2.2.1 Zum Problem mediengeschichtlicher Ansätze

Auch wenn sich die Medienwissenschaft als eigenständiges Fach bzw. Forschungsgebiet erst im Laufe der letzten Jahrzehnte universitär etabliert hat, so hat das Nachdenken über medienspezifische Fragestellungen eine lange Tradition, die bis in die Antike zurückreicht – wenngleich diese Reflexionen zu ihrer Zeit noch nicht den Namen 'Medientheorie' trugen.29

Als Oberbegriff subsumiert Medientheorie ein breites Spektrum von Forschungsansätzen, die sich entweder mit der Funktionsweise und Wirkung von Einzelmedien befassen oder aber versuchen, allgemeine Erklärungsmodelle in bezug auf Medien zu entwerfen. Von einer einheitlichen Medientheorie kann momentan noch keine Rede sein, als problematisch erweisen sich vor allem Schwierigkeiten bei der Definition des Begriffs „Medium“ selbst. Die medientheoretische Debatte zeichne sich derzeit vor allem – so konstatierte jüngst Werner Faulstich – durch "Begriffswirrwarr und Metaphernsalat"30 aus:

Tatsächlich gibt es heute nach wie vor eine große Verwirrung um den Medienbegriff, und diese Konfusion muß zunächst einmal zur Kenntnis genommen werden.31

Eine Realdefinition von „Medium“ gibt es demnach bislang ebenso wie eine umfassende Mediengeschichte nur in Ansätzen, was vor allem an „großen Forschungslücken [...] und partikularistischen Interessen der involvierten Disziplinen“32 liegen dürfte.

Im Rahmen seines Entwurfs einer Medienkulturgeschichte unterscheidet Faulstich vier große Phasen, in denen jeweils eine Gruppe von Medien dominant sei und „deren Übergänge jeweils als 'Kulturschocks' empfunden wurden“:33

Phase A (bis etwa 1500) mit der Dominanz der Primärmedien (Menschmedien), Phase B (1500 bis etwa 1900) mit der Dominanz der Sekundärmedien (Druckmedien), Phase C (1900 bis etwa Ende des 20. Jahrhunderts) mit der Dominanz der Tertiärmedien (elektronische Medien) und schließlich Phase D mit der Dominanz von Quartiärmedien (digitale Medien), die sich im neuen Jahrtausend bereits abzuzeichnen beginnt. Auffallend bei dieser Entwicklung ist die zeitliche Verkürzung in der Abfolge der einzelnen Phasen und damit der Trend zu immer schneller sich vollziehenden Medienumbrüchen.34

Auch andere mediengenealogische Entwürfe ähneln in groben Zügen dem obigen Schema. McLuhan prägte zu Beginn der 1960er Jahre den Begriff der „Gutenberg-Galaxis“35 und umschrieb damit die massiven kulturgeschichtlichen Auswirkungen, welche Gutenbergs technische Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern im Zusammenspiel mit anderen Faktoren nach sich zog. An welchem Ende der Gutenberg-Galaxis der nächste große Medienumbruch anzusiedeln sei, darüber gibt es in der medientheoretischen Diskussion – je nachdem, was als neues Leitmedium angesehen wird – unterschiedliche Ansichten. Für McLuhan war es in den 1960er Jahren noch das Fernsehen, dessen Dominanz das Ende des Buchzeitalters und den Beginn des Elektronischen Zeitalters heraufbeschwören würde. Mit der Erfindung des digitalen Computers wurde das Spektrum der Bildschirm-Medien um die Dimensionen Multimedia, Interaktivität und globaler Vernetzung erweitert, so dass Medientheoretiker wie Bolz heute den entscheidenden Umbruch mit der Umstellung auf computerbasierte Hypermedien verwirklicht sehen. Ob sich der aktuelle Wandel der medialen Bedingungen allerdings tatsächlich als klare Zäsur bestimmen lässt, bleibt fraglich. Die verschiedenen mediengenealogischen Anschlüsse verweisen nicht zuletzt auf eine immer rasanter sich entwickelnde Innovationsdynamik technischer Medien, mit der sich die moderne Gesellschaft seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts konfrontiert sieht.

Auch wenn sich verlässliche Prognosen zum Medienwandel nur schwer aufstellen lassen, dürfte das Verschwinden der Dominanz analoger Druckmedien und die Umstellung auf eine vornehmlich digitale Verarbeitung und Verbreitung von Information für die literarische Kommunikation wohl kaum folgenlos bleiben. Als Grundlage für den weiteren Verlauf der Argumentation sollen deshalb zunächst zentrale Merkmale von Druck und EDV hinsichtlich ihrer möglichen Auswirkungen auf historische und systematische Konzepte von 'Autor' und 'Werk' vergleichend gegenübergestellt werden.



Fußnoten:

29 Einen Einblick in die historische Bandbreite medientheoretischer Fragen vom alttestamentlichen Bilderverbot bis hin zu Internet und Cyberspace bietet die Anthologie Texte zur Medientheorie: Helmes, Günter / Köster, Werner: Texte zur Medientheorie. Stuttgart: Reclam, 2002.

30 Faulstich, Werner: Einführung in die Medienwissenschaft. München: Fink, 2002. S.19.

31 Faulstich 2002, S.19.

32 Faulstich 2002, S.25.

33 Faulstich, Werner: Grundwissen Medien. 5.Aufl. München: Fink, 2004. S.23.

34 Vgl. Faulstich 2004, S.23.

35 McLuhan, Marshall: Die Gutenberg-Galaxis. Das Ende des Buchzeitalters. Bonn u.a.: Addison-Wesley, 1995.