2.3.1 Vormoderne Autorschaft

Die Entwicklung der Schrift und damit der Übergang von rein mündlicher Tradierung zu einer schriftlichen Fixierung von Texten kann als basale Voraussetzung dafür angesehen werden, dass sich überhaupt erst ein Anspruch auf Autorschaft und damit eine Autorfunktion herausbilden konnte.48 Vor der Erfindung der Typographie ist jedoch ein enger persönlicher Zusammenhang zwischen Autor und Werk noch kaum von Bedeutung. So entstehen in der althochdeutschen Periode des frühen Mittelalters vornehmlich anonym verfasste Texte in christlich-religiösem Kontext, „der 'eigentliche' Autor ist Gott; der Mensch als Vermittler muß dahinter zurücktreten“.49 Neben die geistliche Dichtung tritt an den Adelshöfen im Laufe der mittelhochdeutschen Periode ab etwa dem zweiten Drittel des 12. Jahrhunderts auch eine Literatur weltlichen Inhalts. Viele Texte des Mittelalters – beispielsweise das 'Nibelungenlied' – sind zwar anonym überliefert, doch kann daraus nicht unbedingt auf die Bedeutung der Anonymität in Hinblick auf den „Sitz im Leben“ der jeweiligen Texte geschlossen werden:

Man kann hier vermuten, daß der Erzählstoff Anonymität bedingt oder fördert – sicher ist das nicht. Uns ist zu wenig darüber bekannt, wie die Texte gerade dieser frühen Periode 'gelebt' haben, wie sie, von wem sie und für wen sie konzipiert und vorgetragen wurden.50

Zudem beginnt sich seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts in der höfischen Epik eine Tradition der Eigensignatur zu entwickeln, die mit Wolfram von Eschenbach einen Höhepunkt findet. Bei den Selbstnennungen in seinem Werk gleicht Wolfram von Eschenbach „fast einem Dirigenten, der 'seine' Texte dirigiert, zueinander in Beziehung setzt und keinesfalls hinter diesen Texten verschwindet“.51 Wenngleich einige Dichter aus der Anonymität heraustreten, so spielt in der literarischen Kommunikation des Mittelalters die Tradierung von Kulturbeständen eine weitaus wichtigere Rolle als die Vorstellung von Originalität, weshalb von einem Autorkonzept im modernen Sinne noch nicht die Rede sein kann. Folgt man der informationstheoretischen Argumentation Gieseckes in seiner Studie zum Buchdruck, so dienten Autornamen in der Handschriftenkultur des Mittelalters kaum einer persönlichen und individuellen Zuschreibung, sondern wurden pragmatisch als Klassifikationsprinzip für das Speichern und Abrufen von Informationen verwendet. Erst in der Neuzeit habe sich „die Überzeugung [festgesetzt], jede gespeicherte Information müsse auf eine Eingabequelle aus Fleisch und Blut zurückgeführt werden – und könne dies auch letztlich“.52

Fußnoten:

48 Vgl. Jäger, Georg: „Autor“. In: Literaturlexikon. Hg. v. Walther Killy. Bd. 13. Gütersloh/ München: Bertelsmann Lexikon, 1992. S. 66.

49 Bein, Thomas: „Zum ‚Autor’ im mittelalterlichen Literaturbetrieb und im Diskurs der germanistischen Mediävistik“. In: Jannidis, Fotis u.a. (Hg.): Rückkehr des Autors. Zur Erneuerung eines umstrittenen Begriffs. Tübingen: Niemeyer, 1999. S.304.

50 Bein 1999, S.305.

51 Bein 1999, S.309.

52 Giesecke 1998, S.318.