7 Schluss

Weblogs sind die erste Publikationsform, die es Bürgern auf einfache Weise ermöglicht, als Produzent von Inhalten am Kommunikationsprozess teilzunehmen und dort Gehör zu finden. Rezipienten haben somit die Chance erhalten, die Themen-Agenda mitzubestimmen, was bislang professionellen Kommentatoren vorbehalten blieb.

Die vorliegende Untersuchung hat gezeigt, dass Weblogs bereits als Alternative, was die Glaubwürdigkeit und Qualität betrifft, zur Online-Berichterstattung des traditionellen Journalismus gesehen werden. Allerdings bleibt festzuhalten, dass an der Untersuchung im Rahmen dieser Arbeit vorwiegend Personen teilnahmen, die Weblogs sehr intensiv nutzen und diesen sehr positiv gegenüberstehen. Es wäre somit interessant, in zukünftigen Studien zu prüfen, wie Gelegenheitsleser oder – zu einem Zeitpunkt, an dem mehr Menschen geläufig ist, was Weblogs sind – Nicht-Leser die Glaubwürdigkeit von Weblogs einschätzen. Erzielen Weblogs dann erneut ähnlich positive Werte wie in dieser Studie, wird einem weiteren Vormarsch der Weblogs im Mediensystem nichts im Wege stehen. Denn: Die wahrgenommene Glaubwürdigkeit und Qualität sind entscheidend für die Verbreitung einer Publikationsform.

Die vorliegende Untersuchung ergab weiter: Soziodemografische Merkmale der Rezipienten spielen wohl eine Rolle dafür, als wie glaubwürdig ein Weblog beurteilt wird. Da jüngere Leser und Personen mit größerer Erfahrung mit dem Online-Genre diesem positiver gegenüberstehen als andere, ist davon auszugehen, dass sich im Laufe der Zeit bei weiterer Nutzung die Glaubwürdigkeitszuschreibungen kontinuierlich erhöhen. Durch ein gezieltes Ausrichten auf die von Rezipienten als wichtig erachteten Qualitätsdimensionen – wie Verlinkung der Quellen und guter Sprachstil – können Blogger zu einer größeren Glaubwürdigkeit und damit wohl zu einer höheren Verbreitung ihres Genres beitragen. Allerdings müssten hierzu weitere Studien durchgeführt werden, die den Einfluss zusätzlicher Qualitätsdimensionen untersuchen. Es wäre auch genauer zu erforschen, in welchem Umfang die Glaubwürdigkeitsattributionen und Qualitätsurteile zur Intensität der Nutzung von Weblogs beitragen.

Interessant wäre es, in weiteren Forschungsprojekten den Befragten nicht einzelne Weblogs zur Bewertung vorzulegen, sondern konkrete Beiträge. Denkbar wäre es, einen fiktiven Weblog-Eintrag sowie einen Beitrag aus einem Online-Magazin an Hand der Glaubwürdigkeitsdimensionen einschätzen zu lassen. Auch ein Vergleich mit anderen Medien wie Print und Fernsehen wäre aufschlussreich. Es gilt, konkreter zu untersuchen, in welchen Bereichen und mit welchen Eigenschaften Weblogs sich etablieren können und welche Bereiche oder Nischen in der Medienlandschaft sie besetzen können.

Werden diejenigen Weblogs verstärkt genutzt oder positiver eingeschätzt, die eher journalistischen Angeboten ähneln? Wie groß sind die Unterschiede zwischen einzelnen Weblogs? Um dies zu prüfen, sind Inhaltsanalysen nötig, die die Einhaltung journalistischer Standards untersuchen oder klären, inwieweit Weblogs durch neuartige Konzepte Erfolg haben können: Denkbar wären hier Subjektivität, Vernetzung oder Verbreitung der Informationen mittels RSS.

