1.1 Einführung in den Gegenstandsbereich

Der Medientheoretiker Norbert Bolz vertritt in seiner Publikation Am Ende der Gutenberg-Galaxis die These, das interaktionsarme Buch sei derzeit im Begriff seinen Stellenwert als kulturelles Leitmedium an den vernetzten und multimedialen Computer abzutreten.1

Während „die Theorie bereits ihren Instrumentenflug beginnen“ könne – mit dieser Prognose beendet Bolz sein 1993 erschienenes Buch – werde man wohl „noch lange auf überzeugende technische Implementierungen von Hypermedien“2 warten müssen. Das Fehlen konkreter Medienprodukte, bei denen das in der Theorie postulierte revolutionäre Potenzial vernetzter EDV-Kommunikation überzeugend umgesetzt wird, ist bis heute ein häufig konstatiertes Dilemma der medientheoretischen Diskussion.3

Ein Ungleichgewicht zwischen Theorie und Praxis tritt auch dort zutage, wo nach den Folgen des Medienwandels in Hinblick auf Konzepte von Autorschaft gefragt und damit ein klassisches Feld literaturtheoretischer Reflexion betreten wird. Denn mit der Überwindung medialer Beschränkungen der Druckkultur scheint es durchaus folgerichtig, dass traditionelle Konzepte von Autorschaft gegenwärtig tief greifenden Transformationsprozessen unterworfen sind. Angesichts neuer Interaktionsmöglichkeiten steht dabei vor allem die moderne Vorstellung des individuellen Autors als alleinigem Schöpfer seines Werks als historisches Konstrukt des Buchzeitalters in der Kritik medienspezifisch argumentierender Positionen. Der Entmystifizierung des individuellen Autors folgt oftmals die Emphase kollektiver bzw. kollaborativer Autorschaft, welche in den elektronischen Datennetzen an Bedeutung gewinnen werde.

Die zukünftigen Entwicklungen und kulturgeschichtlichen Konsequenzen der Netzkommunikation sind allerdings schwer absehbar, weshalb Prognosen über den Medienwandel nur unter Vorbehalt angestellt werden können. Nach anfänglicher Euphorie scheint man mittlerweile mit Vorhersagen vorsichtiger geworden zu sein. Michael Giesecke geht sogar davon aus, dass sich der derzeitige Medienumbruch aufgrund der marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen langsamer vollziehen wird als dies bei der Durchsetzung des Buchdrucks in der Renaissance der Fall war, als ein „Bündnis mit der Reformation […] die Durchsetzung alternativer Verteilungsmechanismen […] stark beschleunigte.“4

Eine Kritik am theoretischen Postulat vom Verschwinden des Autors in den elektronischen Datennetzen konnte sich bislang auf eine Medienpraxis berufen, in der das prophezeite revolutionäre Potenzial der ‘Hypermedien’ weitgehend uneingelöst blieb. Allerdings ist die alltägliche Nutzung digitaler Netzmedien ein noch verhältnismäßig junges Phänomen. Erst seit Mitte der 1990er Jahre haben auch zunehmend Privatnutzer Zugang zum globalen Computer-Netzwerk Internet, welches zuvor ausschließlich der wissenschaftlichen Kommunikation zwischen Universitäten und Forschungseinrichtungen vorbehalten war.5 Steigende Nutzerzahlen und der Ausbau der technischen Infrastruktur verankern das Internet immer mehr in den Medienalltag.6 Zudem lösen Breitbandzugänge und Flatrates mittlerweile vielerorts das temporäre Einwählen via Modem ab und ermöglichen den Benutzern permanenten Zugriff und sofortige Verfügbarkeit. Tim Berners-Lee, der als Erfinder des World Wide Web (WWW) gilt, sieht gerade in diesen beiden Voraussetzungen die wesentliche Grundlage für eine effektive Zusammenarbeit über Computernetze:

Dieser einfache Unterschied im Timing wird die Art und Weise, wie wir Computer benutzen dramatisch ändern. Die Erfahrung im Umgang mit dem Computer wird dann mehr der Benutzung eines Stiftes als der eines Rasenmähers entsprechen. Mit Computern werden wir Ideen sofort einfangen können und dadurch verhindern, daß sie der Welt verloren gehen.7

