2.3.2.1 Der Autor als juristische Konstruktion

Bis ins 18. Jahrhundert hinein galt im deutschen Recht die römisch-rechtliche Konstruktion, bei der das „Eigentum des Autors zunächst als Sacheigentum am Manuskript“56 begriffen wurde. Mit dem Verkauf an einen Verleger erloschen im Rahmen dieser rechtlichen Konzeption auch alle Rechte des Autors an seiner Arbeit. Eine engere juristische Koppelung von Autor und Werk bildete sich erst heraus,

als der expandierende literarische Markt und die übliche Praxis des Büchernachdrucks Regelungsprobleme aufwarfen, die mit den herkömmlichen Privilegien nicht mehr bewältigt werden konnten. [...] An die Stelle der römisch-rechtlichen Konstruktion trat daher im Verlauf des 18. Jahrhunderts die vom Naturrecht beeinflußte Auffassung, daß der Autor durch die ins Werk investierte Arbeit ein Eigentum erwerbe, das über das Manuskript als Sache hinausgehe und den „gelehrten Grundstoff“, also den Inhalt, das geistige Substrat betreffe und das Recht der Nutzung und Verwertung begründe.57

Als diese Auffassung im Allgemeinen Preußischen Landrecht von 1794 zum ersten Mal positives Recht geworden war, geschah dies zunächst noch vornehmlich im wirtschaftlichen Interesse der Verleger, die somit rechtliche Handhabe zur Verteidigung ihrer exklusiven Nutzungsrechte gegenüber den Nachdruckern erhielten.58 So wurde der wuchernde Nachdruck schließlich zum Auslöser einer rechts-, wirtschafts- und kulturpolitischen Debatte, die letztendlich zu einer neuen Eigentumskonzeption führte.59 Diese Diskussion weitete sich aus auf die Frage nach dem rechtlichen Anspruch der Autoren auf ihr 'geistiges Eigentum' und die wirtschaftliche Nutzung desselben. Denn nicht die eigentlichen Verfasser sind im ausgehenden 18. Jahrhundert die Eigentümer ihrer Schriften, sondern – wie Klopstock bereits 1773 beklagte – „die Buchhändler sind die wirklichen Eigenthümer, weil ihnen die Gelehrten ihre Schriften, sollen sie anders gedruckt werden, wohl überlassen müssen.“60 Die zeitgenössische urheberrechtliche Diskussion, die als Ergebnis schließlich die Vorstellung 'geistigen Eigentums' und damit die „neue, paradoxe Beziehung zwischen Wort und Ware“61 hervorbringt, wird von Bosse in ihrem Verlauf zusammengefasst:

Die Diskussion beginnt mit der Behauptung, daß der Verleger, der ein Buch verkauft, nicht alles verkauft und ein Recht zurückbehält. Im Verlauf der Diskussion wird das Prinzip der unvollständigen Veräußerung auf den Autor übertragen. Die Diskussion führt zu der Behauptung, daß der Autor, der ein Buch schreibt, dem Leser nicht alles mitteilen kann, weil er seinen Geist zurückbehält. Das Prinzip der unvollständigen Mitteilung erhält dabei jenen Grad von Selbstverständlichkeit, den es braucht, um zur Grundlage eines absoluten Rechts zu werden.62

Verbunden mit der Vorstellung eines individuellen Schöpfungsakts wird Autorschaft gleichbedeutend mit der wirtschaftlichen Verfügungsgewalt über das Werk, wie es in Bosses Buchtitel „Autorschaft ist Werkherrschaft“ prägnant zum Ausdruck kommt. In diesem Sinne wurde im Verlauf des 19. Jahrhunderts das Urheberrecht als Persönlichkeitsrecht juristisch fixiert, der Autor rückte „wirtschaftlich in die Rolle des Produzenten, der das Publikationsrecht seines 'Geisteseigentums' auf dem Buchmarkt gegen Honorar anbot.“63

