1.2 Zu Fragestellung, Zielsetzung und Argumentation

Vor dem Hintergrund der grundsätzlichen Frage, in welcher Weise und in welchem Ausmaß kulturelle Entwicklungen von den medialen Rahmenbedingungen determiniert sind, soll in der vorliegenden Arbeit die Problematik traditioneller Konzepte von ‘Autor’ und ‘Werk’ im Kontext der neuen Medien12 thematisiert werden.

Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Medien- und Kulturwandel mag gerade im Hinblick auf die kulturgeschichtlichen Folgen der Netzkommunikation dazu verleiten, unter Ausblendung anderer Faktoren monokausal und teleologisch im Sinne eines impliziten Fortschrittsdenkens zu argumentieren: „Medientheoretisch profiliert man sich durch Innovation; die Differenzierung traditioneller Konzepte ist weniger prestigeträchtig.“13 Insofern versteht sich diese Arbeit als Beitrag zu einer um Differenzierung bemühten Debatte und setzt sich zum Ziel, die eingangs skizzierte Diskrepanz „zwischen programmatisch-theoretischen Konzepten von der Bedeutung des Autors und der Praxis im Herstellen von beziehungsweise Umgang mit Produkten der neuen Medien“14 zu mildern, indem die theoretischen Überlegungen anhand von Beispielen aus der Medienpraxis konkretisiert werden. Der Untersuchungsbereich soll dabei auf Modelle kollektiver bzw. kollaborativer Autorschaft im Rahmen der Netzkommunikation fokussiert werden. Insbesondere das innovative Wiki-Prinzip und dessen praktische Umsetzung in der Online-Enzyklopädie Wikipedia werden dabei ins Zentrum des Forschungsinteresses dieser Arbeit rücken.

Die kulturwissenschaftliche Emphase interaktiver Publikumsbeteiligung in kollaborativen Netz-Projekten ist bisweilen als naive und unreflektierte Wiederbelebung alter Medienutopien in die Kritik geraten. Von einer „Interaktionsfalle“ spricht Roberto Simanowski in diesem Zusammenhang und polemisiert gegen begeisterte Kulturtheoretiker, die sich von den „Tricks der Kulturindustrie“ blenden ließen und bereits die Geburt einer revolutionären Ästhetik aus dem Geiste kollektiver Kreativität feiern, die in Wirklichkeit aber nichts weiter sei als die bloße „Verdoppelung der Massenkultur: durch die Masse für die Masse.“15 Diese Ansicht kann man wohl über die bisherige Umsetzung kollaborativen Schreibens im Internet legitimieren, deren Ergebnisse die Kritik bestenfalls von einer Form „soziale[r] Ästhetik“16 sprechen lassen. Wenngleich sich zwar bislang keine einschneidenden Konsequenzen für traditionelle Konzeptionen der Instanzen ‘Autor’ und ‘Werk’ im Rahmen der Netzkommunikation erkennen lassen, so bedeutet das nicht, dass diese auch kategorisch auszuschließen sind.

Gerade die netzinterne Entwicklung der letzten Jahre weist einige Tendenzen auf, die aus der Perspektive einer Literaturwissenschaft, die sich in zunehmenden Maße auch als medienübergreifende Kulturwissenschaft versteht,17 keinesfalls außer Acht gelassen werden können. In diesem Sinne soll für den Argumentationsverlauf der vorliegenden Arbeit die Leithypothese formuliert werden, dass sich mit dem Aufkommen und der zunehmenden Verbreitung des Wiki-Prinzips erstmals Formen kollaborativer Autorschaft herausbilden, die in ästhetischer, juristischer und ökonomischer Hinsicht weitreichende Konsequenzen für den Status traditioneller Autor- und Werkkonzeptionen, wie sie sich unter den Bedingungen des Drucks etabliert haben, erkennbar werden lassen.

Während die juristischen und ökonomischen Auswirkungen auf Autorkonzepte im Rahmen des Wikipedia-Projekts bereits an Kontur gewinnen, muss die Frage nach der ästhetischen Dimension wiki-basierter Schreibprojekte zunächst differenziert werden. Hält man nach im engeren Sinn literarischen Wiki-Projekten Ausschau, so sieht man sich mit dem altbekannten Problem einer Theorie-Praxis-Divergenz konfrontiert: Wenngleich sich Wikis als Kommunikationsplattform für die kollaborative Erstellung faktenbezogener Wissensbestände immer häufiger bewähren, so sucht man nach fiktionalen bzw. künstlerisch-kreativen Umsetzungen derzeit noch vergebens. Zwar gibt es erste Ansätze und Diskussionen solcher Projekte, doch eignen sich die Ergebnisse bislang kaum für eine weiterführende Untersuchung.

