2.5 Zum Interaktivitätsbegriff

Prognosen darüber, wie sich die zunehmende Nutzung neuer Medien auf die Kulturtechnik des Lesens auswirken wird, bewegen sich in den letzten Jahrzehnten zwischen Fortschrittsoptimismus und Kulturpessimismus, wobei beide Positionen leicht in den Verdacht einer einseitigen Betrachtungsweise geraten können: Kulturkritische Bedenken gegenüber den neuen Medien blenden oftmals aus, „daß Lesen als mediales Nutzungsverhalten mehr und anderes umfaßt als literarische Lektüren“.82 Auf der anderen Seite erscheint es aber auch fragwürdig, „ob neue Medien zwangsläufig und unausweichlich in eine Verdrängungskonkurrenz zu traditionellen Printmedien geraten müssen.“83

Wie weit eine Auflösung der Differenz zwischen Autor und Leser im Kontext der neuen Medien tatsächlich geht, lässt sich nur beantworten, indem die jeweils existierenden technologischen Möglichkeiten und die Art und Weise ihrer tatsächlichen Nutzung in den Blick genommen werden. Der aktiven Partizipation des Rezipienten am Produktionsprozess wurden im Bereich der literarischen Kommunikation durch die medialen Bedingungen des Buchdrucks enge Grenzen gesetzt. Die drucktechnische Informationsverarbeitung setzte die Rahmenbedingungen für die moderne Massenkommunikation, bei der die Botschaft eines individuellen Senders mittels identischer (Druck-)Exemplare an viele unterschiedliche Empfänger verteilt wird (Vgl. Kap.2.2.2.1). Die Distributionsverhältnisse in dezentralen Datennetzen lösen die Starrheit dieses Schemas auf und sind damit eng an den Begriff der Interaktivität gekoppelt.84

Konzepte der Interaktivität sind auch für die Frage nach neuen Möglichkeiten kollaborativer Autorschaft in digitalen Netzmedien von zentraler Bedeutung, weshalb eine nähere Betrachtung des Begriffs der Interakivität sinnvoll erscheint. Im künstlerisch-ästhetischen Kontext reicht die Spannweite des Intertextualitätsbegriffs von der rein kognitiven Beteiligung des Rezipienten bis hin „zum Konzept des Publikums als integrativen Bestandteils des Kunstwerks“:85

Der Begriff ist jedoch von den partizipativen Happening- und Fluxus-Aktionen der 1950er und frühen 1960er Jahre bis hin zur interaktiven Medienkunst der 1980er und 1990er Jahre einem kontinuierlichen Bedeutungswandel unterworfen. Dies liegt einerseits an seinem breiten Bedeutungsspektrum: 'Interaktion' ist zum einen die Theorie des aufeinander bezogenen sozialen Handelns von Personen, zum anderen die vor allem technologisch verstandene Kategorie der Mensch-Maschine-Kommunikation, welche meist als 'Interaktvität' bezeichnet wird. Von den 1960er zu den 1990er Jahren vollzieht sich ein Paradigmenwechsel von einer sozialen Auffassung von Interaktion hin zu einer eher technologisch und medial definierten Interaktivität (Mensch-Maschine-Interaktion).86

Ein zentraler Aspekt der Debatte über das interaktive Potenzial nicht-linear strukturierter Hypertext-Formen ist die Frage, in welchem Ausmaß sich der Computernutzer vom passiven Leser zum kreativen Co-Autor bzw. zum Produzenten und Rezipienten in Personalunion, dem so genannten 'Wreader', entwickeln kann. Dabei wird oftmals kritisiert, dass das bloße Auswählen vorgegebener Hyperlinks keine tatsächliche Aktivierung des Lesers in dem Sinne bedeutet, dass die schreibende und lesende Instanz in irgend einer Weise zusammenfallen würden. Stattdessen würden derart 'statische' Hypertexte vielmehr zu einer Stärkung der Autorität des Autors führen.87

Dies macht deutlich, dass auch bei Hypertexten verschiedene Interaktionsgrade zu unterscheiden sind. Solange der Rezipient eines Hypertexts nur einen Lesepfad innerhalb vorgegebener Möglichkeiten realisiert, mag er zwar als 'aktiv', aber wohl kaum als 'kreativ' gelten.88 Für den weiteren Verlauf der Untersuchung stellt sich die Frage, inwieweit innovative Kommunikationsformen das interaktive Potenzial von Hypertext-Systemen soweit erhöhen können, dass sich Modelle kollektiven Schreibens herausbilden, die tatsächlich zu einer Auflösung des traditionellen Verhältnisses von Autor und Leser führen könnten. Nach einer allgemeinen Einführung in den Problembereich kollektiver Autorschaft soll diese Frage am Beispiel des Wiki-Prinzips näher beleuchtet werden.

Fußnoten:

82 Plumpe, Gerhard / Stöckmann, Ingo: „Autor und Publikum – Zum Verhältnis von Autoren und Lesern in medienspezifischer Perspektive“. In: Franzmann, Bodo u.a. (Hg.): Handbuch Lesen. München: Saur, 1999. S.298.

83 Plumpe/Stöckmann 1999, S.299.

84 'Interaktivität' hat sich bezüglich der Frage nach den Konsequenzen des aktuellen Medienwandels zu einem Schlüsselbegriff entwickelt. Vgl. Bieber, Christoph / Leggewie, Claus (Hg.): Interaktivität. Ein transdisziplinärer Schlüsselbegriff. Frankfurt: Campus 2004.

85 Heibach, Christiane: Literatur im elektronischen Raum. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2003. S.68.

86 Arns, Inke: „Interaktion, Partizipation, Vernetzung. Kunst und Telekommunikation“. In: Medienkunst im Überblick. URL: http://www.medienkunstnetz.de/themen/medienkunst_im_ueberblick/kommunikation/scroll/ (14.02.2005).

87 Vgl. Rau 2000, S.247ff.

88 Auch für das Problem eines urheberrechtlichen Werkschutzes in digitalen Medien spielen die verschiedenen Interaktionsgrade eine Rolle. In diesem Zusammenhang unterscheidet der Jurist Gerhard Schricker zwei Formen interaktiven Einwirkens auf multimediale Werkformen: Zum einen eine „Interaktivität als Wahl zwischen vorgegebenen Alternativen“, zum andernen eine „'Freie' Interaktivität“. Während bei ersterer keine Umgestaltung des Werks vorgesehen ist, wird dem Rezipienten bei der „freien“ Interaktivität ein schöpferischer Spielraum eingeräumt. Für beide Interaktionsgrade sieht Schricker 1997 noch keinen juristischen Regelungsbedarf: „Insgesamt lässt sich feststellen, daß sich die Problematik der Interaktivität multimedialer Werke jedenfalls auf der Ebene des Werkbegriffs und der Schutzvoraussetzungen mit den im geltenden Recht gegebenen Vorschriften lösen lässt“. Vgl. Schricker Gerhard (Hg.): Urheberrecht auf dem Weg in die Informationsgesellschaft. Baden Baden: Nomos, 1997. S.46ff.