2.6 Konzepte kollektiver Autorschaft

Was genau gemeint ist, wenn von kollektiver oder kollaborativer Autorschaft die Rede ist, hängt stark von der jeweiligen Perspektive und Interessenlage ab. So könnte im Sinne einer universalen Intertextualitätstheorie, wie sie im Rahmen postmoderner Denkweisen entwickelt wurde, im Grunde genommen jeder Text als eine Art Koproduktion verstanden werden. Dieser sehr weite Begriff kollektiver Autorschaft erweist sich allerdings als kaum geeignet für eine Eingrenzung des Gegenstands. Insofern erscheint es für die weitere Argumentation dieser Arbeit notwendig, verschiedene Konzepte kollektiver Autorschaft zu differenzieren. Dabei soll insbesondere zwischen der Idee kollektiver Autorschaft (an die nicht selten gesellschaftliche Utopien gekoppelt sind), sowie den empirischen Formen einer nachweisbar kollaborativen Textproduktion mehrerer Verfasser unterschieden werden.

Die tatsächliche Umsetzung von Kollektivprojekten ist im Schatten von Genialität und individuellem Schöpfertum für lange Zeit ein marginales Phänomen im Bereich der literarischen Kommunikation geblieben. Es scheint, als könne kein literarisches Werk ohne die Zurechnung zu einem individuellen Absender rezipiert werden, multiple Verfasserschaft bleibt ein selten praktiziertes Experiment.89

Hingegen haben ideelle Vorstellungen eines „literarisch integrierten Publikums“90 Konjunktur, seit sich dieses unter den Bedingungen der Verschriftlichung zunehmend ausdifferenzierte:

Schriftmedien entbehren der Vorteile des 'authentischen' Bezugs unter Anwesenden, erweitern dafür aber qua Abstraktion die Reichweite von Kommunikation in räumlicher und zeitlicher Hinsicht ungemein. Dieser Sachverhalt hat in Verbindung mit der wachsenden Binnendifferenzierung des Lesepublikums zu einer Anonymisierung literarischer Kommunikation geführt, die den Kontakt zwischen Autoren und Rezipienten weithin auf die ökonomischen Mechanismen des literarischen Marktes [...] beschränkt. Vor diesem Hintergrund ist es um so bezeichnender gewesen, daß das moderne Literatursystem um 1800 ein Publikumsprojekt entwickelte, das auf eine ästhetisch integrierte Gesellschaft abzielte.91

Über das rückkopplungsarme Buch lassen sich derartige Publikumsprojekte jedoch kaum realisieren. Interaktion als Basis kollektiver Kreativität scheitert in der literarischen Kommunikation an der Begrenztheit des Mediums:

Der Ausbruch aus den printliterarischen Kategorien gelang niemals endgültig, auch wenn zahlreiche Bestrebungen zumindest die gedankliche Überwindung der Grenzen des Buches und der durch das Literatursystem etablierten Kategorien von „Autor“, „Werk“ und „Leser“ vornahmen.92

Das Infragestellen traditioneller Konzepte mündete in den Experimenten der ästhetischen Avantgarden vom Dadaismus bis zu William Burroughs' Cut-up-Technik.93 Die räumliche und zeitliche Trennung, wie sie für die moderne literarische Kommunikation konstitutiv ist, steht der Möglichkeit direkter Interaktion jedoch im Wege:

Literatur als direktes Interaktionsphänomen kann bis zur Etablierung der Computernetze Ende des 20. Jahrhunderts nur unter zwei medialen Bedingungen existieren: Im Gespräch von Angesicht zu Angesicht, wie es im geselligen Beisammensein der Salons als Konversationskunst kultiviert wurde, und im Brief.94

Erst im Rahmen der bidirektional ausgerichteten Kommunikationsverhältnisse in elektronischen Datennetzen scheinen Visionen der direkten Partizipation des Publikums am Produktionsprozess95 ihrer Verwirklichung näher gebracht zu sein. So entwickelt sich das Internet möglicherweise in eine Richtung, wie sie sich Bertolt Brecht in seinen Schriften zum Rundfunk vorgestellt hat:

Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln. Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, d.h., er würde es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen. Der Rundfunk müßte demnach aus dem Lieferantentum herausgehen und den Hörer als Lieferanten organisieren.96

Die Emphase kollaborativer und partizipativer Autorschaft tritt also nicht erst seit den digitalen Netzmedien in Erscheinung, doch erhält sie durch die erweiterten Rückkopplungsmöglichkeiten elektronisch vernetzter Kommunikation erheblichen Auftrieb. In diesem Zusammenhang wird der Begriff des individuellen, eigenschöpferischen Autors häufig als ein überkommenes und mystifiziertes Konstrukt der neuzeitlichen literarischen Kommunikation behandelt, der „darüber hinaus zeitgenössische Schreibpraktiken nur unzureichend reflektiert.“97 Die Kommunikationsbedingungen des Netzes scheinen sich mit den Funktionen individueller Autorschaft kaum mehr verwalten zu lassen:

Die neuen elektronischen Vernetzungs- und Speichermedien, allen voran das Internet, brauchen andere Klassifikationsprinzipien für die Information. Mit dem Autorkonzept wird sich hier auf Dauer nicht arbeiten lassen. Der Versuch personaler Zurechnung von Daten schränkt die Möglichkeiten vernetzten Arbeitens ganz unnötig ein. Neben die personale Zurechnung wird die Zurechnung zu sozialen und kollektiven Systemen treten.98

Welche Folgeerscheinungen sich in diesem Sinne aus den neuen Möglichkeiten vernetzter Kollaboration in sozialen und kollektiven Systemen ergeben, soll im nun folgenden Teil dieser Arbeit am konkreten Beispiel des Wiki-Prinzips und dessen bislang größter Umsetzung, der Online-Enzyklopädie Wikipedia, eingehend untersucht werden.

Fußnoten:

89 Zu den bekannteren Beispielen explizit kollaborativ verfasster literarischer Werke zählen die Kollektivromane der Romantiker, beispielsweise „Die Versuche und Hindernisse Karls“ von Friedrich de la Motte Fouqué, Karl August Varnhagen, Wilhelm Neumann und August Ferdinand Bernhardi. Ein Kollektivroman, der es zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einiger Bekanntheit brachte, ist der von Hermann Bahr, Gustav Meyrink und zehn weiteren Autoren verfasste „Roman der 12“.

90 Plumpe 2004, S.388.

91 Plumpe 2004, S.388.

92 Heibach 2003, S.82.

93 Vgl. Heibach 2003, S.82ff.

94 Heibach 2003, S.86.

95 Einen Überblick verschiedener Formen der Partizipation in der Netzkommunikation gibt Christiane Heibach, vgl. Heibach, Christiane: Literatur im Internet. Theorie und Praxis einer kooperativen Ästhetik. Berlin: dissertation.de, 2000. S.319ff.

96 Brecht, Bertolt: „Der Rundfunk als Kommunikationsapparat“. In: Gesammelte Werke, Bd.18, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1967. S.129. Brechts Ansätze wurden von Hans Magnus Enzensberger in den 1970er Jahren wieder aufgegriffen, vgl. Enzensberger, Hans M.: „Baukasten zu einer Theorie der Medien“. In: Glotz, Peter (Hg.): Baukasten zu einer Theorie der Medien. Kritische Diskurse zur Pressefreiheit. München: Verlag Reinhard Fischer, 1997. S.97-132.

97 Woodmansee, Martha: "Der Autor-Effekt. Zur Wiederherstellung von Kollektivität". In: Jannidis, Fotis u.a. (Hg.): Texte zur Theorie der Autorschaft. Stuttgart: Reclam, 2000. S.298.

98 Giesecke 2002, S.246f.