmung: Zusätzliche Informationen“ und der Kompetenzbewertung ergibt einen signifikanten Zusammenhang.

95 Auch eine bivariate Korrelation ergibt einen signifikanten Zusammenhang zwischen Wahrnehmung: Kommentarfunktion und Kompetenzbewertung.

96 Ginge man jedoch davon aus – wie in der bisherigen Literatur meist vermutet –, dass Kommentare zur Glaubwürdigkeit eines Weblogs beitragen, muss diesem widersprochen werden. Eine weitere Erklärung für den negativen Zusammenhang ist: Bildblog, das in der Stichprobe 21 Mal beurteilt wurde, lässt keine Kommentare zu den Beiträgen zu. Allerdings genießt Bildblog eine hohe Reputation in der Blogosphäre. Daraus schließe man für Bildblog: Keine Kommentare wahrgenommen, aber positive Kompetenzbeurteilung.

97 Eine bivariate Korrelation zeigt die gleiche Tendenz, der Signifikanzwert beträgt jedoch lediglich 0,14.