Auch Studien zu den Nutzungsmotiven der Rezipienten sind nötig: Suchen sie auf Weblogs nach Informationen oder wollen sie unterhalten werden? Welche Gratifikationen erhalten sie bei der Weblog-Nutzung? Welche Erwartungen können Weblogs besser erfüllen als traditionelle Medien? Gruppendiskussionen und Befragungen könnten hier Aufschluss geben.

In den USA ist der Trend zu beobachten, dass Blogger ihren Einfluss weiter ausbauen. Nach dem Hurrikan Katrina waren Blogger zeitweilig die einzigen Zeugen, die aus dem Katastrophengebiet in New Orleans berichteten. Anschließend traten Blogger mit traditionellen Journalisten als Kritiker des schlechten Krisenmanagements der US-Regierung in Erscheinung und konnten so die politische Diskussion mitbestimmen. In Deutschland werden Weblogs zunehmend in der Berichterstattung berücksichtigt. Der Trend bei den traditionellen Medien, Weblogs in ihr Konzept zu integrieren, wird wohl voranschreiten: Im August startete die Süddeutsche Zeitung, Deutschlands größte Qualitätszeitung, eigene Weblogs – sie dürfte damit nicht die letzte Zeitung sein.

Wie wird das zukünftige Verhältnis von traditionellem Journalismus und Weblogs aussehen? Es ist anzunehmen, dass traditionelle Medien Funktionen der Weblogs wie RSS, Trackback oder Kommentarfunktion übernehmen, weil sie selbst davon profitieren können oder weil die Leser von ihnen mehr Interaktivität erwarten. Des Weiteren ist es möglich, dass im traditionellen Journalismus verstärkt auf Subjektivität gesetzt wird, um dem Bedürfnis der Menschen nach mehr Orientierung in einer komplexer werdenden Welt gerecht zu werden. Weblogs werden neben den traditionellen Medien berichten und diese unter Umständen zu einer genaueren, ausgewogenen und vielseitigeren Berichterstattung „zwingen“ und somit zu einer Demokratisierung und Qualitätssteigerung im Mediensystem beitragen.

Da das Phänomen Weblogs in Deutschland erst in seinen Anfängen steht, sind Weiterentwicklungen sehr wahrscheinlich. Denkbar wäre eine Verschiebung von persönlichen Weblogs zu einer verstärkt politischen Ausrichtung ähnlich wie in den USA, im Iran oder in Frankreich. Auch eine Übernahme von journalistischen Standards wie Angaben der Quellen oder eine objektivere Berichterstattung ist ein mögliches Szenario. Ein endgültiges Fazit lässt sich noch nicht ziehen.

Am Abend der Bundestagswahl am 18. September 2005 verfolgten durchschnittlich 15,4 Millionen Menschen im Fernsehen die Berichterstattung der deutschen TV-Sender, um sich über Ergebnisse zu informieren (Jakobs 2005: 23). Am folgenden Tag berichteten Deutschlands knapp 400 Tageszeitungen mit einer Gesamtauflage von etwa 30 Millionen Exemplaren über das Wahlergebnis (Meyn 1999: 86). Die Beiträge der 100 bekanntesten Blogger dürften nur von einigen zehntausend Menschen gelesen worden sein. Die Verhältnisse im Mediensystem waren also klar verteilt. Forscher, Weblog-Experten, Wahlkampfstrategen und die meisten Journalisten sind sich jedoch einig: Im nächsten Wahlkampf werden Weblogs eine weitaus größere Rolle spielen. Gerhard Schröder und Angela Merkel waren wohl die letzten Kanzlerkandidaten, die einen Bundestagswahlkampf ohne ein eigenes Weblog geführt haben, die letzten, die nicht über Weblogs für Engagement und Spenden warben, die letzten, die sich nicht kritischen Fragen aus der Blogosphäre stellen mussten und die letzten, bei denen ein Fehlverhalten nicht von Bloggern aufgedeckt würde. Man darf gespannt sein auf die weitere Entwicklung dieses Online-Genres. Die Kommunikationswissenschaft sollte das Phänomen Weblogs auf keinem Fall aus dem Blickfeld verlieren.