Ist in dieser Arbeit von der ästhetischen Dimension des Wiki-Prinzips die Rede, so sind damit vornehmlich die produktionsästhetischen Rahmenbedingungen und weniger ästhetische Vorstellungen im künstlerischen Sinne gemeint. Deshalb kann die Frage nach den Konsequenzen für einen spezifisch literarischen Autorbegriff nur ausblickend behandelt werden.

Trotz dieser Einschränkungen erweist sich das Wikipedia-Projekt als äußerst aufschlussreiches Beispiel für eine Untersuchung, die sich mit dem Problem medienbedingter Auflösungserscheinungen von Autor- und Werkkonzepten im Rahmen der Netzkommunikation auseinandersetzt. In ihrer speziellen Ausprägung bewegt sich die Wikipedia dabei im Spannungsfeld solcher Auflösungstendenzen und ihrer erklärten Zielsetzung eine verlässliche Enzyklopädie zu generieren, die es auch in qualitativer Hinsicht mit den traditionsreichen gedruckten Nachschlagewerken aufnehmen kann.

Der Argumentationsverlauf dieser Untersuchung sei kurz zusammengefasst: Der erste Teil der Arbeit setzt sich mit der Problematik von Autorschaft im Kontext der neuen Medien auseinander. Im Rahmen medientheoretischer Vorüberlegungen sollen dabei zunächst spezifische Merkmale von Druck und EDV heraus- und gegenübergestellt werden. Vor dem Hintergrund einer medienspezifischen Sichtweise wird im Anschluss daran die Entwicklung etablierter Modelle von ‘Autor’ und ‘Werk’ in ihrer historischen und systematischen Dimension näher beleuchtet. Vor dieser Folie soll eine Ausdifferenzierung bzw. Neuformierung der literaturwissenschaftlich konstitutiven Trias aus Autor, Text, und Leser in Hinblick auf veränderte mediale Grundbedingungen diskutiert werden. Nicht zuletzt können diese Ausführungen auch als partieller Einblick in den gegenwärtigen Stand der literaturwissenschaftlichen Debatte zum Thema gelesen werden.

Der zweite Teil der Arbeit nimmt die konkreten Medienprodukte in den Blick. Da es sich noch um verhältnismäßig junge Phänomene im Bereich des elektronischen Publizierens handelt, kann auf einführende Kapitel in Geschichte und Funktionalität von Wikis im Allgemeinen und Wikipedia im Besonderen nicht verzichtet werden. Dabei wird zunächst versucht, das innovative Potenzial des Wiki-Prinzips gegenüber etablierten Formen computervermittelter Kommunikation herauszustellen und mit klassischen Hypertext-Visionen in Beziehung zu setzen (Memex, Projekt Xanadu). Da die Wiki-Software in zunehmendem Maße als zentrale Kommunikationsplattform einer Vielzahl von Online Communities Verwendung findet, soll auch das Phänomen virtueller Gemeinschaften schlaglichtartig beleuchtet werden. Der ‘Lebenszyklus’ und die konkreten Organisationsstrukturen einer Online Community werden bei der näheren Betrachtung des Wikipedia-Projekts zutage treten. Dabei soll auch nach der netzpolitischen Dimension virtueller Gemeinschaften und der Umsetzbarkeit demokratischer Vorstellungen im Rahmen der Netzkommunikation gefragt werden.

Die darauf folgenden Kapitel befassen sich mit den konkreten Voraussetzungen und Folgeerscheinungen kollektiven Schreibens im Enzyklopädie-Projekt Wikipedia. Die Problematik veränderter Autor- und Werkkonzepte wird dabei getrennt behandelt: Der Problemkreis kollaborativer Autorschaft beinhaltet neben produktionsästhetischen Gesichtspunkte (anonymes und pseudonymes Schreiben, Originalität vs. Konsens, Formen kontraproduktiver Autorschaft) auch mögliche Konsequenzen in ökonomischer und juristischer Hinsicht. Zwei ausführlich beschriebene Fallbeispiele aus dem produktiven Alltag der Wikipedia-Community sollen dazu beitragen, die obigen Aspekte zu veranschaulichen. Der spezifischen Werkproblematik der Wikipedia ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Anhand konkreter Beispiele wird erörtert, wie innerhalb des Projekts versucht wird, die kollaborativ erstellten Inhalte qualitativ zu optimieren und aus dem offenen Bearbeitungsprozess in abgeschlossene und fixierte ‘Werk’-Formen zu überführen (DVD-Distribution, „Wikipedia 1.0“).