Angesichts des asymmetrischen Verhältnisses von Theorie und Praxis erscheint es umso erforderlicher, die teilweise stark generalisierenden und mitunter dogmatisch wirkenden Thesen medientheoretischer Provenienz anhand der Analyse existierender Medienprodukte zu differenzieren. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit soll dies am Beispiel eines Phänomens erfolgen, das derzeit für einiges Aufsehen im Bereich des elektronischen Publizierens sorgt: Die zunehmende Verbreitung und Popularität des so genannten ‘Wiki-Prinzips’, das, zusammen mit dem Weblog-Phänomen,8 als wesentlicher Auslöser einer neuen Welle der Euphorie innerhalb der Netzkultur angesehen werden kann. Nach dem Niedergang der ‘New Economy’ und den enttäuschten kommerziellen Erwartungen ist es nun vor allem die soziale Dimension des Internets, aus der sich aktuelle medienpolitische Visionen speisen. Netzaktivisten entwerfen bereits Zukunftsszenarien einer „realdemokratischen Mediengesellschaft“9, einer „sozialen Rückeroberung des Netzes“10 oder einer „heimlichen Medienrevolution“11, die sich gegenwärtig mit der Verbreitung von Wikis und Weblogs vollziehe. Heimlich sei diese Revolution vor allem deshalb, weil sich beide Phänomene lange Zeit der Aufmerksamkeit traditioneller Medien entzogen haben und erst seit kurzem zunehmend auch ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit gerückt sind.

In Anbetracht der Frage nach veränderten Autorkonzepten im Rahmen der Netzkommunikation und neuen Modellen kollaborativer Autorschaft könnte die weitere Entwicklung des Wiki-Prinzips eine bedeutsame Rolle spielen. Bei den ‘WikiWebs’ oder kurz ‘Wikis’ genannten Seitensammlungen handelt es sich um offene Autorensysteme für die Erstellung von Web-Inhalten. Eine spezielle Software ermöglicht es den Internetnutzern Seiteninhalte nicht nur zu lesen, sondern diese auch zu verändern: Sofern es keine eingeschränkten Zugangsrechte gibt, ist prinzipiell jeder Benutzer in der Lage, Inhalte neu anzulegen sowie bestehende Inhalte zu korrigieren, zu ändern oder zu löschen. Das Bearbeiten der zentral auf einem Server gespeicherten Dokumente erfolgt direkt über den Internetbrowser, ohne dass eine zusätzliche Software auf dem Rechner des jeweiligen Benutzers installiert werden müsste.

Wikis existieren mittlerweile zu den unterschiedlichsten Themen- und Anwendungsgebieten und stellen ein wichtiges Element der technischen Infrastruktur einer Vielzahl von Online Communities dar. Das derzeit größte, bekannteste und wohl auch komplexeste WikiWeb ist die internationale Online-Enzyklopädie Wikipedia. Im Gegensatz zu vielen kleineren Wikis, die inhaltlich meist auf einen abgegrenzten Themenbereich festgelegt sind oder deren Zugang sich auf einen bestimmten Teilnehmerkreis beschränkt – man denke an geschlossene Wiki-Systeme zur internen Unternehmenskommunikation – verfolgt das Wikipedia-Projekt ein sehr offenes Konzept. Neben der uneingeschränkten Zugangsberechtigung ohne Identitätsprüfung ist es wohl auch eine Folge des thematisch sehr universellen Charakters der Online-Enzyklopädie, dass sie nach nur vier Jahren ihres Bestehens weltweit auf eine Größe von weit über einer Million Seiten angewachsen ist.

Damit hat das Wikipedia-Projekt mittlerweile alle gedruckten Lexika quantitativ überholt und wird zunehmend als Konkurrenz zu etablierten Nachschlagewerken wie dem Brockhaus oder der Encyclopaedia Britannica wahrgenommen – auch wenn die Qualität der kollaborativ verfassten Inhalte stark divergiert und man vom konstanten Qualitätsniveau klassischer Enzyklopädien noch weit entfernt sein dürfte. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Wiki-Prinzip und dessen Umsetzung in Projekten wie Wikipedia steckt aufgrund der Aktualität des Themas noch in den Anfängen. Eine umfangreichere Arbeit, die aus einer literatur- und medientheoretisch orientierten Perspektive die Problematik kollaborativer Autorschaft am Beispiel des Wiki-Prinzips thematisiert, steht meines Wissens noch aus.

Fußnoten:

1 Vgl. Bolz, Norbert: Am Ende der Gutenberg-Galaxis. Die neuen Kommunikationsverhältnisse. 2.Aufl. München: Fink, 1995. S.7.

2 Bolz 1995, S. 233.

3 Natürlich lässt sich diese Theorie-Praxis-Differenz auch umgekehrt konstatieren: So dauert es immer auch eine gewisse Zeit, bis innovative Kommunikationstechnologien soweit ins allgemeine Bewusstsein vorgerückt sind, dass sie von der kulturwissenschaftlichen Theoriebildung überhaupt erst wahrgenommen werden.

4 Giesecke, Michael: Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft. Trendforschungen zur kulturellen Medienökologie. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2002. S.248.

