2.2.2.2 Offen und dynamisch: Der Text in der Netzkommunikation

Den Grundprinzipien der Abgeschlossenheit und Ganzheit des analog vervielfältigten Printprodukts stehen in den digitalen Datennetzen Tendenzen zur Offenheit und Dynamisierung von Texten gegenüber. Dies rührt vor allem daher, dass in der elektronischen Datenverarbeitung die Trennung von Eingabe- und Ausgabestelle kaum mehr zum Tragen kommt:

Sah das Typographeum nur wenige Rückkopplungsschleifen, d.h. Korrekturmöglichkeiten in der Produktion vor, so stellt sie der PC auf Dauer. Die Linearität der Kommunikation wird tendenziell durch Selbstreferenzialität ersetzt. Von ihren medialen Gegebenheiten her ist eine Textdatei in sich „dialogisch“ oder reflexiv, da sie darauf angelegt ist, vom Verfasser oder Empfänger „prozessiert“, bearbeitet zu werden.41

Die Dynamisierung der Informationsverarbeitung digitaler Daten wird durch das Prinzip der Verlinkung ergänzt. Aus diesen beiden Merkmalen erwächst die Vorstellung eines entgrenzten und sich in stetem Fluss befindlichen „Hypertexts“42, der in Opposition zum Werkbegriff der Druckkultur gesehen werden kann, da sich dieser – medientheoretisch betrachtet – über eine unveränderliche Fixierung des autorisierten Texts und das Gebundensein an das physische Substrat des drucktechnischen Trägermaterials konstituiert.

Vor allem die amerikanische Hypertextforschung hat in den Merkmalen der Entgrenzung und Vernetzung digitaler Texte eine weitgehende Übereinstimmung zu poststrukturalistischen Texttheorien konstatiert. So macht beispielsweise George Landow folgende Beobachtung zum Ausgangspunkt seiner Argumentation: „Statements by theorists concerned with literature, like those by theorists concerned with computing, show a remarkable convergence.“43 Allerdings stieß die These, Hypertext könne als eine Verkörperung postmodernen Denkens gesehen werden, vielfach auf Kritik. Simone Winko bemängelt eine fortschrittsideologische Interpretation moderner Texttheorien, die eine Aufwertung des Hypertexts gegenüber linearen Textformen legitimieren soll. Dabei würde jedoch vor allem die unterschiedliche Zielrichtung der herangezogenen Theorien, nämlich deren „Kritik an der Konzeption eines autonomen, zentrierten Subjekts“,44 außen vor gelassen:

Es dominiert ein Denken in Analogien: Texteigenschaften 'erinnern' an Thesen der Theoretiker und werden zu diesen in Beziehung gesetzt; da – was nicht überrascht – Übereinstimmung konstatiert wird, gilt die Annahme einer Korrespondenz als bestätigt.45

Auch Anja Rau setzt sich im Rahmen ihrer Dissertation What you click is what you get? ausführlich mit der Verkörperungsthese der literaturwissenschaftlichen Hypertextforschung auseinander.46 Anhand der Analyse fiktionaler Hypertexte versucht sie die Annahme zu widerlegen, das Merkmal der Nicht-Linearität elektronischer Texte würde die traditionellen Rollen von Autor und Leser auf radikale Weise verändern – wobei sich der Gegenstandsbereich nicht auf alphanumerische 'Hyperfictions' beschränkt, sondern auch multimediale Adventure Spiele miteinbezogen werden. Eine Herangehensweise, die über die Analyse existierender Medienprodukte argumentiert, hat natürlich mit dem Problem zu kämpfen, dass ihre Ergebnisse von der Entwicklung technologischer Innovationen und deren gesellschaftlicher Durchdringung schnell überholt werden können. Diese Problematik fasst Rau gegen Ende ihres Buches zusammen und gibt einen Ausblick auf ein – zumindest theoretisch plausibles – Zunkunftsszenario:

Theoretisch wäre es vorstellbar, dass die direkten Implementationen [...] tatsächlich realisiert werden: der Verzicht auf das Copyright oder generell auf einen bestimmbaren Autor; eine Hinwendung zum kollaborativen Schreiben, in dem der Leser tatsächlich zum Co-Autor wird; veränderte Publikationsverhältnisse, die jedem Schreibenden Autorschaft zubilligen; adaptive Systeme, in denen sich der orientierte Leser die von ihm gewünschten Informationen mit größtmöglicher Kontrolle selbst zusammenstellen kann. Insbesondere das Internet könnte sich dahin entwickeln, dass hier die Autorfunktion tatsächlich verschwindet. Sollten das Netz oder Teile davon zu dem ungesteuerten, machtfreien Raum werden, als der es oft berufen wird, könnte die Autorfunktion hier hinfällig werden und so könnte über die Gewöhnung an unauthorisierte Texte in einem Medium der Autor als gesellschaftliche Funktion mit der Zeit ganz verschwinden.47

Der weitere Verlauf dieser Arbeit, insbesondere die Auseinandersetzung mit dem Wiki-Prinzip und der Online-Enzyklopädie Wikipedia, wird zeigen, dass sich eine Realisierung dieser „direkten Implementationen“ - zumindest in Ansätzen – bereits beobachten lässt: Eine Neubestimmung des Urheberrechts durch das so genannte „Copyleft“-Prinzip; verbesserte technische Bedingungen für eine kollaborative Schreibpraxis durch computervermittelte Kommunikationsformen mit hohem Interaktionsgrad. Und schließlich die radikale Öffnung kollektiver Schreibprojekte, die tatsächlich jedem Schreibenden zunächst einmal ein Recht auf Autorschaft zugestehen – auch wenn dieses dann nicht mit einer uneingeschränkten Herrschaft über das Werk verbunden sein kann, wie sie sich unter den Bedingungen des Drucks etabliert hat.

Problematisch erscheint in dieser Hinsicht allerdings wiederum die Frage nach der unterschiedlichen Tragweite von Autorkonzepten für fiktionale und nicht-fiktionale Texte. Da es zum gegenwärtigen Zeitpunkt kaum fiktionale Schreibprojekte gibt, die sich das Wiki-Prinzip zunutze machen, können über eine mögliche Entwicklung auf diesem Gebiet nur vorsichtige Prognosen angestellt werden. Aufgrund der Aktualität der Thematik ist es allerdings nicht auszuschließen, dass sich bereits in naher Zukunft im engeren Sinne literarische Wiki-Projekte ergeben könnten. Deshalb sollen in einem abschließenden Ausblick die aus der näheren Betrachtung der Wikipedia gewonnenen Einsichten auf eine mögliche kreative Umsetzung des Wiki-Prinzips bezogen werden.

Bevor nach den Auflösungserscheinungen traditioneller Konzepte von 'Autor' und 'Werk' gefragt wird, soll zunächst dargestellt werden, wie sich diese Vorstellungen in historischer und systematischer Hinsicht herausgebildet haben. Dabei wird auch immer der Einfluss der medialen Bedingungen auf die Ausprägung der jeweiligen Konzeptionen mit in den Blick genommen.



Fußnoten:

41 Jäger 1998, S.7.

42 Zum Ursprung des Begriffs vgl. Kap.3.2.

43 Landow, George P. : Hypertext. The Convergence of Contemporary Critical Theory and Technology. Baltimore, London: Johns Hopkins University Press, 1992. S.2.

44 Winko 1999, S.517.

45 Winko 1999, S.517.

46 Rau, Anja: What you click is what you get? Die Stellung von Autoren und Lesern in interaktiver digitaler Literatur. Berlin: dissertation.de, 2000.

47 Rau 2000, S.203f.