2.3.2.2 Der Autor als literarischer Begriff

Parallel zu den Entwicklungen im Rechtssystem bildete sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Rahmen der literarischen Kommunikation ein neues dichterisches Selbstverständnis heraus. Dieses stand in Opposition zur Regelpoetik der ständischen Dichter und führte zu einer Subjektivierung und Individualisierung des schriftstellerischen Schaffens im Sinne einer Autonomieästhetik, womit eine entscheidende Dynamisierung und Ausdifferenzierung des gesamten literarischen Lebens einherging.67 Maßgeblichen Einfluss auf die Vorstellung vom Dichter als schöpferischem Genie übte 1759 erschienene Schrift 'Conjectures on Original Composition' des englischen Dichters Edward Young aus, in der dieser – unter Übernahme von Begriffen aus dem juristischen Diskurs – zwischen dem lediglich nach vorgegebenen poetischen Mustern und Regeln verfahrenden Gelehrten und dem tatsächlich schöpferisch tätigen und genialen Autor unterschied:

His works will stand distinguished; his the sole Property of them; which Property alone can confer the noble title of an Author, that is, of one who (to speak accurately) thinks, and composes; while other invaders of the Press, how voluminous, and learned soever, (with due respect be it spoken) only read, and write. 68

Diese Unterscheidung zwischen Nachahmern und Originalschriftstellern wurde in Deutschland von den Akteuren des „Sturm und Drang“ aufgegriffen. In ihren programmatischen Schriften entwarfen sie eine neue Schöpfungs- und Produktionsästhetik, in der die Konzeption des Originalgenies die entscheidende Rolle spielt: „Der Autor gewann in seiner Überhöhung zum 'Genie' die Funktion eines 'Autonomiebegründers'.“69

Nicht die Beherrschung einer überlieferten Regelpoetik oder die mimetische Abbildung von Natur definierte den genialen Dichter, sondern vielmehr ein Schöpfen aus einem gleichsam unwillkürlichen Naturzustand, woraus sich allerdings das paradoxe Problem einer verlustfreien medialen Vermittlung seelischer Zustände ergibt: „Spricht die Seele, so spricht ach! schon die Seele nicht mehr“70 heißt es bei Schiller – und wenn bereits das Aussprechen eine verfälschende Abstraktion seelischer Zustände darstellt, wie sollten sich der „lebendige Geist“ dann erst über das typographisch vervielfältigte Medium 'Buch' adäquat vermitteln lassen?

Während literarische Texte im Mittelalter häufig ohne Bezug auf einen Autor überliefert wurden, wurde die persönliche Zuschreibung eines fiktionalen Textes zu einer individuellen Autorpersönlichkeit für die moderne literarische Kommunikation konstitutiv und hat bis in die Gegenwart hinein kaum an Gültigkeit verloren:

Aber „literarische“ Diskurse können nur noch rezipiert werden, wenn sie mit der Funktion Autor versehen sind: jeden Poesie- oder Fiktionstext befragt man danach, woher er kommt, wer ihn geschrieben hat, zu welchem Zeitpunkt, unter welchen Umständen oder nach welchem Entwurf. [...] Literarische Anonymität ist uns unerträglich; wir akzeptieren sie nur als Rätsel. Die Funktion Autor hat heutzutage ihren vollen Spielraum in den literarischen Werken.71

Die Individualisierung der Autorpersönlichkeit und die Vorstellung des inspirierten Genies boten auch dem juristischen Diskurs Anregungen, ein rechtliches Verhältnis zwischen den Autoren und ihren Werken zu beschreiben – nachdem die tradierten alteuropäischen Kunstregeln „in juristischer Perspektive Gemeingut und nicht persönlich in Anspruch zu nehmen“72 waren:

Zu dieser reibungslosen Etablierung der urheberrechtlichen Autor/Werk-Verknüpfung hat die kontemporäre Ästhetik individueller Autorschaft und die Hermeneutik des Werks als Inschrift des Individuellen zweifellos beigetragen. Juristische und ästhetische Autorschaft – der Urheber und das Genie – haben sich, ungeachtet ihrer verschiedenen Systemadressen, wechselseitig stabilisiert als auch legitimiert.73

Im Rahmen der literarischen Kommunikation des 19. Jahrhunderts kommen die etablierten Autor- und Werkkonzepte, wie sie sich in der Koppelung von Genieästhetik und rechtlichen Eigentumskonzeptionen herausgebildet haben, noch voll zum Tragen. Eine erste folgenreiche Erschütterung erfahren diese Prinzipien mit dem Ende des Schriftmonopols und einer sich zunehmend ausdifferenzierenden Medienlandschaft um 1900. Die Möglichkeit, neben der Schrift auch Bilder und Töne technisch speichern und verbreiten zu können, führt zur Ausbildung "partieller Medienverbundsysteme", die in Friedrich Kittlers mediengenealogischer Unterscheidung als "Aufschreibesystem 1900" bezeichnet werden – im Gegensatz zum typographisch dominierten „Aufschreibesystem 1800“.74

Mit der zunehmenden Industrialisierung und Technisierung der aufkommenden Moderne ist auch das Selbstverständnis der Autoren zahlreichen Brüchen ausgesetzt. Im Spannungsfeld zwischen Selbst- und Fremdbestimmtheit drückt sich die Krise moderner Autorschaft – wie im Fall Stefan Georges – im „Rückgriff auf religiöse Lebensformen, Rituale und Ausdrucksmittel“75 oder aber in der Widersprüchlichkeit dichterischer Selbstbilder aus, wie sie im Werk Franz Kafkas exemplarisch zutage treten. In den ästhetizistischen Programmen am Ende des 19. Jahrhunderts – etwa bei Stéphane Mallarmé zeigt sich zudem die Tendenz, „den 'Autor' in seinem 'Werk' verschwinden zu lassen und als Person zu vergleichgültigen.“76