5 Der Vorläufer des heutigen Internet ist das amerikanische ARPANET (Advanced Research Projects Agency Network), das Anfang der 1960er Jahre aus militärischen Gründen entwickelt wurde, um im Kriegsfall auf ein dezentrales Kommunikationsnetzwerk zurückgreifen zu können. Zur geschichtlichen Entwicklung des Internet vgl. Hafner, Katie / Lyon, Matthew: Arpa Kadabra. Die Geschichte des Internet. Heidelberg: d-punkt, 1997.

6 Laut einer Studie der Forschungsgruppe Wahlen verfügten im 4. Quartal 2004 62 Prozent aller deutschen Erwachsenen über einen einen Internet-Zugang. Vgl. „Internet-Strukturdaten“. In: fgw-online.de (10.01.2005). URL: http://www.fgw-online.de/Ergebnisse/Internet-Strukturdaten/web_IV_04.pdf (10.03.2005).

7 Berners-Lee, Tim: Der Web-Report. Der Schöpfer des World Wide Webs über das grenzenlose Potential des Internets. München: Econ, 1999. S.232.

8 Sowohl Wiki- als auch Weblog-Systeme stellen hinsichtlich ihrer technischen Funktionalität Software-Lösungen dar, die ein einfaches Publizieren von Inhalten über Formulare ermöglichen und damit beim Benutzer keine speziellen Webdesign-Kenntnisse voraussetzen. Während sich Wikis als besonders gut geeignet für die kollaborative Produktion und Organisation faktenbezogener Wissensbestände erweisen, haben Weblogs (kurz ‘Blogs’) meist einen eher individuell und subjektiv ausgerichteten Charakter. In ihrer Funktion als Web-Tagebuch oder -Logbuch (aus der Kombination leitet sich der Name ab) gehören Aktualität und Periodizität zu den konstitutiven Merkmalen von Weblogs. Charakteristisch ist auch der hohe Grad ihrer Vernetzung untereinander, woraus die Vorstellung einer ‘Blogosphäre’ als Gesamtheit aller miteinander verknüpften Einzel-Weblogs erwächst. Inhaltlich erweist sich die Blogosphäre als höchst heterogen: Das Spektrum reicht von klassischen Tagebüchern über fiktionalen Erzähl-Blogs bis hin zu einer journalistischen Nutzung (viele traditionelle Medien wie Zeitungen oder Fernsehsender binden mittlerweile Weblogs in ihr Online-Angebot mit ein.) In ihrem Selbstverständnis sehen sich viele Betreiber privater Weblogs als Vertreter eines alternativen Journalismus, der in Konkurrenz zu den etablierten Online-Medien, etwa den Web-Ablegern von Zeitungen und Nachrichtenmagazinen, tritt. (Vgl. Alphonso, Don: „Ein Dutzend Gründe, warum Blogs den Journalismus im Internet aufmischen werden“. In: Alphonso, Don / Pahl, Kai (Hg.): Blogs! - Text und Form im Internet. Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2004, S.23-43.) Zwar gibt es auch kollaborative Weblogs und Mischformen aus Wiki- und Weblog-Elementen (so genannte ‘Blikis’), doch kann das Weblog-Phänomen im Rahmen dieser Arbeit nur marginal behandelt werden. Hinsichtlich der Frage nach dem Status des Autors in der Netzkommunikation werden Weblogs aufgrund ihres subjektiven und individuellen Chrarakters bisweilen als Argument gegen die These vom ‘Tod des Autors’ in den Datennetzen angeführt. Vgl. Heidegger, Gerald: „Karl Kraus und die Blogger“. In: Telepolis (06.11.2003). URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/15/15906/1.html (21.03.2005).

9 Möller, Erik: Die heimliche Medienrevolution. Wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern. Hannover: Heise, 2004. S.V. Stellvertretend für die weitreichenden medienpolitischen Zukunftsvisionen sei an dieser Stelle der erste Absatz in Möllers Vorwort zitiert: „Wenn Sie in 20 Jahren dieses Buch aufschlagen, etwa im Jahr 2025, leben Sie hoffentlich in einer Welt, in der die sozialen Ungerechtigkeiten, Kriege und Menschenrechtsverletzungen des frühen 21. Jahrhunderts weitgehend verblasst sind. In einer Welt, in der alle Menschen Zugang zu einem globalen Kommunikationsnetz haben, in dem Informationen aller Art ohne Einschränkung verändert, verbessert und verteilt werden dürfen. In einer Welt in der jeder Mensch nicht nur Konsument, sondern auch Produzent von Wissen, Kunst und Kultur ist.“ (Möller, 2004, S.V.)

10 Eigner, Christian u.a.: Online-Communities, Weblogs und die soziale Rückeroberung des Netzes. Graz: Nausner & Nausner, 2003.

11 Möller, Erik: Die heimliche Medienrevolution. Wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern. Hannover: Heise, 2004.