Auch das hier skizzierte juristische Autormodell ist nicht frei von Widersprüchen und bewegt sich historisch im Spannungsfeld zwischen dem privilegierten Verfügungsrecht des individuellen Autors und mehr oder minder stark ausgeprägten Ansprüchen der Öffentlichkeit.64 Gerade hinsichtlich veränderter Produktionsbedingungen in den elektronischen Datennetzen kann an dieser Stelle bereits die Frage nach der zukünftigen Entwicklung urheberrechtlicher Vorstellungen im Rahmen der Netzkommunikation antizipiert werden. Überträgt man die traditionelle Konzeption des Werks als abgeschlossenes Ganzes,65 das sich auf einen individuellen Schöpfer zurückführen lässt, auf die Archivierungs- und Distribution digitaler Netzmedien, so mag es wohl zutreffen, dass die „Formen der Speicherung für das Urheberrecht [...] keinerlei werkmodifizierende Funktion“66 bedeuten. Allerdings blendet dies produktionsästhetische Aspekte aus, die ganzheitliche Werkvorstellungen bereits im Herstellungsprozess aushebeln könnten. Insofern dürfte noch zu klären sein, welche Konsequenzen es letztendlich nach sich zieht, wenn sich die Identität von Autorschaft und Werkherrschaft im Rahmen anonymer und pseudonymer Produktion von 'freien Inhalten' in kollektiven Systemen möglicherweise aufzulösen beginnt, wie dies noch am Beispiel des Wiki-Prinzips ausführlich erörtert werden soll.

Fußnoten:

56 Plumpe, Gerhard: „Autor und Publikum“. In: Brackert, Helmut / Stückrath, Jörn (Hg.): Literaturwissenschaft. Ein Grundkurs. 8.Aufl. Reinbek: rororo 2004. S.378.

57 Plumpe 2004, S.378.

58 Vgl. Plumpe 2004, S.378.

59 Dabei erinnern die Argumente zum Teil erstaunlich an aktuelle programmatische Positionen bezüglich urheberrechtlicher und medienpolitischer Fragestellungen im Rahmen der Netzkommunikation (vgl. z.B. Anm.8): „Am Ende des 18. Jahrhunderts hielt eine Reihe von Autoren den Nachdruck zwar für unmoralisch, sprach aber dem Staat das Recht ab, den Nachdruck zu verbieten oder zu bestrafen. Sie vertraten die Ansicht, der Nachruck fördere das Lesen und folglich die Aufklärung, und beriefen sich dabei auf den Grundsatz, das Reden lasse sich nicht begrenzen.“ Bosse 1981, S.17.

60 Zitiert nach Bosse 1981, S.37.

61 Bosse 1981, S.7.

62 Bosse 1981, S.51.

63 Jäger 1992, S.68.

64 So ist das Verfügungsrecht des Autors und seiner Anghörigen nicht unbefristet. Nach dem Tod des Urhebers wird das Werk nach Ablauf einer gesetzlichen Schutzfrist schließlich zum gemeinfreien Gut der Allgemeinheit. Vgl. Jannidis u.a. 1999, 7ff.

65 Zur Geschichte des Werkbegriffs vgl. Thierse, Wolfgang: "Das Ganze aber ist das, was Anfang, Mitte und Ende hat." Problemgeschichtliche Beobachtungen zur Geschichte des Werkbegriffs. In: Barck, Karlheinz / Fontius, Martin / Thierse, Wolfgang (Hg.): Ästhetische Grundbegriffe. Studien zu einem historischen Wörterbuch. Berlin: Akademie-Verlag, 1990, S.378-414.

66 Plumpe, Gerhard: „Der Autor im Netz. Urheberrechtsprobleme neuer Medien in historischer Sicht“. In: Städtke, Klaus / Kray, Ralph: Spielräume des auktorialen Diskurses. Berlin: Akademie Verlag, 2003. S.182.