2.4 'Autor', 'Leser' und 'Text' im Kontext neuer Medien

Der begriffliche Umgang mit den neuen Medien ist zumeist ein metaphorischer: Konzepte und Vorstellungen, die in erheblichem Maße von den medialen Bedingungen des Buchdrucks geprägt sind, werden mangels einer adäquaten Terminologie auf Phänomene im Bereich der elektronischen Datenverarbeitung übertragen. Die Problematik dieser metaphorischen Verwendung bringt Giesecke im Titel seiner Publikation Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft zum Ausdruck. Anachronistische „Mythen der Buchkultur“ erscheinen ihm für die Beschäftigung mit digitalen Netzmedien weitgehend unbrauchbar, ein den neuen Begebenheiten angemessenes Begriffsinstrumentarium dafür umso notwendiger:

Dazu braucht man allgemeine Kategorien, die nicht die Muttermale einer vergangenen Etappe tragen und die nicht durch deren Mythen geprägt werden. Sowenig man beispielsweise den modernen Tourismus mit dem mittelalterlichen Entwurf der Pilgerreise beschreiben kann, so wenig lässt sich etwa die Nutzung eines Computerbildschirms mit dem Konzept des Lesens erfassen – bei diesem Wort werden unweigerlich Erinnerungen an das Buchstabieren von handschriftlichen und gedruckten Texten wach. Und natürlich ist das Eintippen von Informationen in EDV-Anlagen kein Schreiben.78

Zu den Mythen der Buchkultur zählt nicht zuletzt „Die Mystifikation der Autoren als alleinige Schöpfer“, denen ein eigenes Kapitel in Gieseckes Buch gewidmet ist.79 Für die etablierte Literaturwissenschaft – sofern sie das Gebiet der neuen Medien in ihren Gegenstandsbereich mit einbezieht – ist dies hinsichtlich ihrer monomedialen Fixierung nicht unproblematisch, da sie sich „in Koevolution mit dem gedruckten Buch entwickelt und dieses zu ihrem Leitmedium erklärt hat - sowohl als Untersuchungsgegenstand als auch als Medium der Darstellung ihrer eigenen wissenschaftlichen Ergebnisse“.80

So hat sich die Trias aus 'Autor', 'Leser' und 'Text' als ein in vielerlei Hinsicht konstitutives Leitkonzept für literaturwissenschaftliche Fragestellungen erwiesen und spielt auch beim Umgang mit den neuen Medien eine entscheidende Rolle:

Literaturtheorien haben sich von Anfang an mit diesen drei Faktoren beschäftigen müssen: Mit dem Autor, weil er als Schöpfer des Werks "verstanden" werden muss, mit dem Leser, weil er aufgrund der fehlenden direkten Rückkopplungsmöglichkeiten vor dem Problem steht zu verstehen und mit dem (gedruckten) Text, weil dieser Träger der "Botschaft" ist. Diese Trias ist der Struktur des Buches als massenmedialem Kommunikations-medium geschuldet, wie sie sich nach der Erfindung des Buchdrucks nach und nach herausbildete.81

Dass sich Erschütterungen etablierter Autorkonzepte nicht erst mit der Digitalisierung ergeben haben, wurde am Beispiel der sich ausdifferenzierenden Medienlandschaft um 1900 bereits angesprochen. Mit der zunehmenden Verbreitung und Nutzung digitaler Netzmedien erhält die Frage nach veränderten Konzeptionen von Autorschaft allerdings neue Brisanz und wird kontrovers diskutiert. Die Positionen bewegen sich dabei zwischen Prognosen eines gänzlichen Verschwindens des Autors im Netz einerseits, sowie erhöhter Skepsis gegenüber medienbedingten Auflösungserscheinungen traditioneller Konzepte andererseits.

Eine Beschäftigung mit dem veränderten Status des Autors im Kontext der neuen Medien lässt sich kaum ohne eine Berücksichtung der beiden anderen Komponenten der traditionellen Trias durchführen: Zum einen ist dies die Frage nach der Stellung des Lesers, inwieweit dieser im Rahmen der Netzkommunikation aus seiner – dem interaktionsarmen Druckmedium Buch geschuldeten – Passivität heraustreten und 'interaktiv' oder gar 'interkreativ' partizipieren kann. Zum andern sind dies neue Textformen, die diesen erhöhten Grad an Interaktivität ermöglichen und maßgeblich zu einer Entdifferenzierung der medial bedingten Trennung zwischen Produktion und Rezeption beitragen könnten.

Fußnoten:

78 Giesecke 2002, S.45.

79 Vgl. Giesecke 2002, S.245f.