Auch an dieser Stelle sei ein Ausblick auf die Frage erlaubt, wie es in ästhetischer Hinsicht um den Mythos vom Autor als alleinigem Schöpfer im Kontext der kollektiven Textproduktion in der Netzkommunikation bestellt ist. In Anbetracht ihres Gegenstandsbereichs sieht sich die vorliegende Arbeit mit dem bereits angesprochenen Dilemma einer Theorie-Praxis-Divergenz konfrontiert. Denn als enzyklopädisches Nachschlagewerk versperrt sich das Wikipedia-Projekt prinzipiell gegen fiktionale bzw. originelle Beiträge, die eine offensichtliche Verletzung der Grundregel des neutralen Standpunkts darstellen würden. Wenngleich es noch kaum künstlerisch-kreative Wiki-Projekte gibt,77 so lassen sich auch bei Wikipedia Fälle beobachten, bei denen die Vorstellung individueller Originalität mit der Praxis kollektiven Schreibens in Konflikt gerät. Ein solcher Fall, in dem ein Autor um den Verbleib eines von ihm im Alleingang verfassten, vorsätzlich falschen Lexikonartikels (eines so genannten 'Nihilartikels') in der Wikipedia kämpft, soll in Punkt 5.1.1 vorgestellt werden. Außerdem werden im Rahmen dieses Kapitels parodistische Wiki-Projekte zur Sprache kommen, deren Sinn sich aber zumeist nur in Bezug auf die Original-Wikipedia erschließen lässt.

Vor einer näheren Betrachtung der empirischen Medienprodukte soll zunächst die Frage nach der Bedeutung literarischer Kategorien wie 'Autor', 'Leser' und 'Text' im Rahmen der neuen Medien diskutiert werden. Unter näherer Berücksichtigung des Interaktivitätsbegriffs wird im Anschluss daran der Problemkreis kollektiver bzw. kollaborativer Autorschaft näher beleuchtet und hinsichtlich des Untersuchungszusammenhangs dieser Arbeit genauer eingegrenzt.

Fußnoten:

67 Vgl. Jäger 1992, S.68.

68 Young, Edward: Conjectures on Original Composition (1759, Absatz 44). In: Representative Poetry Online. URL: http://eir.library.utoronto.ca/rpo/display/displayprose.cfm?prosenum=16 (17.03.2005).

69 Plumpe 2004, S.381.

70 Schiller, Friedrich: Sämtliche Werke in fünf Bänden. Auf Grund der Originaldrucke herausgegeben von Gerhard Fricke und Herbert G. Göpfert in Verbindung mit Herbert Stubenrauch. 3.Aufl. München: Hanser, 1962. Bd. 1, S. 313.

71 Foucault 2000, 213. Einen für die germanistische Forschung beispielhaften Fall stellen in dieser Hinsicht die Spekulationen über die Autorschaft der 1804 unter Pseudonym veröffentlichten Nachtwachen des Bonaventura dar, über deren tatsächliche Urheberschaft in der literaturwissenschaftlichen Diskussion bis heute verschiedene Ansichten – von Jean Paul bis Ernst August Friedrich Klingemann – kursieren. Vgl. hierzu z.B. Paulsen, Wolfgang: „Nachwort“. In: Bonaventura (E.A.F. Klingemann): Nachtwachen. Stuttgart: Reclam, 1990. S.167-186.

72 Plumpe 2003, 182.

73 Plumpe 2003, 183f.

74 Vgl. Kittler, Friedrich: Aufschreibesysteme 1800/1900. 2.Aufl. München: Fink, 1987. Die einzelnen Medienverbundsysteme – etwa Fernsehen, Radio, Kino oder Post - sieht Kittler im Zeitalter digitaler Informationen letztlich in Auflösung begriffen: „In der allgemeinen Digitalisierung von Nachrichten und Kanälen verschwinden die Unterschiede zwischen einzelnen Medien. Nur noch als Oberflächeneffekt, wie er unterm schönen Namen Interface bei Konsumenten ankommt, gibt es Ton und Bild, Stimme und Text. [...] Und wenn die Verkabelung bislang getrennte Datenflüsse alle auf eine digital standardisierte Zahlenfolge bringt, kann jedes Medium in jedes andere übergehen. Mit Zahlen ist nichts unmöglich. Modulation, Transformation, Synchronisation; Verzögerung, Speicherung, Umtastung; Scrambling, Scanning, Mapping – ein totaler Medienverbund auf Digitalbasis wird den Begriff Medium selber kassieren. Statt Techniken an Leute anzuschließen, läuft das absolute Wissen als Endlosschleife.“ Kittler, Friedrich: Grammophon, Film, Typewriter. Berlin: Brinkmann & Bose, 1986. S.7.

75 Marx, Friedhelm: „Heilige Autorschaft. Self-Fashoning-Strategien in der Literatur der Moderne“. In: Detering, Heinrich (Hg.): Autorschaft. Positionen und Revisionen. Stuttgart: Metzler, 2002. S.107-120.

76 Plumpe 2004, S. 385.

77 Bezeichnenderweise sind die meisten Links auf fiktionale Wiki-Projekte, die auf der Seite „Wiki Fiction“ des Portland Pattern Repository diskutiert werden, mittlerweile verwaist. Vgl. „Wiki Fiction“. In: WikiWikiWeb. URL: http://www.c2.com/cgi/wiki?WikiFiction (18.03.2005, 15:58).