2.2.2.1 Abgeschlossen und fixiert: Das Werk in der Druckkultur

Die katalysatorische Wirkung, die die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern auf den kulturellen Wandel ausübte, wird von Giesecke in seiner interdisziplinär angelegten Studie Der Buchdruck in der frühen Neuzeit beschrieben.36 Als historisches Beispiel dient ihm dabei die Durchsetzung der typographischen Informationsverarbeitung im Europa des 15. und 16. Jahrhunderts. Als Schlüsseltechnologie hatte der Buchdruck maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung neuzeitlicher Autor-, Werk- und Leserkonzeptionen. Georg Jäger beschreibt den Ablauf der drucktechnischen Informationstransformation in seiner Konsequenz für die literarische Kommunikation der Neuzeit:

Das ‘Typographeum’ - wie Giesecke das Druckzeitalter bezeichnet - kann als Transformationsmaschine verstanden werden, die eine Eingabe in eine Ausgabe umwandelt. Es hat eine feste Eingabe- und Ausgabestelle: An der Eingabestelle das Manuskript des Autors, das in den Satz verwandelt wird, der im Druck als Negativform dient; an der Ausgabestelle die im Druckvorgang hergestellte Positivform auf Papier. Wie dieser Hinweis verdeutlicht, läßt sich die drucktechnische Herstellung auf eine mehrfache Spiegelung von Mustern - vom Entwurf der Letter bis zum fertigen Ausdruck - zurückführen, die eine Multiplikationspyramide in Gang setzt. Für das Manuskript bedeutet dies, daß ein Unikat durch Umwandlung in ein Druckwerk in vielfachen textidentischen Exemplaren verbreitet wird. Die Druckkultur hat dadurch die Massenkommunikation geschaffen, für die charakteristisch ist, daß eine identische Botschaft von einem Sender an viele Empfänger, ein disperses Publikum, distribuiert wird.37

Diese grundlegend veränderten Kommunikationsverhältnisse führten im Laufe des 18. Jahrhunderts schließlich zu einem soziologischen Auseinandertreten der Rollen von Autor und Leser sowie zu einer Trennung von Speicherung und Distribution: „Als Speichermedium dient das Printprodukt, als Distributionsmedium fungiert der Buchhandel.“38

Hat der Text letztendlich alle Korrekturschleifen der typographischen Informationsverarbeitung durchlaufen, so erscheint er in seiner endgültigen Form als Ganzheit und bleibt für alle Zeiten fixiert. Die Umwandlung eines Manuskripts in identische, drucktechnisch vervielfältigte Exemplare bedingt die Vorstellung des 'Autors' als individuellem Schöpfer seines 'Werks', wobei „der Begriff 'Werk' den ein für allemal in seinen Grenzen zu anderen Texten und seiner Binnenstruktur festgestellten Text [bezeichnet]. Durch den Autorwillen legitimiert er sich in seiner jeweiligen Form und erhält Authentizität.“39

Diese Koppelung des Autor- und Werkbegriffs funktioniert vor allem deshalb relativ reibungslos, da die Möglichkeiten eines unautorisierten Eingreifens in die Textstruktur im Ablauf der drucktechnischen Informationsverarbeitung sehr gering sind. Textverändernde Manipulationen müssten dabei in letzter Instanz von den Drucksetzern vorgenommen werden – eine Möglichkeit, wie sie beispielsweise von E.T.A. Hoffmann in der Herausgeberfiktion zu den Lebensansichten des Katers Murr treffend ironisiert wird:

Wahr ist es endlich, daß Autoren ihre kühnsten Gedanken, die außerordentlichsten Wendungen oft ihren gütigen Setzern verdanken, die dem Aufschwunge der Ideen nachhelfen durch sogenannte Druckfehler. So sprach z.B. der Herausgeber im zweiten Teile seiner „Nachtstücke“ Pag.326 von geräumigen Bosketts, die in einem Garten befindlich. Das war dem Setzer nicht genial genug, er setzte daher das Wörtlein Bosketts um in das Wörtlein Kasketts.40

Die hier beschriebenen Konventionen der Druckkultur verdeutlichen bereits, dass Vorstellungen über literarische Grundkategorien in engem Zusammenhang mit den medialen Rahmenbedingungen zu sehen sind. In Hinblick auf die weiterführende Frage, inwieweit sich Autor- und Werkkonzeptionen im Kontext vernetzter EDV-Kommunikation auflösen, verändern oder ausdifferenzieren, werden im nächsten Punkt einige zentrale Charakteristika digitaler Datenverarbeitung dargestellt.



Fußnoten:

36 Giesecke, Michael: Der Buchdruck in der frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien. 2. Aufl. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1998.

37 Jäger, Georg: Vom Text der Wissenschaft. Überlegungen zum Wandel des Textbegriffs im Rahmen vernetzter EDV-Kommunikation. 1998. URL: http://www.buchwissenschaft.uni-muenchen.de/download/Jaeger_Text.pdf (13.02.2005). S.5.

38 Jäger 1998, S.6.

39 Jäger 1998, S.6.

40 Hoffmann, E.T.A.: Lebensansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern. Frankfurt/M.: Insel, 1976. S.11. Aufgrund seiner speziellen Struktur – „Autor“ Kater Murr benutzt beim Schreiben seiner Memoiren herausgerissene Seiten einer Künstlerbiographie als Unterlage und Löschpapier, die dann versehentlich mit abgedruckt werden – ist Hoffmanns Roman schon als gedruckte Präfiguration elektronischer Hypertexte angesehen worden. Die ironische Thematisierung der medialen Bedingungen des Buchdrucks in den Lebensansichten des Katers Murr hat Uwe Wirth als „Hardwareschnittstellen-Ironie“ bezeichnet, vgl. Wirth, Uwe: Die Schnittstelle zwischen Riss und Sprung. Vom herausgerissenen Manuskript zum Hypertext-Link. Eine mediengeschichtliche Untersuchung von Sternes „Tristram Shandy“ und E.T.A. Hoffmanns „Lebensansichten des Katers Murr“. (20.-23.06.2003). URL: http://user.uni-frankfurt.de/~wirth/texte/Wirthlink.htm (17.02.2005).