Nach einer zusammenfassenden Betrachtung der Ergebnisse und der Formulierung möglicher Anschlussmöglichkeiten soll die bereits angesprochene Frage nach einer künstlerisch-literarischen Umsetzung des Wiki-Prinzips im Sinne einer kollektiven Kreativitätsentfaltung ausblickend erörtert werden.

Zuletzt noch ein Hinweis auf die Beschaffenheit des Materials und die Handhabung von Zitaten im Rahmen dieser Arbeit. Sekundärliteratur, die sich explizit mit dem Wiki-Prinzip auseinandersetzt, ist aufgrund der Aktualität des Gegenstands erst in Ansätzen vorhanden bzw. im Entstehen begriffen. Das grundlegende Material für die Analyse bilden deshalb die Inhalte der Wiki-Systeme selbst, und zwar in doppelter Hinsicht: Zum einen stellen sie das Objekt der Untersuchung dar, zum andern erweist sich die interne Meta-Reflexion in wiki-basierten Online-Communities oftmals als aufschlussreiche Quelle bezüglich der behandelten Fragestellungen. Angesichts der Tatsache, dass bei Wikipedia jede vorgenommene Änderung als eigene Version mit Datum und Uhrzeit abgespeichert wird und daher über die Versionsgeschichte weiterhin abrufbar bleibt, erscheint auch beim Zitieren eine minutengenaue Zeitangabe sinnvoll. Da die angegebene URL jeweils auf den aktuellsten Bearbeitungsstand der Seite verweist, ist es beim Nachvollzug der zitierten Textstellen nötig, die jeweilige Version anhand von Datum und Uhrzeit in der Versionsgeschichte zu ermitteln.

Fußnoten:

12 In seiner relationalen Abhängigkeit vom jeweiligen historischen Standpunkt, von dem aus medientechnische Innovationen betrachtet werden, erweist sich der Gebrauch des Begriffs ‘neue Medien’ häufig als unscharf. Im Verwendungszusammenhang dieser Arbeit bezieht sich der Terminus auf den Bereich computervermittelter Kommunikation, unter besonderer Berücksichtigung der Aspekte Digitalisierung, Vernetzung und Interaktivität.

13 Winko, Simone: „Lost in hypertext? Autorkonzepte und neue Medien”. In: Jannidis, Fotis u.a. (Hg.): Rückkehr des Autors. Zur Erneuerung eines umstrittenen Begriffs. Tübingen: Niemeyer, 1999. S.531.

14 Winko 1999, S.530.

15 Simanowski, Roberto: „Die Interaktionsfalle. Zur Ästhetik des Spektakels im Internet“. In: dichtung-digital (1/2004). URL:
http://www.dichtung-digital.com/2004/1/Simanowski/index.htm (12.02.2005). Rainer Kuhlen sieht in Simanowskis kulturkritischer Haltung unter anderem auch den Versuch, eine gewisse „Verblüffungsfestigkeit gegenüber der Hypertext-Euphorie aufzubauen, wie sie seit etwa 1990 entstanden ist“. Kuhlen, Rainer: Wenn Autoren und ihre Werke Kollaborateure werden – was ändert sich dann? Oder: wenn Kommunikation ein Recht, gar ein Menschenrecht wird – was ändert sich dann? (06.07.2004). URL: http://www.inf-wiss.uni-konstanz.de/People/RK/Publikationen2004/20040706

_autoren_kollaborateure.pdf (12.02.2005).

16 Simanowski, Roberto: Interfictions. Vom Schreiben im Netz. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2002. S.34.

17 Heibach, Christiane: „Sprachkunst als Gegenstand einer interkulturellen Literaturwissenschaft“ (24.08.2004).. In: TRANS. Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften. Nr.15, URL: http://www.inst.at/trans/15Nr/10_3/heibach15.htm (12.02.2005).